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Folge 4 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Sexualwissenschaft und Psychologie

Waren Schwule vor 100 Jahren gar nicht "kriminell", sondern eher "krank" und "heilbar"? In dieser Folge der Serie über das Jahr 1924 geht es um die Bereiche Medizin und Psychologie.


Filmszene aus "Der Einstein des Sex" (1999): Eine medizinische Vorlesung über Homosexualität mit einem homosexuellen Probanden (Bild: arte)

Zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessierten sich Mediziner für die Entstehung der Homosexualität. Aus unklaren Vorstellungen und diversen Begriffen wurde der medizinische Begriff Homosexualität geformt (s. a. meinen Artikel "Vor 150 Jahren wurde die 'Homosexualität' erfunden" hier auf queer.de). Dabei veränderte sich auch der Blick auf Homosexuelle. Michel Foucault drückte es so aus: "Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies." Der Aufbruch zu einer modernen Sexualwissenschaft kam mit Richard von Krafft-Ebings Bestseller "Psychopathia sexualis" (1886) und es galt nun als fortschrittlich, homosexuelle Männer und lesbische Frauen in erster Linie nicht mehr als kriminell, sondern als krank zu begreifen. Typisch für diese Einstellungsänderung ist der Leitartikel von Otto Zacharias "Die Tatsache der Homosexualität im Lichte der Biologie" in der "Kölnischen Zeitung" (28. Juni 1908). Die Krankheitstheorie bildete eine wichtige Argumentationsgrundlage für die erste Homosexuellenbewegung, weil Kranke im Gegensatz zu "Perversen" auf Mitleid in der Bevölkerung hoffen konnten, was als Vorteil im Kampf gegen den § 175 des Reichsstrafgesetzbuches angesehen wurde.

Die Weimarer Republik

Bei der Beurteilung der Situation in der Weimarer Republik habe ich mich nachfolgend an der gängigen Sekundärliteratur orientiert, wie Joachim S. Hohmanns "Sexualforschung und -aufklärung in der Weimarer Republik" (1985), Florian Mildenbergers "… in der Richtung der Homosexualität verdorben" (2002), Volkmar Siguschs "Geschichte der Sexualwissenschaft" (2008) und dem "Personenlexikon der Sexualforschung" (herausgegeben von Volkmar Sigusch und Günter Grau, 2009). In einigen Fällen waren digitalisierte Tageszeitungen eine wichtige Ergänzung.

Es erschien mir sinnvoll, nach einem Absatz über Mildenberger, die unterschiedlichen Wissenschaftler in alphabetischer Reihenfolge vorzustellen. Dabei habe ich mich auf die Personen konzentriert, deren Publikationen um 1924 vorlagen bzw. in dieser Zeit rezipiert wurden. Neben Wissenschaftlern aus den Bereichen Medizin und Sexualwissenschaft habe ich auch solche aus den Bereichen Psychologie und Psychoanalyse mit aufgenommen. Aufgrund der besonderen Stellung Magnus Hirschfelds als Mediziner, Homosexuellenaktivist und wichtigster Repräsentant der frühen Homosexuellenbewegung gehe ich auf ihn ausführlicher ein, um seiner Bedeutung, die er nicht nur im deutschen Kaiserreich, sondern auch in der Weimarer Republik hatte, gerecht zu werden.

Florian Mildenberger – "… in der Richtung der Homosexualität verdorben"

In seinem Buch "… in der Richtung der Homosexualität verdorben. Psychiater, Kriminalpsychologen und Gerichtsmediziner über männliche Homosexualität 1850-1970" (2002) schildert Florian Mildenberger, wie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Vorstellungen von Homosexualität formten (Einleitung, S. 9-33). Die Zeit der Weimarer Republik behandelt er in drei Kapiteln. In dem ersten dieser Kapitel geht er auf Magnus Hirschfeld ein, der über die These, dass Homosexualität angeboren sei, die Sinnlosigkeit einer Bestrafung wissenschaftlich zu untermauern versuchte (S. 96-108). In einem weiteren Kapitel behandelt Mildenberger die Bereiche "Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse", wo Homosexualität meistens als eine von mehreren "sexuellen Perversionen" angesehen und dementsprechend die Möglichkeit von "Verführung" und "Heilung" diskutiert wurde. Als Beispiele nennt er den Arzt Gustav Boeters, der 1923/24 mit Forderungen nach Zwangssterilisationen bekannt wurde, und Alfred Adler, der ebenfalls die Heilbarkeit von Homosexualität behauptete (S. 109-134). In einem dritten Kapitel behandelt Mildenberger verschiedene Gefängnisärzte und die Entwicklung der Kriminalbiologie. So führte der österreichische Kriminalbiologe Adolf Lenz vor angehenden Juristen und Medizinern ab dem Wintersemester 1923/1924 in seinen Seminaren Vorführungen homosexueller Probanden durch (S. 135-148), eine Praxis, die in Deutschland bereits aus der wilhelminischen Zeit bekannt ist.

Alfred Adler – Urin trinken, um sich vor Oralverkehr nicht zu ekeln

Alfred Adler (1870-1937) war ein österreichischer Arzt und Psychotherapeut. Er war der Begründer der Individualpsychologie, die zwischen den beiden Weltkriegen ihre Blütezeit erlebte. Seine Lehren hatten eine große Wirkung auf die Entwicklung der Psychologie und Psychotherapie im 20. Jahrhundert. Seine Anhänger werden Adlerianer genannt.

Sein wichtigster Beitrag über Homosexualität ist sein Buch "Das Problem der Homosexualität" (1917, 52 S.). Als es nach mehr als zehn Jahren vergriffen war, brachte er es in einer stark erweiterten Fassung unter dem erweiterten Titel "Das Problem der Homosexualität. Erotisches Training und erotischer Rückzug" (1930, 110 S.) neu heraus und betonte, dass auch seine weiteren Forschungen die Erkenntnis bestätigt hätten, dass "die Homosexualität ein Training des entmutigten Menschen seit seiner Kindheit darstellt, um auf dem Wege der (…) Ausschaltung des anderen Geschlechtes der normalen Lösung der Liebesfrage auszuweichen". Erziehung solle deshalb zur "Beseitigung der Homosexualität" beitragen (S. V-VI). Diese erweiterte Auflage wurde bis in die Neunzigerjahre nachgedruckt.

Adlers Aufsatz "Über die Homosexualität. Vortrag in der 'juristisch-medizinischen Gesellschaft in Zürich' 1918" (in: "Praxis und Theorie der Individualpsychologie", 1920, S. 127-135, weitere Ausgaben 1924 und 1930) basiert auf seinem Buch von 1917 und behandelt ebenfalls die angeblichen Ursachen der Homosexualität. Dabei fallen einige abfällige bzw. überhebliche Kommentare auf, wenn er bestimmte Äußerungen von Homosexuellen als "rührend und komisch zugleich" bezeichnet (S. 129).

