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Interview
Queere "Auferstehungssinfonie" in der Berliner Philharmonie
2024 feiert das LGBTI-Sinfonieorchester concentus alius mit einem großen Konzert sein 25-jähriges Jubiläum. Wir sprachen mit Gründungsmitglied Michael Knoch über das Event, die Entwicklung des Orchesters und die Rolle von Musik für die Community.

Christiane Silber dirigiert den concentus alius (Bild: Frank Rönisch)
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28. Dezember 2023, 05:28h 5 Min.
Am Dienstag, den 27. Februar 2024 wird das schwul-lesbisch-queere Sinfonieorchester concentus alius gleich doppelt Grund zu Freude haben: Zum einen feiert es sein 25-Jähriges Bestehen und zum anderen wird es zahlreiche Besucher*innen in der Berliner Philharmonie begrüßen dürfen. Denn anlässlich des Ehrentages wird es um 20 Uhr ein großes Konzert geben, bei dem Gustav Mahlers opulente 2. Sinfonie, auch bekannt als "Auferstehungssinfonie", im Vordergrund stehen wird.
Im Rahmen des bevorstehenden Jubiläumskonzerts stand Michael Knoch, Gründungsmitglied des Orchesters, queer.de für ein Interview zur Verfügung. Neben der Historie von concentus alius geht er auch auf die Zukunftspläne, die eigenen Ansprüche ans Orchester und eine mögliche Zusammenarbeit mit Tim Fischer, dem bekannteste Chansonnier Deutschlands, ein.

Michael Knoch ist Gründungsmitglied von concentus alius
Demnächst spielt das queere Amateurorchester "concentus alius" ein Jubiläumskonzert zum 25-jährigen Bestehen. Was bedeutet dies für Sie?
Wir freuen uns über unsere … darf ich sagen "Erfolgsgeschichte"? Ja, bestimmt: 1999 brachte Michael Zachow nach einem Konzertbesuch beim London Gay Symphony Orchestra, das ihn begeistert hat, die Frage zurück nach Haus: Wieso haben wir so etwas – ein schwul-lesbisches Orchester – eigentlich nicht in Berlin? Seine Mitspieler im Cello-Quartett griffen das auf, einer schaltete eine Annonce in der "Siegessäule": "Schwule Musiker für Orchestergründung gesucht" und nach einem halben Jahr sind wir mit etwa 15 Leuten gestartet: Zwei Flöten, eine Klarinette, ein Horn und ein Dutzend Streicher von Geige bis Cello. Durch die Mitspiel-Anfrage einer lesbischen Kontrabassistin haben wir uns eigentlich sofort zu einem schwul-lesbischen Orchester gewandelt.
Wie hat sich das Orchester im Laufe der Zeit weiterentwickelt?
Anfangs waren wir ein Kammerorchester und nannten uns auch so: concentus alius – homophilharmonisches Kammerorchester Berlin. 2001 erfolgte die Vereinsgründung, und in den Folgejahren wuchsen wir kontinuierlich, so dass wir das "Kammer" aus dem Namen gestrichen haben. Seit einigen Jahren sind wir ein veritables Sinfonieorchester mit je zwei Stimmen im "Holz", Blech bis runter zur Tuba und vielen Streichern, von denen es ja eigentlich gar nicht genug geben kann… Und zu unserem 25-Jährigen vergrößern wir uns nun nochmals – um viele Gäste, die sich freuen, mit uns Mahler spielen zu können. Hinzu kommt ein riesiger Chor von über 200 Stimmen aus allen queeren Chören Berlins und noch weiteren. Denn, ich sage immer: Bei uns können alle mitmachen, die unter dem Label "lesbisch-queer-schwules Orchester" spielen mögen – da sind wir tolerant… (lacht)
Wie ist ihr persönlicher Bezug zum Thema Queerness?
Ich lebe seit meinem 20. Lebensjahr als schwuler Mann, seit 30 zusammen mit "meinem" Mann.
Bei dem Jubiläumskonzert können die Besucher*innen Gustav Mahlers opulente 2. Sinfonie, auch bekannt als "Auferstehungssinfonie", erleben. Warum wurde sich genau für diese Sinfonie entschieden?
2018 haben wir auf Einladung der queeren Chöre Berlins gemeinsam Carl Orffs "Carmina burana" aufgeführt. Der UdK-Konzertsaal in der Fasanenstraße war komplett ausverkauft, gern wären sogar noch mehr Menschen gekommen. Nach diesem umjubelten Konzert war klar: Spätestens in drei Jahren tun wir uns wieder zusammen für das nächste große Chor-Orchester-Konzert. Daraus wurde erst mal nichts wegen der Corona-Maßnahmen… Und nun haben wir unser Jubiläumsjahr zum Anlass genommen, für ein großes gemeinsames Werk erneut auf die Chöre zuzugehen. Mahlers 2. Sinfonie ist im Orchester wirklich groß besetzt: vier Flöten, vier Oboen, fünf Klarinetten usw., beim Blech beispielsweise wenigstens sechs Hörner, sechs Trompeten. Dazu kommen zwei Harfen, acht Pauken und schließlich noch ein Fernorchester. Und im letzten Satz setzt ein großer Chor zusammen mit zwei Gesangssolistinnen dem Ganzen die Krone auf.

