Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?48018

Interview in "Forum Opferhilfe"

Überlebender der Dresdner Terrorattacke kritisiert Medien, Politik und LSVD

Dem Überlebenden der Dresdner Terrorattacke vom 4. Oktober 2020 geht es heute wieder gut, wie er in einem Interview erzählte. Oliver L. zeigte sich aber enttäuscht, dass der Vorfall kaum Konsequenzen gehabt habe.


Nach der Tat legten Menschen am Tatort Blumen nieder und zündeten Kerzen an (Bild: Dresden.Respekt – Place to be! / twitter)

  • 2. Januar 2024, 13:14h 4 Min.

Der 57-jährige Kölner Oliver L. ist 2020 bei einem islamistischen Terroranschlag schwer verletzt worden, sein Lebenspartner Thomas aus Krefeld starb bei der Attacke durch den damals 20-jährigen Syrer Abdullah Al Haj H. (queer.de berichtete). Jetzt spricht das überlebende Opfer in einem Interview mit der Zeitschrift "Forum Opferhilfe" des Weißen Rings erstmals in der Öffentlichkeit über die Attacke und die Folgen. Dabei kritisierte er unter anderem fehlende Konsequenzen aus dem Vorfall.

"Es ist skandalös, dass so ein Mann hier frei herumlaufen durfte", so L. Dabei kritisierte er, dass ein Politiker in der "Bild"-Zeitung die polizeilichen Maßnahmen verteidigt hätte: "Ich meine, ein Mensch ist tot! Wie kann da alles richtig gewesen sein?" Auch von den Medien habe er sich eine "mutigere Berichterstattung" gewünscht.

Kritik übte er insbesondere daran, dass die Attacke als Angriff auf Schwule gesehen worden sei und nicht als Angriff auf die gesamte Gesellschaft: "Alle Leute, die nicht schwul sind, haben uns sicherlich bedauert und gesagt: Schlimm – aber ich bin ja nicht schwul, mir kann das nicht passieren. Kann es doch!", so L. "Ich habe mich von der ersten Sekunde an aufgeregt, weil es immer hieß, das sei ein Attentat auf Schwule gewesen. Das stimmte einfach nicht! Danach erfolgte unmittelbar eine Stellungnahme des Lesben- und Schwulenverbandes, der versuchte, die Opferrolle für sich zu vereinnahmen. Das hat mich maßlos gestört."

"Hass auf unsere westliche Gesellschaft"

In Wirklichkeit habe der Täter "einfach Hass auf unsere westliche Gesellschaft" gehabt. "Und dann hätte ich einen gesellschaftlichen Aufschrei erwartet: Wie bitte, so ein gefährlicher Mann darf hier einfach frei herumlaufen? Aber die Schwulen-Debatte hat den Blick darauf komplett verstellt."

Als Opfer seien er und sein Partner aber "auf unsere sexuelle Orientierung reduziert" worden. "Und die Gefahr, die von diesem Täter ausging, die von islamistischen Schläfern im Land ausgeht, wurde dadurch nicht gesehen", beklagte L. "Der Täter war jahrelang wegen seiner Gefährlichkeit in Haft, er war gerade erst fünf Tage frei – und dann begeht er einen Mord! Nach dem Anschlag von Anis Amri 2016 auf den Weihnachtsmarkt in Berlin haben sie Betonblöcke vor sämtliche Weihnachtsmärkte gestellt. Und was ist nach Dresden passiert? Gar nichts! Weil es ja zwei Schwule waren. Es betrifft uns aber alle! Es hätte jeden treffen können!"

L. lehnt queeres Mahnmal in Dresden ab

Pläne, wonach in Dresden mit einem Mahnmal an die Opfer homophob und transphob motivierter Gewalt erinnert werden solle, lehnte er ab. "Ich bin dafür, dass es ein Mahnmal gegen islamistischen Terror gibt. Aber das traut sich anscheinend niemand", so L.

Seinen eigenen Zustand bezeichnete der Kölner mehr als drei Jahre nach dem Verbrechen als "gut": "Die schweren körperlichen Verletzungen sind verheilt. Neben der tiefen Stichwunde im Rücken hatte mir der Täter das rechte Bein verletzt, ab der Schnittwunde bis hinunter in den Fuß ist es seitdem taub. Aber das beeinträchtigt mich kaum. Ich kann laufen, ich habe keine Schmerzen." Der Tod seines Partners habe ihn viel mehr beschäftigt. "Ich hatte eine schlimme Zeit. Aber ich würde sagen, dass ich mittlerweile damit zurechtkomme", sagte L.. Um nicht allein zu sein, habe er sich einen Hund angeschafft.

"Ich fahre nie wieder nach Dresden"

Er habe inzwischen keine Angst mehr, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. "Mit einer Ausnahme: Ich fahre nie wieder nach Dresden. Dresden ist für mich die Stadt des Horrors", so L.

Der als islamistischer Gefährder eingestufte Täter Abdullah Al Haj H. hatte am 4. Oktober in der Dresdner Altstadt unvermittelt auf die zwei Männer aus Nordrhein-Westfalen eingestochen, die er offenbar als gleichgeschlechtliches Paar identifiziert hatte. Thomas L. erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die beiden Opfer hatten zusammen Urlaub in Sachsen gemacht. Aus dem Verfahren ging hervor, dass der Angeklagte Homosexuelle pauschal als "Feinde Gottes" angesehen haben soll, die den Tod verdienten (queer.de berichtete). H. wurde schließlich im Mai 2021 nach dem Erwachsenenstrafrecht zu lebenslanger Haft verurteilt (queer.de berichtete)

Der Täter war nur knapp eine Woche vor dem Messerangriff aus einer rund dreijährigen Jugendhaft entlassen worden – er war unter anderem wegen Propaganda für das Terrornetzwerk Islamischer Staat und Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilt worden. In Deutschland hielt er sich nur geduldet auf, weil er nicht ins Kriegsland Syrien zurückgeschickt werden durfte. Er bekam eine Reihe von Auflagen, musste sich unter anderem regelmäßig bei der Polizei melden – was er vor und selbst nach der Tat auch machte. (dk)

-w-