Wegen seiner großen Bedeutung wurden mehrere von Adlers Aufsätzen in einem Band mit dem Titel "Persönlichkeitstheorie, Psychopathologie, Psychotherapie" (2010) nachgedruckt, darunter (S. 306-313) "Erotisches Training und erotischer Rückzug" aus dem Jahr 1928 (nicht zu verwechseln mit dem Buch von 1930, das diese Formulierung im Untertitel trägt). In diesem Aufsatz berichtet Adler u. a. von einem Mann, der schwul "wurde" und als eine Art "Training" Urin getrunken haben soll, um vor dem Oralverkehr mit einem anderen Mann keinen Ekel zu empfinden (S. 312). Solche befremdlichen Äußerungen bleiben von der Herausgeberin Gisela Eife unkommentiert, die in ihrer Einleitung unkritisch davon schreibt, dass Adler in diesem Aufsatz auf "sexuelle Fehlleistung(en)" eingehe (S. 306).


Alfred Adlers Buch "Das Problem der Homosexualität" (1917, 1930)

Gustav Aschaffenburg – ein janusköpfiger Kriminalpsychologe

Gustav Aschaffenburg (1866-1944) war von 1904 bis 1934 (als er vom NS-Regime wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde) Professor für Psychiatrie in Köln. Seit 1904 leitete er die psychiatrische Abteilung der Kölner städtischen Krankenanstalt Lindenburg (ab 1919 Universitätsklinik). Aschaffenburg gilt als Begründer der Kriminalpsychologie. In seiner umfassenden Studie "Das Verbrechen und seine Bekämpfung" (1903, 1906, hier Auflage von 1923, S. 1) hatte er schon darauf verwiesen, dass für die Abschaffung des § 175 "teils von juristischer, teils von ärztlicher Seite mancherlei Gründe vorgebracht" worden seien. Während er sich in Vorträgen bereits 1906 für die Abschaffung des § 175 aussprach, stimmte er der Petition zur Abschaffung des § 175 erst ab ca. 1922 auch schriftlich zu (s. a. Abschnitt in meinem Buch "Anders als die Andern", 2006, S. 45-48).

In der von Aschaffenburg gegründeten und u. a. von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" (1904-1944, 1937 umbenannt in "Monatsschrift für Kriminalbiologie und Strafrechtsreform"; seit 1953 unter dem Titel "Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform") fand seit der ersten Ausgabe eine der ausführlichsten und wohlwollendsten Auseinandersetzungen über Homosexualität innerhalb der medizinischen und psychologischen Fachzeitschriften statt. Spannend sind hier Gustav Aschaffenburgs eigene Beiträge, die zur Petitionsunterzeichnung nicht zu passen scheinen. In den ersten Jahren äußerte er sich zunächst recht positiv, später aber negativ über Homosexualität. In einem Aufsatz von 1908 (Jg. 1907/08, S. 335) vertrat er die Meinung, dass der Homosexualität "aufs energischste entgegenzuarbeiten" sei. Danach fällt sein 16-jähriges Schweigen über Homosexualität in seiner Monatsschrift auf, wofür die Harden-Prozesse wohl als Ursache angesehen werden können. Erst 1924 (Jg. 1924, S. 346-351, hier S. 348) meldete er sich zu dem Thema in seiner Zeitschrift in einem Artikel über das Hamburger Jugendgefängnis "Hahnöfersand" wieder zu Wort, wo er sich in einem Absatz kritisch mit den dortigen homosexuellen "Ausschweifungen" befasste. Auf Gustav Aschaffenburg und seine "Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" gehe ich weiter unten noch ein (s. a. den Abschnitt in meinem online verfügbaren Buch "Anders als die Andern" (2006, S. 42-48).


Gustav Aschaffenburg und ein Heft seiner "Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" (1924)

Herman Bang – Schriftsteller und Hobby-Psychologe

Von dem dänischen Schriftsteller Herman Bang (1857-1912) stammt der homoerotische Roman "Mikaël" (1904), der in deutscher Sprache als "Michael" erschien und unter diesem Titel 1924 verfilmt wurde. In dieses Kapitel scheint Bang zunächst nicht zu passen. Dass er hier zu erwähnen ist, liegt an seiner Schrift "Gedanken zum Sexualitätsproblem" (1922, S. 15-24). Er schrieb sie 1909 zusammen mit seinem Berliner Hausarzt Dr. Max Wasbutzki, der sie 1922 posthum herausgab und dazu ein Vorwort schrieb. Weil Bang nicht wirklich viel von sich erzählt, wirkt die unter seinem Namen erschienene Schrift wie eine Mogelpackung. Sie ist keine persönliche Schilderung der eigenen Gefühle, sondern er berichtet von Homosexuellen, die er beobachtet oder getroffen hat bzw. kennt. Für die Leser möchte er die "Hauptlinien der Psychologie" ziehen und verweist darauf, dass er sich "mit Psychologie mein ganzes Leben beschäftigt" habe. Er beschreibt, wie Homosexuelle miteinander umgingen und dass sie sich manchmal schon an Blicken und Gesten erkennen könnten. Er hat sogar den Mut, auf sexuell aktive und passive Männer einzugehen. Bei seinem schriftstellerischen Talent, Gefühle in Worte zu fassen, hätte diese Schrift eine großartige Autobiografie werden können. In dieser Form ist sie jedoch nur der Text eines Hobby-Psychologen geworden. Das Geleitwort von Siegfried Placzek (s. u.) ist aufschlussreicher als Bangs Text und ähnlich lang.


Herman Bang, der Autor des Romans "Michael" (1904) und der Schrift "Gedanken zum Sexualitätsproblem" (1922)

Auguste Forel über die "gesetzliche Gestattung der Ehe"

Der Psychiater Auguste Forel (1848-1931) gilt als "Vater der Schweizer Psychiatrie", seine Werke wurden auch in Deutschland viel gelesen. Seine Einstellung zur Homosexualität bringt eine von Magnus Hirschfeld mitgeteilte Anekdote zum Ausdruck: Ein sehr redseliger Homosexueller habe Forel eingehend von seiner Homosexualität erzählt und von seiner Verzweiflung berichtet. Am Ende seiner langen Schilderung habe er von Forel wissen wollen, wozu er ihm raten würde. Forels Antwort habe nur aus drei Wörtern bestanden: "Zu einem Freund" (Magnus Hirschfeld: "Von einst bis jetzt", 1986, S. 166-167).

