Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?48068

Interview

"Von Sepp Blatter bekam ich sogar ein Glückwunschschreiben"

Der Kinofilm "Next Goal Wins" erzählt auch die Geschichte von Jaiyah Saelua, der ersten trans Fußballerin, die je in einem offiziellen WM-Qualifikationsspiel in einer Männermannschaft antrat. Wir trafen sie in Berlin zum Interview.


Jaiyah Saelua am 20. November 2023 bei der deutschen Kinopremiere von "Next Goal Wins" im Berliner Kino International (Bild: IMAGO / Eventpress)

Jaiyah Saelua, geboren 1988 in Amerikanisch-Samoa, ist die erste trans Fußballspielerin, die je in einem offiziellen WM-Qualifikationsspiel der FIFA in einer Männermannschaft antrat. Seit 2004 spielte sie in der Abwehr der Nationalmannschaft ihres Heimatlandes, jüngst hat sie ihre Fußballkarriere beendet.

Nun läuft "Next Goal Wins" in den Kinos: ein Film, in dem es nicht nur um die Versuche von Amerikanisch-Samoa geht, mit Hilfe eines neuen Coaches (Michael Fassbender) erstmals überhaupt einen Sieg zu erzielen, sondern eben auch um Saeluas ganz eigene Geschichte. Denn nicht nur ist sie trans, sondern auch Fa'afafine, wie man in Polynesien Personen nennt, die biologisch männlichen Geschlechts sind, aber sozial als Frauen erzogen und auch so angesehen werden. Aus der trans Community wurde die Komödie teils scharf kritisiert (Filmkritik von Lilith Poßner).

Wir trafen Jaiyah Saelua in Berlin zum Interview.


Poster zum Film: "Next Goal Wins" läuft seit 4. Januar 2023 im Kino

Jaiyah, muss man Fußballfan sein, um Spaß zu haben an "Next Goal Wins"?

Kein bisschen, denn Taika Waititis Film spricht auf jeden Fall sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Er bietet vor allem die fantastische Möglichkeit, dem Publikum eine Region der Welt nahe zu bringen, die sonst kaum je auf der Leinwand zu sehen ist. Ich bin wirklich begeistert davon, wie viel er von der Kultur Samoas zeigt. Und noch begeisterter bin ich natürlich, wie zentral es auch um die Fa'afafine-Identität geht, über die viele sicherlich kaum etwas wissen.

Die Geschichte Ihrer Fußballmannschaft und des neuen Trainers wurde bereits in einem gleichnamigen Dokumentarfilm erzählt. Aber ein Spielfilm nimmt sich natürlich zwangsläufig künstlerische Freiheiten heraus. Hatten Sie diesbezüglich Bedenken?

Sagen wir es mal so: ich war zunächst ein wenig besorgt, wer mich spielen würde. Was mir dagegen keine wirkliche Sorge bereitete, war die Darstellung unserer samoanischen Kultur. Regisseur Taika Waititi ist schließlich selbst Pazifikinsulaner, er stammt aus Neuseeland und ist Maori. Ich war mir ziemlich sicher, dass er darauf achtet, alle Rollen jenseits des weißen Trainers mit Schauspielern zu besetzen, deren Wurzeln ebenfalls auf den pazifischen Inseln liegen.

Aber bei der Besetzung der Film-Jaiyah war Ihnen natürlich noch anderes wichtig…

Genau, da kamen ein paar Sachen zusammen, denn ich sehe mich durchaus auch als Aktivistin und lege deswegen Wert auf Repräsentation. Mir war es wichtig, dass eine Schauspielerin gefunden wird, die nicht nur aus Samoa stammt und einigermaßen sportlich ist, sondern auch sowohl Fa'afafine als auch trans ist. Denn das sind zwei verschiedene Sachen, nicht jede Fa'afafine ist auch trans. Die Anforderungen bei dieser Rolle waren jedenfalls hoch, zumal es natürlich auch jemand sein musste, der schauspielen kann. Ich bezweifelte wirklich, dass Taika und sein Team jemanden finden, die alle Kriterien erfüllt. Aber es ist ihnen wirklich geglückt.

