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Kurzweilige Realitätsflucht und Freude an Fluidität

"Lasvegas", das Spielfilmdebüt von Kolja Malik, erinnert entfernt an eine queere Neuauflage von "Romeo und Julia": Daniel Roth und Tim-Fabian Hoffmann spielen zwei schwer verliebte Menschen, die aus ihren jeweils eigenen Alltagen ausbrechen wollen.


Daniel Roth und Tim-Fabian Hoffmann in "Lasvegas" (Bild: farbfilm verleih)

Eine Stadt avanciert zur absoluten Freiheitsgarantie: Kaum eine Metropole wurde in der Filmgeschichte so exzessiv zelebriert wie Las Vegas. Bietet sie doch Raum für hedonistischen Rausch, unbekümmerte Hingebung und geheime Begierden. Nicht selten zerbrechen die Hoffnungen auf Realitätsflucht an einer – auf dieser Fantasie fußenden – Fahrlässigkeit. Dieser Ästhetik bedient sich Kolja Malik in seinem Spielfilmdebüt, das ebenjenes illusionäres Versprechen auf Selbstverwirklichung betitelt: "Lasvegas".

Es ist ein Film, der in den Momenten am besten funktioniert, in denen er sich selbst nicht zu ernst nimmt. Wenn "Lasvegas" mit einem Augenzwinkern und dem richtigen Bewusstsein für seine hanebüchene Handlung erzählt, vergehen die 100 Minuten Spielfilmlänge im Handumdrehen. Zwischen den beiden Hauptfiguren entwickelt sich hier dynamische Spielfreude und eine knisternde Chemie – hach, dieser Fantasie von kopfloser Spontaneität, die sich (zunächst) erfolgreich über alle Regeln der Wahrscheinlichkeit hinwegsetzt, gebe ich mich gerne hin.

Kolja Malik lässt seine Charaktere durch ein Netz der Dualismen und Dichotomien wandern, die er geschickt mit Ambiguitäten konterkariert. Das unverhoffte Aufeinandertreffen und die Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Verbindung von bourgeoiser Elite und einem in Kriminalität getriebenen Milieu erinnert entfernt an eine queere Neuauflage der archetypischen Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte.

Der Modedesigner und der Hustler

Der Modedesigner Tristan (Fabian Hoffmann) sieht sich in der künstlerischen Tristesse seiner altreichen Familie gefangen, die ihn in ein Korsett der unbedingt guten Reputation zwängt. Er hat wenig Vertrauen in wagemutige Visionen, weicht unsicher Blicken aus. Eine Chance zum Ausbrechen aus diesen Erwartungshaltung bietet der überschwängliche und selbstbewusste Hustler Sunny (Daniel Roth). Die Figur lebt durch ihre Uneindeutigkeiten und das resultierende Spannungsfeld ihrer Fluidität: Sie setzt sich neckisch über genderspezifische Erwartungen hinweg, verkörpert Ambiguitäten wie Forschheit und Harmoniebedürfnis und changiert so zwischen narrativen Rollen als An- und Protagonist.

Extreme Nahaufnahmen, hektische Kameraschwenks und eine bis zur Unerkennbarkeit gestaffelte Überbelichtung: In "Lasvegas" lässt diese individuelle Filmsprache beinahe halluzinatorische Eindrücke entstehen. Dieser surrealistische Stil verbildlicht Orientierungslosigkeit und Drogen-Highs, in deren katastrophale Folgen Tristan zunehmend hineingesogen wird. Der Film folgt hier einem klassisch dramatischen Aufbau, steuert er doch nach einem optimistischen Höhepunkt direkt in das Fiasko hinein.

Eine verwirrende Familiengeschichte

Eine klare Schuldverteilung bricht der Film gezielt auf, indem sich beide Figuren einem Verantwortungsbewusstsein entziehen: Sie konzentrieren sich auf ihre Liebesbeziehung, die so unwirklich wie faszinierend scheint. Auf Tristans lineare figürliche Struktur trifft plötzliches Chaos – eine faszinierende Mehrdeutigkeit mit Sogwirkung, weil die Wechselwirkung so schwer greifbar ist. Eingebettet ist diese groteske Chemie und der folgende Absturz in eine verwirrende und ratlos wirkende Familiengeschichte, die den Film nicht richtig voranbringt.

Leider krallt sich "Lasvegas" immer wieder an die Assimilation an den amerikanischen Traum fest. Diese titelgebende Metaphorik als Ort unerfüllter Versprechungen, einer neoliberalen Selbstverwirklichung, einer pflichtfreien Oase trägt nicht über Spielfilmlänge. Ich möchte wissen, wieso die beiden Charaktere aus ihren jeweils eigenen Alltagen ausbrechen wollen und was sie zu diesem Fluchtinstinkt treibt. So kreisen die Dialoge immer wieder um den Ausbruchsmoment, anstatt seine Beweggründe zu beleuchten.

Lustig, dass die US-amerikanische Metropole im Filmtitel stilistisch zusammengeschrieben wird – gemessen an der Vielzahl der Momente, in denen der Ausspruch heruntergerattert wird und sich sinnentleert. Das daran verknüpfte Versprechen auf eine kurzweilige Realitätsflucht und der Freude an Fluidität hält "Lasvegas" nichtsdestoweniger.

Infos zum Film

Lasvegas. Drama. Deutschland 2023. Regie: Kolja Malik. Cast: Tim-Fabian Hoffmann, Daniel Roth, Nastassja Kinski, Lana Cooper, Julia Malik, Thomas Thieme, Robert Stadlober. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: farbfilm. Kinostart: 18. Januar 2024
Galerie:
LASVEGAS
13 Bilder
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