In seinem Buch "Die sexuelle Frage" (1905, 1906) beschäftigte sich Forel ambivalent, aber in erster Linie sehr kritisch mit Homosexualität (1907, hier online, S. 257-271). Er hält es für absurd, dass sich Homosexuelle "die gesetzliche Gestattung der Ehe zwischen Männern" als ein Ideal vorstellten, weil diese Männer ja "nicht sehr beständig in ihrer Liebe sind" (S. 259). Für Forel sind Homosexuelle krank, obwohl er als Arzt auch "viele sehr anständige" Homosexuelle kennen gelernt habe (S. 260). Vermutlich ist es Zweckoptimismus, dass Forels Buch in Hirschfelds "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" "zum Besten, was (…) über das Thema geschrieben worden ist", gezählt wurde (Jg. 1905, S. 695-703). Ein Jahr später wurde im gleichen Jahrbuch das "hochbedeutende Buch" Forels anhand der verbesserten Auflage von 1906 noch einmal gelobt (Jg. 1906, S. 721-723). "Die sexuelle Frage" erschien 1924 in einer weiteren Auflage, die aber als "Volksausgabe" recht hemmungslos von 627 auf 308 Seiten heruntergekürzt worden war.

Sigmund Freud – kein Laster und keine Krankheit

Sigmund Freud (1856-1939) war ein österreichischer Arzt, Begründer der Psychoanalyse und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und therapeutischen Methoden werden bis heute angewandt, diskutiert und kritisiert. Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einige Verbindungen Freuds zur Homosexuellenbewegung rund um Magnus Hirschfeld. Freud glaubte, dass alle Menschen von Natur bisexuell seien, und verwendete recht häufig den Begriff "Inversion", um Homosexualität zu bezeichnen. Von Freuds vielen Äußerungen über Homosexualität möchte ich nur drei hervorheben. Im Jahre 1935 fragte eine besorgte Mutter Freud brieflich um Rat wegen ihres homosexuellen Sohnes. Freud schrieb ihr: "Homosexualität ist kein Vorteil, aber es ist nichts, wofür man sich schämen müsste, kein Laster, keine Entwürdigung. Es ist auch keine Krankheit. (…) Es ist eine große Ungerechtigkeit, Homosexualität als ein Verbrechen zu verfolgen" (Wikibrief).


Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud

Zwei Veröffentlichungen Freuds zum Thema stammen aus der Kaiserzeit, wurden aber auch in der Weimarer Republik gedruckt und werden bis heute rezipiert. Ich zitiere sie nachfolgend nach der 1924 bis 1934 erschienenen Ausgabe von Freuds "Gesammelten Schriften". Seine "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1924, 5. Band) wurden erstmals 1905 publiziert. In dem ersten Kapitel "Die sexuellen Abirrungen" (S. 7-119) beschreibt er in einem Abschnitt über "Inversion" (S. 7-21) diese als sexuelle "Variation". Mit der zweiten Veröffentlichung meine ich die "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" (1924, 7. Band), die Freud in den Jahren 1915 bis 1917 gehalten hat. Sie enthalten auch eine Vorlesung über "Das menschliche Sexualleben" (S. 313-330), in der sich Freud über Homosexuelle äußert, die "oft – nicht immer – tadellos gebildet, intellektuell wie ethisch hochentwickelt" seien (S. 314-315, 318). Später weist er darauf hin, dass "der After bei einer großen Anzahl von Erwachsenen, Homosexuellen wie Heterosexuellen, (…) im Geschlechtsverkehr die Rolle der Scheide übernimmt" (S. 326).

Werner Hartoch – eine "flott" geschriebene Studie zur Homosexualität


Werner Hartochs "Sexualpsychologische Studie zur Homosexualität" (1924)

An dieser Stelle möchte ich auch auf den weitgehend unbekannten Mediziner Werner Hartoch hinweisen, der in Berlin tätig war, in keinem der gängigen Nachschlagewerke erwähnt wird und von dem die Lebensdaten nicht bekannt sind.

In seinem Aufsatz "Sexualpsychologische Studie zur Homosexualität" (erschienen, zusammen mit einem Aufsatz eines anderen Autors, in der Reihe "Arbeiten aus dem sexualpsychologischen Seminar von Prof. W. Liepmann", 1924, Heft 2, S. 3-25, hier einige Seiten online) schreibt er, dass die Homosexualität entwicklungsgeschichtlich in der Bisexualität begründet sei und "die Dekadenz-, Übersättigungs- und Verführungstheorien nicht stichhaltig" seien (S. 24-25). Auf den Aufsatz wurde u. a. in der Fachzeitschrift "Archiv für Frauenkunde und Eugenetik, Sexualbiologie und Konstitutionsforschung" (Jg. 1924, 10-11. Bd.) hingewiesen, wo es dazu heißt: "Referierende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Lehren, flott geschrieben", die "zur Orientierung für dem Problem ferner stehende" Personen geeignet sei, wissenschaftlich aber "nichts neues" bringe.

Magnus Hirschfeld – Sexualwissenschaftler und Homo­sexuellenaktivist

Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld war während des deutschen Kaiserreichs der bedeutendste Repräsentant der frühen Homo­sexuellenbewegung. Am 15. Mai 1897 gründete er mit drei anderen Männern mit dem "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" (WhK), zu dessen Vorsitzendem er gewählt wurde, die weltweit erste Interessenorganisation für Homo­sexuelle. In diesem Zusammenhang entwickelte er eine rege Publikationstätigkeit: von seiner ersten Schrift über Homosexualität "Sappho und Sokrates" (1896, 1902, 1922) bis zu seinem wichtigen Standardwerk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, 1920). Hirschfeld gründete außerdem die "Zeitschrift für Sexualwissenschaft" (1908).

In der Zeit der Weimarer Republik setzte er seine Veröffentlichungen fort mit Werken wie "Sexualpathologie" (3 Bände, 1917-1920), "Geschlechtskunde" (5 Bände, 1926-1930), der "Sittengeschichte des Weltkrieges" (2 Bände, 1930) und dem "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", das er bis 1923 herausgab. Auch im Jahr 1924 erfuhr Hirschfeld breite Aufmerksamkeit in den Zeitungen, die u. a. auf seine Veröffentlichungen und Vorträge hinwiesen, allerdings auch im Zusammenhang mit Eugenik und den Forschungen Eugen Steinachs (s. u.).

Heute gibt es eine große Anzahl von Veröffentlichungen über Hirschfeld. Rosa von Praunheim drehte das Biopic "Der Einstein des Sex" (1999, hier online). Manfred Herzer veröffentlichte die Biografien "Magnus Hirschfeld. Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen" (1992, 2001) und "Magnus Hirschfeld und seine Zeit" (2017). Seit 1982 gibt es die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das wissenschaftliche und kulturelle Erbe des Sexualforschers Magnus Hirschfeld und seines Instituts für Sexualwissenschaft zu erforschen und zu bewahren.

Magnus Hirschfelds Buch "Sexualität und Kriminalität"

Bereits Mitte 1923 machten Buchhandlungen auf die Lieferbarkeit von Hirschfelds Werk "Sexualität und Kriminalität. Ueberblick über Verbrechen geschlechtlichen Ursprungs" aufmerksam, im Buch selbst ist als Erscheinungsjahr 1924 angegeben. Rund 30% dieses Buchs widmet Hirschfeld Themen wie Inter- und Homosexualität (S. 30-58), die er auf erwartbare emanzipatorische Weise behandelt.

