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Folge 49 von 53

Schwule Symbole im Film: Die Jahreszeiten

Dieser Teil beschäftigt sich mit den vier Jahreszeiten, die in Filmen mit dem Lebensalter und der Entwicklung unserer sozialen bzw. sexuellen Beziehungen in Verbindung gebracht werden.


Ein Schwuler im Winter: Norbert Brommer (D: Joachim Król) guckt in "Der bewegte Mann" (1994) frustriert aus dem Fenster

Frühling – wenn Blüten und Triebe sprießen

Der Frühling ist das Sinnbild des erwachenden Lebens, bei dem die Vegetation zum Leben erwacht, sich die Blüten öffnen und der Samen keimt. Menschen haben "Frühlingsgefühle" und es ist die Zeit, die mit dem Aufbrechen und Erblühen der Liebe und dem Beginn von Beziehungen in Verbindung gebracht wird. Der Frühling steht für das Neue, die ersten Knospen. Er steht für die erste Phase des menschlichen Lebens – für die Kindheit und Jugend. In der chinesischen Symbolik bedeutet ein "einziger Frühlingswind" einmaligen Sex.

Frühling – die erwachende Sexualität

In schwulen Filmen verweist das Motiv des Frühlings häufig auf das Erwachen der Sexualität. In "Anders als die Anderen" (1956) sprießen die Pflanzen im Garten und gleichzeitig die ersten (homo-)erotischen Regungen von Jugendlichen wie Tom Lee im Internat. Auch in "Gerade jetzt im Frühling" (OF: "Particularly now, in Spring", 1996) hat der Regisseur Bavo Defurne solche neuen homoerotischen Gefühle in schöne Bilder umgesetzt: erotische Handlungen und Träume von Jugendlichen in der Zeit ihrer überschäumenden Lebensfreude. In "Spring solstice for first love" (2013) – übersetzt etwa "Frühlings-Sonnenwende für die erste Liebe" – wird die Geschichte der ersten Liebe zwischen den beiden jungen Studenten Arthur und Boris erzählt. In dem schwulen Kurzfilm "Plutôt d'accord" (2004, 5:15 Min., hier online) wird der Frühling als "the season of love" bezeichnet. Es sind schöne Bilder und schöne Geschichten von jenen frühen Gefühlen der Verliebtheit.


Überschäumende Lebensfreude in dem Kurzfilm "Particularly now, in Spring" (1996)

Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen"

Frank Wedekinds einflussreiches Drama "Frühlings Erwachen" (1891) erzählt die Geschichte mehrerer Jugendlicher, die während ihrer Pubertät wegen der damit verbundenen (auch homo-)erotischen Neugierde mit der Intoleranz der Erwachsenen konfrontiert werden. Viele Filme beziehen sich, zumindest vom Titel her, auf dieses Drama wie "Das Frühlingserwachen" (OF: "Liu Awaiting Spring", 1998) der den Frühling im Zusammenhang mit dem schwierigen Coming-out in einer chinesischen Familie behandelt. Leider bleibt der Hintergrund zum Titel des Kurzfilms "Frühlings Erwachen" (2012) unklar. Darin spricht ein Bauarbeiter einen jungen Mann an und bittet ihn um Hilfe bei der Abmessung des Bodens. Am Ende des Films wird eine Vergewaltigung angedeutet. Der Film erschien auch in Frankreich unter diesem Titel, der sich weder über den Inhalt noch über Frank Wedekinds Drama nachvollziehbar erklären lässt.


Der Einfluss von Frank Wedekind nach über hundert Jahren: "Das Frühlingserwachen" (1998)

Der "zweite Frühling" älterer Schwuler

Manchmal geht es auch darum, wie Erwachsene den Frühling als angenehme Jahreszeit genießen und wie auch ihre Liebe neu entfacht wird. Nach Hermann J. Huber erlebt Erich in "Paso Doble" (1983) in seinem Urlaub mit einem Spanier "einen zweiten Frühling" ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 139). Damit wird – meistens positiv – umschrieben, dass sich auch ein Mann in vorgerücktem Alter noch einmal neu verlieben kann. In "Spring Fever" (= "Frühlingsfeuer", 2009) erzählt der Regisseur Lou Ye die Geschichte eines gelangweilten Ehemannes, der mit einem anderen Mann ein sexuelles Verhältnis sucht. In "Spring" (bzw. "Proljeke", 2011) geht es zwar nicht um ein Coming-out, aber um erste Erfahrungen mit sexuellen Rollenspielen.


