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Sachbuch

Was Alice Schwarzer mit Trump und Orbán verbindet

In ihrem neuen Buch "Weißen Feminismus canceln" plädiert Sibel Schick für einen inklusiven Feminismus, der sich zu trans Frauen als Frauen bekennt und sich auf die Seite von Rassismus betroffenen Menschen stellt.


Sibel Schick, 1985 in Antalya geboren, ist freie Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Seit 2009 lebt sie in Deutschland, seit 2016 schreibt sie Texte über Feminismus, Rassismus und die Türkeipolitik (Bild: Cihan Cakmak)

Es ist sicherlich nicht verkehrt, sich einmal zu fragen, für wen und für was der Feminismus, wie er sich heute und hierzulande zu Wort meldet, eigentlich eintritt. Natürlich für Frauen und deren Gleichberechtigung, so die naheliegende Antwort. Für alle Frauen? Oder nur für bestimmte? Also für welche, bitte schön? Und im Ernst, warum nur für Frauen? Hatte nicht die Schwarze Feministin bell hooks schon immer gefordert, Feminismus sei für alle da? Richtig, nur schert das den weißen Feminismus und Radikalfeminismus nicht. Denn dort bleibt man gern unter sich. Eine exklusive Reinheitskultur steht da hoch im Kurs.

Genau das beschreibt und kritisiert die streitbare Journalistin und Autorin Sibel Schick in ihrem Buch "Weißen Feminismus canceln" (Amazon-Affiliate-Link ). Sie gibt sich wie immer direkt und angriffslustig, nimmt kein Blatt vor den Mund und stellt sich auf die Seite von Rassismus betroffenen Menschen, bekennt sich zu trans Frauen als Frauen und begreift Sexarbeit als Arbeit, bei der es – wie bei jeder Arbeit – um die Schaffung gerechter Arbeitsbedingungen gehe und gegen eine ausbeuterische Praxis. Schick will einen inklusiven Feminismus, will Gleichheit für alle. Wie dieser aussehen könnte, darum geht es in ihrem Buch – und so viel ist klar, es wird auf jeden Fall ein anderer sein, als der, den wir kennen.

Der Feminismus muss feministischer werden

Schick trifft in ihrer antikapitalistischen Haltung, ihrem Blick für Intersektionalität oft den Nerv unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme. Aber so ganz neu ist das alles nicht, wenn auch in den meisten Fällen richtig und gut beobachtet. Doch manchmal schießt die Autorin argumentativ übers Ziel hinaus oder schüttet bei aller berechtigten Kritik das Kind mit dem Bade aus, wie man so sagt.

Doch zur Sache: Was heißt es, wenn Sibel Schick fordert, Feminismus müsse feministischer werden? Sie geht dabei von der Einsicht aus, der weiße Feminismus schade vor allem den Verletzlichsten in unserer Gesellschaft. Sie kritisiert seine eklatante Einseitigkeit, weil er Männer nur als Unterdrücker und Frauen nur als Opfer beschreibt, und es nur wegen des Geschlechts Diskriminierung geben könne. Die gesellschaftlichen Hierarchien werden nicht als strukturelles Problem wahrgenommen, sondern lediglich als eine Struktur, in der es um Verteilung gehe. Deshalb bringt die Quotenregelung die Ungleichheit und den Sexismus nicht aus der Welt. Weißer Feminismus will vielmehr Teil des Systems sein: "Weißer Feminismus bezeichnet also die Bestrebungen für die gleichberechtigte Repräsentation und Teilhabe der Frauen in ausbeuterischen Systemen, ohne das Konzept 'Macht' in Frage zu stellen."

