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Moskau
Russische Musik- und Showszene nach Skandal um "Nacktparty" unter Druck
Nach Kritik an einer ausgelassenen Clubnacht geraten auch kremltreue Künstler*innen ins Visier des geschürten Volkszorns – und in Ermittlungen zu "Homo-Propaganda".

ESC-Star Filipp Kirkorow in einem Entschuldigungsvideo und auf von russischen Medien verbreiteten Eindrücken der Party neben der Sängerin Lolita Miljawskaja (Bild: Screenshots Youtube, Telegram)
- 28. Dezember 2023, 18:59h 4 Min.
Nach einem Skandal um eine luxuriöse Party mit viel nackter Haut in Moskau sind die auch international bekannten Musik- und Eurovisionstars Filipp Kirkorow und Dima Bilan unter Druck geraten. Unter anderem müssen die prominenten Sänger laut Medienberichten vom Donnerstag mit Konsequenzen rechnen, nachdem Fotos und Videos der im Club Mutabor organisierten Feier veröffentlicht worden sind.
Seit Tagen skandalisieren Staatsmedien die "dekadente" Party reicher Showstars, die in Zeiten, da russische Soldaten im Krieg gegen die Ukraine ihr Leben gäben, halbnackt tanzten, prassten und Spaß hätten. Der berüchtigte TV-Propagandist Wladimir Solowjow nannte die Party-Teilnehmenden "Bestien" und "Abschaum", die keine Vorstellung davon hätten, "wie sehr das Volk euch hasst". Die Party fand bereits am 20. Dezember auf Einladung der Influencerin Nastja Iwlejewa unter dem Motto "Almost naked" statt.

Die Bilder der Partynacht beherrschen seit Tagen russische Medien
Als anschließend von den halbnackten Gästen des russischen Showgeschäfts Bilder im Netz auftauchten, regte sich zunächst Protest bei ultrakonservativen Kreisen. So tauchten Videos von vermummten angeblichen Frontkämpfern auf, die die Feier in Kriegszeiten als anstößig verurteilten und Ermittlungen forderten. Auch wurde die überwiegend heterosexuelle Feier queerfeindlich kommentiert, so forderte die Politikerin Jelena Misulina, die das landesweite Gesetz gegen "Homo-Propaganda" verantwortete, entsprechende Ermittlungen und einen öffentlichen Boykott der Künstler*innen.
Haft, Ermittlungen und Boykotte
Die Beteiligten der Party haben sich inzwischen öffentlich, teils in Videos, für ihren halbnackten Auftritt entschuldigt. Doch damit ist es offenbar nicht getan. Der Club wurde am Folgetag zum Ziel einer Razzia und inzwischen geschlossen, gegen die Party-Organisatorin ermittelt die Steuerfahndung. Mehr als 20 russische Bürger reichten zudem eine Klage gegen sie wegen erlittenen "moralischen Leids" ein. Streitwert sind eine Milliarde Rubel (rund zehn Millionen Euro), die nach dem Willen der Kläger einer Organisation zu spenden sei, die den russischen Angriff auf die Ukraine unterstützt.
Auch nahmen die Behörden Ermittlungen gegen Partygäste auf, unter anderem nach dem Gesetz gegen "Homo-Propaganda". Der Rapper Vacío, auf Partybildern nur mit einer Socke über dem Penis bekleidet zu sehen, wurde von einem Gericht wegen "Hooliganismus" zu 15 Tagen Haft verurteilt und wegen der "Bewerbung nicht-traditioneller sexuelle Beziehungen" zu einer Geldstrafe über 200.000 Rubel (knapp über 2.000 Euro). "Ich unterstütze die LGBT-Community in keiner Weise", sagte er später in einem Entschuldigungsvideo. "Ich hatte nicht vor, irgendeine Propaganda zu fördern. Ich verurteile Anhänger der LGBT-Bewegung."
Mehrere Schlagerstars wie die Sängerin Lolita Miljawskaja beklagen ein Quasi-Auftrittsverbot. Ihren Angaben zufolge sind seither mehrere Veranstaltungen abgesagt worden – unter anderem ihre Beteiligung am traditionellen Neujahrskonzert russischer Showgrößen. Letztlich trifft der jahrelang auch queerfeindlich geschürte Volkszorn nun auch heterosexuelle oder nicht öffentlich queere Künstler*innen – und auch Unterstützer*innen des Regimes. "Die Kultur der Denunziation, die bisher vorwiegend andere, weniger Privilegierte getroffen hat, ist in der Kreml-nahen Kulturschickeria angelangt", schreibt "Die Presse". Die Sängerin Lolita war bereits mehrfach von der Ukraine sanktioniert worden, etwa wegen eines Auftritts auf der von Russland besetzten Krim im Jahr 2015.
Dima Bilan wurde vor allem durch seine Teilnahme beim Eurovision Song Contest 2006 und 2008 bekannt, letzteren Wettbewerb gewann er für Russland mit einer Darstellung mit offenem Hemd. 2013 unterstützte er das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" vor seiner Verabschiedung (queer.de berichtete). Wegen seiner Unterstützung für Putin und des Krieges gegen die Ukraine wurde er von dem angegriffenen Land ebenso sanktioniert wie Filipp Kirkorow. Diesem Sänger, dem "König der russischen Popszene", droht laut Medien nach der Partynacht die Aberkennung des Titels "Volkskünstler" durch das russische Kulturministerium. Der 56-Jährige habe sich mit seinen Anwälten getroffen, berichtete die Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez". Seine Sprecherin beklagt, dass seine Internetseite blockiert sei. Der extravagante Künstler, ESC-Teilnehmer 1995 und umtriebiger Komponist dutzender weiterer ESC-Titel, gilt als skandalträchtige Klemmschwester wie als Putin-Unterstützer. In seinem Entschuldigungsvideo, nüchtern in schwarz gekleidet, bezeichnete er sich als "Patriot des Landes".
Putins queerfeindliche Gesetzgebung
Putins Kampf gegen vermeintliche westliche "Dekadenz" richtet sich so immer mehr nach innen. Das trifft auf die verschärfte queerfeindliche Gesetzgebung: Wenige Monate nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" ausgeweitet, es betrifft nun auch "Propaganda" gegenüber Erwachsenen und verbietet neu auch Informationen, die "zum Wunsch einer Geschlechtsänderung" führen (queer.de berichtete). In diesem Sommer untersagte Russland dann geschlechtsangleichende Operationen und ihre rechtliche Anerkennung (queer.de berichtete). Vor wenigen Wochen hat das Oberste Gericht auf Antrag des Innenministeriums die nicht näher definierte "internationale LGBT-Bewegung" als extremistisch verboten (queer.de berichtete), kurze Zeit darauf kam es zu Razzien in queeren Clubs (queer.de berichtete). Diverse LGBT-Organisationen und -Aktivist*innen haben in den letzten Jahren bereits das Land verlassen, auch aufgrund einer teilweisen Einstufung als "internationaler Agent". (dpa/AFP/cw)














