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Interview
Lieferketten und LGBTI – wie hängt das denn bitte zusammen?
Am 24. November veranstaltet die German LGBTIQ+ Business Chamber (GGLBC) ein Symposium rund ums Thema "Diverse Lieferketten". Was sich dahinter verbirgt, verrät GGLBC-Mitgründerin Fabienne Stordiau im Interview.

Fabienne Stordiau ist Mitgründerin der German LGBTIQ+ Business Chamber (Bild: GGLBC)
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19. November 2023, 14:23h 5 Min.
Lieferketten und LGBTI haben für viele auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders viel gemeinsam – außer denselben Anfangsbuchstaben. Doch tatsächlich sind diverse Lieferketten ein weitreichendes Thema, über das es zu reden gilt. Genau dies tun am Freitag, den 24.11. zahlreiche bekannte und renommierte Vertreter*innen aus der LGBTI-Community, darunter der Kölner trans Aktivist Max Appenroth oder Silvio Bernadowitz vom "Kölner Stadt-Anzeiger".
Anlass ist ein von der German LGBTIQ+ Business Chamber veranstaltetes Symposium, das in den Räumen des TÜV Rheinland stattfindet – und auch digital via Zoom besuchbar ist. Dieses trägt den Titel "Kettenreaktion – Auf dem Weg zur diversen Lieferkette" und soll Unternehmen, Politik und den öffentlichen Sektor miteinander ins Gespräch bringen und Prozesse anstoßen, die LGBTI-geführte Unternehmen zum selbstverständlichen Teil der ökonomischen Wertschöpfungskette werden lassen. Weitere Infos sowie die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.
queer.de sprach mit der GGLBC-Mitgründerin Fabienne Stordiau, die auf die Zusammenhänge zwischen dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und der LGBTI-Community sowie die Hintergründe der queeren Wirtschaftskammer eingeht.
2019 wurde nach US-amerikanischem Vorbild die German LGBTIQ+ Business Chamber (GGLBC) gegründet. Welche Aufgaben und Ziele habt ihr euch damals selbst auferlegt?
Die GGLBC ist die Interessensvertretung für LGBTIQ+-geführte Unternehmen in Deutschland. Mit unserer europäischen Schwesterorganisation EGLCC fördern wir Auftragsvergaben zwischen multinationalen Konzernen und LGBTIQ+-geführten Unternehmen. Unsere Vision ist die wirtschaftliche und soziale Akzeptanz von LGBTIQ+-Personen als gleichberechtigte Partner in der europäischen Geschäftswelt.
Inzwischen sind rund drei Jahre vergangen. Was konntet ihr seitdem alles konkret umsetzen?
In den letzten drei Jahren haben wir zahlreiche Networking-Veranstaltungen, Schulungen in Unternehmen und Coachings für LGBTIQ+-geführte Betriebe und Selbständige durchgeführt. Wir haben das Konzept der diversen Lieferkette in Deutschland und Europa bekannt gemacht. Dadurch konnten wir zahlreiche Mitglieder gewinnen und aus unserer Datenbank von registrierten LGBTIQ+-Unternehmenden bereits viele Kooperationen und konkrete Aufträge in die LGBTIQ+-Community vermitteln.
Warum benötigt die LGBTI-Community überhaupt eine eigene Wirtschaftskammer?
Die Gründung der GGLBC war eine Reaktion auf die spezifischen Herausforderungen, denen LGBTIQ+-Personen in der Geschäftswelt gegenüberstehen. Eine eigene Wirtschaftskammer bietet einen sicheren Raum für den Austausch von Erfahrungen, fördert das wirtschaftliche Empowerment der LGBTIQ+-Community und setzt sich aktiv für Gleichberechtigung und Inklusion in der Arbeitswelt ein.

Mitglieder der GGLBC (Bild: GGLBC)
Ihr arbeitet mit Unternehmen wie Unilever zusammen, die regelmäßig in der Kritik stehen. Benötigt es hier nicht einen viel weitreichenderen Blick als nur auf queere Themen?