Das Frühlingsfeuer eines gelangweilten Ehemannes: "Spring Fever" (2009)

Frühling als Neuanfang

Der Frühling kann symbolisch auch für einen Neuanfang stehen und muss dabei keine sexuelle Bedeutung haben. In "Herr Lenz reist in den Frühling" (2015) wird der auf Sicherheit bedachte Versicherungsangestellte Holger Lenz (D: Ulrich Tukur) vom Tod seines Vaters und von der Trennung seiner Ehefrau überrascht. Nun muss er sein Leben neu sortieren, wobei ihn seine Homophobie daran hindert, ein positives Verhältnis zu seinem schwulen Sohn aufzubauen.

Pornos – "Spring Break" als Signalwort für sexuelle Abenteuer

Dass sich gerade die Frühlingszeit für sexuelle Abenteuer anbietet, deuten mehrere Pornos bereits in ihren Titeln an ("Spring training", "Spring Fling", "Springtime Rump", "Spring Adventure", "Gay Lovers in Spring").

Der "Spring Break", also die Frühlingsferien, ist zunächst nur eine Formulierung für die Pause des Studienbetriebes (Semesterferien) an den Colleges und Universitäten der USA. Weil diese Ferien jedoch auch den Ruf haben, eine Zeit sexueller Abenteuer zu sein, wird die Bezeichnung "Spring Break" auch als Signalwort in Schwulenpornos eingesetzt ("Spring Break", "Reid's Spring Break Adventures").


"Spring Break" und "Spring Fling" weisen auf sexuelle Abenteuer hin.


Sommer – wenn der Sex so heiß ist wie die Sonne

Der Sommer steht für Erholung und Lebensfreude, für Urlaub, Sonne, Strand und Meer. Im Sommer werden die meisten Früchte geerntet. Weil das öffentliche Leben langsamer läuft, wird auch von einem "Sommerloch" gesprochen. Mit dem Sommer des Lebens ist der Mensch auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Familien werden gegründet und Häuser gebaut. Der Sommer weckt mit seinem Licht und seiner Wärme meistens positive Assoziationen, steht manchmal aber auch für die anstrengenden Seiten des Lebens. Es ist eine Jahreszeit, die für das mittlere und aktive Lebensalter steht.

"Der Sommer im Film"

In der Arte-Kompilation "Der Sommer im Film" (2018, hier online) werden die Motive in klassischen Sommer-Filmen beschrieben, wie die Hitze, der Urlaub, der Strand und das Meer. Auch Flirts und sexuelles Begehren sind typische Sommerfilm-Themen, was auch anhand von "Call me by your name" (2017, 8:00 Min.) und "Der Fremde am See" (2013, 8:15 Min.) verdeutlicht wird. Ferienlager wie in "Unser Weg ist der beste" (1976, 9:20 Min.) und Flussfahrten wie in "Beim Sterben ist jeder der Erste" (1972, 10:00 Min.) gehören ebenfalls zu den klassischen Sommer-Motiven. François Ozons "Ein Sommerkleid" (1996, 17:10 Min.) wird als einer der schönsten Sommer-Filme ausführlich behandelt. In diesem Arte-Beitrag wird betont, dass gefühlt die Hälfte aller Filme während des Sommers spielen.


Für Arte ein typischer Sommerfilm: "Call me by your name"

Der Sommer

Das Gleiche gilt für schwule Filme, was eine Auswahl für diesen Artikel erschwerte. Der Sommer und das, was mit ihm verbunden wird, hat eine unglaubliche Zugkraft. Das ist auch daran zu erkennen, dass viele schwule Filme das Wort "Sommer" bereits im Titel tragen: Neben dem schon erwähnten Kurzfilm von François Ozon "Sommerkleid" (1996) gehören dazu auch "And then came summer" (2000), "Summer Blues" (2002), "Slutty Summer" (2004), "Eternal Summer" (2006), "Im Spiegel des Sommers" (2007), "Ein philippinischer Sommer" (2008), "Ein Sommer der Liebe" (2011) und "Summer Vacation" (2012). Sie bringen die Jahreszeit zum Ausdruck, stehen für Urlaubsgefühle und für freie Zeit. Wie bei einer Rose mit Dornen werden manchmal aber auch negative Aspekte des Sommers mit im Titel transportiert, wie bei "Sommer der Verfluchten" (1960) und "Sommergewitter" (1995).

