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Folge 5 von 10

Schwules Leben vor 100 Jahren: Vereine und Vorträge

Ab dieser Folge wird die schwule Community 1924 in den Fokus genommen: Welche Vereine bestimmten die Szene und wie sah deren Öffentlichkeitsarbeit aus?


Ein Kostümfest im Berliner Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Die Interessenvertretungen in der Weimarer Republik

Die Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 garantierte unterschiedliche bürgerliche Freiheitsrechte. Wie schnell Schwule die Möglichkeiten der neuen Gesellschaftsordnung nutzten, ist u. a. daran zu erkennen, dass am 14. August 1919, also drei Tage nach dem Inkrafttreten der Reichsverfassung, erstmals die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" erschien.

In diesem Jahr formierten sich in zahlreichen deutschen Städten sogenannte Freundschaftsverbände als zunächst lose homosexuelle Interessenvertretungen. Als Dachverband dieser Verbände wurde 1920 der "Deutsche Freundschaftsverband" (DFV) gegründet und die Zeitschrift "Die Freundschaft" zum Organ des DFV ernannt. Damit gab es erstmals eine reichsweite Organisation, die breite Schichten der Homosexuellen erreichte. 1923 wurde der DFV unter dem neuen Vorsitzenden Friedrich Radszuweit in "Bund für Menschenrecht" (BfM) umbenannt, der vor allem von 1924 bis 1929 politisch aktiv war.

Bevor ich auf Friedrich Radszuweit eingehe, stelle ich zunächst die beiden Homosexuellenaktivisten Adolf Brand und Magnus Hirschfeld vor, die sich schon in der wilhelminischen Zeit engagierten und auch noch in der Weimarer Republik eine große Bedeutung hatten.

Adolf Brand und die GdE – Emanzipation mit den Mitteln der Kunst

Seit 1896 gab Adolf Brand (1874-1945) seine Zeitschrift "Der Eigene" heraus, die erste regelmäßig erscheinende Homosexuellenzeitschrift der Welt. Mit der "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE) gründete Brand 1903 einen Lesezirkel und gab über diesen weitere Schriften heraus. Brand wollte die homosexuelle Emanzipation mit den Mitteln der Kunst erreichen.

Die Homosexuellenzeitschriften des Jahres 1924 verwiesen regelmäßig auf die Aktivitäten der GdE wie öffentliche Vorträge, wöchentliche Vereinstreffen und eine Wandergruppe. Zu seinem 50. Geburtstag am 14. November 1924 wurde Brand von vielen Seiten gratuliert.


Adolf Brand (1930)

Magnus Hirschfeld und das WhK – Emanzipation mit den Mitteln der Wissenschaft

Der Mediziner Magnus Hirschfeld (1868-1935) gründete mit anderen Männern am 15. Mai 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die weltweit erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt. Er wollte die homosexuelle Emanzipation mit den Mitteln der Wissenschaft erreichen und gründete 1919 das private "Institut für Sexualwissenschaft". Über mehrere Jahrzehnte blieb Hirschfeld bestimmend, nicht nur für das WhK, sondern auch für das von ihm herausgegebene "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1899-1923). Vor allem die Bände, die vor dem Ersten Weltkrieg erschienen, boten wissenschaftliche und andere Sachbeiträge auf hohem Niveau. Der letzte Band von 1923 kann jedoch nicht mehr überzeugen und wird als "suspekt" und "eher leichtgewichtig" bewertet (Marita Keilson-Lauritz: "Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 60-61).

Die Homosexuellenzeitschriften des Jahres 1924 verwiesen regelmäßig auf die Aktivitäten des WhK. Neben Hinweisen auf Vorträge und politische Veranstaltungen gab es Informationen über den Stand der vom WhK eingereichten Petitionen zur Abschaffung des § 175. Die Schrift "Tätigkeit und Zweck des WHK" (1912, 1924) wurde neu aufgelegt und kostenlos abgegeben. Zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924 schrieb Hirschfeld in der "Freundschaft" (Jg. 1924, Heft 2) den Leitartikel "Der Homosexuelle und die Reichstagswahl", in dem er die Positionen der Parteien zur Homosexualität vorstellte. Wie auch in der Homosexuellenzeitschrift "Die Fanfare" (Jg. 1924, Heft 18) sprach er nur eine ganz allgemeine Wahlempfehlung für alle demokratischen Parteien aus.