In seiner Rezension in der Wiener "Neuen Freien Presse" (18. November 1923) lobte Kurt Sonnenfeld die "kristallene Klarheit" von Hirschfelds "wissenschaftlichen Schlussfolgerungen". Er zitiert Hirschfelds Äußerung, dass "unsere Nachkommen in hundert Jahren" es nicht verstehen würden, dass die Gesellschaft Menschen mit "krankem Geschlechtstriebe in Gefängnisse sperrte". Das Buch sei "ergreifend" – allerdings auch durch den "tieftraurigen Anlass seines Entstehens". Damit meint Sonnenfeld die gewalttätigen Ausschreitungen von Nazis bei einem Vortrag Hirschfelds zum gleichen Thema am 4. Februar 1923 in Wien. Es lassen sich leicht Parallelen erkennen zu dem Überfall rechter Schläger nach einem Vortrag Hirschfelds in München am 4. Oktober 1920, den Hirschfeld fast mit dem Leben bezahlt hätte und der mittlerweile gut und ausführlich dokumentiert ist (s. queer.de, 1., 2. und 3. Teil). Während der gesamten Zeit seiner schwulenpolitischen Arbeit war Hirschfeld einer ständigen, auch antisemitischen, Hetze ausgesetzt. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf einen Artikel im "Neuen Grazer Morgenblatt" (2. April 1924) gegen Magnus Hirschfeld, der, so der Autor, "sein Unwesen trieb".


Magnus Hirschfeld und sein Buch "Sexualität und Kriminalität" (1924)

Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft und eine Falschmeldung

Magnus Hirschfeld hatte 1919 sein Institut für Sexualwissenschaft als Beitrag zu einer Institutionalisierung der Sexualwissenschaft eröffnet. Anfang 1924 übertrug er das Institut aus seinem Privatbesitz an die von ihm gegründete Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung. Im Institut wurde dies am 2. Februar 1924 mit Vertretern der Politik, der Berliner Universität und des Dresdner Hygiene-Museums sowie mit Künstler*­innen wie Käthe Kollwitz groß gefeiert. Anlässlich dieses Ereignisses erschienen viele umfangreiche, lobende Artikel über das Institut. Die "Rhein- und Ruhrzeitung" (8. Februar 1924) betonte aus diesem Anlass, dass auch den "unglücklich irgendwie Anders-Gearteten" Schutz und Aufklärung geboten werden müsse. Nach Ansicht des "Neuen Wiener Journals" (3. Juli 1924) konnte Hirschfeld die Arbeit des Instituts als einen Erfolg seiner "grundgescheiten Aufklärungsarbeit" verbuchen. Die Übertragung an die Stiftung stelle das größte Geschenk an die Öffentlichkeit seit dem Ersten Weltkrieg dar – auch zum Wohle der Patient*­innen, unter denen sich viele "gleich­geschlechtlich eingestellte Ratsuchende" befänden.


Das Institut für Sexualwissenschaft, wo am 2. Februar 1924 gefeiert wurde

Mehrere, zum Teil bedeutende Zeitungen wie die "Kölnische Zeitung" (3. Februar 1924) berichteten fälschlich von einer "Eröffnung" als "staatliches Institut für Sexualwissenschaft". Nach aktueller Auskunft der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat Hirschfeld solche falschen Pressemeldungen nie korrigiert – vielleicht auch deshalb, weil diese Falschmeldungen in seinem Interesse waren. Die im Februar 1924 so groß gefeierte Umwandlung des Instituts hatte für dessen laufende Arbeit keine große Bedeutung, es blieb weiterhin eine private Institution, das Presseecho förderte aber das öffentliche Renommee Hirschfelds und des Instituts in diesen Jahren. 1933 wurde das Institut kurz nach der Machtübernahme des NS-Regimes zerstört. Magnus Hirschfeld starb 1935 im französischen Exil.

Mit dem Institut stehen zwei kurzlebige Periodika in Verbindung: zum einen "Unsere Arbeit. Institut für Sexualwissenschaft, Dr.-Magnus-Hirschfeld-Stiftung" (1923-1924), zum anderen das "Archiv für Menschenkunde. Herausgegeben im Auftrag des preuß. Instituts für Sexualwissenschaft" (1925-1926). Von der letzteren Zeitschrift ist das erste Heft des 1. Jahrgangs online verfügbar. Nach den Werbeanzeigen zu schließen, dürfte dieses undatierte Heft jedoch nicht, wie hier angegeben, 1924, sondern erst 1925 erschienen sein. Über das Institut liegt von Rainer Herrn das lesenswerte Buch "Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933" (2022, hier zum Teil online) vor.

Carl Gustav Jung – Homosexualität kann nützliche oder schädliche Auswirkungen haben

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) begründete 1913 die analytische Psychologie. Anhänger dieser Richtung werden "Jungianer" genannt. Die Informationen zu diesem Abschnitt habe ich Robert H. Hopckes Buch "C. G. Jung, Jungianer und Homosexualität" (1993) entnommen. Der Autor beschreibt Jungs mittlere Schaffensphase in dem Kapitel "Theoretische Komplexität und Konsolidierung (1920-1927)" (S. 44-61) und verweist dabei auf zwei Vorlesungen im Jahr 1924 in Zürich (S. 47-55) und London (S. 55-57).

In seiner Vorlesung über "Das Liebesproblem des Studenten", die er 1924 vor Studierenden der Uni Zürich hielt, legte Jung seine Ansichten über den Zusammenhang zwischen (Homo-)Sexualität und Liebe dar. Durch seinen Hinweis auf die Antike werde, so Hopcke, deutlich, dass er "Homosexualität in einem historischen Zusammenhang sieht und sie unvoreingenommen beurteilt. Bemerkenswert ist auch Jungs leicht mißbilligender Ton, wenn er darüber spricht, daß Homosexualität gesellschaftlich und juristisch als 'sogenannte Perversität' angesehen wird." Nach Hopcke ist dies Jungs "ausführlichste und überzeugendste Stellungnahme zur Homosexualität", die beweise, dass er homo­sexuelle Beziehungen "weder diffamiert noch einseitig verurteilt", sondern er bewerte sie danach, ob sie nützliche oder schädliche Auswirkungen habe.

In Jungs Vorlesung auf dem "Internationalen Kongreß für Erziehung und Bildung" in London 1924, die später unter dem Titel "Analytische Psychologie und Erziehung" veröffentlicht wurde, ging es um ein 13-jähriges Mädchen, das von seiner Mutter emotional vernachlässigt wurde und von seiner Lehrerin liebkost werden wollte. Auch hier werden die homo­erotischen Phantasien im Hinblick darauf bewertet, ob sie sich positiv oder negativ auf die Persönlichkeit auswirken. Jung: "Richtig wäre natürlich, daß man in diesem Falle die Mutter behandelte."

