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Sachbuch

Was Queers und Quallen verbindet

Was haben Queerness und die Meereswelt gemein? Das verrät Sabrina Imbler in ihrem fabelhaften Buch "So weit das Licht reicht", das uns wirklich staunen lässt.


Die quallenartigen Manteltiere Salpidae bilden immer wieder koloniale Ketten aus vielen Einzeltieren, die sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane haben (Bild: Lars Plougmann / wikipedia)

Sabrina Imbler ist Wissenschaftsjournalist*in, schreibt unter anderem für die "New York Times", ist queer, lebt in Brooklyn und hat Ende letzten Jahres das Buch "How Far The Light Reaches. A Life in Ten Sea Creatures" veröffentlicht, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Titel "So weit das Licht reicht" (Amazon-Affiliate-Link ) ist geblieben, nur der Untertitel heißt jetzt "Die Kreaturen der Tiefsee und was sie mir über das Leben erzählen".

Das Original trifft es vielleicht ein wenig besser, denn genau genommen hat Imbler zwei Bücher in einem geschrieben. Zehn Meeresbewohner liefern jeweils den Einstieg in die eigene Biografie samt Familiengeschichte. Ihre literarische Kunst besteht darin, das eine mit dem anderen ebenso verblüffend wie plausibel zu synchronisieren. Und Synchronisation beschreibt das Verfahren wohl am besten.

Was aber haben Meerestiere nun tatsächlich mit queerem Leben zu tun, mit Rassismus, mit Körperkult und Schlankheitswahn, mit Sexismus? Die Frage ist nicht unberechtigt. Um jedoch mit Imbler zu antworten: Nichts und doch alles. Und was heißt das nun?

Queere Schwärme am Riis Beach in New York


Sabrina Imbler Buch "So weit das Licht reicht" im Verlag C.H. Beck erschienen

Zum Beispiel das: Es ist Sommer in New York und die queere Community trifft sich am Strand des Jacob Riis Parks, dem Riis Beach. Das ist eine Landzunge, die südlich von Brooklyn wie ein Wall einige Kilometer tief in den Atlantik reicht. Von überall her kommen die Queers, bilden Schwärme und das Wiedererkennen kann beginnen und dazu – ganz wichtig – das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Viele bringen Botschaften mit, die auf ihren T-Shirts stehen oder auf Pappschildern und es sind allemal lohnende Nachrichten, wie Imbler meint: Eine Welt ohne TERFs beispielsweise – oh ja! wahnsinnig gerne! – oder "Sexarbeit ist Arbeit" oder auch das "Arschlecken ist die einzig ethische Form von Konsum im Kapitalismus" oder auch diese Botschaft: "Es ist in Ordnung, ein Leben zu führen, das andere nicht verstehen."

Und damit landet Imbler auch schon mitten in der bizarren Unterwasserwelt. Denn an dem Strand, wo sich Sommer für Sommer die Queers treffen, findet sie vom Meer angeschwemmt im Sand immer wieder seltsame Dinge. Das Merkwürdige trägt den wissenschaftlichen Namen Salpidae. Es sind Lebewesen von gallertartiger Substanz, die aus 95 Prozent Wasser bestehen und die sich selbst klonen. Imbler ist fasziniert von der Art, wie sie sich in ihrem Lebensraum bewegen und förmlich dahinschweben, frei und doch verbunden. Sie bilden kettenförmige Gemeinschaften und spiralförmige Kolonien. Was Imbler über diese Schwarmwesen erzählt ist einfach spannend und beeindruckend.

Das Erstaunliche, dass die Parallelisierung mit der queeren Welt bruchlos aufgeht: "Wir bilden einen Schwarm auf dem Gay-Strand von Riis, Schirme stehen Kopf an Kopf, Handtücher überlappen einander, elektronische Mikroklimata aus Mariah und Techno wummern aus Lautsprechern." Und am Ende kommt noch die Poesie zu ihrem Recht: "Ich will all unsere weichen Körper aneinandergepresst sehen. Ich will, dass wir alle, wir wimmelnden Massen, wir wirbelndes Getümmel, uns übereinander häufen, bis wir mehr werden als der Sommer, mehr als das Leben."