Zu den typischen schwulen Sommer-Filmen gehören auch "Another Gay Movie" (2006) und die Fortsetzung "Another Gay Sequel" (2008). Schon auf dem DVD-Cover verbinden sie viel nackte Haut und körperliche Nähe mit Sommer, Sonne und Wasser. Man beachte, wie eindrucksvoll bei einem Kuss in "Confessions" (2015, 2:55 Min., hier online) die Sonnenstrahlen in Szene gesetzt wurden. Auch andere symbolische Motive wie Wasser kommen reichlich vor.


Weitere typische Sommerfilme: "Summer Blues" (2002) und "Another Gay Sequel" (2008)

Erinnerung an den Sommer

Die Erinnerung an den Sommer hat im Film eine besondere Bedeutung und bezieht sich meistens auf eine schöne Zeit, die unwiederbringlich verloren ist. Als Beispiele seien zunächst zwei ältere Filme genannt: In "Damals im Sommer" (OF: "That Certain Summer", 1972) muss der Teenager Nick auch vor dem Hintergrund seiner Kindheit lernen, mit der Homosexualität seines nun geschiedenen Vaters zurechtzukommen. In "Plötzlich im letzten Sommer" (OF: "Suddenly last summer", 1960) geht es ausnahmsweise nicht um eine schöne Zeit, sondern es soll geklärt werden, welche Hintergründe zum frühen Tod von Sebastian im vergangenen Sommer führten, wobei allerdings aufgrund des damaligen noch gültigen Hays Code alle direkten Hinweise auf Homosexualität entfernt wurden.

Das Element der Erinnerung findet sich auch im dänischen Kurzfilm "Tre somre" (= "Drei Sommer", 2006), in dem die Geschichte von Jørgen und Thomas nur anhand der Erlebnisse in drei aufeinanderfolgenden Sommern erzählt wird. Die Rückerinnerung drückt sich auch im Filmtitel "Late Summer" (2001, hier online) aus. In "Last Summer" (2013) geht es um den letzten gemeinsamen Sommer von Luke und Jonah. Auch in "The boy who couldn't swim" (2011) gibt es am Ende eine Erinnerung an den "hot summer day". In "Another Gay Movie" (2006) haben sich Schwule (erfolgreich) vorgenommen, im Sommer ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, bevor im Herbst das College wieder beginnt. Wenn am Ende des Films betont wird: "Es ist nur so, dass der Sommer vorbei ist, und wir sind keine Kinder mehr", parallelisieren sie die Jahreszeit mit ihrer sexuellen Entwicklung.


Die Erinnerung an einen "Last Summer" (2013)

Pornos – Sommer und die Erinnerung an ihn

Der Filmlexikograph Hermann J. Huber war ein Fan des schwulen Pornofilmers Jean Daniel Cadinot, was man seinen Beschreibungen anmerkt. Ausführlich schildert er die Handlung in "Chaleurs – Die große Hitze" und selbst aus seinem Eintrag zum Porno "Tendres adolescents – Jünglingsliebe" wird eine jahreszeitliche Beschreibung: "Es ist Sommer, Zeit der Ernte", und da sei auch "die Natur mit ihrem strahlend blauen Himmel, ihren goldgelben Feldern, ihren sentimental stimmenden Sonnenuntergängen" ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 265).

In Schwulenpornos ist der Sommer die beliebteste Jahreszeit, die für Cruisen und Sex unter freiem Himmel steht. Es ist eine aktive, lebensfrohe Zeit, die mit Sonne, Strand und Meer verbunden wird und durch den Urlaub dem Alltag recht weit entrückt ist ("Sebastian, Sun, Sand and Sex", "Summer Encounter", "Summer of Scott Randsome").

Auch in den Titeln einiger Pornos geht es um die Erinnerungen an eine schöne Zeit, die vielleicht nicht wiederkommt ("Hot Memories of Summer", "Summer Memories", "Memories of Summer", "Last Memories of Summer", "More Memories of Summer") und die mit Träumen und Wünschen verbunden ist ("Summer Camp. The Campsite of Your Dreams").


