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Jahresrückblick, Teil I

Die wichtigsten queeren Filme 2023

Das Jahr 2023 war ein besonders gutes und vielfältiges für das Queer Cinema. Wir erinnern an 17 herausragende Kinostarts.


Erfolgreichste Romcoms von Amazon Prime Video: Szene aus "Royal Blue" (Bild: Prime Video)

Die Zeiten, in denen man Filme mit dezidiert queeren Geschichten und Figuren mit der Lupe suchen musste, sind lange vorbei. Im Gegenteil: Auch 2023 ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Liste der wichtigsten Filme mit LGBTI-Bezug, die entweder im Kino oder als Streaming-Premiere zu sehen waren, auf bloß 17 zu beschränken (eigentlich sollten es nur 10 werden, dann 15…). Und das, obwohl wir von der fantastischen Doku "Kokomo City" über Almodóvars Gay-Western "Strange Way of Life" bis hin zum gelungenen Trans-Drama "Mutt" alle Filme, die in Deutschland noch gar nicht gestartet sind, ohnehin weglassen.

Passages

Im neuesten Film des schwulen New Yorker Regisseurs Ira Sachs betrügt ein Filmemacher seinen Ehemann mit einer Frau und beginnt ein Verhältnis mit ihr. Daraus entspinnt sich ein Drama, das weniger allgemein etwas über Bisexualität erzählt als über Egoismus und narzisstisches Künstlerdasein, über Begierde und nicht zuletzt Einsamkeit. Franz Rogowski, Ben Whishaw und Adèle Exarchopoulos machen "Passages" zum Ereignis – und eine Sexszene zwischen den beiden Männern gehört zu den heißesten, die es je in einem Spielfilm zu sehen gab.
"Passages": Die Aidskrise hat angerufen und möchte ihre Bisexuellen-Stereotype zurück (02.09.2023)

Tár

Zu den großen Ungerechtigkeiten des Jahres 2023 gehört es, dass dieses Meisterwerk von Regisseur Todd Field keinen einzigen Oscar erhalten hat. Keine Schauspielerin war in diesem Jahr besser als Cate Blanchett als Promi-Dirigentin, die sich zwischen Ruhm und patriarchal-konservativen Machtstrukturen verfängt und mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert sieht. Nina Hoss als ihre Frau ist kaum weniger preisverdächtig. Und fast so spannend wie "Tár" selbst waren die Reaktionen darauf, weil sich nicht wenige im Publikum von der unsympathischen Protagonistin, ihrem Verhalten und ihren Einstellungen ordentlich herausgefordert sahen.
Ein lesbisches Monster der Selbstsucht mit Charisma (28.02.2023)

Anatomie eines Falls


Sandra Hüller als bisexuelle Autorin unter Mordverdacht in "Anatomie eines Falls"(Bild: Plaion Pictures)

Nach "Tár" und "Passages" der dritte herausragende Film in diesem Jahr, in dem eine queere Person im Mittelpunkt steht, die alles andere als eine einnehmende, makellose Sympathieträger*in ist. Sandra Hüller brilliert als bisexuelle Schriftstellerin, die sich unter Mordverdacht vor Gericht wiederfindet, als ihr Ehemann unter ungeklärten Umständen bei einem Fenstersturz zu Tode kommt. Die Queerness der Protagonistin spielt bei all dem eine untergeordnete Rolle, doch gerade diese Selbstverständlichkeit ist in diesem von der Französin Justine Triet bezwingend inszenierten und geschriebenen Film besonders erfreulich.
Hat die bisexuelle Sandra ihren Mann umgebracht? (29.10.2023)

All the Beauty and the Bloodshed

Dieser Dokumentarfilm der lesbischen Regisseurin Laura Poitras, großer Gewinner bei den Filmfestspielen in Venedig 2022, ist gleichzeitig ein Porträt der Ausnahme-Fotografin Nan Goldin wie auch ein Blick auf deren hartnäckigen Kampf gegen das Pharmaunternehmen der Familie Sackler, das eine erhebliche Mitschuld an der Opiodkrise in den USA trägt. Die Verknüpfung von Kunst und Aktivismus gelingt dabei auf mehreren Ebenen ganz exzellent, und nicht nur die teilweise sehr intimen Einblicke in die Biografie der bisexuellen Goldin berühren. Auch der Rückblick auf ihre künstlerische Trauerarbeit in den Hochzeiten von Aids geht bis heute ans Eingemachte.
Kampf, Kunst und Zärtlichkeit: Herausragendes Nan-Goldin-Porträt jetzt im Kino (24.05.2023)