Haben Sie dann eng mit Kaimana an der Gestaltung der Rolle zusammengearbeitet?

Nein, da habe ich mich ganz herausgehalten. Wir haben uns überhaupt erst bei der Party zum Drehbeginn kennen gelernt. Ich hatte vorher versucht, ein bisschen über Kaimana herauszufinden, aber zu meinem Erstaunen hat sie null Präsenz in den sozialen Netzwerken. Aber als wir uns dann erstmal begegneten, hatte ich sofort ein gutes Gefühl, was ihre Besetzung angeht. Und als ich schließlich den Film zum ersten Mal sah, war ich doppelt begeistert. Was Kaimana als Schauspielanfängerin leistet, ist wirklich wundervoll. Ich erkannte mich in ihrer Darstellung auf Anhieb wieder und war vor allem angetan, wie glaubwürdig sie jene Momente eingefangen hat, in denen ich damit gerungen habe, welche durchaus schwierigen Konsequenzen es haben würde, als ich mich für meine Transition entschieden habe. Die Frage, ob ich besser keine Hormone nehme, um auf dem Fußballplatz womöglich besser zu performen, gehörte zu den schwierigsten, vor denen ich in meinem Leben je stand, und ich bin dankbar, dass sie auch im Film verhandelt wird.


Szene aus "Next Goal Wins": Kaimana als Jaiyah Saelua (Bild: The Walt Disney Company Germany GmbH)

Hätten Sie die Rolle nicht einfach selbst spielen können?

Das wäre nicht wirklich mein Ding gewesen, fürchte ich. Ich stehe nicht besonders gerne vor der Kamera. Über die Jahre habe ich mich an vieles gewöhnt, denn natürlich ist es mir ein Anliegen, meine eigene Geschichte zu teilen, vielleicht anderen Menschen ein Vorbild zu sein und mich gerade in der Welt des Fußballs für LGBTI-Rechte einzusetzen. Aber Öffentlichkeit und Rampenlicht waren immer etwas, mit dem ich gefremdelt habe. Selbst heute noch gehen mir Auftritte nicht leicht von der Hand, sondern kosten mich trotz aller Routine Überwindung.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Lassen Sie uns noch kurz auf Ihre Karriere jenseits der im Film gezeigten Geschichte zu sprechen kommen. Der internationale Profi-Fußball ist ja eigentlich für ein umfangreiches, strenges Regelwerk bekannt und gilt obendrein nicht als sonderlich LGBTI-freundlich. Wie schwierig war es für Sie, jahrelang als trans Frau und Fa'afafine im Männer-Team zu spielen?

Ein wirkliches Problem waren nur die besagten Hormone. Als ich mich 2015 dazu entschied, sie zu nehmen, spielte ich deutlich schlechter und flog vorübergehend aus der Nationalmannschaft. Aber von offizieller Seite wurden mir eigentlich nie Steine in den Weg gelegt, da habe ich keinerlei Ausgrenzung oder Diskriminierung erlebt. Die Oceania Football Confederation hat mich immer unterstützt, und vom damaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter bekam ich sogar ein Glückwunschschreiben für meine Verdienste als trans Spielerin. 2016 war ich auf dem Cover des FIFA-Magazins zu sehen. Selbst als ich schließlich die medizinische Transition begann, Veränderungen an meinem Körper vornahm und deutlich weiblicher auftrat, hatte das keine negativen Folgen. Im Gegenteil wurde ich befördert und zur Kapitänin der Nationalmannschaft ernannt.

Infos zum Film

Next Goal Wins. Komödie. USA 2023. Regie Taika Waititi. Cast: Will Arnett, Elisabeth Moss, Michael Fassbender, Oscar Kightley, Kaimana, David Fane, Rachel House, Beulah Koale, Uli Latukefu, Semu Filipo, Lehi Falepapalangi. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 0. Verleih: Walt Disney. Kinostart: 4. Januar 2024
-w-