Auch über das Institut für Sexualwissenschaft wurde in der Homosexuellenpresse regelmäßig berichtet. 1924 erschienen einige Artikel zur Umwandlung des Instituts in eine Stiftung. Im Winterhalbjahr 1923/24 wurden zwei- bis dreimal wöchentlich Führungen durch das Institut angeboten, die auch danach fortgesetzt wurden. 1924 begann das Institut mit der Erforschung der Stammbäume Homosexueller und bat in Zeitschriften um Mithilfe. Mitte 1924 präsentierte das Dresdner Hygiene-Museum im Institut eine sexual-ethnologische Ausstellung, zu der ebenfalls Führungen angeboten wurden.

Friedrich Radszuweit und der BfM – Emanzipation mit den Mitteln des Geldes


Der Verleger und Homosexuellenaktivist Friedrich Radszuweit

In den Zwanzigerjahren betritt mit Friedrich Radszuweit (1876-1932) ein neuer Aktivist die Bühne. Ab 1923 war er der Vorsitzende des "Bundes für Menschenrecht" (BfM). Mit der Herausgabe der "Blätter für Menschenrecht" ab Februar 1923 als Vereinszeitschrift legte Radszuweit den Grundstein für seinen Verlag, der sich auf homo­sexuelle Publizistik spezialisierte und in dem neben Zeitschriften wie "Die Insel" und "Die Freundin" auch Broschüren und Bücher erschienen. Radszuweit soll 1924/1925 versucht haben, die Auslage konkurrierender Homo­sexuellenzeitschriften ("Hellasbote", "Die Fanfare") in Berliner Lokalen zu verhindern. Radszuweits Strategie ging wohl auf, denn es konnte sich, von der "Freundschaft" und dem "Eigenen" abgesehen, keine andere Zeitschrift neben den Blättern des Radszuweit-Verlages langfristig behaupten. Mit seinen unterschiedlichen Homo­sexuellenzeitschriften und dem BfM spielte Friedrich Radszuweit in den Zwanzigerjahren in der Homo­sexuellenbewegung in Deutschland eine führende Rolle. Auch wenn die Angaben Radszuweits zur Anzahl der Mitglieder des BfM nicht glaubhaft sind, kann man davon ausgehen, dass der BfM die größte homo­sexuelle Organisation der Weimarer Republik war.

Im März 1924 zog der Bund für Menschenrecht und damit auch Radszuweits Verlag in die Kaiser-Friedrich-Straße 1 (heute Thulestraße) an der Schönhauser Allee (Jens Dobler: "Verzaubert in Nord Ost", 2009. S. 47). 1924 schlug Friedrich Radszuweit vor, eine eigene "Homo­erotische Freundschaftspartei" zu gründen und ihn als Abgeordneten in den Reichstag zu wählen, was angesichts des Verhältniswahlrechts ohne Sperrklausel zumindest theoretisch durchaus möglich gewesen wäre (Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderen'. Männer begehrende Männer in der Weimarer Republik und der NS-Zeit", 2004, S. 42). Aus nachvollziehbaren Gründen sprach sich die Redaktion der "Fanfare" gegen diese Idee aus, mit ihrem Leitartikel "Homo­sexuelle, seid auf der Wacht!" (Jg. 1924, Heft 15) warnte sie sogar ausdrücklich vor Radszuweit als möglichem Reichstagskandidaten.

