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Interview

Gayle Tufts: "Ich möchte keinen Überlebensapplaus"

Wir sprachen mit "Denglisch"-Ikone Gayle Tufts über ihr Leben in der siebten Dekade, ihr neues Programm "Please don't stop the music", Idole, TikTok, den "mega clusterfuck USA" und die Frage: Wie queer ist Deutschland?


Gayle Tufts, geboren 1960 in Massachusetts, schreibt und produziert Shows mit Musik und Stand-up-Comedy auf Englisch und Deutsch, die sie zu dem für ihre Bühnenshow charakteristischen "Denglisch" mischt (Bild: Felix Lammers)
  • Von Marcel Malachowski
    9. Dezember 2023, 10:35h 8 Min.

Die US-Deutsche Gayle Tufts mit großer Affinität zur queeren Szene hat das "Denglisch" salon- und bühnenfähig gemacht. Als Allround-Künstlerin ist die 63-Jährige in fast allen Kunstformen präsent. Für ZDF Neo produzierte sie die Doku-Serie "Deutschland für Einsteiger", in der Berliner Bar jeder Vernunft feierte Ende November ihr neues Programm "Please don't stop the music" Premiere. Dort trafen wir sie zum Interview.

Was können wir von deinem neuen Programm erwarten?

Im Sommer letzten Jahres verbrachte ich ein Wochenende mit meinem Patenkind an der Ostsee. Sie ist ein zwölfjähriges intelligentes und neugieriges Mädel aus einer Theaterfamilie – gefangen zwischen der Sehnsucht nach kuscheligen Momenten und der überbordenden und teilweise knallharten TikTok-Realität. Ich erzählte ihr von meinen Ideen zur neuen Show, fragte sie, was sie davon hält – und was ein guter Titel wäre. Sie sagte sofort: Please don't stop the music. Diese Show ist also auch eine Hommage an sie. Und ich schicke ihr damit ganz viel Energie und habe die Hoffnung, dass sie als Frau viele Kämpfe, die meine Generation von Frauen führen musste – und immer wieder führt -, nicht mehr erleben muss. Das mache ich mit einer Mischung aus Musik, vielen selbstgeschriebenen Songs und überraschenden Cover-Versionen. Und Geschichten aus meiner Biografie – die wahre Wahrheit über mein Leben. Alles in der Regie des großartigen Choreographen Christopher Tölle, der schon an großen Kino-Erfolgen mit gearbeitet hat, mit Katharina Thalbach, die die "Mord im Orient"-Inszenierung zum Mega-Erfolg machte und demnächst an der Komischen Oper arbeitet. Ich bin so glücklich.

Mein Leben lebe ich mittlerweile in der siebten Dekade, einerseits unglaublich, aber wahr. Ich möchte keinen Überlebensapplaus – und ich werde auch nicht nostalgisch. Aber ich bin ein Mädel aus der tiefsten US-Ostküsten-Provinz mit einer Supermarktkassiererin als Mutter und einem Barkeeper als Vater. Mein älterer Bruder wohnt heute noch in derselben Stadt, in der er aufgewachsen ist – nur einige Straßen weiter. Ich hab mich gefragt, wie hab ich es raus aus Brockton geschafft – nach New York, in die Theater/Tanz- und Musikwelt – und schließlich nach Europa? Und das alles lange vor dem Internet, preiswerten Flügen und Google-Translater. Wo waren die turning points, die mir den Glauben an mich, meine Zukunft und die Kunst gegeben haben? Das sind die sieben Nächte, über die ich in meiner Show singe, erzähle und tanze.

Hat sich dein Blick auf die Menschen denn eigentlich seit der Corona-Zeit verändert? Es macht ja schon den Eindruck, viele sind in negativer Weise komischer geworden...

