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Jaguar Studio
Schwules Selbstbewusstsein in Pornofilmen nach Stonewall
Jaguar in Los Angeles gehörte zu den ersten Studios, die nach dem Erstarken der Gay Liberation Movement schwule Pornos fürs Kino produzierten. Diese Streifen transportierten ein eindrucksvoll offenes Selbstwertgefühl.

"Jaguar Productions" lieferte ab 1971 zahlreiche Pornos in Spielfilmlänge mit auffallend emanzipatorischem Anspruch: Screenshot aus "The Experiment" (1973)
- Von Martin Pozsgai
24. Dezember 2023, 03:05h 8 Min.
Das Jaguar Studio wurde im Sommer 1971 von Monroe Beehler in Los Angeles gegründet. "Come of Age" hieß seine erste Produktion in Spielfilmlänge, die damals in die in den Großstädten neu entstandenen Pornokinos kam. Für die Regie des Films konnte es Pat Rocco gewinnen, der zuvor schon mit Softcore-8mm-Streifen bekannt geworden war. Zu einer Zeit, als Pornografie in den USA und in Europa gerade erst freigegeben wurde, existierten für deren filmische Gestaltung keine wirklichen Erfahrungswerte, die die Produzenten hätten leiten oder auf denen man hätte aufbauen können. Umso auffälliger ist es, dass diese ersten Filme starke Einstellungen und Szenen enthalten, in denen deutlich schwules Selbstbewusstsein zum Ausdruck kommt. Es ist naheliegend, dass dieses nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Stonewall-Bewegung die Konsumenten entsprechend animieren, wenn nicht sogar stärken sollte.
"Come of Age" (1971), Regie: Brad Kingston alias Pat Rocco
Als junger Mann vom Lande kommt Ron Durango von Nebraska nach Los Angeles, um sich Arbeit zu suchen. Auf den Straßen Hollywoods stößt er auf Mark Taylor, der ihm nicht nur die Vermittlung eines Jobs, sondern auch eine schöne Wochenendtour in seine Berghütte anbietet. Vor der Abfahrt duschen sie aus Zeitgründen noch gemeinsam in Marks Wohnung, wobei dieser bewundernd feststellt, dass Ron einen "groovy", also einen attraktiven Körper habe. Im Gespräch stellt sich heraus, dass der Landjunge als Anhalter schon einmal einen geblasen bekam und das rückblickend "nice" gefunden hat. Mark ergreift die Chance und bietet einen weiteren Blowjob an. Bei diesem unter der Brause wird es dann nicht bleiben, auch am Abend in der Hütte vor dem Kaminfeuer und am nächsten Tag beim Wandern durch die steinige Berglandschaft vergnügen sie sich.

Kuscheln am Kaminfeuer: Screenshot aus "Come of Age" (1971)
Die Romantik des Küssens und Streichelns vor dem Kaminfeuer, die den Sex ergänzt, wie auch die Szenen am nächsten Morgen, die sie erst eng umschlungen gemeinsam im Bett schlafend zeigen und sie sodann händchenhaltend in freier Landschaft sich bei einer Umarmung ihre Zuneigung gestehen lassen ("I like you", "I like you, too"), unterstreicht die entstehende Beziehung zwischen ihnen. An ihr ist im weiteren Verlauf des Films selbst dann kein Zweifel, als beide zunächst dem schwulen Pärchen Tom Winston und Ralph Martin in der sonnigen Umgebung beim Sex zuschauen und schließlich mit diesem einen Vierer in Marks Hütte genießen.
Auch nachdem sie, zurück in Hollywood, das Pärchen kurz darauf im nun gemeinsamen Heim empfangen und in ihrem Schlafzimmer erneut zu viert intensiv Spaß haben, ist ihre Freundschaft ungebrochen. Ron gesteht Mark: "I've come of age", danach springen sie händchenhaltend eine Allee hinunter, wie ein frisch verliebtes Paar, und küssen sich engumschlungen auf der Straße, exakt in der Bildmitte des Schlussbildes, zum Happy End. Auf diese Weise demonstriert der Film "eine spannende und zugleich selbstverständliche Haltung gegenüber schwuler Partnerschaft", wie Kevin Clarke im Buch "Porn from Andy Warhol to X-Tube" (S. 94) festhält. Dass dieser Erstlingsfilm von Pat Rocco in Bezug auf schwules Selbstbewusstsein kein Einzelfall war, bestätigt der Blick in weitere Jaguar-Produktionen.
