https://queer.de/?48193
Buchtipp
Ein Roman über queere Solidarität in Krisenzeiten
Im Jahr 2040 ist die Demokratie längst Geschichte, queere Menschen wurden kriminalisiert und vertrieben: Kes Otter Lieffes bewegender Roman "Von wo wir kommen werden" ist erschreckend aktuell – und macht dennoch Mut.

Symbolbild: Drei queere Menschen sitzen am Tisch und stoßen an (Bild: Zackary Drucker / The Gender Spectrum Collection)
- Von
20. Januar 2024, 08:26h 4 Min.
Geschrieben habe Kes Otter Lieffe den Roman "Von wo wir kommen werden" (Amazon-Affiliate-Link ) für trans Frauen, und zwar für jene, die an sich selbst zweifeln, um sie daran zu erinnern, wie echt sie in Wahrheit seien. Es ist ein Roman über queere Solidarität und das Zusammengehörigkeitsgefühl in Krisenzeiten, in denen marginalisierte Gruppen, wie uns die Realität schmerzhaft Tag für Tag lehrt, gefährdet sind und – auch in weniger krisenhaften Zeiten – unter Rechtfertigungsdruck ohnehin ständig stehen.
Im Roman geht es um eine nicht allzu ferne Zukunft – man schreibt das Jahr 2040. Der Klimawandel hat mittlerweile voll zugeschlagen, und die Demokratie wurde durch ein autoritäres Regime abgelöst. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt wurden gecancelt und die dazugehörigen Menschen kriminalisiert und vertrieben. Sie leben nun in den Wäldern rund um das Machtzentrum, das im Roman anonym "die Stadt" heißt und irgendwo am Meer liegt. Sie haben dort Widerstandsnester aufgebaut. Von Widerstandsschwärmen ist die Rede. Aber auch dort sind sie nicht sicher vor der Verfolgung durch die Staatsmacht, die die lebensnotwendigen Brunnen zerstört und Waldsiedlungen in Flammen aufgehen lässt.
Queerfeindllicher Überwachungsstaat

"Von wo wir kommen werden" ist im Verlag w_orten & meer erschienen
Das Leben in der Stadt, das vom wirtschaftlichen Zusammenbruch und einem hemmungslosen Überwachungsstaat geprägt ist, fühlt sich ziemlich surreal an. Da gibt es beispielsweise die "Life-Account-Behörde", die jeden Schritt der Bewohner*innen verfolgt und deren Sprache kontrolliert. Misstrauen und Argwohn herrschen. Jede*r ist des anderen Feind*in. Ein wenig erinnert das an George Orwells Horrorvision "1984". Die Ernährung ist weitgehend auf einen sogenannten "Nutri-Riegel" zusammengeschrumpft. Andererseits stehen Sexarbeiter*innen unter einem besonderen Schutz, was einen nicht wenig staunen lässt, und eine kleine Elite lebt nach wie vor in Luxus.
Lieffe verwebt in dem immerhin weit über 400 Seiten des Romans mehrere Erzählstränge: Da ist zunächst die 74-jährige trans Frau Ash, die in einem Hausboot lebt, und mit Pinar, die wiederum inmitten ihres Kräuter- und Gemüsegartens ein Waldhaus bewohnt, schon sehr lange befreundet ist. Beide sind alte Kämpfer*innen der feministischen Queerbewegung von geradezu ikonischer Ausstrahlung. Ash besitzt zudem die Fähigkeit, auf Zeitreisen in die Vergangenheit zu gehen. Überhaupt spielen Erinnerungen an die frühen Emanzipationskämpfe eine bedeutende Rolle.
Lesbisches Cruising, schwuler General
Ash kritisiert die Community als zu uneinig: "Wir haben keine Verankerung in der Geschichte. Keine Verbindung zu unserer Umwelt. Und statt den wahren Feind, nämlich den Staat zu bekämpfen, verschwenden wir unsere Zeit damit, einander niederzumachen." Was mir allerdings wie ein Wink aus unserer Gegenwart vorkommt.
Ein weiterer Erzählstrang ist Kit, einer lesbischen Domina, gewidmet und ihrer kurzen, aber heftigen Liebe zu Nathalie. Was früher eine Domäne der Schwulen war, nämlich das nächtliche Cruisen, ist jetzt in einem vernachlässigten Park der Stadt zur Lieblingsbeschäftigung von Lesben geworden. Dass das überhaupt möglich ist, klingt allerdings paradox. Und dann gibt es da noch den schwulen General, der seinen Sadismus an den jungen Soldaten auslebt, bis er eines Tages in flagranti erwischt wird und von da an im Gefängnis vegetiert. Doch Machtmenschen wie er landen immer wieder auf den Füßen – oder, um im Geist der Geschichte zu bleiben, es passt auch dieses Sprichwort, wonach der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Kampf zwischen Staatsmacht und queerem Widerstand

lllustration von Kes Otter Lieffe (Bild: privat)
Im Laufe der Erzählung spitzen sich die Ereignisse zu und eskalieren in einem offenen Kampf zwischen der Staatsmacht und dem queeren Widerstand. Die Autor*in ist fasziniert von der Möglichkeit einer queeren Schwarmintelligenz, die freilich Zusammenhalt voraussetzt, und ebenso fasziniert ist sie von Vorbildern wie Ash, die weiß, wie man noch mit alten, müden Knochen kämpft. Die Botschaft ist klar: Diversität ist gut für uns, aber es darf nicht um Wunschdenken gehen, sondern um konkrete Veränderungen.
Lieffe kennt sich gut aus in den queeren Communitys unserer Tage und weiß deshalb, woran es oft hapert, nämlich immer wieder mal an mangelnder Solidarität. Weshalb der Roman mit seinem Blick ins Jahr 2040 so manches Déjà-vu für uns Leser*innen bereithält. "Manche Dinge ändern sich einfach nie", heißt es vielsagend an einer Stelle. Gleichwohl hat es bei Lieffe an erzählerischer Fantasie keinen Mangel. Hinzu kommt die Lust an der Naturverbundenheit in den Schilderungen des Waldlebens ebenso wie auch die Lust an der Lust, die uns wohldosierten Sex beschert.
Die lebenskluge Ash spricht das Resümee, das uns irgendwie sehr gegenwärtig vorkommt: "Vielleicht ist die Welt einfach noch nicht bereit für Bartstoppeln und Lippenstift, schütteres Haar mit langen Ohrringen oder ein Seidenkleid über einer muskulösen Brust." Zeit wird's, aber dann hoffentlich ohne Life-Account-Behörde.
Kes Otter Lieffe: Von wo wir kommen werden. Aus dem britischen Englisch von Stefanie Frida Lemke. Originaltitel: Margins and Murmurations. 428 Seiten. w_orten & meer. Insel Hiddensee 2023. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-945644-38-6)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.
