Durch die "Blätter für Menschenrecht", die Vereinszeitschrift des BfM, wurden die Mitglieder regelmäßig über die Aktivitäten des Vereins informiert. Im Jahre 1924 gehörte dazu der Hinweis auf die mittlerweile vierte Jahresversammlung des BfM zu Ostern und die Erklärung des Vereins zum Fall des Serienmörders Fritz Haarmann (Heft 24). Am 19. August feierte der BfM einen geselligen Abend und am 21. Dezember hielt er eine Weihnachtsfeier ab. Der BfM, der sich als überparteilich ansah, betonte, dass die Wahlstimmen nur denen gehören sollten, die sich im Reichstag für die Rechte von Homo­sexuellen einsetzten (s. "Blätter für Menschenrecht", Heft 1, 7 und 10).

Der Versuch einer strategischen Partnerschaft 1924

Mit dem Kampf gegen den § 175 verfolgten das WhK und die GdE das gleiche Ziel. Es gab jedoch auch große Unterschiede, die zu Streitigkeiten und einer Konkurrenzsituation innerhalb der Bewegung führte. Während die GdE unter Adolf Brand einer frauenfeindlichen Männlichkeits-Ideologie folgte, setzte sich das WhK unter Magnus Hirschfeld auch für "sexuelle Zwischenstufen" und für Lesben ein.

In der Geschichte dieser beiden Homo­sexuellenorganisationen war das Jahr 1924 von dem Versuch einer strategischen Partnerschaft geprägt. Adolf Brand hatte Magnus Hirschfeld zur Übertragung des Instituts für Sexualwissenschaft an die Dr.-Magnus-Hirschfeld-Stiftung gratuliert. Am 9. November 1924 fand im Institut für Sexualwissenschaft anlässlich von Brands 50. Geburtstag eine Feier statt. In ihren Reden betonten Hirschfeld und Brand jeweils die Gemeinsamkeiten, Brand beendete seinen Vortrag mit einem strategischen "Getrennt marschieren, vereint schlagen!" und der Abend endete harmonisch mit Gesang und Gedichten.

Leider war es mit dieser versöhnlichen Stimmung schnell wieder vorbei: Aus den Kreisen des "Eigenen" wurde das WhK im Januar 1925 öffentlich als "schädlich" bezeichnet. Als eine Sondernummer von "Der Eigene" publizierte Brand im April 1925 "Die Tante" (Jg. 1925, April, Heft 9), eine Spottnummer auf Magnus Hirschfeld, der hier als "Tante" (= "Tunte" im heutigen Sinne) denunziert wird, was Ausdruck der atmosphärischen Spannungen und unterschiedlicher Konzepte innerhalb der Bewegung war.


Die Feier am 9. November 1924 im Institut für Sexualwissenschaft anlässlich von Brands 50. Geburtstag


Weitere Schwulenaktivisten

Neben den schwulenpolitischen Schwergewichten Magnus Hirschfeld, Adolf Brand und Friedrich Radszuweit hatte die Szene noch weitere Aktivisten zu bieten. Dabei kommt es zu Überschneidungen zwischen den Aktionsfeldern und zwischen den Folgen dieser Serie, weil einige als Kämpfer gegen den § 175 (Kurt Hiller – s. Folge 1), als Sexualwissenschaftler (Ferdinand Karsch-Haack – s. Folge 4) oder auch als Autoren belletristischer Werke (Erich Ebermayer, Eugen Ludwig Gattermann, Bruno Vogel – s. Folge 6) zur homo­sexuellen Emanzipation beitrugen. Ich möchte hier aber noch auf folgende drei Männer aufmerksam machen:

Reinhold Gerling – Hilfe für das Liebes- und Geschlechtsleben

Reinhold Gerling (1863-1930) war Schriftsteller, Volksredner und ein (offenbar heterosexueller) Mitstreiter für Homo­sexuellenrechte. Von seinen Publikationen über Homosexualität wurde rund die Hälfte in der Kaiserzeit veröffentlicht: "Die verkehrte Geschlechts-Empfindung und das dritte Geschlecht" (1900), "Capri und die Homo­sexuellen" (1902, 1903, unter dem Pseudonym "Dr. A. Sper"), "Das Liebesleben berühmter Uranier" (1903) und "Das dritte Geschlecht und die Enterbten des Liebesglücks" (1904). Die von ihm mitgegründete, kurzlebige Zeitschrift "Das Geschlecht" (1904) beinhaltete offenbar hauptsächlich homo­sexuelle Themen. Über zwei der vielen Vorträge Gerlings, die in Köln in den Jahren 1902 und 1904 stattfanden, habe ich in meinem Buch "Anders als die Andern" (2006, S. 54-55) berichtet).


Reinhold Gerling im Jahre 1928

Einige seiner Bücher wurden während der Weimarer Republik gedruckt bzw. nachgedruckt und offenbar auch viel gelesen, wie "Das Liebes- und Geschlechtsleben des Menschen" (1924, 1928, S. 91-96 über Homosexualität). Besondere Beachtung verdienen die beiden aussagekräftigen und symbolisch aufgeladenen Buchcover von "Die der Liebe Glück nicht kennen" (1905, 1906, 1921) und von "Der Geschlechtsverkehr der Ledigen" (1920, 1928, S. 110-133 über Homosexualität), die sich ähneln: Zu sehen ist jeweils ein nackter, verzweifelter Mann, der von erfüllender Liebe und Sexualität ausgeschlossen ist. Auch diese Illustrationen sind Ausdruck des Zeitgeistes.


Die beiden Cover von "Die der Liebe Glück nicht kennen" und "Der Geschlechtsverkehr der Ledigen"

Die auch online verfügbare Biografie, die Reinhold Gerlings Sohn Walter Gerling über seinen Vater unter dem Titel "Aus dem Leben eines Kämpfers" (1930) veröffentlichte, macht deutlich, dass sich nur ein kleiner Teil seiner Vorträge und Publikationen auf Homosexualität bezog – was seine Verdienste jedoch nicht schmälert. Sein Sohn verwies auf 136 Bücher (Gesamtauflage 3,7 Millionen, S. 65) und rund 4.500 gehaltene Vorträge bis April 1928 (S. 52). Nach den Angaben seines Sohnes hielt Reinhold Gerling schon 1889/1890 die ersten Vorträge über Homosexualität und war einer der Ersten, die die Abschaffung des § 175 forderten – trotz Verboten, Beschlagnahmungen und Strafen (S. 36-37). Das kann indirekt bestätigt werden, weil mindestens zehn Bücher von Reinhold Gerling früher indiziert waren (s. Polunbi-Katalog über indizierte Schriften, 2. Aufl., 1926).

Konkrete Angaben zu den Vorträgen über Homosexualität, die Gerling im Jahr 1924 hielt, konnte ich nicht finden. In seinen Vorträgen über Fritz Haarmann wird Homosexualität bestimmt eine große Rolle gespielt haben. Zwei Zeitungsartikel über Vorträge Gerlings in Österreich machen deutlich, wie er Homosexualität im Kontext von heterosexuellen Ehen mit behandelte. Nach Angaben im "Neuen Wiener Journal" (27. März 1924) äußerte er in einem Vortrag, dass Homo­sexuelle keine Ehen eingehen sollten. Ausführlicher wird die Linzer "Tagespost" (2. April 1924), die Gerling mit den Worten zitiert: "Homo­sexuelle sind vielfach sehr talentierte, wertvolle Menschen, die geistig sehr hoch stehen." Es gebe keinen Grund, sie "zu verachten, sie gehören jedoch nicht in die Ehe".

