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Illustrierte Erzählung
Wie kann man "Homoheilung" nur so verharmlosen?
In seinem Buch "Aber schwul bin ich immer noch" erzählt Dimitri Grünig von der Folter eines jungen homosexuellen Mannes in einem zutiefst religiösen Milieu – leider frömmelnd, ohne echte Empathie, aber mit Verständnis für die Täter.

Illustration aus dem Buch
- Von
24. Dezember 2023, 03:15h 7 Min.
Relevanter könnte es eigentlich gar nicht sein. Wie auch im Rest der Welt sind auch in der Schweiz rechte Einstellungen im Vormarsch, zuletzt gewann die rechtspopulistische und offen queerfeindliche SVP die Parlamentswahl. Und auch "Konversionstherapien", also die pseudomedizinische "Behandlung" queerer Menschen mit dem Ziel, sie zu "heilen", sind, obwohl in Deutschland seit drei Jahren teilweise verboten, lange nicht vom Tisch. Die sogenannte "Ex-Gay-Bewegung", die das Heilungsnarrativ international propagiert, ist weiterhin aktiv und verbreitet medizinische Desinformationen. In der Schweiz, in der ein ähnliches Verbot bisher nicht durchgesetzt werden konnte und "Konversionstherapien" weiterhin angeboten werden dürfen, ist die Lage da natürlich nochmal ärger.
Relevanter könnte es also eigentlich gar nicht sein. Und doch bleibt Dimitri Grünigs illustrierte Erzählung "Aber schwul bin ich immer noch", das sich mit dem Verhältnis von "Konversionstherapie" und christlichem Glaube beschäftigt, überraschend verhalten. Im Bemühen, den Glauben zu retten, fällt die Kritik an der Queerfeindlichkeit des darin verankerten Systems der "Heilung" so ziemlich flach.
Literarisch bemüht

"Aber schwul bin ich immer noch" ist am 20. Dezember 2023 in der edition clandestin erschienen
Grünig schreibt in "Aber schwul bin ich immer noch" nicht seine eigene Geschichte. Vielmehr sei die sehr kurze Erzählung das Destillat aus Gesprächen mit einer Vielzahl an Menschen, die von ihrer Erfahrung mit "Konversionstherapien" und dem Aufwachsen in religiösen Milieus berichten. Die Idee ist hochinteressant. Eine fiktive erzählende Person zu schaffen, die nahbar in der ersten Person spricht und doch kollektiv berichtet, indem sie einer Vielzahl an Betroffenen aus der Seele spricht – gerade für ein sensibles Thema wie hier erscheint das eine gute Idee. Das Ergebnis schockiert dann an den markantesten Stellen, wenn es die Kälte und Entfremdung offenbart, die gegenüber den eigenen Empfindungen zu bestehen scheint.
Die Schilderung der körperlichen Reaktionen auf die von der Umwelt als falsch und verwerflich gebrandmarkte eigene Identität liest sich etwa wie ein Beipackzettel. Wie vollkommen losgelöst und ohne Einfühlungsvermögen, ohne Empathie mit sich selbst listet die erzählende Figur, sie habe "kaum mehr geschlafen, hatte Panikattacken, ständig Übelkeit, Durchfall." Geradezu im Vorbeigehen wird das fallengelassen, eine weitere Einordnung findet nicht statt. Der eigene Körper und seine Fehlfunktionen sind und bleiben fremd, weil ihn anzunehmen eben auch bedeuten würde, die eigene Identität anzunehmen. Doch das lässt das Umfeld, lässt der fundamentalistische Glaube nicht zu, es bleibt nur die Flucht in die Selbstverleugnung.
An diesen Stellen schafft es Erzählstimme, die innere Zerrissenheit der Menschen, die darunter leiden, dass ihre Queerness und damit sie ganz selbst in ihrem konservativen bis radikal gläubigen Umfeld verteufelt werden, durch Auslassung und Schweigen, fehlenden Kommentar zu schildern. Doch genau dieser Modus sorgt dann an anderer Stelle dafür, dass "Aber schwul bin ich immer noch" unfreiwillig in sehr fragwürdige Fahrwasser gerät.
Wenn Gott dich nicht rettet, ist es deine Schuld
Eine bekannte rhetorische Trickserei der Theodizee, also der Beschäftigung mit der Frage, wieso ein allmächtiger Gott Leiden in der Welt nicht verhindert, ist die ungleichmäßige Zuschreibung von Verantwortung. Wenn etwas gut läuft, dann hat das Beten geholfen und es ist Gottes Wille. Die Gemeinde freut sich. Wenn etwas schlecht läuft, dann liegt die Schuld beim Individuum, das sich versündigt hat dessen Buße nicht aufrichtig ist.
In eine ähnliche Falle gerät auch "Aber schwul bin ich immer noch", wenn die erzählende Figur keinerlei Wertung der beschriebenen Ereignisse vornimmt. Denn die Einsicht, dass es natürlich das extrem konservative, queerfeindlich-religiöse Umfeld ist, dass jedes Problem, das die Menschen im Umgang mit ihrer Sexualität und ihrer Identität haben, ganz alleine verursacht, bleibt ebenfalls unausgesprochen.
