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Interview
"Das Klima in Deutschland wird immer gefährlicher"
Wir sprachen mit Rapper*in und Aktivist*in Maurice Conrad ("Männersex") über queeren Rap, die schwule Szene, Geschlechtervielfalt, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus und die aktuelle gesellschaftliche Stimmung.

Maurice Conrad, geboren 2000 in Mainz, outete sich im vergangenen Jahr als nichtbinär (Bild: Tantruuum / wikipedia)
- Von Marcel Malachowski
30. Dezember 2023, 08:44h 10 Min.
Maurice Conrad wurde als Fridays-for-Future-Aktivist*in sowie als junge*r Lokalpolitiker*in in Mainz, zuerst für die Piratenpartei, dann für die Grünen, deren Mitglied Maurice jetzt ist, bundesweit bekannt. Über die Klimastreiks schrieb Maurice das Buch "Wir streiken, bis ihr handelt!" (Amazon-Affiliate-Link ). Ein Hit im Netz wurde nach der Wahl des ersten AfD-Landrats ein Song zum CSD im ostdeutschen Sonneberg. Schlagzeilen machte Maurice auch mit den Rap-Tracks "Männersex" und "SWAG".
Maurice, du willst – in deinen Worten – "den Rap wieder gay machen". Was meinst du damit?
Rap ist natürlich oberflächlich betrachtet nicht besonders gay oder queer. Wenn es ein Produkt gibt, was sich im Deutschrap gut verkauft, dann ist es die Story eines heteresexuellen cis Typen, der seinen Erfolg und seinen Lifestyle mit Frauen, ganz viel Sex und Drogen zelebriert. Diese Story ist mal mehr und mal weniger offen sexistisch, aber sie ist mindestens in der Auslegung geschlechtlicher Rollenbilder immer sehr eindeutig. Aber neben dieser oberflächlichen Story ist Rap immer die Stimme unterdrückter Menschen gewesen. Und in den letzten Jahren entwickeln sich zunehmend female Artists, die offen queer sind.
Ich mache ja keinen Rap, weil ich queer bin, aber ich kann es auch schlecht ändern, und deshalb mache ich Rap so, wie ich es für richtig halte. Und meine Geschichte gehört zu dieser Musik, weil ich sie so fühle. Ich bin als eher männlich gelesene nichtbinäre Person sicher eine Ausnahme in der aktuellen Deutschrap-Welt, aber ich und meine künstlerische Expression gehört da nun mal hin. Deshalb mache ich Rap zu dem, was Rap immer schon war. Nur eben sichtbar.
Rap war ja eigentlich eh immer die Stimme der Marginalisierten. Ice-T klagte in "Born Dead" Klassismus genauso an wie Rassismus und Judenhass und selbst der in vieler Hinsicht kritikwürdige Bushido produzierte mit "Heimkind" ein wundervoll trauriges Stück. Absurderweise bekämpfen sich aber Marginalisierte oft gegenseitig und nicht ihre Marginalisierung, und kurioserweise haben die sexistischsten Rapper nicht selten die größte weibliche Fanbase. Warum hast du dir denn aber gerade Rap als Mittel ausgesucht?
Ich glaube, dass Rap nach wie vor eine Stimme marginalisierter Menschen ist. Und ich glaube, dass Rap so viele Spielarten ermöglicht wie keine andere Musik. Meine Musik richtet sich nicht an queere Menschen, sondern sie richtet sich an jede*n. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Art, wie ich mich künstlerisch ausdrücke, wie ich mich erzähle und wie ich hin und wieder Quatsch erzähle, nicht deshalb interessant ist, weil es queer ist, sondern obwohl es queer ist. Der größte Teil des Deutschraps ist ja auch straight und nicht deshalb, sondern trotzdem cool. Und weil man geschlechtliche oder sexuelle Identität nun mal aus Musik und künstlerischer Expression meistens nicht entfernen kann, spiele ich damit – genau so wie jede*r andere auch. Dass das einige verärgert, weil es anders ist als das, was sie gerne hätten, verrät ja vor allem etwas über sie und nicht über mich.
Und welche Musik hörst du denn selber am liebsten?
Deutschrap, Dancehall und ein bisschen Elektropop.
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Und welche Vorbilder hast du persönlich in der Popkultur?
Vorbilder sind für mich so vom gesamten Wirken her Freddie Mercury, Andrew 3000 und Billie Eilish, aber auch ganz konkret Künstler*innen wie LGoony, Nura, Nina Chuba, RIN, Gentleman oder Peter Fox. Die Andrew 3000 rockte zum Beispiel schon in den 1990er Jahren als männlich gelesener Rap Artist feminin gelesene Kleidung, trug Kleid und Make-up. Das ist fast 30 Jahre her! Wobei er bei einigen "eingefleischten Rapfans" in Deutschland, die als 14-Jährige gefangen im Körper eines 30-Jährigen in der vierten Iteration der Bosstransformation im Keller der Eltern Hasskommentare schreiben, wohl eine Identitätskrise auslösen würde.
