https://queer.de/?48289
Kinostart
Schwule Liebe in rauer Umgebung
Queere Liebes- und Coming-of-Age-Geschichten in einem schwierigen Umfeld gibt es bereits viele. Der polnisch-norwegische Regisseur Leiv Igor Devold schafft es dennoch, uns mit seinem Film "Norwegian Dream" zu berühren – auch dank der beiden hervorragenden Hauptdarsteller.

Der polnische Arbeiter Robert (Hubert Milkowski, re.) verliebt sich in Ivar (Karl Bekele Steinland), den Adoptivsohn des Fabrikeigentümers (Bild: Frameline)
- Von
29. Januar 2024, 10:33h 4 Min.
Geld verdienen und damit ein anderes, ein glückliches und freies Leben führen – das ist der Traum, der zahllose Menschen aus ärmeren in reichere Länder treibt. So auch den 19-jährigen Polen Robert, der frisch in Norwegen ankommt, um dort – wie auch viele seiner Landsleute – in einer Lachsfabrik Geld zu verdienen. Robert will helfen, die Schulden seiner Mutter abzubezahlen.
Die Verhältnisse, auf die er trifft, sind rau. Nicht nur die vom mächtigen Wasser geprägte Landschaft und das feucht-kalte Klima. Noch rauer geht es in der Lachsfabrik zu, in der die polnischen Gastarbeiter*innen so rechtlos, wie es mit Norweger*innen niemals möglich wäre, zum Akkord getrieben werden: Wer dagegen aufbegehrt oder nicht mehr richtig mithalten kann, muss gehen. Und wer bleiben darf, muss für engsten und schäbigsten Wohnraum hohe Mieten entrichten, die sich, wie Robert erfährt, als seine Mutter für einige Tage bei ihm übernachtet, kurzer Hand auch noch verdoppeln können.
Von, wenn auch mitunter kumpelhaft-freundlicher Rauheit ist auch das Miteinander der polnischen Arbeiter*innen geprägt. Da kann es schon mal passieren, dass, wenn Robert die nur sperrig sich bewegende Tür zu seinem Zimmer aufdrückt, sein Mitbewohner, an dessen Schlafplatz er vorbeigehen muss, gerade mit einem zünftigen Fick mit seiner Freundin beschäftigt ist, die Robert aber auch sogleich die Hand zum fröhlichen Hallo hinstreckt.
Erotisches Funkenschlagen in rauer Umgebung

Poster zum Film: "Norwegian Dream" startet am 1. Februar 2024 im Kino
Farblich getaucht ist der "Norwegian Dream" dem Ineinander von landschaftlicher, ökonomischer und atmosphärischer Rauheit gemäß in ein konsequentes Blau-Grau, das den Bildern und Geschehnissen des Films eine visuelle Grundierung verleiht, die der gefühlten Authentizität ebenso zu Gute kommt wie das eher langsame Erzähl-Tempo, die zum Teil fast dokumentarisch wirkende Kameraführung und die glaubhafte Alltagsnähe der Dialoge.
Gleichzeitig baut sich im "Norwegian Dream" aber eine durchaus knisternde Spannung auf – und die rührt natürlich ganz besonders aus dem immer deutlicher hervortretenden erotischen Funkenschlagen zwischen Robert und Ivar, dem People-of-Color-Adoptivsohn des profitfixierten Fabrikbesitzers. Während Ivar, der neben der Fabrikarbeit als Drag-Künstler arbeitet und Schauspieler werden will, offen schwul ist, will Robert auf keinen Fall für schwul gehalten werden – schon gar nicht von seinen polnischen Landsleuten. Und eigentlich auch nicht von sich selbst.
Und so ereilt der plötzliche Ausruf der Inhaberin eines Fashion-Shops, in dem Ivar in Drag singt und Robert in Erwartung eines kleinen Zuverdiensts als musikalischer Begleiter mitgekommen ist, ihn wie ein Schock. Denn nachdem Robert magnetisch angezogen von dem singenden Ivar mit ihm in einen erotischen Tanz geraten ist, reißen ihn diese Worte brachial aus dem Zauber zurück: "Ihr Beiden seid so süß" – und er kann nur noch wortlos fliehen, sodass er am nächsten Tag in der Fabrik auf einen ihn voller Wut ("Zuerst mal: Fick dich!") zurückweisenden Ivar trifft. Die Beziehung zwischen Robert und Ivar kippt nicht nur einmal zwischen starker Anziehung, abrupter Flucht und aggressiver Abstoßung hin und her. Zueinander zu finden, ist kein leichter Ritt.
|
Hervorragende Hauptdarsteller
Spannung entsteht im "Norwegian Dream" aber auch aus einer immer wieder im direkten Umfeld von Robert und Ivar hervorbrechenden Homophobie sowie dem sich aufbauenden Widerstandsversuch der Arbeiter*innen gegen das in der Lachsfabrik herrschende Unterdrückungssystem, wobei Robert in diesem Kampf heftig zwischen die Fronten gerät und die Tücken eines repressiven Systems sich als untrennbar verbunden erweisen mit den Turbulenzen der aufkeimenden queeren Liebesbeziehung.
Ein Film, der so was darstellt, könnte wie eine weitere Variante einer schon zigmal erzählten queeren Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte in einem schwierigen Umfeld sein: ganz hübsch, aber irgendwie auch etwas abgelutscht. Der "Norwegian Dream" vermag uns aber als Zuschauende tatsächlich zu berühren: Und das liegt zum einen an Hubert Milkowski als Robert und Karl Bekele Steinland als Ivar, denen man nicht nur die zwischen ihnen sich aufbauende erotische Spannung, sondern auch alle übrigen Gefühlsturbulenzen fraglos abnimmt.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Es liegt aber zugleich auch daran, dass der polnisch-norwegische Filmemacher Leiv Igor Devold mit subtilen Mitteln und ganz ohne Knalleffekte seinen "Norwegian Dream" erzählt, der immer wieder zwischen Enge und Ausbruch, Gefangensein und Befreiung, Alltäglichem und fast schon Wunderbarem hin- und herschwankt und dabei auch in etwas dramatischeren Momenten eine angenehme Leichtigkeit bewahrt. So ist es denn auch ziemlich wurscht, wenn wir meinen sollten, vom Grundtypus der Story her schon Ähnliches öfter mal gesehen zu haben, denn der "Norwegian Dream" führt uns durch eine Geschichte, die so, wie sie sich uns zeigt, ganz und gar lebendig und besonders ist.
Norwegian Dream. Drama. Norwegen, Polen, Deutschland 2023. Regie: Leiv Igor Devold. Cast: Hubert Miłkowski, Karl Bekele Steinland, Edyta Torhan, Øyvind Brandtzæg. Laufzeit: 97 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 1. Februar 2024
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
Mehr zum Thema:
» Interview: Braucht es Mut für queere Rollen in Polen, Hubert Milkowski? (13.01.2024)
» Weitere Filmkritik von Fabian Schäfer: Schwule Liebe in der Fischfabrik (07.01.2024)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
22:45h, Arte:
Ein junger Mann aus gutem Hause
Doku über den Aufstieg und Fall des schwulen französischen Pornodarstellers Claude Loir, der in den 70er Jahren zum Star des horizontalen Kinos wurde.
Doku, F 2025- 2 weitere TV-Tipps »