Ferdinand Karsch-Haack – die Aufklärung breiter Bevölkerungsschichten

Der Zoologe und Sexualwissenschaftler Ferdinand Karsch bzw. pseudonym (mit dem Mädchennamen seiner Mutter) Ferdinand Karsch-Haack (1853-1936) führte mit dem Aufsatz "Päderastie und Tribadie bei den Tieren …" ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 1900, S. 126-160) erstmals den naturwissenschaftlichen Nachweis, dass in der Tierwelt gleich­geschlechtliches Verhalten vorkommt. Zu seinen weiteren Aufsätzen zu homo­sexuellen Themen gehört u. a. "Quellenmaterial zur Beurteilung angeblicher und wirklicher Uranier" ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 1903, S. 445-706). Daneben ist er auch für die Bücher "Das gleich­geschlechtliche Leben der Naturvölker" (1911) und "Die Rolle der Homoerotik im Arabertum. Gesammelte Aufsätze 1921-1928" (2005) bekannt. Er war einer von zwei Herausgebern der Homo­sexuellenzeitschrift "Uranos. Blätter für ungeschmälertes Menschentum" (1922-1923). In seinen späteren Lebensjahren lebte er offen schwul in Berlin (s. a. Wikipedia).

Am 1. März 1924 erschien Karsch-Haacks "volkstümlich geschriebene" emanzipatorische Broschüre "Die deutsche Bewegung zur Aufhebung des § 175 R.St.G.B." ("Blätter für Menschenrecht", Jg. 1924, Heft 1). In der gleichen Zeitschrift wurde einige Zeit später gewürdigt, wie objektiv Karsch-Haack "die medizinisch-naturwissenschaftliche wie die kulturhistorisch philosophische Richtung" innerhalb der Bewegung beurteile (Heft 8). Der Einzelpreis der 30-seitigen Broschüre betrug 50 Pfennige bzw. 25 Pfennige (beim Kauf von zehn Heften, s. "Blätter für Menschenrecht", Jg. 1924, Heft 17). Der auch für damalige Verhältnisse günstige Verkaufspreis wurde gewählt, um breite Bevölkerungsschichten aufzuklären. Die Broschüre eröffnete die Schriftenreihe "Volksbücherei für Menschenrecht", in der im selben Jahr noch zwei weitere Broschüren erschienen: Ernst Emil Schweitzer: "Unsittliche Sittlichkeitsbestimmungen" (1924) und Kurt Leipzig: "Gesetz wider Gesetz" (1924). Der Plan, diese Schriftenreihe fortzusetzen, schlug offenbar fehl.


Ferdinand Karsch-Haack (r.) – hier mit Caspar Wirz – und seine Broschüre über "Die deutsche Bewegung zur Aufhebung des § 175 R.St.G.B." (1924)

Albert Moll – vom Heiratswunsch bis zur "Psychopathia sexualis"

Albert Moll (1862-1939) war Arzt, Psychiater und Sexualwissenschaftler und gilt als einer der Begründer der modernen Sexualwissenschaft, auch wenn er sich weniger für die medizinische, sondern eher für die historische und soziologische Bedeutung der Homosexualität zu interessieren schien. Er wurde von einem anfänglichen Mitstreiter Magnus Hirschfelds ab ca. 1902 ein Kontrahent. Von Moll stammen Publikationen wie "Wann dürfen Homo­sexuelle heirathen?" (1902) und "Wie erkennen und verständigen sich die Homo­sexuellen untereinander?" (1902). Seine Schrift "Berühmte Homo­sexuelle" (1910) zeigt historisch-kritisches Bemühen. Besonders erfolgreich waren seine Bücher "Die konträre (= homo­sexuelle) Sexualempfindung" (1891, 1893, 1899, 1914) und sein "Handbuch der Sexualwissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Beziehungen" (1911, 1921, 1926, s. S. 764-777), das ein Kapitel über Homosexualität enthält. Beide Bücher erreichten mehrere Auflagen und wurden mit den Jahren von Moll erweitert.

Im Frühjahr 1924 gab Moll die 16./17. Auflage der "Psychopathia sexualis" von Richard von Krafft-Ebing heraus. Das ist im Zusammenhang mit dem Umstand zu sehen, dass er den 1902 verstorbenen Autor jahrzehntelang gekannt hatte. In der Werbung für die Neuausgabe von 1924 wies die Wiener Zeitung "Die Stunde" (4. Mai 1924) darauf hin, dass die letzte vorherige Auflage des Buches (1918) schon "jahrelang" vergriffen war. Mit seiner "Psychopathia sexualis", von der einige Auflagen den Untertitel "mit besonderer Berücksichtigung der conträren (= homo­sexuellen) Sexualempfindung" trugen, hatte Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) ab 1886 den ersten sexualwissenschaftlichen Bestseller geschaffen, der weit über die medizinischen Kreise hinaus Beachtung fand. Seine Ergebnisse beeinflussten die Psychiatrie in ganz Europa und formten in Deutschland das allgemeine Bewusstsein von Homosexualität mit. Krafft-Ebing kann – trotz seiner Pathologisierung von Homo­sexuellen – als Vorkämpfer der Emanzipation angesehen werden, weil er mit der These vom Angeborensein die Homosexualität legitimierte.

Siegfried Placzek – über verständnisvolle Duldung und spritzende Dildos

Siegfried Placzek (1866-1946) war Neurologe und Psychiater und praktizierte ab 1892 als Nervenarzt in Berlin. Er hatte zwar die erste Petition zur Abschaffung des § 175 RStGB unterzeichnet ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1. Jg., 1899, S. 259), was jedoch nicht bedeutete, dass er mit der frühen Homo­sexuellenbewegung immer einer Meinung war. In einer Besprechung im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1901, S. 482-483) zu einem Aufsatz Placzeks im "Jahrbuch für gerichtliche Medizin" werden die unterschiedlichen Betrachtungsweisen über angeborene und erworbene Homosexualität deutlich.

Zu Herman Bangs (s. o.) "Gedanken zum Sexualitätsproblem" (1922, S. 5-14) schrieb Siegfried Placzek das Geleitwort, das ähnlich lang wie Bangs Text ist (S. 15-24). Hier schreibt Placzek, dass sich Bang "gleich dem modernsten Sexualforscher" zur Homosexualität äußere. Placzek hat zwar Recht, dass "Bangs Eigenbekenntnis seiner Naturanlage" in seinen Werken wie dem Roman "Michael" deutlich wird – aber eben nicht in diesen "Gedanken zum Sexualitätsproblem". Placzek greift auch die "utopischen Hoffnungen" auf, die mit dem Kampf gegen den § 175 verbunden seien, bleibt aber pessimistisch: "Die vollständige gesellschaftliche und soziale Gleichstellung des Homo­sexuellen wird niemals sich erfüllen", eine "verständnisvollere Duldung" wäre nach seiner Ansicht aber schon einmal ein Anfang.

