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Interview

Wann fällt das "letzte Tabu" für schwule Fußballspieler?

In seinem Film "Das letzte Tabu" lässt Manfred Oldenburg Fußballer von ihrem Coming-out erzählen. Wir sprachen mit dem renommierten Regisseur über die abendfüllende Doku, die ab 13. Februar auf Prime Video zu sehen ist.


Key Visual zur Doku "Das letzte Tabu", die ab 13. Februar 2024 auf Prime Video gestreamt werden kann (Bild: Broadview Pictures)

Manfred Oldenburg, Jahrgang 1967, ist renommierter und preisgekrönter Dokumentarfilmer. Er arbeitete an der sechsteiligen ZDF-Reihe "Holokaust" mit. Er drehte Filme über Aldi, Joop, Axel Springer und Toni Kroos.

In seinem neuen Film "Das letzte Tabu", der ab dem 13. Februar 2024 exklusiv auf Prime Video gestreamt werden kann, beschäftigt er sich nun mit Homosexualität im Profi-Fußball. In der abendfüllenden Doku lässt er neben Thomas Hitzlsperger diejenigen ihre ganz persönliche Geschichte erzählen, die dieses Tabu gebrochen haben. Wie der britische Fußballer Justin Fashanu (1961-1998), der diesen Tabubruch 1990 erstmals begangen und mit seinem Leben bezahlt hat. Seine Geschichte erzählt seine Nichte Amal. Marcus Urban wiederum stand als Jugendlicher vor dem Sprung in die Bundesliga und traf mit der Entscheidung für sein Coming-out auch eine gegen seinen großen Traum. Die Erzählungen des US-Profis Collin Martin und des britischen Spielertrainers Matt Morton dagegen lassen erahnen, dass eine gelebte Normalität gar nicht weit entfernt ist.

Vor dem Streamingstart hatten wir Gelegenheit, uns mit Manfred Oldenburg über den Film zu unterhalten. Eine ausführliche Kritik der Doku folgt. Die offiziellen Szenenbilder zeigen wir in der unten verlinkten Galerie.


Regisseur Manfred Oldenburg (Bild: Broadview Pictures)

Herr Oldenburg, "Schlimm ist nur, wenn er auf ein Doppelzimmer besteht", zitieren Sie Uli Hoeneß. Mit diesem Spruch sieht der FC-Bayern-Chef nicht unbedingt sympathisch da…

Es ist nicht meine Intention gewesen, jemanden ins Abseits zu stellen. Bei allen Zitaten findet sich die Jahreszahl, um zu zeigen, dass es seit dem ersten Coming-out im Profifußball 1990 eine Entwicklung gab. Damals hatte sich Justin Fashanu geoutet, in Folge wurde er homophob angegriffen, 1998 nahm er sich das Leben. Das Hoeneß-Zitat stammt aus 2004, die "Bunte" fragte ihn, ob er einen bekennenden Schwulen verpflichten würde, und Uli Hoeneß antwortete: "Wenn er qualitativ zu uns passt, selbstverständlich. Schlimm wäre nur, wenn er auf ein Doppelzimmer besteht." Ich fand den Nachsatz bemerkenswert, weil damit die stereotypen Vorurteile gegenüber Homo­sexuellen bedient werden. Um diese geht es mir: Warum soll Homosexualität im Fußball überhaupt ein Problem sein? Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, eine Gruppe nur aufgrund der Sexualität vom Fußball auszuschließen. Vorurteile sind anerzogen, 1.000 Wiederholungen ergeben eine Wahrheit, und es ist der Ansatzpunkt dieses Films, gegen diese Vorurteile vorzugehen.

In Ihrer Doku über Toni Kroos hatten Sie Hoeneß zum Interview vor der Kamera. Weshalb haben Sie ihn diesmal nicht direkt mit seinem Stammtisch-Sprüchen konfrontiert?

In das "Das letzte Tabu" wollte ich homo­sexuellen Fußballspielern eine Projektionsfläche geben. Das Umfeld in den Vereinen war für meine Erzählung zweitrangig. Ich habe natürlich auch Verbands- und Vereinsverantwortliche angeschrieben, um einmal zu hören, wie sie die Situation der Homo­sexuellen wahrnehmen. Allerdings gab es dabei nur Absagen, über deren Gründe man nur spekulieren kann.

Gab es auch vom Kaiser einen Korb? Oder von Toni Kroos, den Sie durch Ihre Doku doch sehr gut kennen?

Die persönlichen Beweggründe der Absagen kenne ich nicht, die Anfragen liefen über Manager und Berater. Ob allerdings bei einer Zusage mehr als vorgefertige Sonntagsreden herausgekommen wären, da bin ich mir nicht sicher. Mein Fokus lag ohnehin auf den Erzählungen der homosexuellen Fußballspieler: Was bedeutet es, wenn man das eigene Ich, die Identität verstecken muss?

Hatten Sie versucht, ungeoutete Fußballer vor die Kamera zu bekommen? Gegebenenfalls ohne Erkennbarkeit oder in nachgestellten Szenen?

