https://queer.de/?47679
Kommentar
Warum distanzieren sich queere Personen von der eigenen Community?
"Ich bin nicht queer, ich bin schwul", stellte jüngst der CDU-Politiker Jens Spahn klar. Simon Pycha über die Gründe des schwindenden Zusammengehörigkeitsgefühls und die Gefahren der zunehmenden Spaltung.

Der schwule CDU-Politiker Jens Spahn will nicht queer sein (Bild: IMAGO / Panama Pictures)
- Von
25. November 2023, 04:40h 4 Min.
"Ich bin nicht queer, ich bin schwul", lautete kürzlich die Aussage des ehemaligen Bundesgesundheitsministers und CDU-Politikers Jens Spahn (queer.de berichtete). "Ich bin nicht queer, sondern ich bin mit einer Frau verheiratet, die ich seit 20 Jahren kenne", äußerte sich nur wenige Wochen zuvor die lesbische AfD-Politikerin Alice Weidel (queer.de berichtete).
Die beiden Bekenntnisse, die sich im Grunde selbst widersprechen, sorgten zum einen für jede Menge Spott. Nicht wenige in der LGBTI-Community waren zum anderen erleichtert, weil sie mit Spahn und erst recht mit Weidel aus guten Gründen nichts zu tun haben wollen. Doch in sozialen Medien gab es auch viel Zustimmung für den CDU-Politiker und seine extrem rechte Kollegin. Ein schwindendes Zusammengehörigkeitsgefühl ist deutlich spürbar.
Eine kurze Geschichte der Queerness
Historisch betrachtet ist Queersein erst seit der Jahrtausendwende salonfähig. Zuvor handelte es sich um einen negativen Sammelbegriff zur Abwertung von Personen, die nicht der heterosexuellen und cisgeschlechtlichen Norm entsprechen. "Wo früher das moralische Urteil am Anfang stand, ist jetzt Interesse gewachsen", beschreibt der "Spiegel" den Wandel. Denn erst mit dem Übergang in die Mitte der Gesellschaft hat sich die Community den Begriff zurückerobert und als neutrale bis positive Selbstbezeichnung etabliert.
Die heutige Wahrnehmung der queeren Community ist das Ergebnis aus vielen Impulsen, die sich im Laufe der Zeit zu einem bunten Gemeinschaftsgefühl weiterentwickelt haben. Entsprechend sind Berührungspunkte mit queerer Realität für Einzelpersonen immer individuell. Das führt zu verschiedenen Auffassungen im Verständnis von Queerness: Während der Begriff historisch gesehen den Unterschied zwischen Cis- und Transgeschlechtlichkeit betont, steht er aktuell vor allem im politischen Diskurs als Zeichen der Solidarisierung.
Dimensionen der queeren Repräsentation
Alice Weidel und Jens Spahn sprechen sich als nicht-heterosexuelle Personen des öffentlichen Lebens mit der Ablehnung des Queerbegriffs von der Repräsentanz dieser Bewegung frei. Und das mit Recht – schließlich sei es beiden freigestellt, wie sie ihre eigene Identität definieren. Gleichzeitig impliziert ihre Exklusivität jedoch die Existenz einer einheitlichen organisierten Bewegung, die von der Allgemeinheit als handelnde Institution wahrgenommen wird.
Blickt man hinter die Kulissen des Communitybegriffs wird schnell klar: Eine einzige Bewegung gibt es in dieser Form gar nicht. Was vereinfacht und umgangssprachlich als Gemeinschaft bezeichnet wird, ist eigentlich ein Mix aus der Wahrnehmung des eigenen Umfelds, aktivistischer Stimmen und politischen Vertretungen, oftmals angefacht durch mediale Inszenierung und wutentbrannte Empörung. Queere Impulse werden entgegen der allgemeinen Auffassung nicht zentral gesteuert, sondern tun sich vordergründig durch Eigeninitiative aus verschiedenen Perspektiven hervor.
Ist es denn nicht irgendwann genug?
"Denn so wie es ist, ist es doch erstmal gut", kritisierte Spahn die Pläne für ein Selbstbestimmungsgesetz. Leicht gesagt, denn er selbst gehört nicht zur Gruppe der Betroffenen. Aktivist Max Rogall benennt diese Form der Aggression als "Queer Gatekeeping". Dabei ruhen sich konservative Stimmen auf den von queeren Menschen erkämpften Rechten aus, machen jedoch gleichzeitig Stimmung gegen aktuelle progressive Bewegungen.
Der Ursprung des Gegenwinds lässt sich hier vordergründig mit fehlendem Verständnis füreinander begründen. Denn wenn der Wandel innerhalb der Community einseitig für nichtig erklärt wird, bietet das den Nährboden für internalisierte Queerfeindlichkeit. Die daraus resultierende Missgunst in den eigenen Reihen äußert sich auf unterschiedliche Weise: Der Vorwurf der Ideologisierung (bis hin zur Pathologisierung) ist ein beliebtes Stilmittel der Diskreditierung. Spitzen sich die Positionen weiterhin zu, gipfelt der Diskurs in der völligen Entsolidarisierung.
In diesem Spannungsgefüge kristallisieren sich folglich zwei Gegensätze heraus: Anfeindungen aus privilegierteren Positionen gegenüber Gruppierungen, die sich auf dem Weg in die gesellschaftliche Mitte befinden. Dass ebenjene Personen Jahrzehnte zuvor den gleichen Kampf führen mussten, wird oftmals übergangen. Ein einfacher Blick über die Ländergrenzen zeigt jedoch, wie schnell erkämpfter Fortschritt – auch für etablierte Gruppen zu denen Spahn und Weidel zählen – zunichte gemacht werden kann: So wird nach dem rechten Regierungswechsel in Italien aktuell nur noch ein gleichgeschlechtlicher Elternteil staatlich anerkannt (queer.de berichtete).
Die Zukunft der queeren Community
Kommt es zu einer Spaltung? Aufgrund der prekären Lage wird die Forderung nach einer Trennung des Communitybegriffs lauter. Dabei soll der Argumentation zufolge ein Bruch zwischen sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität erfolgen, zu groß seien die Unterschiede und Bedürfnisse der einzelnen Gruppen. Kampagnen wie sie im Internet unter #LGBwithouttheT zu finden sind, fungieren als Sammelbecken an Paradebeispielen der Intoleranz in den eigenen Reihen.
Dieser Umbruch hätte zur Folge, dass soziale Veränderung in Zukunft nicht mehr in gemeinsamer Zusammenarbeit erwirkt wird, sondern Herausforderungen ausschließlich zugehörigkeitsbasiert gemeistert werden müssen. Es verbleibt ein ernüchternder Blick nach vorn, bedenkt man alle historischen Errungenschaften, die vor allem durch das Mitwirken von Minderheitengruppen innerhalb der Community umgesetzt werden konnten. Denn auch als nicht-organisierte Bewegung gilt: Der Hoffnungsschimmer für den Erhalt erkämpfter Rechte und Aufbau von gerechten Strukturen für alle Teile der queeren Gemeinschaft bleibt die Solidarität untereinander.