Zu den Verletzlichsten in unserer Gesellschaft rechnet Schick zum Beispiel trans Frauen und schlägt sich sogleich auf ihre Seite, indem sie dem Radikalfeminismus und allen TERFs zu Recht vorwirft, "gegen Rechte und Freiheiten von trans Personen zu kämpfen". Unerträglich die Stimmungsmache gegen das Selbstbestimmungsgesetz. Und hier spielt Alice Schwarzer und ihr Tante-Emma-Laden eine herausragende Rolle, deren Methode Schick so beschreibt: "Wer im Unrecht ist und die Kritik gegen sich diskreditieren möchte, muss eine laute und aggressive Schmutzkampagne führen – diese Methode ist nicht neu, wir kennen sie von rechtspopulistischen Tyrannen dieser Welt wie Trump, Orbán oder Erdoğan." Schick zitiert an dieser Stelle Hannah Arendt mit den Worten: "Die Trennungslinie zwischen Tatsachen und Meinungen zu verwischen ist eine der Formen der Lüge." Erschreckend ist nur, wie erfolgversprechend diese Form der Lüge ist, und auch, wie hier Feminismus buchstäblich zur Gewalt wird.

Inklusiv funktioniert in alle Richtungen


Sibel Schicks Buch "Weißen Feminismus canceln" ist im Verlag S. Fischer erschienen

Gelegentlich jedoch geht Schick mit ihren Schlussfolgerungen übers Ziel hinaus – so etwa, wenn sie beim Thema Migration behauptet, Staatsgrenzen seien "erfunden" worden, um sich vor stigmatisierten Migrant*­innen zu schützen. Oder wo es heißt: "Dass weiße Menschen mit der Arbeit Schwarzer Menschen reich werden, ist Kolonialismus." Denn der Kapitalismus beutet, wenn es um Gewinnmaximierung geht, alle Menschen aus. Ganz abgesehen davon, dass der Begriff Kolonialismus damit an definitorischer Genauigkeit verlöre wie auch seine Geschichtlichkeit.

Und wo sie das Kind mit dem Bade ausschüttet, da geht es bei Schick um Geschlecht. Es kann ja nicht um die Abschaffung von Geschlecht gehen, wie es in transfeindlichen Diskursen gerne behauptet wird, denn die Tatsache, dass es Geschlechtlichkeit gibt, muss keinen Menschen davon abhalten, sein ganz eigenes Selbstverständnis zu besitzen und seine Selbstwahrnehmung respektiert zu wissen. Binarität ist wirklich nicht das Problem, wenn sie nur inklusiv gedacht und gelebt werden kann. Und inklusiv funktioniert in alle Richtungen und ist das Gegenteil von Ausschluss. Wer will, kann das in meinem Essay "Außerhalb oder innerhalb der Binarität" nachlesen, weshalb ich es hier dabei bewenden lasse.

Schick stört das Bequemlichkeitsdenken

Vielleicht nur noch so viel: Wenn Schick sagt, sie könne ihr Frausein an nichts festmachen, würde ich ergänzen, ich könne auch nicht erklären, was Weiblichkeit ist, wisse aber als trans Frau sehr wohl, dass ich nichts anderes als mein Frausein lebe. Womit vielleicht zu erkennen ist, dass manches nur schwer zu erklären, aber umso leichter zu leben ist.

Und um zum Buch zurückzukehren: Schicks Provokationen haben ihre volle Berechtigung, weil sie das Bequemlichkeitsdenken stören. Die Frage ist nur, wer sich stören lässt. In diesem Sinne ein letztes Beispiel: Der Identitätspolitik wird oft vorgeworfen, sie würde die Gesellschaft spalten. Schick sieht das realistischer, denn in Wahrheit tun das ganz andere Minderheiten, nämlich die Superreichen und Rechtsextremen, die – anders als jene, an die der Vorwurf für gewöhnlich geht – keineswegs marginalisiert sind, sondern von Hause im Rampenlicht stehen.

Infos zum Buch

Sibel Schick: Weißen Feminismus canceln. Warum unser Feminismus feministischer werden muss. 256 Seiten. Verlag S. Fischer. Frankfurt 2023. Gebundene Ausgabe: 25 € ( ISBN 978-3-10-397549-9). E-Book: 19,99 €

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