https://queer.de/?47965
Jahresrückblick, Teil V
Die wichtigsten queeren Sachbücher 2023
Briefe aus dem Gefängnis, Essays über queere Heilige, einmal quer durch die deutsche Queer-Geschichte oder die Verheißung einer nichtbinären Zukunft: Das Sachbuch-Jahr war vielfältig und hochwertig.

Schauspieler Elliot Page stellte seine Biografie "Pageboy" im Juni 2023 bei der Phil. Cologne in Köln vor (Bild: IMAGO / APress International)
- Von
26. Dezember 2023, 23:19h 5 Min.
Benno Gammerl: Queer
Dem Historiker Benno Gammerl ist mit "Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute" ein echter Geniestreich gelungen: Das Buch nimmt als erstes populäres Sachbuch zum Thema nicht nur eine Pionierstellung ein. Es ist darüber hinaus fundiert, verständlich geschrieben und kurzweilig. "Queer" versammelt überblicksartig Wissen aus jahrzehntelanger historischer Forschung. Das Werk ermöglicht so, gängige Urteile über die Bundesrepublik dank der queeren Brille in einem anderen Licht zu sehen – etwa dass dank weiterbestehender Nazi-Version des Paragrafen 175 von einer "Stunde Null" nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Rede sein kann. Benno Gammerls "Queer" ist schon jetzt ein unverzichtbares Standardwerk. (Hanser Verlag)
➤ Das erste populäre Sachbuch über queere Geschichte (15.05.2023)
Evan Tepest: Power Bottom
Evan Tepests Essaysammlung "Power Bottom" hat einen regelrechten Hype in manch einer queerfeministischen Social-Media-Bubble ausgelöst. Zurecht – Tepests Reflexionen über verbotenes Begehren, unbändige Lust und queere Pornos sind klug, persönlich und lakonisch. Die Texte sind eine echte Bereicherung für die deutschsprachige queere Literatur. Die mittlerweile dritte Auflage erschien als "Transition Edition" mit aktualisiertem, selbstgewähltem Vornamen. (März Verlag)
➤ Über Sexualkapital, queere Heilige und die Macht der Tops (04.03.2023)
Elliot Page: Pageboy
Das vielleicht am sehnlichsten erwartete queere Sachbuch des Jahres war die Autobiografie des Schauspielers Elliot Page: Schonungslos schreibt der Weltstar über die guten wie schlechten Momente, die ihn als Menschen geprägt haben, darüber, wie Hollywood mit seiner Queerness umgeht – und über queeren Sex. Darüber werde nämlich noch zu wenig in der Öffentlichkeit gesprochen, also füllt er diese Lücke selbst. (S. Fischer Verlag)
➤ Für mehr queeren Sex, gegen das heteronormative Hollywood (06.06.2023)
Mike Laufenberg und Ben Trott: Queer Studies
Etwas für die Theoretiker*innen: Endlich sind die wichtigsten Schlüsseltexte der anglophonen Queer Studies versammelt in deutscher Übersetzung erschienen. In dem von Mike Laufenberg und Ben Trott herausgegebenen Band finden sich klassische Texte von Judith Butler oder Eve Kosofsky Sedgwick, aber auch jüngere Beiträge. Das Buch führt in die wichtigsten theoretischen Positionen ein, macht mit den zentralen Entwicklungslinien des Diskurses vertraut und präsentiert wegweisende queere Analysen zu Kapitalismus, Migration, Geopolitik, Behinderung, Aktivismus, Kultur und Subkultur. (Suhrkamp Verlag)
Kate Charlesworth: United Queerdom
Die britische Illustratorin Kate Charlesworth erzählt in der Graphic Novel "United Kingdom" nicht nur ihr eigenes Leben, sie stellt auch die Geschichte der queeren Bewegung seit den 1950er Jahren dar. Dafür greift die 1950 geborene Künstlerin auf Zeitungsartikel, Schnipsel und Anekdoten zurück. So entsteht ein über 300 Seiten dickes Memoire – mit lesbischer Hochzeit als Höhe- und Schlusspunkt. (Carlsen Verlag)
