https://queer.de/?48368
Interview
Mit der Zeitreise zum Coming-out: Andrew Haigh über "All of Us Strangers"
Stell dir vor, du reist zurück in der Zeit, um dich bei den verstorbenen Eltern zu outen. Von diesem magischen Trip erzählt Andrew Haigh im Kinofilm "All of Us Strangers". Wir sprachen mit ihm über die bewegende Lovestory.

Der britische Autor und Regisseur Andrew Haigh bei der Premiere von "All of Us Strangers" in London (Bild: IMAGO / FAMOUS)
- Von
5. Februar 2024, 05:04h 6 Min.
Mit "Weekend" präsentierte Andrew Haig eine hübsche Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die mit einem One-Night-Stand beginnt und zur Achterbahn gerät. Danach ließ er Charlotte Rampling und Tom Courtenay in "45 Years" in eine Ehekrise schliddern. Beide bekamen auf der Berlinale den Schauspiel-Bären.
Preisverdächtig ist nun auch der neue Film "All of Us Strangers", der am 8. Februar 2024 in den deutschen Kinos anläuft. Andrew Scott und Paul Mescal spielen ein schwules Liebespaar, die Eltern werden von Claire Foy und Jamie Bell verkörpert. Sieben British Independent Film Awards hat es dafür bereits gegeben. Weitere Auszeichnungen dürften folgen.

Poster zum Film: "All of Us Strangers" startet am 8. Februar 2024 bundesweit im Kino
Mister Haigh, würden Sie gerne die gleiche Reise machen wie Ihr Held im Film und Ihre Eltern aus den 1980er Jahren treffen?
Ich glaube, unser Leben ist eine Ansammlung aller Beziehungen, die wir jemals hatten. Sowohl romantischer Art als auch mit der Familie oder mit Freunden. Sie alle sind ein Teil von uns. Und es gibt immer Dinge, die ungesagt bleiben oder welche man wieder in Ordnung bringen möchte. Deshalb hat diese Idee etwas Magisches, dass man in der Zeit zurückzugehen kann, um ein Gespräch zu führen mit einem früheren Partner oder mit einem Familienmitglied. Es gibt wohl immer etwas, das man in früheren Beziehungen gerne wieder in Ordnung bringen würde.
In der japanischen Roman-Vorlage handelt es sich um eine heterosexuelle Lovestory. Was hat Sie bewogen, daraus eine queere Geschichte zu machen?
Für mich war es einfach naheliegend. Ich bin schwul und wollte die Story aus dieser Perspektive erzählen. Es sollte eine persönliche Geschichte werden, in der ich meine eigenen Erfahrungen einbringe, die ich als Heranwachsender in dieser Zeit in England gemacht habe. Mich interessieren queere Geschichten, insbesondere wenn es wie hier um Schwulsein und Familie geht.
Darf man einen Roman so einfach verändern? Wie hat der Autor darauf reagiert?
Wir haben mit dem Autor und seiner Familie gesprochen, und sie waren sehr offen für alles, was wir daraus machen wollten. Bei einer Adaption muss man nicht zwangsläufig genau dieselbe Geschichte erzählen. Ich kann eine zentrale Idee des Romans zu meiner eigenen machen. Mir ist es wichtig, dass ich einen persönlichen Bezug zu einem Projekt habe.
Im Liebesdrama "45 Years" schildern Sie sehr einfühlsam die Beziehung eines älteren Ehepaares. Fühlen Sie sich bei einer schwulen Lovestory wie hier dennoch wohler als damals?
Ich würde nicht behaupten, dass ich mich bei einer schwulen Story wohler fühle. Denn jede intime Beziehung ist eine intime Beziehung. Ich glaube, dass ich die Natur von Beziehungen ganz gut verstehe. Das lässt sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken, aber bei queeren Figuren kann ich eben noch meine eigenen Erfahrungen einbringen, weil ich genau weiß, wie sich etwas anfühlt. Als Filmemacher erzähle ich gerne Geschichten, die manchmal von queeren Menschen handeln und manchmal eben auch nicht.
|
Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Rollen nur von queeren Menschen gespielt werden sollten? Ist das mittlerweile bereits überholt?
Ich kann die Argumente durchaus nachvollziehen. In bestimmten Fällen finde ich es absolut richtig, dass zum Beispiel eine trans Person eine trans Figur spielt. In anderen Situationen bin ich da etwas flexibler. Für die Rolle des Adam wollte ich einen schwulen Schauspieler haben, denn es gab eine Menge Nuancen, die ich besprechen wollte. Aber das ist nicht immer der Fall.
Ein Film über einen frustrierten Drehbuchautor könnte leicht zum larmoyanten Jammer-Spiel geraten. Wie entgeht man der Gefahr einer Kopfgeburt?