Peter Hamecher – ein offen schwules und engagiertes Leben

Peter Hamecher (1879-1938) war Autor und Schwulenaktivist aus Lechenich bei Köln. Um 1900 zog er nach Berlin, nahm Kontakt zu den Homo­sexuellenaktivisten Adolf Brand und Magnus Hirschfeld auf und betätigte sich als Dichter, Essayist, Erzähler und Herausgeber. Seine Veröffentlichungen waren stark von seinem Interesse an schwuler Literatur geprägt. Von 1901 bis 1932 publizierte er als Verfasser und als Herausgeber 16 Bücher. Von besonderer Bedeutung ist seine persönliche Bekenntnisschrift "Zwischen den Geschlechtern" (1901), in der der erst 22-Jährige sich offen als Homo­sexueller zu erkennen gibt und seine Situation im Coming-out reflektiert. In den Homo­sexuellenzeitschriften "Die Fanfare" und "Die Freundschaft" schrieb er in den Jahren 1924 und 1925 mehrere belletristische Beiträge und Rezensionen, z. B. über Frank Harris' Oscar-Wilde-Biografie ("Die Freundschaft", Jg. 1924, S. 185). In "Der Eigene" publizierte er über einen Zeitraum von 30 Jahren (1899-1929) unterschiedliche Texte, darunter sein Gedicht "Wir spielen" (Jg. 1924, Heft 7/8, S. 398). Mit seinen Kontakten zur Homo­sexuellenbewegung war Hamecher eine große und später sogar prominente Stütze der jungen Homo­sexuellenbewegung. Sein offen homo­sexuelles Auftreten imponierte vielen. Wohl aus politischen und gesundheitlichen Gründen zog er sich nach 1933 fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück.

In meinem Buch "Anders als die Andern" (2006) habe ich ein ausführliches Kapitel zu Peter Hamecher verfasst (S. 135-139) und auch ausführlich aus seiner Autobiografie zitiert (S. 190-198). Außerdem habe ich in dem Auswahlband "Zwischen den Geschlechtern. Literaturkritik – Gedichte – Prosa" (2011) viele Texte Hamechers neu herausgegeben, u. a. den Artikel "Arthur Rimbaud. Zu seinem siebzigsten Geburtstag" (S. 302-303), der zuerst in den "Blättern des Deutschen Theaters" (Jg. 1924/1925, S. 23-24) erschien. Das Historische Archiv der Stadt Erftstadt versucht zurzeit, an Hamechers Geburtshaus im Ortsteil Lechenich eine Gedenktafel anzubringen.

Christian von Kleist – erotische Aktfotos und einfühlsame Novellen

Christian von Kleist (1901 – nach 1933) wurde "von seiner Familie wegen seiner homo­sexuellen Neigungen verstoßen". Mit etwa 18 Jahren zog er nach Berlin, wo er sich Adolf Brand anschloss. "Er war gern gesehener Gast bei Künstlerfesten und ließ sich auch als Aktmodell in antikisierender Pose ablichten. Unter seinem Pseudonym 'Kyrill' erschienen die beiden einfühlsamen Novellen 'Wolf Bergen' (1927) und 'Nackttänze' (1928). Um 1933 emigrierte er in die USA, wo sich seine Spuren verlieren" (zitiert nach Bernd-Ulrich Hergemöller: "Mann für Mann", 2010, S. 658). Zwei Aktfotos von Kleist sind in Joachim S. Hohmanns Anthologie "Der heimliche Sexus. Homo­sexuelle Belletristik in Deutschland von 1900 bis heute" (1979, S. 279) abgedruckt.

In Adolf Brands Zeitschrift "Der Eigene" publizierte Kleist in den Jahren 1921 bis 1930 mehrere Liebesgedichte, Novellen und Rezensionen. Im Jahrgang 1924 gehören dazu "Ferdinand Hodler" (S. 73-78), "Vom Leid und von der Schönheit. Ein Kapitel aus dem Roman 'Wolf Bergen'" (S. 128-130) und das Gedicht "Ich such Dich!" (S. 332). Im selben Jahr wurde hier auch ein Foto von Christian von Kleist veröffentlicht mit dem Hinweis, dass er "Mitarbeiter" dieser Zeitschrift sei (S. 201), was in diesem Zusammenhang mutig und wie ein Bekenntnis zur Homosexualität wirkt.