➤ Wenn alte weiße cis Lesben ihre Festplatten durchsuchen (24.09.2023)
Katja Kulin: Geliebte Orlando
Virginia Woolfs Roman "Orlando" über einen jungen Adeligen, der über Nacht das Geschlecht wechselt, gehört zu den queeren Klassikern der Literaturgeschichte. Orlando wurde zum Mythos gegen starre Geschlechterrollen, zur Schlüsselfigur in der queeren Kulturgeschichte. Und Woolfs Orlando hatte ein reales Vorbild: die Schriftstellerin Vita Sackville-West, mit der die Autorin eine Beziehung führte. Deren Geschichte ist eine über Liebe, Freundschaft und sexuelle Befreiung. (DuMont Buchverlag)
Lydia Meier: Die Zukunft ist nicht binär
Dass es mehr als zwei starre Geschlechter gibt, dürfte sich so langsam rumgesprochen haben. Angekommen ist das aber bei Weitem nicht überall: Weder in den Köpfen vieler Menschen noch in Umkleiden, beim Dating, in der Werbung oder wenn es um Spielzeug geht. Je sichtbarer trans und nichtbinäre Menschen werden, desto heftiger wird ein binäres Geschlechtersystem verteidigt und desto lauter werden transfeindliche Stimmen. Dagegen wehrt sich Lydia Meyer. Ihr Buch ist empowernd und aufschlussreich und kommt zur rechten Zeit, urteilt Bo Wehrheim. (Rowohlt Verlag)
➤ Ein queeres Buch zur richtigen Zeit (04.06.2023)
Dorothea: Queere Heldin unterm Hakenkreuz
Eine lesbische Schauspielerin, die ihre jüdische Freundin jahrelang vor den Nazis versteckte: Das Prädikat "queere Heldin" ist sicher nicht zu hoch gegriffen. Unter diesem Titel rekonstruiert der österreichische Autor und Journalist Jürgen Pettinger die Geschichte der berühmten Schauspielerin Dorothea Neff, die ab 1940 ihre jüdische Freundin Lilli Wolff in ihrer Wohnung aufnahm. Traurige Aktualität erhielt das Buch, als eine Lesung in Wien Anfang November aus Angst vor Antisemitismus abgesagt werden musste. (Verlag Kremayr & Scheriau)
➤ Queere Heldin unterm Hakenkreuz (15.10.2023)
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Dagmar Pauli: Die anderen Geschlechter
Das Credo von Dagmar Pauli ist so simpel wie einleuchtend: "Wir müssen zuhören, um zu begreifen", sagt die Chefärztin und medizinisch-therapeutische Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Dort gibt es schon seit über 15 Jahren eine Sprechstunde für trans Kinder. Im Buch resümiert sie die Erkenntnisse ihrer Arbeit "mit einer bemerkenswerten Unaufgeregtheit und Aufgeklärtheit", findet Nora Eckert. (Verlag C.H. Beck)
➤ Dagmar Pauli nimmt trans Kinder ernst (07.10.2023)
Oscar Wilde: Aus der Tiefe
Für einen dekadent-extravagantes Zitat ist Oscar Wilde bisweilen ja immer zu haben. Deshalb macht er sich auf Postkarten ja so gut. Doch der irische Schriftsteller und prototypische Dandy hat eine tragische Geschichte. 1895 wurde er aufgrund seiner Homosexualität zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Aus der Zelle schrieb er einen langen Brief an seinen früheren Geliebten Lord Alfred "Bosie" Douglas, der im Herbst in einer Neuübersetzung erschien. (Hanser Verlag)
➤ Literarischer Schatz und schwule Lebensbeichte (21.10.2023)
Mehr zum Thema:
» Jahresrückblick, Teil I: Die wichtigsten queeren Filme 2023
» Jahresrückblick, Teil II: Die wichtigsten queeren Serien 2023
» Jahresrückblick, Teil III: Die queeren Shooting Stars 2023 in Film und TV
» Jahresrückblick, Teil IV: Die wichtigsten literarischen queeren Bücher 2023
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