Ich mache meine Filme, wie ich sie eben mache. Ich versuche, eine emotionale Geschichte zu erzählen. Dies ist keine intellektuelle Übung. Es ist eine emotionale Erfahrung, die ich den Zuschauern vermitteln möchte. Es geht um jemanden, der aus der Einsamkeit kommt. Der sich mit einigen Aspekten seines Lebens auseinandersetzt, um zu verstehen, dass er die Fähigkeit hat, zu lieben und geliebt zu werden. Ich mache mir nie zu viele Gedanken darüber, ob eine Story für ein Publikum zu obskur ist. Ich erzähle einfach die Geschichte, die ich erzählen will.
Wie groß sind die Gefahren von Sentimentalität und Kitsch? Wie bewahrt man wahre Gefühle?
Ich bin mir immer über emotionalen Zustand des Films bewusst. Ich möchte ihn nicht in reine Sentimentalität treiben, aber ich möchte auch nicht so subtil sein, dass man nichts fühlt. Es geht also darum, die richtige Balance zu finden. Der Film erzählt keine realistische Geschichte, gleichwohl war mir wichtig, dass er sich wahrhaftig und geerdet anfühlt.
Schauspieler Andy Bell erzählt, er hätte sich noch nie zuvor derart wohl an einem Set gefühlt. Wie wichtig ist Ihnen diese Art der Atmosphäre beim Drehen?
Das war mir immer ein Anliegen, sowohl bei Schauspieler als auch bei der Crew. Unser Job kann bisweilen sehr schwierig sein, aber deshalb muss es nicht gleichzeitig schmerzhaft ausfallen. Man bekommt etwas viel Faszinierenderes und Schöneres, wenn man freundlich zu den Menschen ist. Wenn man eine Verbindung zu den Schauspielern herstellen kann und das Gefühl vermittelt, dass wir alle miteinander verbunden sind, kann etwas Magisches entstehen. Ich möchte, dass jeder am Filmset das Gefühl hat, dass wir Freunde sind. Das gefällt mir persönlich, zudem ist es gut für den Film.
Welche Reaktionen gab es bisher bei Festivals auf den Film?
Ich bin fasziniert von den Reaktionen. Man spürt, wie berührt die Menschen sind, wenn sie aus dem Kino kommen. Für mich ist das immer etwas Besonderes, weil man vorher ja nie wissen kann, ob ein Film beim Publikum ankommt. Ich bin glücklich, dass dies offensichtlich der Fall ist. Mehr kann man sich wirklich nicht erhoffen.
|
Mit welchen Gefühlen sehen Sie der Zukunft des Kinos mit der Künstlichen Intelligenz entgegen?
Ich habe nicht unbedingt Angst davor. Es kommt darauf an, wie wir KI nutzen. Ich glaube nicht, dass ich von dieser Technologie verdrängt werde. Ein kreativer Schöpfer wird immer der Schöpfer bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine künstliche Intelligenz irgendwann einmal Regie führen wird.
Man könnte alle Klassiker mit KI zu queeren Geschichten umschreiben…
Stimmt, das könnte man versuchen. Und wenn es funktioniert, dann werde ich das benutzen! (lacht) Wir können KI nicht automatisch missachten. Aber es ist nicht gut, wenn KI anfängt, die kreative Arbeit zu übernehmen. Denn der Grund, weshalb wir uns mit Filmen, Büchern und Kunst verbinden, liegt darin, dass ein menschliches Wesen dahintersteckt. Deshalb ist die Kunst über die Jahrhunderte hinweg so wichtig für unser Leben. Ich hoffe also, dass das nicht verschwindet. Andernfalls sind wir wahrscheinlich in großen Schwierigkeiten.
Was würden Sie sich wünschen, dass die Zuschauer*innen aus diesem Film mitnehmen?
Ich hoffe, das Publikum bekommt ein besseres Verständnis für die Bedeutung von Beziehungen. Sei es zu Menschen, die bereits verstorben sind. Oder im Verhältnis zu den Kindern, den Partnern, den Freunden oder den Eltern. Vielleicht hat man nach dem Gefühl das Bedürfnis, jemanden anzurufen. Oder seinen Lover noch ein bisschen stärker in den Arm zu nehmen – was tatsächlich auch schon passierte!
All of Us Strangers. Drama. Großbritannien, USA 2023. Regie: Andrew Haigh. Cast: Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: 20th Century Fox. Kinostart: 8. Februar 2024
Links zum Thema:
» Deutsche Homepage zum Film
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
03:10h, MDR:
Queens of Joy – Queerer Kampf für Freiheit
Der Dokumentarfilm porträtiert drei Menschen aus der Ukraine, die mit einer Drag-Show für Solidarität und Widerstand kämpfen.
Doku, F/UA 2025- mehr TV-Tipps »