Christian von Kleist ca. 1920 und 1924


Mehr als 100 Vorträge über Homosexualität

In einer Zeit ohne Fernsehen und noch ohne große Bedeutung des Radios spielten öffentliche Reden und Vorträge eine wesentlich größere Rolle für die geistige Auseinandersetzung und die Verbreitung neuer Ideen als heutzutage. Den besten Überblick über die Vorträge des Jahres 1924 zum Thema Homosexualität bieten wohl die Homo­sexuellenzeitschriften, wobei ich die Aufzählung einzelner Vorträge in "Die Freundschaft" (hier Jg. 1924, Heft 7) als exemplarisch ansehe: Hier wird angegeben, dass der BfM und die GdE jeweils einen Vortrag und das WhK rund zwei Vorträge pro Monat anboten. Zusätzlich bot die Akademische Arbeitsgemeinschaft acht Vorträge pro Monat an. Selbst unter Berücksichtigung von Sommerpausen und manchmal "nur" vier Vorträgen dieser Arbeitsgemeinschaft in anderen Monaten (s. "Die Freundschaft", Jg. 1924, Heft 1) halte ich mehr als 100 öffentliche Vorträge über Homosexualität im Jahr 1924 für realistisch. Einzelne Vorträge wurden unabhängig von der Homo­sexuellenbewegung angeboten, auf diese wurde in den Homo­sexuellenzeitschriften nicht immer hingewiesen und waren evt. auch nicht bekannt.

Wer nur die nicht-homo­sexuellen Zeitungen liest, bekommt den Eindruck, als hätte es während der Weimarer Republik nur vereinzelte Vorträge über Homosexualität gegeben. Weil der Homo­sexuellenbewegung die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig war, kann man davon ausgehen, dass den Redaktionen die öffentlichen Vorträge bekannt waren, aber für einen Veranstaltungshinweis nur selten als interessant genug erschienen. Dies deutet darauf hin, dass die Meinungsbildung durch die an sich öffentlichen Vorträge vermutlich fast nur innerhalb einer homo­sexuellen "Blase" stattfand.
Bei den Vorträgen fällt auf, dass sich fast nur diejenigen äußerten, die zu einer Veränderung der Verhältnisse bzw. einer Legalisierung homo­sexueller Handlungen beitragen wollten. Dieser Umstand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Meinungen (leider) nicht repräsentativ waren. Es gab keine politische und wohl auch keine gesellschaftliche Mehrheit, an der strafrechtlichen Verfolgung homo­sexueller Männer etwas zu ändern. Einzelne der Vorträge möchte ich näher beleuchten.


"Vortragsbühne" im Institut für Sexualwissenschaft (Aus: "Geschlechtskunde" 1930, IV. Band, S. 892)

Die Vorträge Magnus Hirschfelds – und ein völlig unhaltbarer Paragraf

Magnus Hirschfeld hat in seinem Leben wohl tausende Vorträge gehalten. Am 5. Januar 1924 hielt er in Prag einen Vortrag über "Moderne Forschungen auf dem Gebiete des Seelen- und Geschlechtslebens" und am 7. Januar 1924 einen über "Sexuelle Probleme und Reformen" ("Prager Tagblatt", 1. Januar 1924 und 6. Januar 1924), in denen er auch Homosexualität behandelte. In Karlsbad (Karlovy Vary), also ebenfalls in der Tschechoslowakei, sprach Hirschfeld am 23. Juli 1924 "Über die menschliche Sexualnot".

In Deutschland hielt Hirschfeld Vorträge u. a. am 8. August 1924 in Berlin über den Serienmörder Fritz Haarmann und am 9. September 1924 in Dresden über "Menschliche Geschlechtsnot". Es sind vor allem Artikel aus den Homo­sexuellenzeitschriften "Die Freundschaft" (Jg. 1924, Heft 6) und "Blätter für Menschenrecht" (Jg. 1924, Heft 26), aus denen man etwas mehr über die Inhalte seiner Vorträge erfährt.