Wenn der Film eine Schwachstelle hat, die mich schmerzt, dann ist es genau dieser Punkt. Diese Stimme fehlt im Film. Was empfindet ein Mensch, der Fußballprofi ist und sich verstecken muss? Mit Matt Morten, Thomas Hitzlsperger, Collin Martin und Marcus Urban haben wir geoutete Spieler, die ihre Identität leben können und befreit mit einer großen inneren Stärke vor die Kamera gegangen sind. Wie aber geht es einem Spieler, der Profifußballer ist und sein Ich täglich verstecken muss, der vielleicht eine Scheinehe eingegangen ist und Kinder hat? Und die Ehefrau weiß nichts davon? Leider war die Produktionszeit zu kurz, um überhaupt zu versuchen, einen solchen Kontakt herzustellen.

Einen starken, gleichwohl kurzen Auftritt zeigt der erst 18-jährige Profispieler Jack Daniels aus England, dem das Coming-out offensichtlich kaum schwer fiel. Hätte er nicht mehr zu sagen gehabt als nur den Smalltalk mit Thomas Hitzlsperger?

Wir hätten Jack Daniels gerne ausführlicher im Film gehabt, zumal es eine sehr starke Verbindung zu Matt Morton gibt. Matt stand Jake beratend zur Seite und bestärkte ihn darin sich zu outen. Leider hat Jakes Manager unsere Anfrage abgelehnt. Er sagte uns, dass sie selbst eine Dokumentation mit Jake planen und ein Interview aus Exklusivitätsgründe nicht möglich sei. Wir haben auch Joshua Cavallo und Robbie Rogers erfolglos angefragt, auch hier lief alles über die Manager bzw. Berater, und wir wissen nicht, ob unsere Anfragen überhaupt an die Spieler weitergeleitet wurden.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Ihre Doku heißt "Das letzte Tabu" – wann wird es fallen? Wann gibt es wie bei den Schauspieler*innen im SZ-Magazin ein kollektives Outing auf der Titelseite des "kicker"?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe nur den Wunsch, dass es irgendwann dazu kommt. Ich hoffe, dass unser Film dazu dient, eine Diskussion anzuregen, damit sich diese Dinge endgültig ändern. Es gibt weltweit rund 500.000 Profifußballer, aber bislang hat sich kaum einer öffentlich als homosexuell geoutet.

Der Film erscheint bei einem Streaming-Anbieter, wird also auch weltweit gesehen. Wie werden die internationalen Reaktionen ausfallen?

Das kann ich nicht abschätzen. Ich bin nicht der erste Filmemacher, der sich mit dem Thema beschäftigt. Ich wünsche mir auf der einen Seite, unter den Fußballfans Denkprozesse anzustoßen, um das Thema voranzubringen. Und auf der anderen Seite wäre es mein größter Wunsch, den homosexuellen Spielern, die versteckt leben, eine Hoffnung zu geben, wenn sie die positiven Coming-out-Geschichten sehen. Es gibt diese Vorbilder und es gibt diese Möglichkeit des selbstbestimmten Lebens auch im Profifußball. Und vielleicht schaut sich ein Teenager den Film an, der in der Pubertät steckt, der sich selbst gerade findet und sich kritisch mit seiner Sexualität auseinandersetzt, weil er spürt, dass er homosexuell ist. Und dann sieht er Thomas, Matt, Collin und Marcus, die den Mut hatten, sich zu outen und jetzt ein glückliches und selbstbestimmtes Leben führen.

Eindrucksvoll wirkt das US-Team, das aus Solidarität mit ihrem schwulen Spieler, der beleidigt wurde, geschlossen vom Platz läuft und damit auf den Aufstieg verzichtet. Welche Bedeutung hat diese Episode als Mutmacher?

Man muss sich das wirklich mal vergegenwärtigen, was da passiert ist. Die Mannschaft von San Diego Loyal spielt um den Aufstieg in die erste US-Liga. Da geht es neben dem sportlichen Erfolg auch um die wirtschaftliche Existenz des Clubs. Und zur Halbzeit ist das Spiel quasi schon gewonnen. Die Mannschaft verlässt aber geschlossen den Platz. Wären sie auf dem Platz geblieben, wäre der Vorfall bald wieder vergessen gewesen. Stattdessen entscheiden sich alle gemeinsam für dieses Zeichen der Solidarität. Die Mannschaft begreift sich im wahrsten Sinne als Team, das Miteinander ist ihnen wichtiger als Ruhm, Ehre und Geld. Solidarität ist das höchste menschliche Gut. Damit ist es eine Geschichte, die bleibt.

Infos zum Film

Das letzte Tabu. Dokumentarfilm. Deutschland 2024. Regie: Manfred Oldenburg. Mitwirkende: Amal Fashanu, Thomas Hitzlsperger, Peter Tatchell, Collin Martin, Matt Morton, Per Mertesacker, Babak Rafati, Rolf Töpperwien, Marcus Urban, Dario Minden, Tatjana Eggeling, Tanja Walther-Ahrens. Laufzeit: 93 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Ab 13. Februar 2024 exklusiv bei Prime Video
Galerie:
Das letzte Tabu
12 Bilder
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