Unsere Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Unilever ermöglicht es uns, auf breiterer Ebene positive Veränderungen anzustoßen. Wir sehen die Partnerschaft als große Chance, Management und Mitarbeitende für LGBTIQ+ und andere Diversitäts- und Nachhaltigkeitsthemen zu sensibilisieren.
Wie stark achtet ihr bei eurer Arbeit allgemein auf das Thema Intersektionalität? Habt ihr auch die anderen Diversitätsdimensionen wie das Geschlecht oder die ethnische Herkunft auf dem Radar?
Ich bin Tochter einer äthiopisch-armenischen Mutter und eines belgisch-österreichischen Vaters, wurde in Addis Abeba geboren und wuchs sechssprachig auf. Diese multikulturellen Werte prägten nicht nur meine Kindheit, sondern auch meine berufliche Laufbahn. Intersektionalität ist nicht nur selbstverständlicher Teil meiner Arbeit als Geschäftsführerin der Allround Team GmbH, sondern auch als Mitgründerin der GGLBC. Als inklusive Plattform bilden wir Vielfalt innerhalb und außerhalb der LGBTIQ+-Gemeinschaft ab.
Am 24. November veranstaltet ihr ein Symposium zum Thema "Diverse Lieferketten". Was kann man sich hierunter genau vorstellen?
Unser Symposium widmet sich der Förderung von Vielfalt und Inklusion in der gesamten Lieferkette von Unternehmen. Hier diskutieren wir bewährte Praktiken, Strategien und Herausforderungen, um sicherzustellen, dass Lieferketten inklusiv und verantwortungsbewusst sind. Dabei geht es auch um Themen wie Fairness, Gleichstellung und den Umgang mit unterschiedlichen Identitäten und Hintergründen.
Ohne zu viel von der Veranstaltung vorwegzunehmen: Welchen Einfluss hat das im Januar 2023 in Kraft getretene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz auf die queere Community?
Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz schafft die rechtliche Grundlage, um sicherzustellen, dass Unternehmen auch in ihren Lieferketten die Menschenrechte und Diversität respektieren. Es ist ein wichtiger Schritt, um Diskriminierung und Ausbeutung entgegenzuwirken und gleichzeitig die Rechte der LGBTIQ+-Gemeinschaft zu schützen. Mit den Teilnehmenden werden wir darüber diskutieren, wo das Gesetz schon jetzt Früchte trägt und wo weiterhin Verbesserungsbedarf besteht.
Warum denkt ihr, dass diverse Lieferantenketten einen unverzichtbaren Wachstumsmotor für Unternehmen darstellen?
Diverse Lieferketten sind nicht nur ethisch verantwortlich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Gleichzeitig zeigen Unternehmen, die mit Produzent*innen und Dienstleister*innen aus dem LGBTIQ+-Umfeld zusammenarbeiten, dass Vielfalt und Inklusion zur DNA ihrer Unternehmenskultur gehören und stärken so ihre Marke bei Mitarbeitenden, Konsument*innen und Investor*innen.
Für uns als GGLBC ist das der Hebel unsere LGBTIQ+-geführten Unternehmen nach vorne zu bringen und als Lieferant*innen bei den Konzernen zu positionieren.
Das Symposium findet in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen statt. Wie erlebt ihr die Kooperation?
Wir freuen uns, dass die Politik die Wichtigkeit unserer Themen erkannt hat und das Symposium unterstützt. Die Zusammenarbeit ist sehr motivierend und ermöglicht uns, auch auf politischer Ebene für eine inklusive und vielfältige Wirtschaft einzutreten.
An wen richtet sich das Symposium alles, wer ist hier besonders willkommen?
Alle LGBTIQ+-geführten Unternehmen, KMU und Selbständige sowie Start-ups aber auch Konzerne, die Ihre Lieferkette divers gestalten wollen. Außerdem Vertreter*innen aus Politik, Netzwerken, Berufsverbänden und alle, die interessiert sind.
Links zum Thema:
» Homepage der German LGBTIQ+ Business Chamber