Magnus Hirschfeld hält einen Vortrag. Filmszene aus "Anders als die Andern" (1919), in der Hirschfeld sich selbst spielte

An dieser Stelle möchte ich auf einen Artikel aus der "Essener Arbeiter-Zeitung" (23. September 1924) verweisen, die über Hirschfelds Vortrag in Dresden berichtete und dabei auch die Stimmung im Saal beschrieb: In der Pause bestand die Möglichkeit, anonyme Fragezettel abzugeben, wobei die Themen der Fragen von Homosexualität bis zur Selbstbefriedigung reichten. Beim Vorlesen der Fragen, so der Zeitungsbericht, seien einige Zuhörer in albernes Lachen verfallen. Der Hinweis der Zeitung auf Hirschfelds Forderung nach Streichung des § 175 RStGB gibt nicht nur den Inhalt dieses Vortrags wieder. Man kann hoffen, dass Hirschfelds Äußerungen nicht nur für die Zuhörer*­innen, sondern vielleicht auch für die Leser*­innen der Zeitung lehrreich waren: "Es kann aber einen Dritten nichts angehen, wenn zwei erwachsene Menschen, von der Natur in ihrer Eigenart geschaffen, in gegenseitiger Uebereinstimmung handeln. Der Paragraph (…) ist völlig unhaltbar."

Wie sich zwei Vorträge über Eugen Steinach und über Psychoanalyse ergänzten

Auch auf zwei vom WhK organisierte medizinische Vorträge im Jahr 1924 möchte ich eingehen, aber nicht, weil sie etwas über Medizin, sondern weil sie etwas über das WhK aussagen. Ein Dr. Schmidt hielt am 7. Februar 1924 im Institut einen Vortrag über "Die Bedeutung Steinachs". Der Mediziner Eugen Steinach war u. a. dadurch bekannt geworden, dass er die "Heilung" von Homo­sexuellen durch Hodentransplantation empfahl. Am 20. März 1924 folgte am gleichen Ort ein Vortrag von Dr. Hanns Sachs: "Homosexualität und Psychoanalyse".

Beide Vorträge sollten sich offenbar ergänzen. Der zweite Vortrag sei, so "Die Fanfare" (Jg. 1924, Heft 13), "eine wertvolle Ergänzung" des Vortrages über Steinach. "In den beiden Vorträgen sind die zwei extremen Richtungen der Sexualwissenschaft zu Worte gekommen und widerlegen ganz nebenbei den unbegründeten Vorwurf von der einseitigen Einstellung des Komitees zu der wissenschaftlichen Auffassung der Homosexualität." Dazu passt es, dass Magnus Hirschfeld den Vortragenden Schmidt am Ende der Veranstaltung zwar kritisierte – allerdings nicht wegen des Inhalts, sondern nur weil sein Vortrag nicht verständlich genug formuliert sei ("Hellasbote", Jg. 1924, Heft 3). Die offensichtlichen Bemühungen Hirschfelds, in Vorträgen nicht einseitig bestimmte medizinische Richtungen zu Wort kommen zu lassen, lassen sich mit seinem Bestreben vergleichen, das WhK, trotz seiner eigenen Mitgliedschaft in der SPD, parteipolitisch unabhängig zu halten.

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Vorträge von Friedrich Radszuweit – über den § 175 als Kulturschande

Bezogen auf das Jahr 1924 habe ich Hinweise auf fünf Vorträge von Friedrich Radszuweit gefunden: drei Vorträge über "Haarmann, Homosexualität und Paragraph 175", einen über "Haarmann und unsere Bewegung" und einen über "Transvestitismus – oder Verkleidungsspielerei", die er im September und November 1924 hielt. Erwartungsgemäß fanden sich diese Hinweise in den "Blättern für Menschenrecht", dem Vereinsorgan des BfM, dessen Vereinsvorsitzender Radszuweit war.

