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Sachbuch
Der Diversity-Duden kommt gerade zur richtigen Zeit
In "Vielfalt. Das andere Wörterbuch" aus dem Dudenverlag erklären 100 Autor*innen 100 Begriffe von "Ableismus" über "nicht binär" bis "Zionismus". Ein erster Schritt in die richtige Richtung, auch wenn wichtige Wörter fehlen.

"Vielfalt statt Einfalt": Zwei Frauen beim Berliner CSD (Bild: IMAGO / Raimund Müller)
- Von Corinna Saal
22. Dezember 2023, 11:43h 7 Min.
In Zeiten, in denen die Rechte (und zunehmend auch die Mitte) immer lauter schreit "Man darf ja nichts mehr sagen" und gleichzeitig aber ein sehr reales Genderverbot in Deutschland und Österreich um sich greift, bringt der Duden ein Vielfalt-Wörterbuch (Amazon-Affiliate-Link ) heraus. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, um hoffentlich möglichst viele Leute zu erreichen, erklären Autor*innen Begriffe rund zum Thema Diversity – Vielfalt.
Die Autor*innen und Expert*innen
Das Besondere daran: Diese Autor*innen kennen sich mit den Themen aus, da sie dazu arbeiten, es leben oder Aktivist*innen in dem Bereich sind. Die Autor*innen sind so vielfältig wie die Begriffe, die sie erläutern. So erklärt die Autorin, Speakerin und Sensitivity Readerin Anna Mendel den Begriff "Bodyneutrality" – etwas, von dem sie in einem Insta-Post schreibt: "So hat mich Bodyneutrality (mein Körper darf alles sein, muss er aber nicht) auch hin zu einem völlig anderen Menschenbild gebracht."
Ash, eine aktivistische trans Person, die schreibend und auf Instagram über Ableismus, Sexualität, Geschlechterthemen und Feminismus aufklärt, hat in "Vielfalt. Das andere Wörterbuch" einen Beitrag über die Abkürzung "FLINTA" beigesteuert.
Und der Inklusionsaktivist und Medienmacher Raúl Krauthausen erklärt, was hinter dem Wort "Befriedungsverbrechen" steckt.
Warum einen Vielfalts-Duden?
Damit leistet der Duden etwas, was in einer Gesellschaft, die zunehmend nach rechts rückt, in der aber auch die Stimmen von Minderheiten dank Social Media stetig lauter werden, bitter nötig ist: Aufklärungsarbeit. Viele Menschen fühlen sich von Worten wie "Femizid", "Rassismus" oder "Wokeness" bedroht. Sicherlich: Sich an die eigene Nase zu packen, ist schmerzhaft. Es ist aber ein unumgänglicher Prozess, wenn wir jemals in einer gerechten Welt leben wollen.
Die Leute müssen aufhören, sich persönlich angegriffen zu fühlen, wenn ihnen gespiegelt wird, dass ihre Aussage gerade queerfeindlich, misogyn oder rassistisch war, und müssen sich vor Augen führen, dass wir in einem System leben, welches das Wohl weniger auf der Ausbeutung der vielen aufbaut. Und dass Minderheiten zu den Sündenböcken erklärt werden, um der breiten Masse einen Grund für ihre miserable Lage zu geben. Wir leben in einem kapitalistischen Patriarchat. Und nein, es wurde nicht mit geflüchteten Menschen nach Deutschland gebracht. Es war seit Tausenden von Jahren schon hier und wird seit langer Zeit tatkräftig vom Kapitalismus unterstützt.
Übrigens beides Begriffe, die im Vielfalt-Duden nicht vorkommen. Vielleicht, da sie alles tun, um diese Vielfalt zu unterdrücken? Doch sie sind nicht die einzigen Wörter, deren Abwesenheit mir beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses ins Auge sticht. Während Tilmann Warnecke das Wort "schwul" erklärt, Johannes Kram "queer" und Anne Wizorek "Bisexualität" scheint sich niemand gefunden zu haben, um den Begriff "lesbisch" zu erläutern. Als queere (nicht lesbische, aber pansexuelle) Frau muss ich mich fragen, was da schiefgelaufen ist.
Das L in FLINTA

"Vielfalt. Das andere Wörterbuch" ist im Dezember 2023 im Dudenverlag erschienen
Sicher, "lesbisch" steckt auch in der Abkürzung "FLINTA". Doch warum wird schwulen Männern* hier wieder ein eigener Eintrag gewidmet, nicht aber lesbischen Frauen*? Warum werden lesbische Frauen* hier wieder um ihre Repräsentation gebracht? Noch dazu in einem so wichtigen Werk, das möglichst viele Menschen aufklären soll.
Lesben stecken als einzige sexuelle Orientierung in dem FLINTA, weil Lesben maßgeblich an den Kämpfen der feministischen Bewegung beteiligt waren. Gleichzeitig wurden sie aber wegen Homophobie und Queerfeindlichkeit aus feministischen Räumen ausgeschlossen. Außerdem soll das "L" darauf hinweisen, dass Lesbischsein nicht nur eine sexuelle Orientierung ist, sondern eben auch eine Identität. Und zwar retrospektiv und in einer Gesellschaft, in der Männer begehren (aktiv) und Frauen begehrt wurden (passiv). Lesben verstießen als begehrende Wesen, die noch dazu nicht Männer, sondern Frauen begehrten gegen diese Norm. Das macht Lesbischsein zu einer eigenen Identität.