Close

Léo und Remi sind beste Freunde. Dann fragt die beiden Teenager jemand, ob sie ein Paar seien – eine Frage, die alles auf den Kopf stellt. Mit "Close" des belgischen Filmemachers Lukas Dhont kam gleich zum Jahresbeginn 2023 ein schmerzhaftes Drama über Freundschaft und verinnerlichte Homophobie in die Kinos. In Belgien war "Close" mit über 200.000 Zuschauer*innen der erfolgreichste Film 2022, in Deutschland lockte er mehr als 80.000 Menschen in die Kinos und war unter anderem als belgischer Oscar-Kandidat für den besten internationalen Film nominiert und konnte mehrere internationale Preise einheimsen, darunter den Großen Preis der Jury in Cannes und zuletzt den LUX-Publikumspreis 2023 des Europäischen Parlaments.
"Close": Für solche Filme ist Kino gemacht! (26.01.2023)

Royal Blue

Keine Frage: Als tiefgründige, komplexe Filmkunst geht diese Romanverfilmung nicht durch. Vielmehr ist die ordentlich dick aufgetragene Liebesgeschichte zwischen dem britischen Prinzen Henry und dem US-amerikanischen Präsidentinnen-Sohn Alex federleichte Massenunterhaltung und eine klassische RomCom. Aber warum sollte man sich über eine flotte, sympathische Feelgood-Geschichte beschweren, in der nicht nur die Chemie zwischen den attraktiven Schönlingen in den Hauptrollen stimmt, sondern es auch noch ziemlich viel um schwulen Sex geht?
Warum ich von "Royal Blue" enttäuscht bin (10.08.2023)

Der Gymnasiast

Auf das französische Kino war in Sachen queerer Geschichten, die publikumswirksam abseits der Nische erzählt werden, wieder einmal Verlass. Christoph Honoré erzählt, autobiografisch inspiriert, eine sehr ungeschönte und intime Coming-of-Age-Geschichte zwischen Trauerverarbeitung und sexueller Exploration. Hauptdarsteller Paul Kircher ist eine fantastische Entdeckung – und Nebendarsteller Erwan Kepoa Falé, der auch in "Passages" mitspielt, sollte man sich ebenfalls merken. Und wo wir gerade bei Filmen aus Frankreich sind: Auch die Romanverfilmung "Hör auf zu lügen" durch den schwulen Regisseur Olivier Peyon erwies sich als überaus gelungen.
Das Hoffen auf Liebe inmitten der Trauer (05.03.2023)

Drifter


"Drifter" zeigt Lust in der queeren Sub- und Berliner Clubkultur (Bild: Salzgeber)

Eines der aufregendsten und frischesten Regie-Debüts des Jahres kam 2023 ausgerechnet aus Deutschland. "Drifter" ist die Geschichte eines jungen queeren Mannes, den die Liebe nach Berlin bringt, wo er dann aber – inmitten des Party- und Nachtlebens mit all seinen Möglichkeiten – erst einmal bei sich selbst ankommen muss. Regisseur Hannes Hirsch, Ko-Autor*in River Matzke und Hauptdarsteller Lorenz Hochhut empfehlen sich allesamt für mehr – und dürfen definitiv als großes Versprechen für das deutschsprachige Kino gelten. Was im Übrigen auch für den Österreicher David Wagner und den Schweizer Valentin Merz gilt, deren Filme "Eismayer" bzw. "Nachtkatzen" ebenfalls echte queere Kino-Highlights waren.
Kinotipp "Drifter": Junge Körper on the go (03.10.2023)