Über Homosexualität hat Placzek mehrere Bücher wie "Homosexualität im Recht" (1925) und "Erotik und Schaffen" (1934) verfasst. Sein erstes Buch "Freundschaft und Sexualität" (1916, 1917, 1919, 1920, 1927) hat er mit den Jahren von 48 (1916) auf 188 Seiten (1927) erweitert. Er behandelt hier (durchgängig) Homosexualität im Kontext historischer Darstellungen, von den Wandervögeln bis hin zu Werken von Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche. In "Das Geschlechtsleben des Menschen" (1922, 1926) behandelt ein Kapitel Homosexualität (1922, S. 134-164). Es ist beachtenswert, wie deutlich Placzek hier über sexuelle Handlungen schreibt. Er ist der Ansicht, dass ein sexuell passiver Mann "höchstwahrscheinlich keinen Geschlechtsreiz" spüre (S. 153). Bei der Beschreibung lesbischer Sexspiele kommt er auf Dildos zu sprechen: Es gebe sie in allen Formen, "selbst anwärmbar und mit ausspritzbarer Flüssigkeit und mit (…) Beigaben, um die friktorische Lust zur Siedehitze aufzupeitschen – selbst anschnallbar zu aktiver Ausführung" (S. 157). Die Kulturwissenschaftlerin Christiane Carri ("Diskurse um weibliche Homosexualität". In: "Invertito", 2015, S. 59) zeigt sich von Placzeks detaillierter Beschreibung erkennbar irritiert.


Drei Schriften von Siegfried Placzek aus den Jahren 1920 bis 1934

Eugen Steinach – "Heilung" durch Hoden

Eugen Steinach (1861-1944) war ein österreichischer Physiologe und Pionier der Hormonforschung, der Hodentransplantationen als angebliche "Therapie" gegen Homosexualität beschrieb. Sein Name wird oft im Zusammenhang mit dem Mediziner Robert Lichtenstern genannt, der einen ähnlichen Forschungsansatz verfolgte ("Die Überpflanzung der männlichen Keimdrüse", 1924). Mildenberger (s. o., S. 97-104) geht ausführlich darauf ein, dass Magnus Hirschfeld Steinachs Methode nicht nur befürwortete, sondern dass beide auch zusammenarbeiteten. Die sogenannte "Steinach-Hirschfeldsche Lehre" stieß 1920 auf Anerkennung, 1922 wurde ein Gegenbeweis erbracht, 1923 wurde die These endgültig widerlegt, 1925 ihr Scheitern eingeräumt und 1927 verschwand das Thema aus dem Diskurs. Bis dahin hatten sich mindestens elf schwule Männer dieser Operation unterzogen, um "geheilt" zu werden.

Mildenbergers zeitliche Einteilung lässt sich auch anhand von Artikeln aus zeitgenössischen Tageszeitungen bestätigen. 1921 weist der "Bielefelder Generalanzeiger" (23. April 1921) darauf hin, dass Steinachs Forschung bei der "Heilung von Homosexualität in Betracht" komme. Drei Jahre später sind die Zeitungen reservierter und in "Der Tag" (26. Januar 1924) wird betont, dass seine Forschungen an "homo­sexuellen Ziegen" "nicht allgemein anerkannt" seien. In einem langen Artikel über "Die Umstimmbarkeit des Geschlechts" in "Der Tag" (14. Dezember 1924) wird die distanzierende Formulierung "Steinach behauptet …" verwendet.


Der Artikel über "Die Umstimmbarkeit des Geschlechts" in "Der Tag" (14. Dezember 1924)

Die "Dortmunder Zeitung" (4. Juni 1923) schrieb, auch das Institut für Sexualwissenschaft stelle sich "gern in den Dienst" des medizinischen Dokumentarfilms "Der Steinach-Film" (1922). Der Film wurde durch eine Entscheidung der Filmprüfstelle Berlin vom 13. November 1922 für die Öffentlichkeit zunächst verboten. In einer zweiten Entscheidung vom 13. Dezember 1922 (hier beide Bescheide) wurde der Film, der auch "von Zwittern und doppelgeschlechtlich empfindenden Menschen" handelte (S. 9), nach einigen Schnitten doch noch für Erwachsene freigegeben. Dabei wurde u. a. eine Szene entfernt, "in der von den mit Nähen und Stricken beschäftigten Jungmännern der eine dem anderen die Haare streichelt und der andere zärtlich zu ihm aufblickt" (S. 5).


Über erregte Hengste und zärtliche junge Männer: der Zensurbescheid zum Steinach-Film

Mildenberger (s. o., S. 10-11) kritisiert, dass es bei Magnus Hirschfeld als Ikone der Homo­sexuellenbewegung leider üblich sei, seine Ansichten über Eugenik zu verschweigen. Die Folgen, die ein Hinweis auf Hirschfelds Ansichten über Eugenik haben kann, liegen jedoch auf der Hand, denn bis heute wird leider versucht, Hirschfelds Leistungen für die frühe Homo­sexuellenbewegung mit einem Hinweis auf seine Einstellung zur Eugenik zu diskreditieren, wie von Peter Kratz in seinem Artikel "Das falsche Idol. Magnus Hirschfeld" (in: "Trend", Nr. 7-8/2000). Auch solche hetzerischen Artikel gegen Hirschfeld können ein Verschweigen nicht rechtfertigen, sondern es bleibt wichtig, ausführlich und differenziert auch solche problematischen Aspekte zu benennen. Sie gehören zu einer unvoreingenommenen Geschichtsbetrachtung.

Wilhelm Stekel – die Homosexualität ist eine heilbare "Seelenkrankheit"

Wilhelm Stekel (1868-1940) war ein österreichischer Arzt und Psychoanalytiker, der in der frühen Geschichte der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle spielte. Richard von Krafft-Ebing hatte sein Interesse an der Sexualforschung gefördert. Um 1901 ließ sich Stekel als Patient von Freud wegen Potenzstörungen behandeln. Von dessen Entdeckungen war er so begeistert, dass er zunächst zum bedeutendsten publizistischen Propagandisten der Psychoanalyse wurde, bis es 1912 zum Zerwürfnis mit Freud kam. Nach W. U. Eissler ("Arbeiterparteien und Homo­sexuellenfrage", 1980, S. 23) dachte Stekel "die Ansicht seines Lehrers Freud von der bisexuellen Veranlagung des Menschen zu Ende. Nach seiner Theorie müßte sich der gesunde Mensch auch bisexuell betätigen." Strafbestimmungen gegen Homosexualität lehnte Stekel ab.

Am ausführlichsten setzte sich Stekel mit Homosexualität in seinem Werk "Onanie und Homosexualität" (1917, 1921, 1923) auseinander. Im Vorwort der 2. Auflage (1921, S. V) weist er darauf hin, dass er die Möglichkeit gehabt habe, "viele Homo­sexuelle" zu "analysieren", und an seiner bisherigen Theorie nicht zu rütteln brauche: "Die Homosexualität ist eine Seelenkrankheit (und) heilbar."