Zwei Sommer-Pornos: "Summer Encounter" und "Summer of Scott Randsome"


Herbst – wenn die Stimmung und das Laub fallen

Im Herbst beginnt die Ruhephase der Natur und die Menschen werden ruhiger. Typisch für den Herbst ist der Laubfall, wobei die absterbenden Blätter auch ein Symbol für den Tod sein können. Mit seinem symbolischen Gedicht "Herbsttag" hat Rainer Maria Rilke die Jahreszeit beeindruckend erfasst. Bei Beziehungen ist der Herbst erreicht, wenn das Paar in die Jahre gekommen und es ruhiger geworden ist. Im "Herbst seines Lebens" beginnt der Mensch oft zurückzuschauen, was von seinen ursprünglichen Zielen noch übriggeblieben ist. Mit dem Herbst hat der Mensch seine zweite Lebenshälfte erreicht.

Herbst und Laubfall – Depression

Der Laubfall im Herbst – also das Abwerfen toter Blätter – ist ein übliches Mittel, um im Film eine melancholische bzw. traurige Grundstimmung zu erzeugen. So sind es entsprechend kalte und windige Herbsttage, als Oscar Wilde in "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960) mit dem Vorwurf der Homosexualität konfrontiert wird und damit sein Abstieg beginnt. Der Herbst ist vor allem traurig, wie es schon in "Full Speed" (1996) geäußert wird, und steht wie in "Running Without Sound" (2004), einem Film über einen gehörlosen Jungen, für Depression. Auch der laubübersäte Körper von Paul, der in "Seeing Heaven" (2010) als Stricher arbeitet, gehört in diesen Kontext, lässt sich jedoch wegen Pauls Visionen und der vielen nur assoziativ wirkenden Bilder thematisch schlechter fassen.

In "Morgan" (2012) verweist darüber hinaus auch das Lied "Summer has passed away" auf die herbstliche Jahreszeit. Die Zuschauer*innen lernen Morgan kennen, der seit einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzt, und sehen die Unfallstelle, die mit herbstlichem Laub bedeckt ist und auf diese Weise seine Stimmung widerspiegelt. In dem Kurzfilm "The Naturalist" (2012) entsprechen die toten Blätter auf der Windschutzscheibe eines Autos der totgelaufenen schwulen Beziehung. In dem Kurzfilm "Safe Journey" (2002) lernen sich ein junger obdachloser Stricher und ein älterer blinder Schwuler kennen. Er wird mit einem Text beworben, der ausdrücklich darauf hinweist, dass das Schicksal die beiden Männer in einer windigen Herbstnacht zusammenführt.


Der Rollstuhlfahrer Morgan im gleichnamigen Film

Herbst und Laubfall – Tod

Die beiden schwulen Kurzfilme "Danach" (2010) und "Blue" (2007) zeigen Schwule, die bei Verkehrsunfällen gestorben sind, mit viel Laub als Zeichen von Vergänglichkeit und Tod.

Auch der Laubfall in "Ich fühl mich Disco" (2013) ist als Zeichen für den Tod interpretierbar, weil er im Kontext mit dem Tod der Mutter steht. Der Herbst ist hier nicht nur die Jahreszeit, in der der Film spielt, sondern auch der Nachname der drei Familienmitglieder. Nach dem Tod seiner geliebten Mutter muss der junge Florian Herbst lernen, mit seinen gleichgeschlechtlichen Gefühlen umzugehen. Im homoerotischen Vampir-Thriller "Drink me" (2015) wird im Laub getötet und in der "Tatort"-Folge "Kein Mitleid, keine Gnade" Folge 1117, 2020) wird der schwule Jan Sattler im Laub tot aufgefunden. In "Kinky Boots. Man(n) trägt Stiefel" (2005) ist es eine Beerdigung, die mit ganz viel Laub auf den Straßen inszeniert wird.


Jan Sattler liegt tot im Laub ("Tatort"-Folge 1117, 2020)

Weitere Bedeutungen: "Herbst des Lebens" als fortgeschrittenes Alter

In "Queer as Folk" (USA, Folge 5/6) wird Debbie Novotny von Carl Horvath darauf angesprochen, dass sie sich im "Herbst ihres Lebens" befinde. Hier kommt es nicht darauf an, dass die Bemerkung hinsichtlich der agilen Debbie etwas unpassend ist, sondern nur darauf, dass die Formulierung gut zeigt, wie in einer Redewendung der Bezug zwischen der Jahreszeit und dem fortgeschrittenen Alter einer Person hergestellt wird.

