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Hass oder Akzeptanz?
Ghana: Katholische Kirche uneins über staatliche Verfolgung Homosexueller
Sollen Schwule und Lesben staatlich verfolgt werden oder nicht? Die katholische Kirche in Ghana sendet hier widersprüchliche Signale.

Kardinal Peter Turkson gibt sich im BBC-Interview liberal (Bild: Screenshot BBC News)
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5. Dezember 2023, 14:31h 4 Min.
Die katholische Kirche in Ghana ist sich uneinig, ob Gesetze gegen queere Menschen verschärft werden sollen. Derzeit befindet sich im Parlament von Accra ein Gesetzentwurf, der die staatliche Verfolgung von LGBTI verschärfen soll. Bereits jetzt stehen drei Jahre Haft auf Homosexualität, künftig soll zusätzlich Werbung für queere Gleichbehandlung mit bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet werden. Alle LGBTI-Organisationen sollen zudem verboten werden. Der Gesetzentwurf, der viele weitere Einschränkungen enthält, wurde bereits im Juni in zweiter Lesung beschlossen – mit 275 zu null Stimmen.
Mitte November unterstützte die ghanaische Bischofskonferenz in einer Erklärung anlässlich ihres Jahrestreffens den antiqueeren Gesetzentwurf – und forderte gar eine schnellere Umsetzung: "Wir danken dem Parlament für die Arbeit, die es in den Entwurf gesteckt hat", heißt es darin. "Wir rufen dazu auf, den Entwurf schneller zu beschließen. Der Präsident sollte den Entwurf unterzeichnen, sobald er vom Parlament beschlossen wurde."
Ende November schlug der ghanaische Kurienkardinal Peter Turkson in einem BBC-Interview aber ganz andere Töne an: "LGBT-Menschen sollten nicht kriminalisiert werden, weil sie keine Straftat begangen haben", sagte der 75-Jährige. Man müsse mehr in Bildung investieren, damit die Menschen verstünden, "was eine Straftat ist und was keine Straftat ist", so der Kardinal, der seit letztem Jahr Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Vatikanstaat ist. Wenige Tage später bekräftigte Turkson seine Haltung gegenüber dem US-Radiosenderverbund NPR.
Turkson polemisierte früher selbst gegen Homosexuelle
In der Vergangenheit klang Turkson noch anders: So setzte er 2013 in einem CNN-Interview etwa Homosexualität und sexuellen Missbrauch von Kindern gleich. Damals behauptete er, dass Afrika wegen der homophoben Grundhaltung der Bevölkerung weniger vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche betroffen sei: "Afrikanische traditionelle Systeme schützen die Bevölkerung gegen diese Tendenz, weil in mehreren Gegenden und in mehreren Kulturen in Afrika Homosexualität – oder jede Affäre zwischen zwei gleichen Geschlechtern – nicht ermutigt wird. Es gibt ein Tabu", so Turkson damals (queer.de berichtete).
Die neue Haltung von Turkson hat in Ghana Gewicht: Nach dem BBC-Interview erklärte etwa Matthew Gyamfi, der Chef der ghanaischen Bischofskonferenz, dass er Turksons Aussagen voll unterstütze. "Es war schon immer die Haltung der katholischen Kirche, dass Homosexualität und Homosexuelle nicht kriminalisiert werden sollen", so Gyamfi im ghanaischen Fernsehsender TV3. Paradoxerweise sagte er aber im selben Interview, dass die Kirche gegen die Aufhebung der bestehenden Gesetze, die drei Jahre Haft gegen Homosexuelle vorsehen, eintrete: "Die Kirche akzeptiert [Homosexualität] nicht, die Muslime akzeptieren das nicht, Afrika akzeptiert das nicht. [Homosexualität] soll also nicht legalisiert werden und eine Norm als Teil unserer Kultur werden. Das ist anders, als wenn man sagt, dass dies ein Verbrechen ist."
Homo-Verbot ist Erbe des Kolonialismus
Homosexualität war in Ghana 1892 von den britischen Kolonialherren verboten worden. Auch nach der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1957 hielt das Land an dem drakonischen Gesetz fest. Die Bevölkerung im 34 Millionen Einwohner*innen zählenden Land gilt als extrem queerfeindlich. Queere Menschen werden nach ihrem Coming-out oft von ihrem Familien verstoßen oder werden in "Konversionstherapien" gedrängt, mit denen ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität "geheilt" werden soll. Der Weltärztebund warnt bereits seit Jahren vor derartigen "Therapien" (queer.de berichtete). Die "Heilung" von Homosexualität oder der Trans-Identität sei nicht nur unmöglich, sondern treibe die behandelnden Personen in die Depression oder gar den Suizid.
LGBTI-Aktivist*innen befürchten nun, dass die Debatte um den neuen Gesetzentwurf das homophobe Klima im Land noch verschärfen kann: "So etwas gefährdet queere Menschen. Der Gesetzentwurf ist sensationslüstern und unglaublich absurd für ein demokratisches Land im 21. Jahrhundert", erklärte etwa bereits vor einigen Monaten Alex Kofi Donkor von der Organisation LGBT+ Rights Ghana gegenüber "Radio France Internationale".
Afrika wird queerfeindlicher
Nach der Einführung der Todesstrafe auf Homosexualität in Uganda gibt es in mehreren Ländern Afrikas Bestrebungen, schärfer gegen queere Menschen vorzugehen (queer.de berichtete). Laut Human Rights Watch liegen bereits jetzt 33 der 69 Länder, die Homosexualität verbieten, in Afrika.
Die katholische Kirche hatte in der Vergangenheit die staatliche Verfolgung von Homosexuellen stets befürwortet. Inzwischen lehnt der Vatikan aber diese offiziell ab. Gleichzeitig wertet er aber Schwule und Lesben weiterhin ab. Papst Franziskus erklärte etwa Anfang des Jahres, dass Homosexualität zwar kein Verbrechen sei, aber stets eine Sünde – im Gegensatz zu Heterosexualität (queer.de berichtete). Auch scheinen aber Forderungen nach einer staatlichen Verfolgung queerer Menschen kein Hindernis für eine Beförderung in der Kirchenhierarchie zu sein. Letztes Jahr ernannte der Papst etwa William Goh aus Singapur zum Kardinal, obgleich er Homosexuelle gerne im Gefängnis sehen möchte (queer.de berichtete).
In Deutschland gibt sich die katholische Kirche hingegen queerfreundlicher: Anfang des Jahres erklärte etwa Weihbischof Ludger Schepers, der Queerbeauftragte der deutschen Bischofskonferenz, dass die katholische Kirche Mitsschuld an der Verfolgung queerer Menschen im Dritten Reich gehabt habe (queer.de berichtete). Viele deutsche Bischöfe sprechen sich zudem für die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren aus, obwohl der Vatikan bislang am pauschalen Verbot festhält. Zuletzt erklärte Papst Franziskus jedoch, dass er diesen Schritt nicht mehr grundsätzlich ablehne (queer.de berichtete).