Rustin

Beim Streamingdienst Netflix setzte man in diesem Jahr gleich mehrfach auf queere Protagonist*innen, wenn es um prestigeträchtige Biopics mit Oscar-Ambitionen ging. Statt Bradley Coopers "Maestro" über Leonard Bernstein oder "Nyad" mit Annette Bening als lesbischer Extremschwimmerin empfehlen wir an dieser Stelle lieber "Rustin", die Geschichte des schwulen Schwarzen Bürgerrechtlers Bayard Rustin, der zu den Organisatoren des Marsches auf Washington gehörte. Ganz einfach, weil dessen Biografie – wenn auch konventionell erzählt – besonders eindrucksvoll ist. Und weil mit Regisseur George C. Wolfe und Hauptdarsteller Colman Domingo gleich zwei schwule Männer verantwortlich zeichneten.
Der vergessene Schwule neben Martin Luther King (30.08.2023)

Joyland


Queerer Pionierfilm aus Pakistan: "Joyland" (Bild: filmperlen)

Der pakistanische Regiedebütant Saim Sadiq erzählt in "Joyland" eine Familiengeschichte, in deren Zentrum ein junger Mann (fantastisch: Ali Junejo) steht, der heimlich einen Job als Tänzer in einem erotischen Varieté annimmt und sich dort in die trans Performerin Biba (Alina Khan) verliebt. Ein erstaunlicher Film, dessen revolutionäre Kraft auf sehr leisen Sohlen daherkommt und der vom Ringen mit familiären Erwartungen, klassischer Rollenverteilung und gängigen Männlichkeitsbildern erzählt. Dass es zwischen den beiden auch zum Kuss kommt, hatte zur Folge, dass "Joyland" in Teilen von Pakistan bis heute nicht gezeigt werden darf.
Queerer Pionierfilm, Ausnahmeerfolg – und von der Regierung verboten (08.11.2023)

Burning Days

Zu den besonderen Kinostarts in diesem Jahr gehörte auch ein queeres Politdrama aus der Türkei. In einer Mischung aus scharfer Gesellschaftskritik und erotischem Thriller thematisiert Emin Alper in seinem düsterem Spielfilm "Burning Days" Korruption, Gewalt und Homofeindlichkeit in der türkischen Provinz. Das gefiel der Regierung von Recep Tayyip Erdogan natürlich überhaupt nicht: Nachdem das Drama in Cannes für die "Queer Palm" nominiert wurde, verlangte das Kulturministerium die Fördermittel zurück. Damit wurde "Burning Days" in der Türkei aber erst recht zum Kultfilm. Insgesamt räumt der Politthriller acht türkische Filmpreise ab.
Queerer Thriller aus der Türkei: Was "Burning Days" so faszinierend macht (27.09.2023)

Bottoms

Schon mit "Shiva Baby" empfahl sich die bisexuelle Regisseurin Emma Seligman als neue Komödienmeisterin im US-Independent-Kino, nun setzt sie mit "Bottoms" sogar noch einen drauf. Die Geschichte über zwei lesbische Schülerinnen, die endlich mal Sex haben wollen und an die sexy Cheerleaderinnen ihrer High School heranzukommen versuchen, ist herrlich schräg und umwerfend komisch. Die beiden Hauptdarstellerinnen Ayo Edebiri ("The Bear") und Rachel Sennott sind eine Wucht, und Nicholas Galitzine aus "Royal Blue" ist auch mit dabei. Dass der Film in Deutschland nie in die Kinos kam, ist eine Frechheit – und gilt leider auch für die ebenfalls wunderbar queeren und witzigen Komödien "Theater Camp" und "Rotting in the Sun".

