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Jüdisches queeres Leben in Deutschland

Warum sagte der Berliner Szene-Club Südblock eine Channukah-Party ab?

Ein Keshet-Mitglied warf auf Instagram dem Szene-Club Südblock vor, eine Chanukka-Party abgesagt zu haben. Queer.de fragte sofort nach: Keshet äußert sich nicht, der Südblock widerspricht den Vorwürfen. Es bleiben viele Widersprüche offen.


Die Kerzen des Chanukkaleuchters werden zum Lichterfest angezündet (Bild: freepik.com)

  • Von Marcel Malachowski
    12. Dezember 2023, 09:44h 6 Min.

Vor allem in Deutschland und in seiner Mehrheitsgesellschaft gibt es sehr viele "Missverständnisse" nicht nur über queeres Leben, auch über jüdisches Leben, während in Süditalien, Brasilien oder an der US-Westküste jüdisches Leben Teil der Gesellschaft ist. Die Wahrnehmung des Jüdischseins in Deutschland ist auch in der Mitte der Gesellschaft und bei Linken oft entweder politisch oder mythologisch aufgeladen und wird gerne mystifiziert, was an sich schon antisemitisch ist.

Gerne wird auch das jüdische Lichterfest Chanukka als "jüdisches Weihnachten" bezeichnet, was schlicht gesagt völliger Nonsens ist und vielleicht der Versuch, Chanukka in Zusammenhang mit deutschem Weltschmerz, christlicher Bedächtigkeit und der Shoah-Erinnerung zu bringen. Dabei ist Chanukka seit über 2.000 Jahren ein südländisch geprägtes Fest der Befreiung, der Emanzipation und der Sichtbarkeit von göttlichen und menschlichen "Wundern", eine Manifestation von militantem Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Chanukka ist ein Fest des Kampfes, des Lebens und des Überlebens: "Mir zeynen do!"

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Was war in Kreuzberg geschehen?

Die jüdische LGBTI-Gruppe Keshet wollte ihre Chanukka-Party in diesem Jahr im queeren Szene-Club Südblock ausrichten. Offenbar gab es bereits seit dem Sommer Planungen und Vorabsprachen, offenbar aber noch sehr ungenau und ohne klare Absprachen. Wie so oft in der Berliner Club-Szene und in der linken Szene, der der Südblock im einstigen linken Kreuzberger Stadtteil und heute überteuerten Tourist*­innen-Hotspot SO 36 sich bewusst zurechnet, ging es dabei wohl sehr unverbindlich zu. Es gab offenbar für den Südblock nur zwei sporadische Ansprechpartner*­innen von Keshet, eine*r war offenbar Dima Bilyarchyk, wie auch aus den vor kurzem veröffentlichten Statements zuerst von Dima und jüngst vom Südblock offensichtlich hervorgeht. Anfang Dezember postete Dima in den sozialen Medien mit der Headline "Kein Platz für Jüd*­innen in queeren Spaces", der Südblock habe die Party abgesagt – mit der Argumentation: "Also, einen Polizeiwagen vor unserer Tür hatten wir noch nie. Damit fühlen wir uns ein bisschen unwohl."

queer.de fragte sofort beim Südblock und bei Keshet nach

Bereits sehr kurz nach dem Posting fragte der Autor dieses Artikels am vorletzten Samstagnachmittag im Auftrag von queer.de beim Südblock ausführlich nach, ob etwa diese ihnen von einem Keshet-Mitglied unterstellen Äußerungen so wirklich gefallen seien und ob die Darstellungen im Posting stimmten, und fragte auch zeitgleich bei Keshet nach, ob sie diese Angaben sachlich bestätigen können. Trotz erneuter Nachfrage in den Tagen darauf äußerte der Südblock sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu konkreten Fragen der Planung, den Gründen der Absage und der Sicherheit. Nachdem es in der Woche einen Shitstorm in den sozialen Medien gab, äußerte der Südblock sich dann in einer öffentlichen und sehr allgemeinen Stellungnahme mit Datum vom Montag letzter Woche, der aber erst Mitte letzter Woche auf seiner Website veröffentlicht wurde.

Darin heißt es unter anderem, der Südblock sei "an einem Austausch interessiert, der die Heterogenität des Ortes spiegelt. Ein Schwerpunkt ist, progressive LGBTIQ*-, migrantische und inklusive Strukturen zu stützen – und sich gegenseitig zu empowern." Für eine "empowernde Veranstaltung" sei eine intensive Planung und Zusammenarbeit notwendig, die der Veranstaltung und dem Ort gerecht werden würden. "Für die Kommunikation und Organisation der Veranstaltung von Keshet e.V. gab es für uns zwei Ansprechpersonen. Mit einer der Personen gab es im Sommer ein Treffen im Südblock zur geplanten Veranstaltung am 9. Dezember. Weitere von uns gewünschte und mehrfach angefragte gemeinsame Präsenz-Treffen fanden nicht statt." Weiter heißt es: "Von dem unfassbaren Terroranschlag der Hamas auf die israelische Bevölkerung am 7. Oktober – und dem unfassbaren Leid der israelischen und palästinensischen Zivilbevölkerung – bleibt nichts unberührt, auch nicht am Kottbusser Tor. Die Bedrohung für jüdische Menschen hat sich durch antisemitische Angriffe in Berlin verstärkt, dessen sind wir uns bewusst."