Statt zu dem Schluss zu kommen, dass eine homophobe "Erziehung" an sich schon falsch sei, entschuldigt sich die erzählende Figur in "Aber schwul bin ich immer noch" dann ganz umständlich dafür, so erzogen worden zu sein. Das werde dann eben verinnerlicht, sodass das eigene Selbst als falsch empfunden werde. Das sei eben so. Was bleibe dann anderes übrig, als Hoffnung in "Konversionstherapie" zu sehen?
Während diese Art des schulterzuckenden Erzählens, diese "so ist es nunmal"-Lethargie durchaus nicht ungewöhnlich in der Literatur ist, wenn Systeme kritisiert werden – etwa in Mikita Frankos "Die Lüge" findet sich eine ähnliche Sicht auf Queerfeindlichkeit in Russland -, dient sie hier eben gerade nicht dazu, das System bloßzustellen.
Die Täter in Schutz genommen
Statt aus der Schilderung des individuellen Leids dann zu folgern, was ein schlechtes System es doch ist, dass so etwas mit Menschen anstellt, folgt eine mehrfache Inschutznahme. Es wird der Glauben verteidigt, der das einzige sei, das noch Halt geboten hätte. Und es werden die Menschen verteidigt, deren Bekanntschaft auf dem schweren Weg Beistand gewesen sei.
Im ersten Fall, mit Blick auf den Glauben heißt es auf ganz verquere Weise, dass die Bibel ja nichts gegen queere Liebe sage, sondern sich nur gegen den "gleichgeschlechtlichen Akt an und für sich" richte. Hier wird versucht, ein offensichtlich menschenfeindliches Glaubenssystem durch bizarre zölibatäre Spitzfindigkeiten zu retten. Anstatt sie zu kritisieren. Im zweiten Fall, mit Blick auf die Menschen fällt der unmögliche Satz "Ich möchte nicht sagen, dass alles nur schlecht war." Und dass selbst diejenigen, die diese Art von Folter anbieten, sicher ganz aufrichtig davon überzeugt seien, anderen Menschen zu "helfen".
Zu einer wahren Frechheit wird "Aber schwul bin ich immer noch" dann, wenn die "Konversionsmaßnahmen" selbst ausgespart bleiben. Es mag Teil des erzählerischen Vorhabens sein, das die Entfremdung erfahrbar machen will. Auch die "Heilungs"-Sitzungen verschwinden in der Leerstelle, weil sie verdrängt werden. Doch das tun sie eben nicht ganz. Ein Kurs dauere acht Monate, den habe die erzählende Figur dreimal belegt. Jeden Freitagabend. Und Hausaufgaben habe es gegeben. In dieser Beschreibung ist "Konversionstherapie" auch eh nur eine Art Abendkurs an der Volkshochschule. Der kann mal belegt werden, was soll's. Und wenn es nicht funktioniert, ja dann eben nicht.
Verbrechen müssen beim Namen genannt werden
Gerade erst nahm sich die ZDF-Serie "Was wir fürchten" dem Thema an und malte aus, was "Konversionstherapien" den Teilnehmenden für einen Horror bereiten können. Natürlich muss nicht jede Auseinandersetzung damit bis ins gewaltvollste Detail gehen. Aber so, wie "Aber schwul bin ich immer noch" darüber erzählt, ist es eben gefährlich verharmlosend. Pseudomedizinische Praktiken, die vom Weltärztebund mehrfach und mit Nachdruck als gefährlich eingestuft wurden, als etwas intensiveren Sprachkurs erscheinen zu lassen – das geht so nicht!
Das Buch ist zu sehr im Glauben verfangen. Der habe Halt gegeben. Fein, fein. Jedem Menschen das seine. Die einen finden Halt in der Religion, andere konsumieren Drogen, um schwere Lebensphasen durchzustehen, um mit dem von außen eingepflanzten Selbsthass umzugehen, und dritte wiederum fressen alles in sich rein und geben ihre Traumata dann transgenerational weiter, indem sie ihre Kinder schlagen. Der kategorische Fehler wird hier offenbar: Verstehen bedeutet nicht auch akzeptieren. Leiden und Verbrechen sind als solche zu benennen.
Es ist nicht nötig, dass der Glauben in Schutz genommen wird. Das Gegenteil sollte passieren. Grünig wie auch anderen Apologeten diverser christlicher Konfessionen und Splittergruppen muss zugerufen werden: Wenn ihr den Glauben retten wollt, dann greift ihn an. Geht so hart mit den Lehren ins Gericht, wie irgend möglich, die solches Leid verursachen. Nur durch die härteste Kritik von innen lässt sich wirkliche Änderung bewirken, lassen sich Dogmen beeinflussen, die seit Jahrhunderten verletzen. Bücher wie "Aber schwul bin ich immer noch" zementieren das Unrecht nur weiter durch ihre "Ja, aber"-Haltung, so gut die Absicht auch ist, mit der sie geschrieben sind.
Dimitri Grünig: Aber schwul bin ich immer noch. Illustrierte Erzählung. 128 Seiten. edition clandestin. Biel 2023. Taschenbuch: 38 € (ISBN 978-3-907262-47-4)
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