Otto Weininger – keine "Heilung" und keine "Verführung"

Als Hauptwerk des österreichischen Philosophen Otto Weininger (1880-1903) gilt seine Dissertation "Geschlecht und Charakter" (1903, Ausgabe von 1908 online, S. 53-62), die er kurz vor seinem Suizid publizierte. In der Weimarer Republik wurde dieses Werk durchgehend gelesen (25. Auflage 1923, 26. Auflage 1925), es wird bis heute nachgedruckt. In dem Kapitel "Homosexualität und Päderastie" betont Weininger, dass es keine Verführung zur Homosexualität gebe und dass in jedem Meschen die Anlage zu ihr vorhanden sei. Es gebe "keine Freundschaft unter Männern" ohne das Element der Sexualität. Unter Bezug auf Ferdinand Karsch-Haack verweist er auf Homosexualität im Tierreich und kritisiert, wie die "Erwerbungstheoretiker" u. a. mit Suggestionstherapie mit nur minimalem Erfolg versuchten, die Homosexualität zu bekämpfen. Sexuell aktive und passive Homo­sexuelle seien ethisch gleich zu beurteilen. Mit seinen Ausführungen wollte Weininger bewusst zur Abschaffung von Strafgesetzen beitragen, die sich gegen homo­sexuelle Männer richteten.

Wegen seiner in diesem Punkt emanzipatorischen Ausrichtung ist es nachvollziehbar, dass die frühe Homo­sexuellenbewegung dieses Werk ausführlich rezipierte ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1904, S. 520-527). Mildenberger (s. o., S. 70-71) weist jedoch auch darauf hin, dass Weiningers "äußerst" umstrittene Dissertation "mit frauenfeindlicher und antisemitischer Note versehene Thesen" enthält und dass sein "Frauen- und Judenhass in seiner Angst vor der eigenen Homosexualität begründet" lag. Bernd-Ulrich Hergemöllers Lexikon "Mann für Mann" (2010, S. 1243) verweist ebenfalls darauf, dass Weiningers "Frauen- und Judenhaß zum Teil auf seine Angst vor der Erkenntnis seiner eigenen sexuellen Neigungen zurückzuführen" sei.


Otto Weiningers Dissertation "Geschlecht und Charakter" (hier Ausgabe von 1922)


Vier Zeitschriften der Sexualwissenschaft

Volkmar Sigusch ("Geschichte der Sexualwissenschaft", 2008, S. 103-116) geht auf den Gesamtinhalt einiger der frühen sexualwissenschaftlichen Zeitschriften wie der "Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung" ein. Das ist sinnvoll, weil ein Blick nur auf einzelne Autoren den ebenso wichtigen Blick auf die Themen und Schwerpunkte in den medizinischen Fachzeitschriften verhindert.

Eine Auswertung aller wichtigen Fachzeitschriften hätte den Umfang dieses Artikels gesprengt. Ich habe mich daher bei den Zeitschriften weniger an ihrer Bedeutung orientiert, sondern daran, ob von ihnen der Jahrgang 1924 digitalisiert vorlag. Auch wenn in den drei Fachzeitschriften "Medizinische Klinik", "Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" und "Wiener medizinische Wochenschrift" im Jahrgang 1924 eigene Forschungsbeiträge über Homosexualität fehlen, vermitteln sie wohl dennoch einen guten Eindruck davon, welche Themen, wie z. B. die Frage nach der "Ursache" von Homosexualität, damals als relevant angesehen wurden.

"Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung"

Die "Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung" (1918-1931) wurden im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung herausgegeben und erschienen in einzelnen Heften.

1924 erschien hier der Beitrag von Max Rudolf Senf "Homosexualisierung", der auch als eigenständige Publikation (hier online) und 2020 als Reprint erschien. Max Rudolf Senf war Amtsrichter und Dr. jur., was aber angesichts des Themas und seiner Publikation in einer sexualwissenschaftlichen Zeitschrift nur bedingt erklärt, warum er in den gängigen Nachschlagewerken zur Sexualwissenschaft nicht genannt wird. Seit 1912 hatte er sich u. a. in seinem Buch "Das Verbrechen als strafrechtlich-psychologisches Problem" (1912) über Homosexualität geäußert (s. Magnus Hirschfeld: "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 991) und war mit einem Beitrag über den angeblichen Ursprung der Homosexualität auch Autor im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen". Auch in seinem ziemlich wirr formulierten Artikel "Homosexualisierung" von 1924 scheint es ihm um den "Ursprung" der Homosexualität gegangen zu sein, wie auch der Rezensent Rudolf Allers in der "Wiener medizinischen Wochenschrift" (1925, Heft 28, Spalte 1669) betont. Allers stellt freilich fest: Senfs "Gedankengänge sind nicht wiederzugeben."


Max Rudolf Senf: "Homosexualisierung" (1924)

Eine vollständige Auswertung der "Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung" steht noch aus, aber ich möchte darauf hinweisen, dass hier in den Jahren vor 1924 mehrere wichtige und große Beiträge über Homosexualität erschienen, die heute auch online zugänglich sind. Damit meine ich Numa Praetorius (d. i. Eugen Wilhelm): "Das Liebesleben Ludwigs VIII." (1919/1920, Heft 6), Hans Licht: "Die Homoerotik in der griechischen Literatur" (1920/1921, Heft 3), Albert Moll: "Die Behandlung der Homosexualität" (1920/1921, Heft 5) und Gaston Vorberg: "Der Klatsch über das Geschlechtsleben Friedrichs II." (1920/21, Heft 6).

"Medizinische Klinik"

Die "Medizinische Klinik" (ca. 1904 – ca. 1941) war eine Wochenschrift für praktische Ärzte, die 1908 damit beworben wurde, dass sie in Wien und Berlin zeitgleich erschien, wobei sich die beiden Ausgaben im wissenschaftlichen Teil nicht voneinander unterschieden (Wikisource).

Im online verfügbaren Jahrgang 1924 konnte ich drei eher unwichtige Beiträge recherchieren. Dazu gehört eine ausführliche Rezension von Max Marcuses "Handwörterbuch der Sexualwissenschaft", die auf einige darin enthaltene Beiträge mit homo­sexuellen Bezügen verweist (1924, Nr. 7, S. 219). Außerdem gibt es einen kurzen Hinweis auf F. Kehrers Artikel in der "Deutschen medizinischen Wochenschrift" über "Wesen und Ursachen der Homosexualität" (1924, Nr. 26, S. 915) und Dr. Heinz Fendel geht in seinem Artikel über die "Grundzüge der ärztlichen Psychologie in der täglichen Praxis" mit einem Absatz auf die vermeintlichen "Ursachen" von Homosexualität ein (1924, Nr. 48, S. 1720).

"Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform"

Auf die von Gustav Aschaffenburg gegründete und u. a. von ihm herausgegebene "Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" bin ich bereits oben eingegangen. Viele Aufsätze aus dieser Monatsschrift wurden in den Publikationen des WhK aufgegriffen und damit auch außerhalb der medizinischen Forschung beachtet.

