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Kritik

Deutsche Aidshilfe: Jugenschutzfilter verhindert Zugang zu Coming-out-Seiten

Die DAH schlägt Alarm: Jugendschutzfilter sperrten nicht nur Gewalt- und Pornoseiten, sondern behinderten mit Sperren die Präventionsarbeit oder schnitten queere Jugendliche von Coming-out-Informationen ab.


Ein virtuelles Stoppschild verhindert oft, dass Jugendliche Zugang zu Präventionsbotschaften oder Coming-out-Seiten haben (Bild: freepik.com)

  • 17. Januar 2024, 15:29h 3 Min.

Die Deutsche Aidshilfe hat am Mittwoch kritisiert, dass der weit verbreitete technische Jugendschutzfilter JusProg über lange Zeit den Zugriff auf bestimmte Webseiten der Aidshilfe und einiger ihrer Mitgliedsorganisationen zu Aufklärung über HIV und sexuell übertragbare Infektionen sowie sexueller Bildung blockiert hat. Darüber hatten zuvor der Bayerische Rundfunk und netzpolitik.org berichtet. Auch zahlreiche Coming-out-Seiten seien betroffen.

"Diese Sperrpraxis ist diskriminierend und wirkt dem Auftrag der Aufklärung und Prävention entgegen. Jugendlichen werden damit lebenswichtige Informationen vorenthalten. Angebote zu sexueller Bildung für junge Menschen gilt es zu stärken statt wegzufiltern", erklärte DAH-Vorstandsmitglied Ulf Kristal. "Gerade bei sensiblen Themen brauchen Jugendliche vertrauenswürdige, altersgerechte Angebote."

JusProg weit verbreitet

JusProg ist weit verbreitet, unter anderem weil es sich um das einzige Programm dieser Art handelt, das in Deutschland nach gesetzlichen Vorgaben anerkannt ist. Der Jugendschutzfilter kann von Eltern oder Schulen auf Geräten installiert werden, die Kinder und Jugendliche nutzen, läuft aber zum Beispiel auch im öffentlichen BayernWLAN des Freistaates mit. Er soll anhand bestimmter Schlüsselwörter potenziell jugendgefährdende Inhalte blockieren. Rund eine Milliarde Webseitenaufrufe pro Monat laufen dem Verein, der JusProg trägt, durch den Filter.

Von einem roten Stoppschild empfangen wurden Informationssuchende zum Beispiel beim Aufruf der Webseite MeinComingOut.de, ein Unterstützungsangebot für queere Jugendliche im Coming-out-Prozess der DAH-Präventionskampagne "Ich weiß, was ich tu" in Zusammenarbeit mit anderen queeren Organisationen. Betroffen war auch das Portal drugchecking.berlin von Vista, der Schwulenberatung Berlin und Fixpunkt. Wie es in Prävention und Aufklärung üblich ist und auch von Expert*innen für erforderlich angesehen wird, sprechen diese Angebote bezüglich Sexualität und Drogenkonsum eine klare, an der Zielgruppe orientierte Sprache, die der technische Filter dann falsch interpretiert. Alle genannten Organisationen erhalten für ihre Arbeit eine öffentliche Förderung.

Seiten nach Protest freigeschaltet

Die Deutsche Aidshilfe hat von den JusProg-Betreiber*innen eine sofortige Freigabe der Seiten gefordert, die mittlerweile auch erfolgt sei, und darüber hinaus eine gründliche Klärung, wie es zu der Sperre kommen konnte. JusProg e.V. hat bereits Maßnahmen ergriffen, um falsche Sperrungen in Zukunft zu reduzieren.

Die Recherche zeige aber laut DAH, dass weiterreichende Maßnahmen notwendig seien. "Bei technischen Jugendschutzmaßnahmen bedarf es einer diskriminierungssensiblen Umsetzung. Um ungerechtfertigte Sperrungen zu verhindern, müssen unabhängige Fachleute die Systeme kontrollieren und korrigieren – nach öffentlich nachvollziehbaren Kriterien", so Ulf Kristal.

Betreiber*innen gesperrter Seiten sollten zudem standardmäßig informiert werden, damit sie sich gegebenenfalls wehren können. Zugleich bräuchten Jugendliche mehr nicht-technische Maßnahmen zum Jugendschutz, zum Beispiel in Form von guten Aufklärungsmaßnahmen und altersgerechter sexueller Bildung. An Schulen geschehe dies oft unzureichend – vor allem mit Blick auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt.

"Wenn jugendgerechte Angebote dann noch durch Jugendschutzfilter von ihren Zielgruppen abgeschnitten werden, entsteht bezüglich Aufklärung und Prävention eine gefährliche Unterversorgung – mit fatalen Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit von jungen Menschen", so Kristal. Darüber hinaus schränkten Jugendschutzfilter, wenn sie in öffentlichen Netzen wie dem BayernWLAN oder in Verkehrsbetrieben zum Einsatz kommen, alle Menschen ein, ganz unabhängig von ihrem Alter.

JusProg ist kein Einzelfall: Auch queer.de teilweise gesperrt

Das Thema von Inhaltsfiltern ist der Deutschen Aidshilfe nicht neu: Die DAH-Antidiskriminierungsstelle bearbeitete zum Beispiel kürzlich einen Fall, wonach ein schwuler Mann aus dem Netz einer Reha-Klinik nicht auf queer.de und das schwule Datingportal Romeo zugreifen konnte. Auch in anderen sozialen Netzwerken gestalte sich eine sexualitätsbejahende Bildungsarbeit oft schwierig, weil Beiträge, die das Wort "Sex" auch nur beinhalten, oft geblockt oder in ihrer Reichweite eingeschränkt werden. "Prävention kann nur gelingen, wenn über Sexualität gesprochen werden darf – in positiver und unterstützender Weise", erklärte Kristal. (pm/cw)

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