Besonders erwähnen möchte ich jedoch einen Vortrag Radszuweits vom Anfang des Jahres 1925: Die BfM-Ortsgruppe Essen hatte den Vortrag "Homosexualität und § 175" mit ihrem Vereinsvorsitzenden Radszuweit am 16. Januar 1925 organisiert. Nach dem Bericht in der "Essener Arbeiter-Zeitung" (19. Januar 1925) betonte Radszuweit, dass es die Homosexualität schon immer gegeben habe und dass es sich bei den Annahmen von "Übersättigung", "Krankheit", "Perversität" und "Verführung" um Irrtümer handle. Nach Radszuweit seien von "der wirklichen Homosexualität (…) Erscheinungen zu unterscheiden", wie sie sich "z. B. während des Krieges, in Strafanstalten, Internaten" zeigten. Homosexualität in der Pubertät sei nur "vorübergehender Natur". Der Fall des Serienmörders Haarmann habe "mit Homosexualität so gut wie gar nichts zu tun" und die Strafbarkeit nach § 175 sei eine "Kulturschande". Dass die "Essener Arbeiter-Zeitung" diesen Vortrag so ausführlich besprach, lag vielleicht auch an der bezahlten Werbeanzeige, die in der gleichen Zeitung einige Tage vorher (14. Januar 1925) geschaltet worden war. Es handelte sich damit vermutlich um einen der wenigen Vorträge, die auch außerhalb der homosexuellen "Blase" wahrgenommen wurden.


Ganz selten: Bericht in einer nicht-homosexuellen Zeitung und bezahlte Werbeanzeige

Die Vorträge außerhalb der Bewegung – Aufklärung auch für Jugendliche

Zu den Vorträgen außerhalb der Homosexuellenbewegung gehören z. B. diejenigen von Reinhold Gerling (s. o.) und die medizinischen und juristischen Vorträge vor einem Fachpublikum, auf die ich zum Teil schon in der vierten Folge eingegangen bin.

Der Privatdozent Dr. med. Erwin Klausner hielt in Prag 1924 zwei Vorträge über Homosexualität, worüber das "Prager Tagblatt" in mehreren, meist kurzen Beiträgen berichtete. Der erste Vortrag über die "Homosexualität des Mannes und des Weibes" fand am 31. Januar 1924 an der Deutschen Universität statt. Am ausführlichsten geht der Artikel vom 2. Februar 1924 auf diesen erkennbar emanzipatorischen Vortrag ein: "Die Homosexualität sei ein Naturphänomen, das ergebnislos verfolgt, jedoch nicht ausgerottet werden könne." Die betreffenden Strafbestimmungen wurden von Klausner kritisiert. Bei seinem zweiten Vortrag über "Die Homosexualität beim Manne und bei der Frau" am 13. Mai 1924 (s. "Prager Tagblatt", 8. Mai 1924) wird es sich, trotz des leicht abweichenden Titels, wohl um den gleichen Inhalt gehandelt haben. Erwin Klausner, Privatdozent für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Deutschen Universität in Prag, wurde als Jude 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Sehr schlecht einzuschätzen ist ein Vortrag über "Das Wesen der Homosexuellen", der ausdrücklich als Veranstaltung für Jugendliche angekündigt wurde und am 26. September in einer Schule in Berlin-Niederschöneweide stattfand ("Vorwärts", 26. September 1924). Weil der Kontext, der Name des oder der Vortragenden und Näheres zum Inhalt nicht bekannt sind, kann man über den Inhalt nur spekulieren. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass Jugendliche – vielleicht im Zusammenhang mit dem Serienmörder Fritz Haarmann – vor Homosexuellen gewarnt werden sollten. Weil es sich um eine SPD-Zeitung handelt, ist ein wohlwollender Inhalt möglich, aber nicht selbstverständlich.

-w-