In den Ausgaben, die während der Weimarer Republik erschienen, habe ich in zwölf Jahrgängen 52 Beiträge über Homosexualität recherchiert. In dem online verfügbaren Jahrgang 1924 geht es in zwei Fällen nur um bloße Erwähnungen von Homosexualität in Gefängnissen (S. 66, S. 348). In vier weiteren Fällen wird auf neue Bücher verwiesen, teilweise in Form von Buchrezensionen, nämlich auf Artur Kronfelds: "Über Gleich­geschlechtlichkeit" von 1922 (S. 119), die Neuausgabe von Richard von Krafft-Ebings "Psychopathia sexualis" von 1924 (S. 222), Hans Hyans "Massenmörder Haarmann" von 1924 (S. 351-352) und das (damit zum letzten Mal erschienene) "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" von 1923 (S. 357-358). Unter dem Titel "Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform" erscheint die Zeitschrift bis heute.


Einer der Beiträge in der Monatsschrift: eine Rezension von Hans Hyans "Massenmörder Haarmann" (1924)

"Wiener medizinische Wochenschrift"

Die "Wiener medizinische Wochenschrift" (1851-1944) erschien u. a. als "offizielles Organ des Wissenschaftlichen Vereines der Ärzte in Steiermark". In den Ausgaben von 1924 gibt es drei Beiträge, die sich auch mit Homosexualität befassen. Neben zwei recht banalen Erwähnungen (1924, Nr. 7, Spalte 353-354 und Nr. 28, Spalte 1481) gehört dazu eine Rezension des "Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen" von 1923, die jedoch fast nur aus einer kurzen Inhaltsangabe besteht und mit dem Satz endet: "Ohne daß auf Einzelheiten hier eingegangen werden könnte, seien die an Sexuologie Interessierten auf den Band aufmerksam gemacht" (1924, Nr. 37, Spalte 1920).

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Geschlechtsangleichende Operationen

Wer an die ersten geschlechtsangleichenden Operationen denkt, denkt vermutlich zunächst einmal an Lili Elbe (1882-1931), die sich 1930/31 einer solchen Operation unterzog und deren Leben mit "The Danish Girl" (2015) erfolgreich verfilmt wurde. In seinem Buch "Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft" (2005) beschreibt Rainer Herrn auch frühere geschlechtsangleichende Operationen. Entsprechende Wünsche von trans Personen sind ungefähr ab 1910 bekannt. Sie standen vermutlich auch im Zusammenhang mit Presseberichten über die Experimente des Mediziners Eugen Steinach an Tieren (Herrn, 2005, S. 103). Ab 1912 wurden die ersten Operationen an trans Männern und ab 1920 an trans Frauen durchgeführt. Der Begriff "Transsexualismus" wurde erst 1923 geprägt.


Das Foto zeigt Eugen Steinach (l.) mit Magnus Hirschfeld (r.) in einer Filmszene aus "Der Einstein des Sex" (1999). Zwischen Steinachs experimentellen Geschlechtsanpassungen bei Tieren und den sexuellen Zwischenstufen Magnus Hirschfelds wurden in dem sogenannten "Steinach-Film" (1922) Analogien hergestellt. Aufgrund des "Steinach-Films" wandte sich Dorchen an das Institut für Sexualwissenschaft

Dora (Dorchen) Richter und ihre Operation

Die erste namentlich bekannte Person, die sich geschlechtsangleichenden Operationen unterzog, ist Dora (Dorchen) Richter. Die heute bekannten Informationen über ihr Leben finden sich in zwei Büchern von Rainer Herrn ("Schnittmuster des Geschlechts", 2005, S. 176-177, 181-183, 201-203, und "Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933", 2022, S. 284-288, 423-425) sowie aktualisiert auf der Internetseite der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Bei ihrer Geburt 1892 wurde ihr das männliche Geschlecht zugewiesen. Schon als Jugendliche wählte sie für sich den Namen Dora bzw., als Koseform, Dorchen. Von Mai 1923 bis Mai 1931 unterzog sie sich mehreren geschlechtsangleichenden Operationen. Der Mediziner Werner Holz schrieb über sie 1924 seine Dissertation "Kasuistischer Beitrag zum sogenannten Transvestitismus (erotischer Verkleidungstrieb) mit besonderer Berücksichtigung der Ätiologie dieser Erscheinung". Der Titel irritiert zunächst, erklärt sich aber dadurch, dass früher auch Personen als "Transvestiten" bezeichnet wurden, die sich einer Operation unterziehen wollten.

"Schon als Kind (…) zeigte Dora alias Rudolph Richter Interesse für Mädchenkleidung, Mädchenspiele und Mädchengesellschaft, während sie eine wahre Abneigung gegen alle Raue, Derbe und Grobe an den Tag legte, das sie mit Jungen in Verbindung brachte. (…) Nach eigenen Aussagen unternahm sie mehrere Versuche, sich das Leben zu nehmen, und hegte gegen ihre männlichen Geschlechtsorgane einen regelrechten Hass" (s. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft). Nach einer Bäckerlehre arbeitete Dora Richter in weiblicher Kleidung u. a. als Kellnerin und hatte in dieser Zeit sexuelle Kontakte mit Männern. Durch den "Steinach-Film" (1922), in dem es auch "um experimentelle Geschlechtsumwandlungen bei Tieren und deren Analogisierung mit den Hirschfeldschen sexuellen Zwischenstufen" (Herrn, 2005, S. 182) geht (Informationen zum Film auch unter Uni Wien), erfuhr Dorchen von der Existenz des Instituts für Sexualwissenschaft und nahm Kontakt dorthin auf. Seit dieser Zeit versuchte sie nicht nur eine geschlechtsangleichende Operation zu erreichen, sondern wohnte ab 1923 auch im Institut und arbeitete dort als Hausangestellte. Sie war verzweifelt und überlegte ernsthaft, sich die Genitalien mit einem Rasiermesser abzuschneiden. Nach einer medizinischen Begutachtung im Mai 1923 fanden mehrere Operationen statt. Später wurde von medizinischer Seite festgestellt: "ruhiges, gleichmäßiges Wesen, Herabmilderung der Triebstärke, ohne Einfluss auf die (homosexuelle) Orientierung" (Herrn, 2005, S. 176). Spätestens ab 1931 arbeitete Dora Richter in der Küche des Restaurants Kempinski am Kurfürstendamm. Ihre letzte bisher bekannte Lebensspur ist von 1939.


Dorchen (links), die in "Der Einstein des Sex" von "Tima, der Göttlichen" (rechts) verkörpert wird


In Rosa von Praunheims Biopic über Magnus Hirschfeld "Der Einstein des Sex" (1999) ist in einigen Filmszenen Dorchen als Hausangestellte und als eine Freundin Hirschfelds zu sehen. In dem Film wird sie von "Tima, der Göttlichen" verkörpert – einer "queere(n) Polit-Tunte und Künstlerin" (Wikipedia).

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