Life Is Not A Competition But I'm Winning

Der erste lange Dokumentarfilm der queer-feministischen Filmemacher*in Julia Fuhr Mann hat nicht nur den tollsten Titel des Jahres, sondern ist auch sonst eine fantastische Entdeckung. Fuhr Mann nimmt sich die Welt des (Profi-)Sports unter die Lupe und zeichnet anhand von Erfahrungsberichten, historischem Material und Spielszenen ein vielschichtiges Bild davon, was es heißt, eben dort nicht zur weißen, männlichen hetero cis Mehrheit zu gehören. Starkes Thema, stark umgesetzt. Was übrigens auch für den Dokumentarfilm "Anhell69" des Kolumbianers Theo Montoya gilt.
Eine queere Utopie des Sports (27.09.2023)

Blue Jean


Wichtiges queeres Historienkino: "Blue Jean" speilt im Großbritannien der Thatcher-Ära (Bild: Salzgeber)

2023 war ohne Frage auch das Jahr, in dem britische Erstlingsregisseurinnen einen Knaller nach dem nächsten rausgehauen haben. Zu den erstaunlichen Entdeckungen gehörte neben Raine Allen-Millers wunderbarer Komödie "Rye Lane" oder dem eindringlichen Drama "How to Have Sex" der queeren Filmemacherin Molly Manning Walker auf jeden Fall auch "Blue Jean". Die lesbische Regisseurin Georgia Oakley erzählt von einer Sportlehrerin, die 1998 in Newcastle im Job ihre Homosexualität verstecken muss, was umso schwerer wird, als sie eine Schülerin in einer Lesben-Bar trifft. Klug und emotional glaubwürdig erzählt und thematisch unerwartet relevant, außerdem überzeugt Newcomer Rosy McEwen in der Hauptrolle.
Was reaktionäre Politik mit queeren Menschen macht (08.10.2023)

Cassandro

Nichts gegen Zac Efron, Harris Dickinson und Jeremy Allen White, die aktuell in "The Iron Claw" auf der Matte stehen. Aber der noch spannendere Wrestling-Film in diesem Jahr war "Cassandro", die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte des schwulen Wrestlers Saúl Armendáriz. Verpackt als Feelgood-Erfolgserzählung entpuppt sich das Biopic von Roger Ross Williams mit dem exzellenten Gael Garcia Bernal in der Hauptrolle als feinsinnige und souverän erzählte Geschichte der Selbstermächtigung, in der so manches Männlichkeits-Stereotyp hinterfragt wird
Warum "Cassandro" einer der schönsten queeren Filme des Jahres ist (25.09.2023)

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L'immensità – Meine fantastische Mutter

Gleich zwei Filme widmeten sich in diesem Sommer nuanciert und berührend Kindern, die mit ihrer Geschlechteridentität ringen. Während die baskische Regisseurin Estibaliz Urresola in "20.000 Arten von Bienen" von der kleinen Coco (Sofía Otero, auf der Berlinale ausgezeichnet) erzählt, die nicht nur auf der Suche nach einem neuen Namen ist, geht es in "L'immensità – Meine fantastische Mutter" um den 12-jährigen Adri (Luana Giuliani), der im Rom der 1970er Jahre nicht mehr das Mädchen sein möchte, das seine Eltern in ihm sehen. Penélope Cruz als ihrerseits unfreie Mutter ist hinreißend. Doch eindrucksvoll ist der Film nicht zuletzt als autobiografische Coming-out-Geschichte des Regisseurs Emanuele Crialese.
Penélope Cruz als starke Mutter eines trans Jungen (27.07.2023)

Nimona

Jawohl, auch das gab es 2023: einen dezidiert queeren Animationsfilm. "Nimona" basiert auf der gleichnamigen Graphic Novel der nonbinären Comic-Zeichner*in ND Stevenson und wurde von Nick Bruno und Troy Quane inszeniert, die auch schon an Filmen wie "Ice Age 5" oder "Hotel Transilvanien" beteiligt waren. Visuell ist der in vielfacher Hinsicht queer lesbare Film ohne Frage gelungen, aber noch origineller ist die Story: Titelheldin Nimona fühlt sich als einzige Gestaltwandlerin weit und weit als Außenseiterin und sucht Anschluss ausgerechnet beim schwulen (vermeintlichen) Bösewicht Ballister! Auch anderswo gab's übrigens Genre-Geschichten mit LGBTI-Twist, wie etwa der vom schwulen Autor Michael Kennedy geschriebene Teenie-Genre-Slasher "It's Wonderful Knife" beweist.
Eine Gestaltwandlerin mit Hang zum Chaos (27.06.2023)

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