"Blue Summer Breeze" (1972), Regie: Barry Knight alias Brian King
Der Protagonist des Films "Blue Summer Breeze", Jim Mayer, entdeckt bei einem Ausflug in die Landschaft zwei Burschen (Wes Green und Eric Kahnler) beim Sex und beobachtet sie so auffallend neugierig, dass sie ihn schließlich ansprechen und mit sich zu einer Ferienhütte nehmen, wo sich ihr Kumpel Don Muir aufhält. Schließlich kommt noch Burt Edwards in die Hütte, der den Protagonisten auf einen Spaziergang einlädt. Bei einer Rast während dieses Streifzugs wird Jim plötzlich nachdenklich und – so beginnt die Coming-out-Szene innerhalb des Dialogs – fragt Burt: "You are ..., aren't you?", worauf der antwortet: "If you think, that I'm gay – you're right! Doesn't bother you?". Jim meint darauf: "It's just, äh, I've never seen this kind of people before." Nach anfänglichem Zögern gibt sich Jim den zärtlichen Berührungen von Burt und damit seinen frisch erwachten Gefühlen hin. Der sich schließlich ergebende Sex führt bis zum Abspritzen, mit ihren Geschlechtsteilen in Großaufnahme.

Vorübergehender Abschied nach frisch erwachten Gefühlen: Screenshot aus "Blue Summer Breeze" (1972)
Sodann kehrt Jim alleine in die Hütte zurück, wo ihn Don am Feuer sitzend mit Zärtlichkeiten zu Analverkehr verführt, dem erschöpft wiederum zahllose Küsse folgen. Danach brechen alle fünf Jungs zum nahegelegenen See auf und besteigen Motorboote; sie fahren längere Zeit auf dem Wasser und landen schließlich auf einer Insel. Dort kommen sich Jim und Burt romantisch küssend unter einem Baum erneut näher. Sie reiben sich ihre erigierten Schwänze aneinander, bevor es dann liegend zur Sache geht. Am Ende sinniert Jim lange in der Pose des Jünglings von Flandrin und wendet sich dann zu Burt. Er sagt ihm bedeutungsvoll, dass er jetzt zwar gehen müsse, dass er aber danach definitiv wieder zu ihm zurückkäme. Es ist die Ehrlichkeit der Geschichte und es sind die authentischen Schauspieler, die diesen Film 1972 zu großem Erfolg führten.
"The Experiment" (1973), Regie: Gorton Hall
Sind die beiden bisherigen Streifen entsprechend ihrem Inhalt und Dialog recht schnell erzählt, so ist der dritte Film von ausgewählt intensiver Dramaturgie. "The Experiment" beginnt damit, dass Mike Stevens als Billy Joe ins Bild tritt und auf eine "Standard"-Tankstelle zugeht, in der sein Vater arbeitet, gespielt vom Regisseur Gorton Hall. Eine Off-Stimme sagt seine Gedanken: "I'll never forget that summer, that restless summer, when I found out who I was. And that long, endless walk to tell my father what I'd learned." Und weiter: "When did it start? How do these things ever start? I don't even remember whose idea it was, mine or Gary Lee's. I only remember that it was just an experiment."
Soweit die Vorausblende. Der besagte "restless summer" beginnt damit, dass Billy Joe und Gary Lee, sein bester Freund, mit dem er Tag und Nacht herumstreunt, "ein Experiment" im Sinn haben. Sie brauchen dazu jede Menge Bier in Dosen, sonst ist ihre Hemmung zu groß. In einer Wellblechhütte diskutieren sie auf einer Matratze am Boden, wer bei ihrem Experiment als erstes beginnen soll. Billys Hand ist es schließlich, die sich Garys ausgestrecktem Bein nähert und – der Zuschauer fühlt die erste Berührung regelrecht elektrisiert mit – es zu streicheln beginnt. Seine Hand schiebt sich bis zu Garys Schritt vor. Dieser Moment, diese filmische Einstellung, ist sehr anmutig und zugleich äußert sinnlich.