Keshet äußerte sich trotz mehrfacher Nachfragen und der zu Beginn letzter Woche explizit kurzfristigen Ankündigung eines "offiziellen" Statements des Vereins gegenüber queer.de bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Es gab auch – soweit öffentlich bekannt – keine anderweitige Äußerung in den sozialen Medien oder gegenüber anderen Medien zu den Vorfällen.

Viele Widersprüche und Unklarheiten bleiben

Es bleiben also sehr viele Unklarheiten, was den tatsächlichen Ablauf der Planungen betrifft. Und es bleiben sehr viele Widersprüche. Das Einzige, das sachlich festgestellt werden kann, ist wohl, dass die vom Südblock nun im Nachhinein öffentlichen geäußerten Befürchtungen zur Sicherheitslage recht fragwürdig sind. Vor allem, da der Südblock in seinem Statement angibt, seine Räume nicht bloß zu vermieten, sondern ausdrücklich betont, selber als organisierender Veranstalter für andere Gruppen in seinen Räumen zu agieren: "Alle Menschen, die den Südblock kennen und hier Veranstaltungen durchgeführt haben wissen, dass wir uns mit den Veranstaltenden zusammensetzen und auch die Durchführung und Organisation miteinander entwickeln. Der Südblock ist kein Ort für Vermietungskonzepte im herkömmlichen Sinne, wo nur ein Veranstaltungsraum gebucht wird." Gerade deshalb ist ausdrücklich zu fragen, warum der Südblock nicht ganz einfach selber und von sich aus dieses in Rede stehende Sicherheitskonzept erarbeitete, anstatt das vermeintliche Fehlen eines solchen Keshet vorzuwerfen.

Unklarheiten – über Sicherheit

Ob und welche robusten, bewaffneten oder verdeckten Sicherheitsmaßnahmen von beiden Seiten wirklich oder überhaupt geplant waren, dazu gibt es keine öffentlichen Äußerungen oder Angaben von beiden Seiten. Auch, warum von Keshet es keine zeitnahe Kooperation diesbezüglich mit dem Südblock gab, wie der Südblock es nachvollziehbar darstellt, ist durchaus problematisch für die Planung einer solchen Veranstaltung. Welche Angaben von wem aber stimmen, ist unabhängig nicht zu überprüfen, zumal Keshet sich öffentlich als Verein nicht äußert. Der zuvor in dem Posting des Keshet-Mitglieds vorgebrachte Vorwurf, der Südblock möchte sich vermeintlich nicht in der Kreuzberger Szene unbeliebt machen, ist zumindest nicht auszuräumen, da auch der Südblock selber nun explizit und wörtlich von "dem Ort gerecht werden" spricht und: "Vielmehr sind wir an einem Austausch interessiert, der die Heterogenität des Ortes spiegelt." Sind Jüd*innen kein Teil dieser Heterogenität?

Die Chanukka-Party fand nun statt, an diesem Samstag im Sage Club. Der Ort musste zuvor geheimgehalten werden und die Gäste mussten sich vorher persönlich anmelden. Das geheime Leben müssen Jüd*innen übrigens in Deutschland nicht erst seit dem 7. Oktober leben – ein Zustand, der die deutsche Mehrheitsgesellschaft offenbar nicht wirklich empört.

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Unklarheiten – über Israel

Unverständlich ist auch, dass Südblock zwar der "israelischen Zivilbevölkerung" Mitgefühl ausspricht, nicht aber den etwa 300(!) Soldat*innen, die am 7. Oktober teils barbarisch abgeschlachtet, verbrannt oder enthauptet wurden. Unter ihnen waren sehr viele Wehrpflichtige im Grenzschutz ohne jegliche Kampf- oder gar operative Felderfahrung in einem Krieg. Viele von ihnen waren nicht einmal zwanzig Jahre alt. Eine sehr große Anzahl der Lynchmord- und der Entführungs-Opfer innerhalb der Verteidigungsstreitkräfte am 7. Oktober sind (sehr junge) Frauen und vermutlich auch queere Menschen. Die weitverbreiteten Vorbehalte, die es in Israel über den europäischen Antisemitismus schon vor dem 7. Oktober gab und die im Lande selbstverständlicher Teil fast jeder TV-Talkshow, fast jedes Alltagsgesprächs und fast jeder Comedy-Show sind, wurden nach dem 7. Oktober für viele wohl bestätigt.

-w-