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Heimkino

Wenn Held*­innen nicht super, sondern fies sind – und auch mal queer

Sie lassen Marvel und DC alt aussehen: Amazons satirische Superheld*innen-Serien "The Boys" und "Gen V" sind zynisch, blutig und sexuell verspielt. Und das Beste, was es in dem ausgelaugten Genre derzeit zu sehen gibt.


The Deep (Chace Crawford) ist einer der Mitglieder von "The Seven" (Bild: Amazon Studios)

Mal angenommen, Superman wäre kein edler, patriotischer Tugendbold, der allzeit bereit ist, seine enormen übernatürlichen Kräfte für das Wohl der Menschheit einzusetzen. Sondern ein psychotischer Egomane, der vor nichts zurückschreckt, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Quasi ein Superbösewicht, der jedoch von seiner eigenen PR-Abteilung clever als Held inszeniert und vermarktet wird, um mit der Verehrung der ahnungslosen Öffentlichkeit möglichst viel Geld zu machen.

Willkommen in der Welt von "The Boys", eine fiese Superheld*innen-Satire, die ursprünglich als Comic erschien und von Amazon als TV-Serie adaptiert wurde. Im Zentrum stehen "The Seven", eine Gruppe von Superheld*innen, die alles andere als heroisch sind. Angeführt werden sie von Homelander, dem besagten psychotischen Egomanen. Und auch die anderen sechs haben so ihre Probleme. Die Gruppe ist eng verbunden mit Vought International, einem globalen Konzern, der sie managt und ihre PR macht. Er verantwortet das Merchandising, die TV-Auftritte, die Kinofilme, in denen die "Helden" sich selbst spielen – vor allem aber sorgt Vought dafür, dass "The Seven" immer im richtigen, strahlend positiven Licht erscheinen. Was nicht ganz leicht ist, aber der Konzern ist genauso korrupt wie seine angebliche Held*innen-Truppe.

Normalos im Kampf gegen übermächtige Wesen

Diese tut genug Gutes, um den Schein zu wahren, so dass nur wenige Menschen auf der Welt durchschauen, was wirklich läuft. Etwa weil sie schon persönlich durch die "Helden" zu Schaden gekommen sind. So formiert sich eine kleine Widerstandsgruppe rund um den ehemaligen Agenten Billy Butcher, dessen verstorbene Frau einst von Homelander vergewaltigt wurde. Sie nennen sich "The Boys" und haben nur ein Ziel: "The Seven" zur Strecke zu bringen. Nicht ganz leicht, wenn man als Normalo gegen Wesen mit Superkräften antreten muss.

Direktlink | Teaser-Trailer für die vierte Staffel von "The Boys"
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In den bisher erschienen drei Staffeln von "The Boys" stellt sich zudem heraus, dass diese Kräfte nicht einfach so entstehen, also als genetische Mutation bei der Geburt, sondern künstlich durch ein Serum, das ein derangierter Wissenschaftler entwickelt hat. Und dass es viele überehrgeizige Eltern gibt, die sich Vorteile ausrechnen, wenn sie dieses Serum ihrem Neugeborenen verabreichen. Vielleicht wird er oder sie später ja berühmt und kann richtig viel Geld kassieren, etwa durch die Aufnahme bei "The Seven", wo immer wieder mal ein Platz frei wird. Allerdings weiss man im Voraus nie, welche Kräfte das Serum genau auslöst. Längst nicht alle sind hilfreich oder nützlich. Und bei Erwachsenen kann es auch mal zum Tod führen.

Diverse queere Figuren

Noch in der ersten Jahreshälfte 2024 dürfte die vierte Staffel bei Amazon starten. Letztes Jahr gab es bereits eine Spin-off Serie namens "Gen V", die im gleichen Setting spielt, aber an einer Schule für angehende Superheld*innen angesiedelt ist – also mit lauter Jugendlichen voller naiver Hoffnungen oder ehrgeiziger Ambitionen, es irgendwann auch mal so weit zu bringen wie "The Seven". Frischfleisch für Vought. Was die meisten von ihnen nicht ahnen: Hinter der properen Fassade ihres Instituts schlummern düstere Geheimnisse. Darunter ein Geheimlabor im Keller, an denen die Schulleiterin mit einigen der übernatürlich begabten Jugendlichen seltsame Experimente durchführt.


Jordan Li (London Thor, li.) und Marie Moreau (Jaz Sinclair) in "Gen V"(Bild: Amazon Studios)

Beide Serien scheuen sich nicht vor expliziter Gewalt und sexuellen Neigungen aller Art. So ist etwa das zweitwichtigste Mitglied von "The Seven", Queen Maeve, zunächst heimlich in einer Beziehung mit einer Frau, wird dann jedoch von Homelander geoutet und Voughts PR-Maschinerie geradezu übertrieben positiv in die Medienöffentlichkeit gezerrt. Und The Deep, der unter Wasser atmen und mit Meereslebewesen kommunizieren kann, hat schon auch mal eine Affäre mit einem Oktopus. Zu den Hauptfiguren von "Gen V" gehört Jordan Li, der jederzeit sein Geschlecht wechseln kann und sowohl in seiner männlichen wie weiblichen Form eine Beziehung mit einer der anderen weiblichen Hauptfiguren hat.

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Viel besser als die Dutzendware im Kino

Die Selbstverständlichkeit und Verspieltheit, mit der Queerness in den Serien eingesetzt wird, ist ein wohltuender Kontrast zu all den anderen Superheld*innenfilmen und -serien, die sich mit einer solchen Inklusion bis heute schwertun. Einzig Marvels Kinofilm "The Eternals" (2021) hatte bisher eine nennenswerte queere Repräsentation, mit einem schwulen Helden im Ensemble, der mit seinem Partner und dem gemeinsamen Sohn zusammenlebt.

Die Comics, auf denen all diese Geschichten basieren, sind längst wesentlich weiter. In den letzten Jahren gab es sogar ein paar richtig prominente Coming-outs, darunter Supermans Sohn Jonathan Kent, Batmans Sidekick Robin sowie Iceman von den X-Men. All das ist bisher weder im Kino noch auf dem TV-Bildschirm so richtig angekommen. Wohl weil man sich sorgt, das globale Mainstream-Zielpublikum damit zu irritieren, was sich negativ auf die Einnahmen auswirken könnte. Womit sich der Kreis schliesst zu Vought International, für die letztlich auch Geld das Hauptkriterium ist…

Direktlink | Deutsche Trailer zu "Gen V"
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"The Boys" und "Gen V" sind frische Alternativen in einem Genre, das sich ansonsten langsam tot zu laufen scheint. Denn anders als die Kinofilme sprudeln sie geradezu vor Kreativität. Zu den wildesten Ideen gehört "Herogasm", eine jährlich stattfindende Superheld*innen-Sexorgie, in der kreuz und quer alle mit allen zugange sind, zu sehen in der dritten Staffel von "The Boys". Der Oktopus ist auch dabei.

-w-