Corona war gerade für uns freischaffende Künstler sehr hart: geschlossene Theater, extreme Beschränkungen, die eine Begegnung mit Kollegen unmöglich machten: acht Meter Abstand zwischen mir und meinem Pianisten – wenn wir beide singen! Eine sehr begrenzte Zuschaueranzahl – dann kam der Krieg Russlands gegen die Ukraine und extrem gestiegene Preise. Das lässt niemanden kalt. Aber ich denke, gerade jetzt brauchen viele Menschen Unterstützung, Reflektion und Unterhaltung. Und darin bin ich wirklich gut. Wenn es dir schlecht geht, komm zu meiner Show – danach geht es dir besser.

Aber welches sind eigentlich deine humoristischen Vorbilder, und was oder wer hat dich in der Jugend in der Pop-Kultur am meisten begeistert oder inspiriert?

Stil-prägend war die "Ed Sullivan Show" im amerikanischen Fernsehen. Jeden Sonntag um 19 Uhr live – die größten Entertainment-Stars: Barbra Streisand, Elvis, Judy Garland – und – zum ersten Mal im amerikanischen Fernsehen: The Beatles, The Rolling Stones. Und, für mich absolut prägend: The Supremes. 27. Dezember 1964 – ich war vier. Ich sah diese wunderschönen, eleganten, aufregenden Frauen und wusste: So etwas will ich auch machen.

Hat dich denn auch jüdischer Humor inspiriert?

Die USA ist ein Einwanderer-Land – alle sind, freiwillig oder nicht, in die USA gekommen. Die Native Americans haben wir eingesperrt und vertrieben. Die meisten hatten, als sie das neue Land betraten, nicht dabei außer ihrer Geschichte. Und wer die besser erzählen konnte, war erfolgreicher. Die USA ist das Land der Ich-Erzählerei: Der Blues, die Folkmusik – bis zum Hip Hop. Und natürlich die Stand-Up-Comedy – eine Entwicklung der jüdischen Einwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich gehe als ich selbst auf die Bühne und erzähle von meinem Leben. So hat zum Beispiel Woody Allen angefangen. Dieses Spiel mit der Realität hat mich fasziniert. Und in New York hört man viel Jiddisch – das klingt oft wie Denglisch – meine Sprachmischung aus Deutsch und Englisch.

Du hast dich in deinen Shows auch immer viel mit deiner neuen "Heimat" Deutschland beschäftigt. Ist Deutschland aber überhaupt noch zu retten, um überspitzt zu fragen?


Gayle Tufts lebt seit 1991 in Berlin (Bild: Felix Lammers)

Ist die USA noch zu retten? Russland? China? In Deutschland haben wir nach wie vor sooo große Freiheiten und Möglichkeiten, dass viele sie wohl als selbstverständlich ansehen. Doch wir müssen alle dafür kämpfen. Ich habe neulich einen Flyer gesehen: Lebe so, dass die AfD etwas dagegen hätte!

Bräuchte Deutschland nicht vielleicht so etwas wie eine Californication, wie die Red Hot Chili Peppers sie besangen?

Wir können alle etwas voneinander lernen – Deutschland von den USA mehr Spontanität – und umgekehrt würde der USA ein wenig mehr Nachdenklichkeit und "eine Nacht darüber schlafen" nicht schaden. Und nur in Deutschland gibt es diese dumme Unterscheidung zwischen U-nterhaltung und E-rnsthaltigkeit. Was Entertainment an geht, ist die USA viel weiter.

Heutzutage gibt sich ja fast die gesamte Gesellschaft sehr tolerant, divers, inklusiv. Aber ist sie das deiner Meinung wirklich? Wie queer ist Deutschland? Und wenn du Bundeskanzlerin wärst, was würdest du als erstes ändern?

Ich war in meinen Show schon immer divers, weil ich an Sichtbarkeit glaube – meine Bühnenkollegen haben und hatten alle Hautfarben, Größen und Nationalitäten. Das war mir immer wichtig. Ich denke, queer sollte nicht Besonderes sein, sondern das selbstverständliche Leben. Ich weiß, dass das in einer Großstadt wie Berlin – wo ich lebe – bestimmt einfacher zu sagen ist. Doch meine Botschaft ist: Glaubt an euch, steht zu euch, lasst euch in keine Schublade pressen – bildet euren eigenen Schrank.