Die Bläsergruppe des concentus alius (Bild: Peter Adamik)
Warum denken Sie, dass es heutzutage noch Orchester speziell für die queere Community geben muss? Separiert man sich dadurch nicht von nicht-queeren Personen?
Hm… Wir spielen ja nicht "speziell für die queere Community", sondern für alle, die uns hören wollen. Es gibt uns also nicht "für die queere Community", sondern "aus der queeren Community" heraus. Natürlich freuen wir uns, wenn auch viele Menschen aus der Community in unserem Publikum sind – also nicht Separierung, sondern Vielfalt! Außerdem möchte ich erwähnen, dass schon seit vielen Jahren etliche coole Heteros bei uns mitspielen.
Wie wichtig stufen Sie die Rolle von Musik für queere Menschen ein?
Musik ist für alle wichtig, ganz gleich, welcher sexuellen (oder anderweitigen) Orientierung. Sie schafft auch für queere Menschen wichtige Bezugspunkte, also Identifikationsmöglichkeiten und Orte der Begegnung. Bei uns ist das Orchester selbst ein solcher Ort und natürlich sind es auch die Konzerte. Wir proben ja nicht nur. Wir verstehen uns gut, gehen nach den Proben essen, fahren auf Probenwochenenden und so weiter. Freundschaften wurden geschlossen, Partnerschaften, Ehen – fünf Orchesterkinder gibt es mittlerweile. Das alles schafft Zusammenhalt und sozialen Anschluss für unsere queeren Mitglieder und alle weiteren, über Generationen, verschiedene Herkünfte und Hintergründe hinweg. Wir haben ein großes Altersspektrum von sicherlich 25 bis 75 Jahren im Orchester, auch das ist besonders.
Ein Großteil der queeren Community identifiziert sich eher mit Pop-Musik von Lady Gaga und Britney Spears als mit Werken wie von Gustav Mahler. Wie möchten Sie diese Personen für Ihr Genre überzeugen?
Wollen wir jemanden überzeugen? Ich weiß nicht… Sicherlich lieben viele Menschen Pop-Musik, aber es gibt doch auch den begeisterten schwulen Opernbesucher, der keine Premiere auslässt.
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Wird es bei dem Jubiläumskonzert rein musikalische Darbietungen geben – oder wird auch über queere Themen referiert?
Es wird eine Begrüßung geben und das eine oder andere Grußwort, aber kein "Referat". Dafür ist ein Konzert nicht der Rahmen. Das Queere schwingt bei uns als homophilharmonisches Orchester einfach mit, es muss gar nicht so explizit auf der Bühne thematisiert werden.
An wen gehen die Erlöse dieses Jubiläumskonzerts?
Unsere Benefiz-Konzerte spielen wir regelmäßig für den Aids-Hospizdienst Tauwerk e.V. Ob unser Jubiläumskonzert einen pekuniären Gewinn abwirft, bleibt abzuwarten, denn Mahlers 2. Sinfonie ist, wie gesagt, aufwändig, und die Philharmonie ist ja auch nicht ganz billig… Sagt's allen weiter, denn der Saal muss voll werden! Tickets gibt's online oder – im Vorverkauf – über Orchestermitglieder: Sprecht uns an!
Gibt es queere Musiker*innen, mit denen Sie gerne einmal zusammenarbeiten würden?
Es gab mal die Idee, einen Abend mit Tim Fischer zu gestalten, aber noch sind wir da nicht konkret geworden.
Links zum Thema:
» Homepage von concentus alius
» Online-Tickets für das Jubiläumskonzert
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















