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Literatur
Auf Wallfahrt mit Susan Sontag
Der jetzt neu als Taschenbuch erschienene Band "Wie wir jetzt leben" versammelt fünf kurze Erzählungen der queeren Autorin Susan Sontag. Unbedingt lesenswert ist die autobiografische Beschreibung ihres Besuchs bei Thomas Mann.

Susan Sontag (1933-2004) war Schriftstellerin, Film- und Theaterregisseurin. Das Foto zeigt sie im Jahr 2003 auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: IMAGO / Hoffmann)
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2. Dezember 2023, 15:03h 4 Min.
Susan Sontag ist eine große Schriftstellerin. Wenn es um das Genre des Essay geht. Der im Fischer Verlag jetzt neu als Taschenbuch erschienene Band "Wie wir jetzt leben" (Amazon-Affiliate-Link ) versammelt fünf kurze Erzählungen, die zwischen 1984 und 1992 erschienen sind. Und die alle nicht das Niveau von Sontags Essays erreichen, aber dennoch teilweise sehr lesenswert sind.
Aus der kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist Susan Sontag nicht wegzudenken. Durch ihre Texte über Kunst, Literatur und Film brachte sie in den 1960er Jahren ein amerikanisches Publikum mit bis dahin, zumindest in Amerika, ziemlich untergründigen Strömungen europäischer Kultur in Berührung. Ob sie über Jean Paul Sartre und Albert Camus und den Existenzialismus schrieb oder sich mit Jean-Luc Godard und dem Kino der Nouvelle Vague befasste, ihre essayistischen Texte waren neben ihrer thematischen Innovation vor allem sprachlich und stilistisch brillant und sind es bis heute.
Ein fester Platz im queeren Kanon

Im Fischer Verlag ist Ende November 2023 eine Taschenbuch-Ausgabe von "Wie wir jetzt leben" erschienen
Mit ihrem Text "Notes on Camp", in dem sie sich mit dem Popkulturphänomen "Camp" auseinandersetzt – aus heutiger Sicht wohl eine Mischung aus queerem Trash und kunstvollem Kitsch -, löste sie im bräsig konservativen Amerika viel Empörung und viel Begeisterung aus. Mit ihrer Hinwendung zu sowohl einem emotionalen Zugang zu Kunst und Kultur als auch der ernsthaften Betrachtung von Populärkultur traf sie in vielen Schichten der aufkommenden Gegenkultur der 1960er Jahre einen Nerv der Zeit. Und schuf nebenbei auch noch mindestens einen Meilenstein auf dem Weg zum queeren Kanon.
Selber erklärte Sontag, bisexuell zu sein. Sie lebte in einer langjährigen Beziehung mit der amerikanischen Fotografin Annie Leibovitz, die für ihre aufwendigen Fotoinszenierungen berühmt ist und von Hollywoodstars bis zur Whitleblowerin Chelsea Manning seit vielen Jahren alle Menschen porträtiert, die die amerikanische Gegenwart prägen.
Im Klappentext zu "Wie wir jetzt leben" heißt es, dass sich in den Erzählungen "Lebensthemen" der Autorin finden. Während das durchaus stimmt, ist die weitere Anpreisung, sie (die Erzählungen) seien "ein essentieller Baustein ihres Werks", doch unbedingt einzuschränken. In der titelgebenden Erzählung "Wie wir jetzt leben" fängt Sontag den Stimmenchor der New Yorker Intellektuellen, Bildungsbürger*innen und Künstler*innen ein, die sich mit der grassierenden Auds-Pandemie konfrontiert sehen. Inhaltlich durchaus nicht uninteressant, wie kollektiv auf ein wachsendes und anhaltendes Trauma reagiert wird, welche Themen besprochen, welche lieber verdrängt werden, ist der Text sprachlich doch etwas schwach. Es sprechen zahllose Figuren, oft in distanzierten Hören-Sagen-Foemulierungen: So oder so hatte Max zu Ellen gesagt, die von Greg gehört hatte, das Quentin meinte … – vermutlich hat die Autorin zu jener Zeit zu viel Thomas Bernhard gelesen.
In "Krankheit als Metapher" und später in "Aids und seine Metaphern" hat Sontag sich der Themen Krankheit, Tod, Trauma und deren Verarbeitung in essayistischer Form derart brillant und nachhaltig angenommen, dass "Wie wir jetzt leben" von ihrem eigenen Schreiben in den Schatten gestellt wird.
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Ganz ernsthaft selbstironisch
Die Erzählungen, die "Wie wir jetzt leben" versammelt, spielen aus heutiger Sicht wohl eher eine untergeordnete Rolle im Werk der Autorin. Zum Thema Fotografie, zu dem sie mehrfach schrieb, ist der schwer zu ertragende Text "Der Blick aus der Arche" kaum zu empfehlen. Hingegen unbedingt lesenswert ist die autobiografische Beschreibung von Sontags "Wallfahrt". So der Titel des Textes, der davon berichtet, wie sie 1948 als Jugendliche mit ihrem besten Freund den damals in der kalifornischen Emigration lebenden Thomas Mann besuchte. Mann, der zu diesem Zeitpunkt in Sontags Worten der "berühmteste Schriftsteller der Welt" ist, übt bis heute immer wieder einen gewissen Zauber auf Schreibende und Lesende und die Literatur analysierende Menschen aus.
Mit wunderbarer Selbstironie beschreibt Sontag in "Wallfahrt" ihre ikonenhafte Verehrung für das Werk Thomas Manns. Der Eifer, mit dem sie in sehr jungen Jahren nach Film, Musik und Literatur sucht und geradezu besessen von europäischer Kultur ist, gibt einen amüsanten Blick auf das Heranwachsen. Die Sehnsucht nach der vermeintlichen "wahren Tiefe", den "großen Gefühlen", der "echten Kunst", die in der Jugend um ein Vielfaches vergrößert gigantisch erscheint, ist hier ganz großartig eingefangen. Ein ganz tolles Stück Literatur. Und wie es Sontags Stärke ist, eben auch hier: ein Stück Literatur über Literatur.
Der Besuch bei der Familie Mann in den Pacific Palisades ist dann nicht minder unterhaltsam. Das ironische Seziermesser, das zuvor die adoleszente Götzenverehrung, das uneingeschränkte Fantum und die Star-Verehrung zerlegt, wird dann auch an den Star selbst angesetzt. Doch bitte selber lesen! Denn auch wenn die Erzählungen in "Wie wir jetzt leben" zum einen nicht die stärksten Texte im Werk der Autorin und zum anderen auch von unterschiedlicher Qualität sind, lohnt sich die Lektüre. Angenehm kurzweilig und im besten (Wallfahrt-)Fall famos unterhaltsam, ideal für triste Zugfahrten im Winter.
Susan Sontag: Wie wir jetzt leben. Erzählungen. Übersetzt von Kathrin Razum. 128 Seiten. Fischer Taschenbuch. Frankfurt 2023. Taschenbuch: 13 € (ISBN 978-3-596-70867-3). E-Book: 12,99 €
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