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Ab Donnerstag im Kino

Mit Pornos gegen das Patriarchat

Der großartige Dokumentarfilm "Fierce: A Porn Revolution" über das queer-feministische Schweizer Pornokollektiv "Oil Productions" ermöglicht nicht nur eine neue Perspektive auf Pornografie, sondern auf die Welt.


Oil Productions bei Dreharbeiten in freier Natur (Bild: W-Film)
  • Von Corinna Saal
    29. November 2023, 03:07h 5 Min.

Dieser Film wird viele Menschen nicht abholen. Doch das ist gut so. So provokativ und für viele anlockend der Titel "Fierce: A Porn Revolution" auch sein mag, die Doku des Schweizer Regisseurs Patrick Muroni ist kein Mainstreamfilm. Genauso wenig wie der Porno, um den es hier geht, ein Porno des Mainstreams ist.

Der Film und sein pornöser Inhalt sind nämlich für FLINTA* und queere Personen gemacht. Sprich: (Alte) weiße hetero Männer werden es schwer haben, sich in diesem Film auszukennen. Aber das ist okay, schließlich müssen wir auch seit Jahrtausenden in ihrer patriarchalen Welt leben, die nicht für uns gemacht ist. Da kann frau* ihnen schon mal einen anderthalbstündigen Dokumentarfilm zutrauen.

Worum geht es in "Fierce: A Porn Revolution"?


Poster zum Film: "Fierce: A Porn Revolution" startet am 30. November 2023 im Kino

Die Kameras der Filmcrew folgen einer Gruppe von Frauen* und weiblich gelesener Personen, die in einer männlich dominierten Sphäre – dem Porno – eine Welt für Frauen* kreieren. Dabei fangen die Objektive vielfältige, aber gerade zu Beginn noch etwas ziellos wirkende Bilder ein. Die Pornomacher*­innen werden in den verschiedensten Momenten in ihrem Leben gezeigt. Kein Wunder, dass es eine Weile dauert, bis Zuschauer*­innen sich orientiert haben.

"Oil Productions", das queer-feministische Pornokollektiv, um das es in dem Dokumentarfilm geht, besteht aus Mélanie Boss, Nora Smith, Mahalia Taje Giotto, Olivia Schenker und Julie Folly. Dementsprechend viele Protagonist*­innen muss die Kamera einfangen. Noch dazu in Szenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

So beginnt der Dokumentarfilm mit ruhigen Aufnahmen einer scheinbar menschenleeren Stadt (Genf). Nur um auf einmal mitten in einem vollgestopften Club zu landen, in dem sich die Menschen zur Technomusik die Seele aus dem Leib tanzen. Auf Bilder aus der S&M-Szene und von in der Straße Alkohol trinkender Frauen* folgen Aufnahmen einer einsamen Person in einer Käserei. Während sie ihren Zweitjob vollführt, spricht Mélanie Boss zum einen davon, wie erotisch Käse sein kann. Zum anderen, wie es ist, als Pornodarstellerin zu arbeiten. Diese Frage taucht im Laufe der Dokumentation noch häufiger auf. Genauso wie Bilder von Pornodrehs oder gar einer Live-Performance.

Eine Doku über Pornos, in der nicht der Porno im Mittelpunkt steht

Doch der Porno an sich steht hier nicht im Vordergrund, sondern seine Macher*­innen, die bei den Dreharbeiten, in ihrer Freizeit und bei Interviews gezeigt werden. Letzteres ermöglicht es der Doku, die Botschaft der Pornomacher*­innen geschickt zu vermitteln: "Oil Production" wollen ethischen und dissidenten Porno produzieren, der den Körper von Frauen* befreien soll. Dissident heißt dabei, dass die Pornos von "Oil" eben kein Mainstream sind und damit patriarchale Strukturen fördern. Stattdessen hinterfragen ihre Pornos die bestehenden Strukturen und suchen nach Alternativen. Ethisch meint, dass die Arbeitsbedingungen für alle gut sind und sich beim Dreh ein Safe Space kreiert.

Zwei Schlüsselmomente haben den Film zu einem, wenn auch etwas wirren, dennoch großartigen Werk werden lassen: Zum einem folgen die Kameras der Doku den Pornomacher*­innen auf einen Protestmarsch, der wohl am Welttag der Frauen am 8. März stattfand.

Während Pro-Choice-Plakate in die Luft gehalten werden, schreiende Stimmen das Patriarchat vertreiben wollen und nackte Brüste sich die Straße zurückerobern, ist der lautstarke Protest mit einer Art Marschmusik unterliegt. Durch die Musik steigen Bilder einer heroischen Schlacht vor das innere Auge.

Ein Film über das Kreieren von Safe Spaces

Das macht deutlich, was der Dokumentarfilm wirklich zeigt: Frauen*, die mit ihren dissidenten Pornos gegen das Patriarchat kämpfen. Und dabei Safe Spaces kreieren. Womit wir beim zweiten Punkt wären.

Während einer Autofahrt spricht Mélanie Boss über Safe Spaces. Ein Experte habe im Radio davon gesprochen, wie wahre Lust nur in Safe Spaces entstehen könne. Dies sei an Drehorten für Pornos selten bis nie der Fall ist, weswegen man im Mainstream-Porno keine wahre Lust sähe.

Genau dem wirkt das "Oil"-Kollektiv entgegen, indem es immer wieder Safe Spaces herstellt. Das spürt man bei sämtlichen Aufnahmen, in denen Pornos gedreht werden. Und auch, wenn die Frauen* über ein gescheitertes Projekt sprechen und überlegen, was daraus gelernt werden kann. Doch an keiner Stelle spürt frau es so deutlich wie zum Abschluss des Films, wo die Frauen* nach einem gemeinsamen Dreh- und schließlich Badetag auf ihrem VW-Bus durch die Gegend fahren und miteinander lachen und feiern und immer wieder Küsse austauschen.

Auch hier setzt der Film erneut genial Musik ein. Dieses Mal einen Technobeat, der die Szene passend mit Partybeats unterlegt. Wodurch das friedliche Beisammensein der feiernden Frauen* geradezu zelebriert wird. Und das zurecht. Denn so kann der Protest gegen das Patriarchat nämlich auch aussehen: Durch das Kreieren von Safe Spaces zwischen Frauen*, Queers und weiblich gelesenen Personen.

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Fazit

Unbedingt anschauen! Ob FLINTA*, queere oder heteronormative Person, ob Porno-Spezialist*in oder nicht: "Fierce: A Porn Revolution" ermöglicht nicht nur eine neue Perspektive auf Pornos, sondern auf die Welt. Wie schön wäre es, wenn sie einfach irgendwann komplett zum Safe Space würde? Und darauf macht dieser Film Hoffnung. Während die Bilder vom Protest vor Auge geführt haben, wie weit wir noch vom Ende des Patriarchats entfernt sind, machen die Abschlussbilder dieser beinahe wie Bakchen-anmutenden Frauen* Hoffnung. Denn es gibt sie schon jetzt, die Safe Spaces, die Frauen*, weiblich gelesene Personen und Queers brauchen. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sie entstehen und ist zu gleich auch selbst einer.

Infos zum Film

Fierce: A Porn Revolution. Dokumentarfilm. Schweiz 2022. Regie: Patrick Muroni. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: W-Film. FSK: keine Angabe. Kinostart: 30. November 2023
Galerie:
Fierce: A Porn Revolution
11 Bilder
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