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"Die Zeit der Verluste"
Das bislang intimste Werk von Daniel Schreiber
In seinem neuen Essay "Die Zeit der Verluste" setzt sich Daniel Schreiber mit Verlusten auseinander: Der schwule Autor trauert um alte Gewissheiten, die Zuversicht und seinen Vater. Mit vielen klugen Gedanken ein Buch zur richtigen Zeit!

Daniel Schreiber, geboren 1977, veröffentlichte mit "Nüchtern" (2014), "Zuhause" (2017) und "Allein" (2021) drei Bestseller (Bild: IMAGO / Funke Foto Services)
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20. November 2023, 04:54h 4 Min.
Venedig: Welche Stadt wäre besser geeignet als Schauplatz, um über Verluste, über Vergänglichkeit und über Trauer nachzudenken? Die Stadt in der Lagune, von Naturgewalten bedroht, dem Untergang geweiht und dabei viel zu majestätisch, um begreifbar zu sein. Die Stadt, die ums Überleben kämpft und diesen Kampf stets nur auf Zeit gewinnt. Die Stadt der endlos vielen Gassen, in deren Gewirr man verloren gehen muss – und es auch sollte.
In Venedig also beschäftigt sich der Schriftsteller Daniel Schreiber ausgehend vom Verlust seines Vaters mit den Verlusten, die unsere Zeit prägen. Und es ist viel, was zuletzt verloren zu gehen schien: Die naive Gewissheit etwa, dass Schlachten weit weg von unserem Kontinent stattfinden; die Sicherheit, vor Epidemien geschützt zu sein; die Überzeugung, in einer Gesellschaft zu leben, die Lehren aus dem Faschismus gezogen hat; der optimistische Blick in die Zukunft, der allein die Frage nach wie viel Wohlstand stellt – und nicht, ob überhaupt; schließlich das Gefühl, auf einer intakten Erde zu leben, die blüht und summt. Es bröckelt, und zwar von vielen Seiten.
Den letzten Besuch bei seinem Vater plante er nie

"Die Zeit der Verluste" ist am 20. November 2023 bei Hanser Berlin erschienen
Es sind Verluste, die uns alle treffen, und marginalisierte Gruppen in der Regel früher und heftiger. Wie lässt sich, fragt Daniel Schreiber also, "einer schwindenden Aussicht auf eine freundliche Zukunft" ins Auge blicken?
Der 46-jährige Autor verbindet diese kollektiven Verlusterfahrungen mit seiner ganz individuellen: Er schreibt vom Tod seines lungenkranken Vaters, von der Trauer, die ihn jeden Tag begleitet. In seinem Essay beschreibt er die Unmöglichkeit, überhaupt Worte zu finden, geschweige denn die richtigen, sowie das Gefühl, die eigene Trauer unterdrücken zu wollen. Und er berichtet davon, wie sehr es ihn quälte, den letzten Besuch bei seinem Vater nie geplant zu haben. "Die Zeit der Verluste" (Amazon-Affiliate-Link ) ist wahrscheinlich das intimste Buch von Daniel Schreiber.
Wie schon in seinen vergangenen und hochgelobten Essays übers Alleinsein, über Heimat und übers (Nicht-)Trinken lässt er seine Leser*innenschaft aktiv am Reflexionsprozess teilhaben. Er füttert seine Überlegungen mit kulturwissenschaftlichen, psychologischen und philosophischen Hintergründen, stützt sich auf Sigmund Freud, Judith Butler, Jaques Derrida oder Eva Horn. Er schreibt geschliffen, elegant und dennoch unprätentiös. Da ist kein Satz zu viel, so pointiert und präzise schafft es Daniel Schreiber, über die Verdrängung des Todes aus unserem Alltag, das Verlernen der Trauer oder die Sprachlosigkeit angesichts der omnipräsenten Krisen zu schreiben.
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Coming-out Mitte der 1990er Jahre
Der Autor versteht es, seinen Arbeitsaufenthalt in Venedig in einen Reisebericht zu gießen und seine Beobachtungen in der Stadt und durch Begegnungen als Prisma für seine Auseinandersetzung zu nutzen. Mehr noch als in seinen früheren Werken entsteht so ein sehr gelungener Reportage-Stil. Es ist meisterlich, wie Daniel Schreiber das Tiepolo-Gemälde "Kreuzauffindung der hl. Helena" oder seinen Besuch auf der Friedhofsinsel San Michele beschreibt.
Doch es sind nicht nur die intellektuellen Gedanken, die das Werk wertvoll machen. Daniel Schreiber erinnert sich an prägende Gespräche mit seinen Eltern, etwa an sein Coming-out Mitte der 1990er Jahre. In der Reaktion seines Vaters – er müsse tun, was ihn glücklich mache – habe er zum ersten Mal verstanden, dass sein Vater ein anständiger Mensch ist. Man muss Daniel Schreiber dankbar dafür sein, in dieser radikalen Ehrlichkeit von seinen Gefühlen und Erlebnissen zu schreiben. In diesem Buch steckt viel emotionale Arbeit, und das wird auf jeder Seite spürbar.
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Einer der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands
"Die Zeit der Verluste" ist kein trauriges Buch, allerhöchstens ein im positiven Sinne melancholisches. Daniel Schreiber findet keine einfachen und schon gar keine allgemeingültigen Antworten auf die vielen Fragen, die die titelgebende Zeit der Verluste in uns auslöst. Das will er auch gar nicht. Vielmehr nähert er sich Lösungsansätzen, erkundet Wege zurück zur Zuversicht, übt Dankbarkeit und versucht, mit seinen Gespenstern zu leben – und ist sich dabei seiner eigenen Unsicherheit bewusst.
Man möchte auch seinen neuesten Essay so schnell wie möglich lesen, weil so viel darin steckt. Und man möchte sich zugleich Zeit lassen, um länger etwas davon zu haben. Wie schon mit "Allein" vor zwei Jahren trifft Daniel Schreiber auch jetzt einen Nerv. Doch er bleibt sich treu, schreibt fernab von gefälliger Prosa, die auf eine Instagram-Kachel passt. Er bewahrt sich seine unaufgeregte Stimme, die ihn zu einem der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands macht.
Daniel Schreiber: Die Zeit der Verluste. Essay. 144 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-4462-7800-4). E-Book: 16,99 €
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