Als Bundeskanzlerin würde ich Facebook, Insta und TikTok für ihre Inhalte verantwortlich machen und auf eine einstündige Nutzung pro Tag beschränken. Leute, hebt den Blick und schaut euch um!

Und wie sind die USA vor Donald Trump zu retten?

Die USA ist zur Zeit ein mega clusterfuck! Donald Trump war dreizehn Jahre ein sehr erfolgreicher Reality-TV-Star – er kennt die Mechanismen perfekt. Ja, Biden ist alt – nur fünf Jahre älter als Trump – aber er macht eine gute Politik. Er kann verhandeln, hat kluge Gedanken und glaubt an die Demokratie.

Was liebst du denn nach wie vor an Amerika?

Mein Bruder und meine Schwester, die dort leben. Viele Freunde – viele von ihnen politische Aktivisten, die für ein positives Amerika kämpfen, sensationelle Broadway-Shows, die High Line in New York, unbeschreibliche Natur, die ethnische Vielfalt zum Beispiel in New York.

Wie findest du denn Jon Stewart? Seine kritische Show war für viele junge, kritische und queere Amerikaner*­innen die Haupt-Nachrichtenquelle, wie seriöse Umfragen ergaben…

Stewart hat die Comedy Show als journalistische Nachrichtenquelle erfunden. Er ist ein Genie. Viele in den USA vertrauen den Comedy-Sendungen mehr als den regulären Nachrichten. Fox News ist sowieso nicht der Wahrheit und Realität verpflichtet, das ist reine Propaganda. Für das bewusste Verbreiten von Lügen haben sie ja gerade eine Strafe von über 700 Millionen Dollar zahlen müssen.

Findest du eigentlich, Berlin ist eine schöne Stadt? Denn es hat ja nicht einmal einen Hafen wie Hamburg… Gibt es Orte in Berlin, wo du trotzdem am liebsten bist?

Berlin ist groß! Jeder findet seinen Kiez! Es gibt viele Seen und Flüsse, Wälder im Umfeld. Es ist die multikulturellste Stadt in Deutschland. Leider ist es viele Monate im Jahr zu dunkel und zu grau. Lasst die Weihnachtsbeleuchtung bis März an – das würde helfen.

Aber würdest du sagen, Berliner*­innen sind gut angezogen? Oder sind New Yorker*­innen besser angezogen?

Gibt es mittlerweile noch einen eigenen Style einer Stadt? In beiden Städten ist alles möglich – das finde ich toll. Ich bin für Individualität, keine Insta-Einheitlichkeit.

Und warum tragen alle Frauen eigentlich keine High-Heels mehr seit den letzten etwa zehn Jahren? Nur noch Dragqueens tragen welche und coole Männer wie Bruce Darnell…

Mann soll das High-Heels-Tragen eben den Profis überlassen. High Hells können geil sein, sind aber auch für mich ein Gelegenheitsvergnügen – nur ab und zu. Wie Crème brûlée oder Sex im Stehen. Zu viel hält mein Körper davon nicht mehr aus.

Welches sind in der deutschen Öffentlichkeit denn die größten Witzfiguren für dich?

Ich ziehe nicht über andere her. Witze mache ich über mich, wobei ich gerne die Wahrheit erzähle über eine rechte Randfiguren.

Machen dir der Rechtsruck, der Sozialabbau und die Hetze gegen Minderheiten in Deutschland denn Angst?

Alle, die dies hier lesen, können etwas daran ändern: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Wer die AfD wählt, wird seine Mauern gebaut bekommen – nicht nur in den Köpfen. Wir sollten alle eintreten für Freiheit, Miteinander, Akzeptanz, Offenheit. Das ist ein tägliches Eintreten, sich zeigen. Lustvoll, gemeinsam.

-w-