Die Verwandlungskünste der Tintenfische

Und in dieser Art geht es weiter im Buch, mit vielen anderen Meeresbewohnern und ihren oft bizarren Lebensweisen und fremdartigen Lebensräumen, zu denen Imbler zuverlässig tiefgründige Geschichten aus der Beobachtung des menschlichen Lebens einfallen. Das ist immer eine queere Perspektive und eine sehr persönliche dazu. Etwa im Kapitel "Hybride", wo Imbler die Exotisierung der eigenen Existenz als alltägliche Erfahrung kritisiert – sie nennt sie "eine gut gemeinte Mikroaggression". Das hat mir ihrer Herkunft zu tun: Der Vater ist weißer US-Amerikaner, die Mutter stammt aus China. Dabei täte es doch die einfache Frage zur ethnischen Zugehörigkeit, meint Imbler – "und ich würde bereitwillig antworten".


Sabrina Imbler ist Schriftsteller*in und Wissenschaftsjournalist*in, lebt in Brooklyn und veröffentlicht Essays und Reportagen unter anderem in der "New York Times" (Bild: Marion Aguas)

Und so liegt die Erkenntnis nahe: "Es mag gewagt, ja sogar anstößig erscheinen, sich mit einem Hybridfisch zu identifizieren, wenn man bedenkt, dass ich noch vor hundert Jahren ebenfalls als Hybride betrachtet worden wäre […]." Aber es ist ebenso klar, dass die Frage "Was bist du?" mehr oder weniger rassistisches Denken ausdrückt.

Fasziniert ist Imbler von den Sepien, den Tintenfischen, diesen wahren Verwandlungskünstlern. Verwandeln ist hier das Zauberwort – für Imbler und für Queers, die mit ihrer geschlechtlichen Uneindeutigkeit, ihren Körperveränderungen mal eben als "Trickbetrüger" diffamiert werden. Und bei Quallen, die die Fähigkeit besitzen, sich aus sich selbst wiedererstehen zu lassen, sich zu regenerieren, kommen der Autor*in queere und trans Menschen in den Sinn, die so etwas wie eine zweite Jugend erleben. "Die erste findet parallel zu der aller anderen Jugendlichen statt, nur dass die nicht du selbst bist."

Gefährdete Lebensräume – für LGBTI und Yeti-Krabben

Ein letztes Beispiel: Die Yeti-Krabben, die in 2.000 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund leben. Dort gibt es sogenannte vulkanische Schlote, die Warmwasserzonen bilden. Genau dort leben die Yeti-Krabben. Aber es ist auch ein äußerst gefährdeter Lebensraum. Die Auslöschung des Lebens ist stets eine Möglichkeit. Was Imbler sofort auf den urbanen Lebensraum des Menschen übersetzt: "Wenn das Queer-Sein in einer Stadt dir das Privileg gewährt, in queere Bars, queere Clubs und auf queere Partys zu gehen, bedeutet das, dass du um diese Räume trauerst, wenn sie verschwinden." Das Schlimme, sie verschwinden tatsächlich, und zwar ebenso wie die nur scheinbar sicheren Zufluchtsorte der Krabben 2.000 Meter unterm Meeresspiegel.

Ich habe viel gelernt durch Sabrina Imblers fabelhaftes Buch, übersetzt von Anja Kauß und erschienen im Verlag C. H. Beck, und fand mich zugleich gut unterhalten. Zum Beispiel, dass die unendliche Vielfalt des Lebens auf dieser Welt keine Behauptung ist und dass wir Menschen nicht nur dazugehören, sondern sich auch das eine durch das andere wunderbar erzählen lässt. "Es ist komisch", schrieb imbler in einem Beitrag für die "New York Times", "dass wir diese Kreaturen als Außerirdische bezeichnen. Wir wissen von ihnen nur, weil sie auf diesem Planeten neben uns existieren – unsere Zukunft ist mit ihnen verwoben."

Infos zum Buch

Sabrina Imbler: So weit das Licht reicht. Die Kreaturen der Tiefsee und was sie mir über das Leben erzählen. Mit Illustrationen von Simon Ban. Aus dem Englischen von Anja Kauß. 283 Seiten. Verlag C.H. Beck. München 2023. Hardcover mit Schutzumschlag: 25 € (ISBN 978-3-406-80657-5). E-Book: 18,99 €

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