Wie findest du denn so allgemein die schwule Szene? Bist du gerne in der Szene unterwegs oder lieber in straighten Clubs?
Mir ist schon bewusst, dass eine als männlich gelesene Person es schwer hat, wenn sie queer oder auch "nur" bi ist, nicht als "ist eigentlich schwul" gesehen zu werden. Auch innerhalb der Community. Dass ich dann auch noch den Begriff "gay" in meiner Musik verwende oder mit dem Wort "homosexuell" spiele, macht das natürlich nicht leichter, weil die meisten Menschen eben gerne in einfachen Kategorien denken. Überhaupt habe ich das Gefühl, als nichtbinäre und männlich gelesene Person wird mir oft unterstellt, ich wäre ja "eigentlich schwul" – und das auch oft innerhalb der Community. Ich habe deshalb keine besonders enge Beziehung zu einer "schwulen Szene".
Das mag an mir liegen und meinen Vorbehalten, dass ich eben nicht als schwuler Mann gesehen werden will, aber vielleicht auch daran, dass mein Freund*innenkreis da einfach weniger involviert ist. Ich bin also vor allem in der "queeren Szene" unterwegs. Und interessanterweise sind die "schwulen Clubs" für die Queer Community ja genau das Gegenteil von negativ. Viele eigentlich mal "schwule Clubs" oder "schwule Bars" sind heute in ihrem Publikum weniger männlich-schwul, sondern offener für die ganze Queer Community. Das führt dazu, dass selbst die meisten meiner straighten Freund*innen gerne in diese Clubs und Bars gehen oder zumindest in solche, die ganz klar offen für queere Menschen sind. Denn das sind oft einfach die angenehmeren Locations, wo Menschen sich sicherer fühlen.
Wenn es überhaupt so etwas wie einen "straighten Club" gibt, möchte ich da wirklich nicht rein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Club, der eine Dynamik hat, sich als "straight" zu sehen oder so angesehen zu werden, die Menschen anzieht, mit denen ich mich gerne umgebe.
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Viele haben Angst, dass es mehr als zwei Geschlechter geben könnte. Wie erklärst du dir diese Angst?
Das patriarchale Herrschaftssystem basiert fundamental auf der Idee zweier Geschlechter. Nur wenn es das eine und das andere gibt, kann das eine über das andere herrschen. Auch wenn Homo- oder Bisexualität die Machtdynamik einer heteronormativen Ordnung grundsätzlich schon infrage stellen, kann sich das Patriarchat am Ende mit ihnen arrangieren. Homo- oder Bisexualität wird dann, je nachdem ob die Personen männlich oder weiblich gelesen werden, eben als Fetisch oder Abweichung von der Norm bezeichnet. Und eine Person von beiden ist dann eben "der Mann" oder "die Frau". Es gibt also eine überlebensfähige Deutung homosexueller Liebe, in der die grundsätzliche Machtfrage des Patriarchats, dass Männlichkeit über Weiblichkeit herrscht und welche Pflichten und Rechte sich daraus für die beiden Seiten ergeben, nicht gänzlich kaputt gehen.
Die Tatsache, dass es aber nicht nur männlich und weiblich, sondern ein bimodales Geschlechtsspektrum gibt, ist eine echte Gefahr für die Logik des Patriarchats. Denn damit entziehen sich die Subjekte letztlich der "objektiven" Deutung ihrer Rolle innerhalb dieses Herrschaftssystems. Damit wird es aber gänzlich obsolet, denn ohne diese objektive Deutung, wer herrscht und wer beherrscht wird, wird jeder Herrschaftsanspruch nichtig. Das ist natürlich abstrakt und kaum jemand, der gegen die Akzeptanz geschlechtlicher Diversität kämpft, wird das zugeben. Aber die Angst ist am Ende eine Verlustangst. Das ergibt sich auch daraus, dass es fast ausschließlich Männer sind, die zum Beispiel online ihren Hass gegen öffentlich wirkende Personen wie mich kundtun. Von 1.000 Hasskommentaren, die darum bemüht sind, mir zu erklären, dass ich gar nicht nichtbinär sein könnte und dringend in eine psychiatrische Behandlung gehöre, weil ich eben so bin wie es nun mal bin, kommen 998 von Männern. Und das weiß ich so sicher, weil sie es explizit betonen.
Ist denn dieses Deutschland in Sachen Diversität, Inklusion und Teilhabe überhaupt so fortschrittlich, wie es sich gerne selber darstellt?