Dann schreckt Billy zurück, doch sein Gegenüber lässt sich überraschenderweise rücklings auf die Matratze fallen und beginnt, sich stöhnend in Vorfreude zu räkeln. Indem Gary seinen Fuß unter das Bein des am Bettrand sitzenden Billy streckt und dessen in der Unterhose eingepackten Schwanz mit den Zehen zu streicheln beginnt, signalisiert er seine Bereitschaft zum Vorspiel. Schließlich zieht Gary dem mit einer sichtbaren Erektion vor ihm stehenden Billy die Hose runter, sodass der Ständer herausschnellt, und er beginnt ihn zu blasen. Der nicht nur überraschte, sondern sichtlich erfreute Billy stöhnt dabei: "Oh, Gary!". Danach vergnügen sie sich blasend in 69er-Stellung. Am Ende haben sie beim Petting nacheinander einen Orgasmus, erst Gary, dann Billy, dazwischen wird immer kräftig geknutscht.

"Oh, Gary!": Screenshot aus "The Experiment" (1973)
Nachdem ihn Gary in der Nacht in einer dramaturgischen Wendung halbschlafend weggestoßen hat, beschließt Billy abzuhauen. Zuhause packt er seine Reisetasche, wirkt dabei zweifelnd und sagt immer wieder zu sich: "I'm alright". Die nächste Szene zeigt Billy in einem Hotel. Wie im Traum sitzt plötzlich in seinem Hotelzimmer ein anderer Hotelgast mit Anzug und Krawatte. Billy legt sich aufs Bett und der attraktive, muskulöse Fremde (Jimmy Hughes) kommt zu ihm. Er beginnt ihn zu streicheln und zieht sich dann nackt aus. Es wird wieder mit Freude geblasen, außerdem gibt es Rimming, und schließlich befriedigt Billy den Fremden sogar anal, bevor es zum feuchten Höhepunkt kommt. In den nächsten Filmsequenzen schließen sich weitere erotische Eskapaden für Billy an, darunter ein Vierer in Los Angeles.
Unterdessen ist sich Gary bewusst geworden, dass er sich erotisch zu Billy hingezogen fühlt. "I would do it again", sagt er, und macht sich reuevoll auf die Suche nach seinem Freund. Während der Suche begegnen ihm ebenfalls sexuelle Abenteuer, etwa mit dem Touristen Robert Weaver. Doch trotz des sichtlichen Vergnügens sehnt Gary sich zurück: "Damned, Billy, why don't you come back where you belong?!" Der so angesprochene hat sich unterdessen auf den Weg zurück in die Heimat gemacht. Die Szene vom Anfang wiederholt sich und in der Tankstelle eröffnet der Sohn seinem Vater: "Pa, I'm a homosexual, Pa." Dann der Vater: "I know that. Look, Billy Joe, your mother, God bless her, she knew a lot of things. One day she said to me: 'Some day, I won't be around, Billy Joe's gonna find out some things about himself.' 'What am I supposed to do?' She says: 'You gotta love him.' And I said: 'What hell! There ain't no problem, I already love him.'" Es ist diese Inszenierung der Akzeptanz eines Vaters für seinen schwulen Sohn, die 1973 durch die Rezensenten als bahnbrechend gefeiert wurde.
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Dann schickt ihn der Vater los, Gary Lee zu suchen. Er findet seinen Freund dann auch, aus Bierdosen trinkend und auf einem Felsen hockend. Wortlos setzt sich Billy zu ihm; nach ein paar Sekunden gibt ihm Gary wie damals in der Wellblechhütte eine Büchse Bier, und Billy Joe muss schmunzeln. Sodann ist abschließend wieder seine Stimme aus dem Off zu hören, die sein neugewonnenes schwules Selbstbewusstsein in diesem Film von 1973 klar zum Ausdruck bringt: "That was the end of the experiment. But it was the beginning of a new way of life for me. A way of life, that had started that night in the shak, continued through the years and is still going strong. For that I thank you, Gary Lee, and I'll always think of you, wherever you are."
Jimmy Hughes, der fremde Hotelgast aus "The Experiment", spielte 1973 in "Greek Lightning" unter der Regie von Warren Stephens alias Bill Sheffler die Hauptrolle. Diesem Film, der 2023 ebenfalls 50. Jubiläum feiert, widmet queer.de in Kürze einen eigenen Beitrag, der dessen künstlerische Inszenierung in Wort, Bild und Musik vorstellt.