Der Film "Before the Fall" (2016) zeigt eine schwule Romanze vor einer – was schon durch den Trailer deutlich wird – herbstlichen Kulisse. Es ist nachvollziehbar, dass die Online-Plattform "Queerguru" meint, der eigentliche Star des Films sei die atemberaubende Berglandschaft, die in herrlichen Herbstfarben aufgenommen wurde. Der Titel hat allerdings – zumindest vordergründig – nichts mit dem Herbst zu tun. Es handelt sich um das (verkürzte) Bibelzitat: Hochmut, im Sinne von Stolz, "kommt vor dem Fall" (Sprüche Salomos 16, 18). Es verweist darauf, dass der Film eine schwule Adaption von Jane Austens bekanntem Roman "Stolz und Vorurteil" ist.

Von Herbst bis Frühling

Zwei Filme beginnen mit Schwierigkeiten im Herbst und enden mit einem Happy End im Frühling. Die Geschichte vom schwulen Frank Whitaker in "Dem Himmel so fern" (2002) beginnt im Herbst, auf den Straßen liegt Laub und es fängt langsam an, kalt zu werden. Er ist verheiratet und liebt seine Frau, aber im Winter stirbt auch diese Liebesbeziehung ab. Es schneit, als die Scheidung unausweichlich ist. Die Frühlingsknospen in der Schlussszene deuten in der ausweglosen Situation des Paares ein vorsichtiges Happy End an.

In dem spanischen Kurzfilm "Después del invierno" (= "Nach dem Winter", 2012) sind drei Kapitel nach Jahreszeiten benannt. Eine von insgesamt drei erzählten Geschichten mit ähnlicher Struktur ist die von einem schwulen Mann, der einen Abschiedsbrief vorfindet (Kapitel: "Otoño" = Herbst), trauert (Kapitel: "Invierno" = Winter) und sich später wieder neu verlieben kann (Kapitel: "Primavera" = Frühling).


In "Before the Fall" (2016) kommt der Stolz vor dem Fall. Ein schwules Happy End nach drei Jahreszeiten bietet "Dem Himmel so fern" (2002)

In diesen Kontext gehört auch der Film "4 Moons" (Mexiko, 2014), der sogar vier Jahreszeiten behandelt und mit dem Text beworben wird: "Sexuelles Erwachen. Das erste Mal. (Der Film) erzählt gleich den Jahreszeiten vier schwule Geschichten über die Liebe".

Solche Filme über mehrere Jahreszeiten verweisen deutlicher als andere auf den Kreislauf des Lebens, indem unterschiedliche Gefühlslagen und Stimmungen auf die Jahreszeiten bezogen werden. Ein solcher Kreislauf kommt manchmal auch durch Redensarten zum Ausdruck, wie z. B. "nach jedem Regen kommt wieder Sonnenschein", wobei das Sprichwort, in ähnlicher Weise wie bei den genannten Filmen, mit einem positiven Fazit bzw. Ende verbunden ist.

Pornos mit dem Thema Herbst


Einer der wenigen Pornos, die im Herbst spielen: "Autumn Romance"

Es wurden nur zwei Pornos gefunden, die Herbst bzw. "Autumn" überhaupt im Titel führen: "Herbst-Triebe" und "Autumn Romance". Die Jahreszeit scheint sich für Pornos aufgrund der atmosphärischen Stimmung nicht anzubieten. Es ist selten, dass in den Inhaltsbeschreibungen ausdrücklich betont wird, dass die jeweiligen Handlungen im Herbst angesiedelt sind ("Workmen", "Tyler's First Orgy").

Nach der Beschreibung von Hermann J. Huber spielt der Porno "Pleasure Beach" (1983) in den letzten Stunden eines schönen Sommers und endet damit, dass diese Zeit vorbeigeht: "Ein Strand im Herbst als Symbol für all das, was man zurückläßt" ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 144).


Winter – wenn Gefühle und Menschen sterben

Im Winter ist es kalt, Menschen frieren und ziehen sich in ihre Häuser zurück. Nur selten ist diese Zeit auch positiv besetzt, wie beim Schlittenfahren und im Skiurlaub. Äußeres Zeichen für den Winter ist der Schnee – das "Leichentuch der Natur", das oft auch als Ausdruck von Gefühlslagen dient. In Bezug auf soziale Beziehungen steht der Winter meistens für emotionale Kälte, Trennung und manchmal auch für den Tod. In Bezug auf das Lebensalter steht der Winter für die nachlassenden Kräfte, den Lebensabend und die letzten Jahre im Leben eines Menschen.