Diversität kann ja gar nicht fortschrittlich sein. Diversität ist erst mal. Die Gesellschaft ist divers. Aber die Sichtbarkeit dieser Diversität ist oft ungerecht. Viele Menschen, die nicht in das klassische cis-heteronormative Rollenbild passen, haben es schwerer, in der Politik oder der Popkultur gesehen zu werden. Das ist leider eine Tatsache. Und wenn es darum geht, das zu ändern, geht es niemals um den Selbstzweck "Diversity", sondern schlicht um persönliche Freiheit. Jede*r sollte die gleichen Möglichkeiten haben, sich auszudrücken, so zu leben wie er oder sie es will und dabei von niemandem gestört, beleidigt oder bedroht zu werden. Solange das nicht der Fall ist, wird jede Sichtbarkeit dieser Diversität dann als "besonders präsent" wahrgenommen werden. Ist sie nur nicht. Deutschland ist da keine Ausnahme. Das Klima in Deutschland wird immer gefährlicher. Das gilt für queere Menschen, aber insbesondere für Jüdinnen und Juden und BiPoC.
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Eine Studie von InterNations ergab kürzlich, dass Deutschland bei ausländischen Fachkräften extremst unbeliebt ist und quasi niemand dort hin will, weil dort nicht nur das Wetter immer sehr kalt und sehr unfreundlich ist. Fühlst du dich in Deutschland wohl?
Ich glaube, es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Attraktivität für ausländische Fachkräfte und der Lebensrealität für queere Menschen, die hier geboren sind. Denn wenn ich aus dem Ausland komme, muss ich mich ja zusätzlich zu Benachteiligungen aufgrund meiner Sexualität oder meines Geschlechtes noch mit Rassismus auseinandersetzen. Und warum sollte man das tun, wenn es bessere Alternativen gibt?
Etwas Besseres als Deutschland findet man überall, frei nach den "Bremer Stadtmusikanten"…
Deutschland ist für Fachkräfte aus dem Ausland unattraktiv, auch wenn es grundsätzliche Freiheiten garantiert. Das gesellschaftliche Klima ist kalt, die Menschen suchen oft die Schuld bei Minderheiten, und mehrere dieser Kämpfe zu führen, ist für Menschen aus dem Ausland alles andere als attraktiv. Ich fühle mich allerdings hier wohl, weil ich das Privileg hatte, mich nicht von null hier niederzulassen, sondern hier geboren wurde. Ich habe also einen Freund*innenkreis, der mich unterstützt, wohne in einer Großstadt und habe schlicht und ergreifend gelernt, mich politisch auseinanderzusetzen mit meiner Umwelt. Ich weiß, wo ich Safe Spaces finde, ich weiß, welche Kämpfe ich führen kann, und bin privilegiert genug, das öffentlich tun zu können. Deshalb fühle ich mich wohl – trotz des gesellschaftlichen Klimas.
Die Stimmung in Deutschland ist ja sehr aggressiv gegen Marginalisierte geworden: Judenhass, Queerfeindlichkeit, mörderische Abschottungspolitik, massiver Sozialabbau selbst gegen Obdachlose, Mega-Inflation, Wohnungsnot, Millionen Menschen in Ernährungsarmut, politische Hetze gegen Arme, "Behinderte" und Arbeitslose. Wie siehst du diese gesellschaftlichen Entwicklungen?
Ich habe natürlich Angst. Aber ich bin Optimist*in. Manchmal fühle ich mich sogar schlecht, weil ich so unfassbar positiv auf die Zukunft blicke. So, als wäre ich verpflichtet, zu leiden, und weil es so viele Menschen gibt, die das nicht tun. Ich weiß nicht mal, woher das kommt. Ich kann es aber nicht abstellen. Ich will für eine gerechte Welt kämpfen, in der all die Faschos und all die reaktionäre Energie weg ist. Und ich glaube, das wird schon. Einfach weitermachen.
Und was sagst du zu den Israel-Äußerungen von Greta Thunberg?
Besonders schlimm ist ja nicht nur, was Greta Thunberg gesagt hat – sondern was sie nicht gesagt hat: Kein Wort über das unvorstellbare Leid der israelischen Zivilbevölkerung! Sie vertritt stattdessen offen eine politische Haltung zum Israel/Hamas-Konflikt, die die reale Existenz jüdischen Lebens im Nahen Osten zur Debatte stellt und die Hamas selbst in der wohlwollendsten Lesart zu "Opfern" stilisiert. Das ist eine tief antisemitische Haltung. Es gibt keine Deutung ihrer Aussagen und Auftritte, die das entkräften könnten. Ich widerspreche vehement und hoffe, dass man ihr keine Bühne mehr bieten wird. Sie überschreitet damit auch ganz bewusst den Konsens von Fridays for Future, der in seiner Haltung zum Schutz jüdischen Lebens auf der Welt eindeutig ist. Und das nehme ich ihr dabei ganz besonders übel.
Links zum Thema:
» Homepage von Maurice Conrad
» Maurice Conrad auf X
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