Lesben widersetzen sich also seit jeher der Norm, dass Liebe und Sexualität mit cis Männern das Frausein definiert. Das zeigt sich heute mehr denn je, da nicht nur frauenliebende cis Frauen als lesbisch gelten, sondern auch nicht-binäre oder inter Personen sich als lesbisch identifizieren können.
Lesben und der Male Gaze
Noch bedenklicher wird diese Lücke übrigens, wenn frau einen Blick in die heutige Gesellschaft wirft. Wie werden Lesben vom Mainstream wahrgenommen? Hauptsächlich durch den Male Gaze. Personen, die in der Öffentlichkeit als Lesben wahrgenommen werden, dürfen sich regelmäßig mit Aussagen wie "Das ist ja nur eine Phase" oder "Die hat nur noch nicht den richtigen Mann gefunden" rumschlagen. Lesben und ihre Liebe wurden und werden schon immer im Vergleich zu anderen queeren Personen als harmlos empfunden, da sie angeblich die Geschlechternorm nicht hinterfragen. Der Mainstream dürfte bei dem Begriff "Lesbe" an Sex zwischen Frauen denken, wie er in heteronormativen Pornos für den Male Gaze stattfindet. Hetero Männer sehen Lesben als Mittel an, um ihre eigene Lust zu fördern. Die Lust, die Frauen für Frauen empfinden, spielt dabei keine Rolle. Diese würde das Narrativ, dass Frauen nur ein Objekt männlicher Begierde sind ja hinterfragen.
Die berühmteste Lesbe liebt einen Mann
Schon der berühmtesten Lesbe der Antike, wenn nicht aller Zeiten, wurde ihre lesbische Sexualität abgesprochen: Sappho. Obwohl sie in ihren Werken immer wieder ihre Liebe zu Frauen und zu Männern ausdrückt, wird das Narrativ über sie in späteren Jahrhunderten immer wieder geändert. So schreibt der römische Dichter Ovid in seinen "Heroides. Briefe der Heroinen" in dem Gedicht "Sappho an Phaon" zwar von Sapphos Gefühlen für Frauen und für Männer. Doch gibt Sappho in dem Gedicht ihre einstige Liebe für Frauen auf, als sie den mythologischen Fährmann Phaon trifft und sich in diesen verliebt. Hier ändert ein mächtiger Mann, dem bis heute zugehört wird, bewusst das Narrativ und lässt Sappho zu einer Frau werden, die ihr Lesbischsein abtritt, sobald der "richtige" Mann für sie auftaucht.
Im 19. Jahrhundert gehen europäische Gelehrte noch weiter und versuchen Sappho ihre lesbische Identität zur Gänze abzusprechen. In ihrer Rolle als Schuldirektorin und Lehrerin ist sie umgeben von jungen Frauen, doch ihre Liebe zu ihnen wird auf eine platonische Ebene heruntergespielt. Die Liebe der Frauen untereinander dem jugendlichen Alter zugeschrieben, denn "sie müssen sich ja erstmal ausleben".
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Das Fazit
All dies und mehr hätte im Vielfalt-Duden stehen können, um auch für lesbische Repräsentation zu sorgen. Das Wörterbuch verpasst es, über Lesbischsein aufzuklären und dem gefährlichen Mainstreamdenken entgegenzuwirken. Sicherlich ist "lesbisch" auch nicht das einzige Wort, das fehlt. Schließlich gibt es auch keinen Eintrag zu "Feminismus", zwar zu "trans*" aber nicht zu "cis" oder zu "Asexualität". Doch das "lesbisch" sticht einfach besonders ins Auge, da "schwul" und "Bisexualität" erklärt werden und die Begriffe für mich auf einer Ebene stehen. Ein Versäumnis, das hoffentlich in der nächsten Ausgabe nachgeholt wird.
Und als pansexuelle Frau würde ich mich besonders freuen, wenn auch dieser Begriff noch Einzug finden würde. Ich würde da auch eine geeignete Autorin kennen…
Alles in allem muss ich aber sagen, dass ich froh bin, dass es den Vielfalt-Duden jetzt gibt und er allein durch sein Bestehen und in seinem Vorwort darauf aufmerksam macht, welche Macht Sprache hat und wie wir alle uns in unserem Sprachgebrauch sensibilisieren können, um nicht mehr zu diskriminieren. Ein Umdenken, das es schon lange braucht und niemanden die Sprache verbieten, sondern eine Sprache fördern will, die niemanden verletzt und alle inkludiert. "Vielfalt. Das andere Wörterbuch" ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jetzt müssen weitere folgen.
Duden: Vielfalt. Das andere Wörterbuch. 100 Wörter – 100 Menschen – 100 Beiträge. 272 Seiten. Dudenverlag. Berlin 2023. Taschenbuch: 28 € (ISBN 978-3-41175-601-8)
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