Niedrige Temperatur – emotionale Kälte

Durch Titel wie "Winter der Entscheidung" (2005), "Der erste Tag im Winter" (2008) und "Plötzlich letzten Winter" (2008) wird der Winter als Ausdruck einer Stimmung besonders hervorgehoben und steht wie in "Stille Landschaft" (2004) für emotionale Kälte.


"Winter der Entscheidung" (2005) und "Der erste Tag im Winter" (2008)

Emotionale Kälte wird auch durch Kommentare von schwulen Protagonisten deutlich: In "Eh' die Fledermaus ihren Flug beendet" (1989) versucht der ältere László dem minderjährigen Robi, den er sexuell begehrt, anhand von Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" zu erklären, warum der Winter am schönsten sei: "Er ist erhaben und voll Trauer. In ihm ist die Vergänglichkeit und das, was auf uns wartet. Die Sehnsucht und dass es keinen Trost gibt." Vermutlich sollen diese Äußerungen László als emotional kalten Menschen erscheinen lassen.

"Bald ist wieder Winter" heißt es zu Beginn von "Coming Out" (DDR, 1989) und gerade wegen der äußeren Kälte ist Matthias sehr froh, dass er nun einen Freund gefunden hat: "Jemanden an die Hand nehmen und dabei nicht frieren." Die Ansprache durch einen älteren Mann "Ziemlich kalt?" in "Fögi ist ein Sauhund" (1998) ist nur vordergründig auf die Temperatur bezogen. Ähnlich auch in "Der Mann meines Herzens" (1997): "Mir ist kalt. Morgens ist mir oft kalt. Jeden Morgen. Seit mein Vater mich rausgeworfen hat." In "Stille Liebe" (2004) wird ein Mann von seinem Lebenspartner verlassen und macht nach dieser Trennung erst einmal einen Spaziergang im winterlichen Park.

Die DVD mit dem Film "Das Ende des Regenbogens" (1979) über den 17-jährigen Stricher Jimmi wird so angeworben: Jimmi suche "menschliche Wärme, ja kindliche Geborgenheit. Fröstelnd bewegt er sich durch die winterlichen Straßen Berlins, […] die nackte Haut zwischen Jeans und T-Shirt der Kälte ausgeliefert" (Amazon (Amazon-Affiliate-Link )). Ähnliche Bilder der Kälte im Kontext männlicher Prostitution werden auch in "Twist" (2003) verwendet – einer schwulen Adaption von Charles Dickens' Roman "Oliver Twist". In "Peter von Kant" (2022) ist es Herbst, als der ältere Peter mit seinem Liebhaber Amir zusammen ist und es ist Winter, als Peter ohne Amir alleine ist.

Schnee – negative Gefühle

Kälte kann man nicht sehen. Weil der Film vor allem ein visuelles Medium ist, bietet es sich an, auf Schnee zurückzugreifen, um Depression zum Ausdruck zu bringen. Auch die Arte-Kompilation "Der Schnee im Film" (2015, 2:55-4:20 Min., hier online) macht deutlich, dass Schnee, Einsamkeit und Traurigkeit im Film zusammenhängen und macht dies u.a. an Blak Edwards "Victor / Viktoria" (1982) deutlich. Diesen Zusammenhang gibt es auch beim schwulen Norbert Brommer (D: Joachim Król), der in "Der bewegte Mann" (1994) traurig und deprimiert aus seinem Fenster das Schneetreiben beobachtet. In "A Single Man" (2009) wird der Tod des Protagonisten mit dem Motiv Schnee verbunden.

In diesem Kontext lassen sich noch gut einige Kurzfilme anführen: Als sich in "Ein Kuss im Schnee" (1997) zwei Männer durch einen Wegzug voneinander trennen müssen, wird in einem Liebesbrief ihr Kuss hervorgehoben, der "den Schnee schmelzen" lasse. Es ist Winter und überall liegt Schnee, als Simon in "The last letter" (2016, hier online) einen letzten Brief an seinen früheren Freund Isaac schreibt. Auch die Handlung von "Homophobia" (2012, hier online) ist passend zur Filmthematik, Homophobie in der Armee, in Schnee und Kälte verortet. In dem Animationsfilm "Arrival" (2016, 11:40 Min., hier online) geht es offenbar um die Freitodabsichten eines namentlich nicht genannten jungen Schwulen, was visuell u. a. mit Schnee auf dem Dach und einem blutroten Himmel verdeutlicht wird.

Schnee – positive Gefühle


Auch Kälte lässt sich positiv darstellen, wie in "Winter kept us warm" (1965)

Es gibt nur wenige schwule Filmszenen, bei denen der Winter und der Schnee positiv besetzt sind. Ein frühes Beispiel dafür ist der kanadische Film "Winter kept us warm" (1965, hier online). In den Sechzigerjahren freunden sich an der Universität von Toronto Doug und der schüchterne Peter an. Sie haben gemeinsam Spaß im Schnee (38:50 Min.). Beiden ist kalt und Doug möchte Peter an sich drücken, der das aber nicht möchte (40:25 Min.). Es folgen homo­erotische Momente zwischen den beiden, etwa in einer Szene unter der Dusche (50:50 Min.). In den folgenden Monaten verliebt sich Peter jedoch in eine Frau. Im Kontext der Szenen mit dieser Frau schmilzt das Eis des Winters (1:00:30 Std.), womit Frühlingsgefühle angedeutet werden. Der Filmtitel ist ein Zitat aus T. S. Eliots Gedicht "The Waste Land".

In "Latter Days" (2003) hat Christian seine erste Erkenntnis zur Homosexualität im Schneesturm. Der Aids-Kranke, den Christian regelmäßig besucht, hat bei einer Berührung mit Christian eine Vision von Schnee. Christian und Aaron haben wiederum eine klärende Aussprache während eines Schneesturms. Der Schneesturm verbildlicht hier den Sturm der Gefühle und Schneeweiß wird als Farbe der Unschuld und Offenbarung inszeniert. In "Queer as Folk" (USA, Folge 5/13) wird betont, dass Menschen so "einzigartig wie Schneeflocken" seien.

Sommer und Winter – gute und schlechte Tage

Mehrere Filme stellen die beiden Jahreszeiten Sommer und Winter den jeweiligen Gefühlslagen konträr gegenüber, wobei der Sommer immer die Ausgangssituation bildet. Dazu gehören auch zwei ältere Filme. Parallel zu diesen Jahreszeiten verläuft die (homo­erotisch interpretierbare) Freundschaft zwischen zwei Männern in "Es war ..." (1926): Im Sommer schließen sie Bruderschaft und es ist Winter, als sie sich an gleicher Stelle duellieren. In "Sommerwünsche, Winterträume" (1973) stellt die Hausfrau Rita nach dem Tod ihrer Mutter ihre Rolle als Mutter und Ehefrau in Frage, wobei es sie belastet, ihren schwulen Sohn nie akzeptiert zu haben. "Krámpack" (2000) handelt nur vom Sommer, verdeutlicht aber durch die Aussage "Im Winter könnten wir das [Motorrad] gebrauchen" auch den Wunsch, dass die gemeinsamen Erlebnisse der homo­erotischen Freundschaft nicht auf die Sommerferien begrenzt sein mögen.

Auch der Film "Sommer wie Winter" (2000) behandelt beide konträr wirkenden Jahreszeiten: "Dem unbeschwerten Sommer mit seiner Atmosphäre sinnlicher Unschuld und sommerlicher Unbeschwertheit folgen die Schatten des Glücks im darauffolgenden Winter" (Axel Schock / Manuela Kay: "Out im Kino", 2003, S. 316). Gemessen an seiner Handlung könnte der Film auch "In guten wie in schlechten Tagen" heißen. Erinnern möchte ich auch an den Film "Bent" (1997), der im Sommer anfängt (= Weimarer Republik) und im Winter endet (= NS-Zeit), auf dessen Kälte auch sprachlich Bezug genommen wird ("Ich werde dich wärmen"). In "Das Herz will, was es will" (2004) bleiben dem jungen Uljumdschi seine Kindheitserinnerungen an die Sommer, die er mit seinem Freund am Lagerfeuer verbrachte, mit dem er für immer zusammen sein wollte. Es ist Winter, als er im Schnee seine homophoben Eltern besucht.

Die Liebe in "Gefrorenes Herz" (2012, hier online) fängt positiv im Sommer an und endet mit einem homophoben Überfall und dem Tod des schwulen Protagonisten im kalten Schnee. Der Titel verweist – ähnlich wie das Märchen "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff – auf Herzlosigkeit. Vielleicht ist auch das rote Blut auf weißem Schnee eine Märchenreferenz, denn es erinnert an das Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot" der Brüder Grimm. Es ist übrigens genauso kunstvoll arrangiert wie das Blut im Kunstschnee von "Clandestinos" (2007).


Ein Kurzfilm über einen Toten mit Märchenreferenz: "Gefrorenes Herz" (2012)

Winter – Tod infolge von Aids

Auch in anderen Filmen steht der Winter leicht erkennbar für den Tod. Im Aids-Drama "Früher Frost" (1985) wird im Film der Titel erklärt: Es geht um die Angst vor einem frühen Frost, der die neuen Blüten abtötet. In die gleiche Richtung geht der Trailer zum Aids-Drama "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves" (2012, 1:20 Min., hier online), in dem sich Schwule Anfang der Achtzigerjahre mit Aids auseinandersetzen müssen: "Die, die am meisten liebten (…), waren es, die der Frost sich nahm." Beides sind Analogien zu Aids, das Anfang der Achtzigerjahre einem Todesurteil gleichkam und einen großen Teil der damals noch jungen schwulen Bewegung tötete.

In "Queer as Folk" (USA, Folge 4/9) stirbt Vic Grassi an den Folgen von Aids und sein Grabstein wird im winterlichen Schnee gezeigt. Wer das für einen Zufall hält, sei daran erinnert, dass es während der Beerdigung von Brians Vater – ebenfalls zufällig anmutend – schneit (Folge 1/19).


Tod im Schnee durch die Folgen von Aids: Der Grabstein von Vic in "Queer as Folk"

Winter – weitere Todesursachen

Am Ende von "Lauf eines Todes" ("Tatort"-Folge 227, 1990) bekommt der Ermittler Paul Stoever (D: Manfred Krug) durch die Tochter des schwulen Herwart Branding dessen Abschiedsbrief ausgehändigt. In diesem Brief beschreibt Branding die Hintergründe seines Freitodes durch ein kryptisches Gedicht über den "Winter, der eben geht".

Als "Snowtown-Morde" wird eine Mordserie in Australien bezeichnet, bei der zwischen 1992 und 1999 elf Menschen ermordet worden sind. Der Name "Snowtown" ist zunächst einmal nur der Name einer australischen Stadt. Dass jedoch die Täter aus dieser Stadt als "Snowtown-Mörder" bezeichnet wurden und die darauf basierenden Filme diesen Städtenamen als Filmtitel aufgriffen, hatte offenbar auch mit der symbolischen Gleichsetzung von Schnee mit Tod zu tun. Der Film "Snowtown" (2011) und die Folge "Die Snowtown-Morde" aus der Doku-Serie "Verbrechen, die die Welt schockierten" (Folge 2/7) behandeln u. a. Robert Wagner, seinen homo­sexuellen Partner Barry Lane und den sexuellen Missbrauch von James Vlassaki.


"Snowtown" als Symbol und als Name einer australischen Stadt

Zum Themenbereich Winter und Tod gehört auch der Romantitel "Die Verurteilten. Frühling, Sommer, Herbst und Tod", der mann-männliche Vergewaltigungen im Gefängnis behandelt und unter dem Titel "Die Verurteilten" (1994) verfilmt wurde. Der sprachliche Reiz des Buchtitels besteht im Austausch des (erwartbaren) Wortes "Winter" durch "Tod".

Pornos – winterliche Kälte und hitzige Leidenschaft

Mehrere Pornofilme verweisen in ihren Titeln auf den Winter ("Boy in the Snow"). Eingeschneit zu sein ("Tahao Snowbound", "The other Side of Aspen III", "Tahoe Snowbound") ist, ähnlich wie das Motiv der Insel, durchaus ambivalent und bedeutet nicht nur isoliert, sondern auch ungestört zu sein. Einige Filme stellen einen Bezug zwischen winterlicher Kälte und heißer Leidenschaft her ("Winter Heat", "Don't freeze, cum inside").


Mit viel Hitze der äußeren Kälte trotzen: Die Pornos "Tahoe Snowbound" und "Winter Heat"

Zu den Filmtiteln, die mit weiteren symbolischen Bedeutungen arbeiten ("Horny Winter Games", "Winter Wood"), gehören auch solche, die Schneebälle als eine recht bekannte Anspielung auf Hoden verwenden ("Snowballs"). Davon zu unterscheiden sind Filme über "Snowballing" (englisch für "größer werden"), das offenbar auf eine Sexpraktik verweist, bei der ein Mann im Mund seines Sexpartners abspritzt und sich beide Männer durch Mundküsse das Sperma teilen, das sich dann mit Speichel vermischt, so dass die Flüssigkeitsmenge entsprechend größer wird (s. "Urbandictionary").

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