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Ausstellung

Der kosmopolitisch-queere Blick von Karim Aïnouz

Heimat und Diaspora, Herkunftsfamilie und Wahlfamilie: Der Filmregisseur Karim Aïnouz setzt sich mit Themen auseinander, die ohne sein Selbstverständnis als schwuler Künstler nicht denkbar wären. Eine aktuelle Ausstellung in Berlin widmet sich seinen Bilderwelten.


Karim Aïnouz, geboren 1966 in Brasilien, lebt seit über zehn Jahren in Berlin (Bild: Alexandre Ermel)

Der algerisch-brasilianische Filmemacher, Drehbuchautor und Künstler Karim Aïnouz hat sich in der internationalen Filmszene längst einen Namen gemacht. Seit Jahren sorgen seine Filme auf den großen Festivals für Aufsehen, wie etwa "Love for Sale" im Jahr 2006, sowie drei Jahre darauf "I travel because I have to" – beide in Venedig. Oder 2014 in Berlin, wo sein schwules Beziehungsdrama "Futuro Beach" im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde. Zuletzt ging sein Beitrag "Firebrand" mit Jude Law und Alicia Vikander 2023 ins Rennen um die Goldene Palme in Cannes. Seit Jahren ist er Mitglied der Academy of Motion Picture.

Zum Durchbruch hatte Aïnouz einst der queere Klassiker "Madame Satā" verholfen, der im Jahr 2002 in der Sektion "Un certain regard" in Cannes uraufgeführt wurde: ein Biopic über die gleichnamige Dragqueen, die laut amtlichen Papieren João Francisco dos Santos hieß und das Nachtleben im Rio de Janeiro der 1930er Jahre mit ihren legendären Aufführungen aufmischte. Im kollektiven queeren Gedächtnis ist João ein Mythos und wird als Held gefeiert, der sich als Sohn ehemaliger Sklaven, als Analphabet, Sexarbeiter, bisexueller Mann und Cross Dresser gegen Stigmatisierung und Marginalisierung zur Wehr setzt und erfolgreich darum kämpft, sich neu zu erfinden.

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João Francisco dos Santos und Josephine Baker

Aïnouz widersteht der Versuchung, aus der Verfilmung eine Heiligenverehrung zu machen. Stattdessen zeigt er den Protagonisten in seiner ganzen Vielschichtigkeit – als Liebhaber, der sich in seinen Beziehungen wie ein Tyrann aufführt, während er auf der Straße als Gangster und Mörder von sich reden macht. Im realen Leben verbringt João Francisco dos Santos mehr als zwanzig Jahre im Gefängnis. Was sein Leben jedoch darüber hinaus interessant macht, ist eine tiefe Verehrung für Josephine Baker. Sie übt auf ihn entscheidenden Einfluss aus. In den 1930er Jahren ist sie der erste Weltstar mit afroamerikanischen Wurzeln und bereits damals eine queere Ikone – ein Aspekt, der in gegenwärtigen Retrospektiven auf Josephine Baker bestenfalls noch beiläufig Erwähnung findet. Aus diesem Blickwinkel erscheint der mehr als zwanzig Jahre alte Film über João Francisco heute umso interessanter.

In einer Szene, in der João als Sexarbeiter einen potentiellen weißen Klienten verführen möchte, dient die Erwähnung von Josephine Baker als Code für gleichgeschlechtliches Begehren – mit besonderer Vorliebe für schwarze Haut. Nachdem das Stichwort gefallen ist, ergreift João die Hand seines verklemmten Gegenübers, führt sie sich zwischen die Beine und phantasiert dabei von der Verruchtheit seiner imaginären Schwester Josepha, die dem Klienten als Vorwand für schwulen Sex dienen soll. Ein andere Ausschnitt aus "Madame Satā" zeigt, wie sich João im Kino von einem Revuefilm mit Josephine Baker mitreißen lässt.

Hommage an die Wahlfamilie


Dragshow nach dem Vorbild von Josephine Baker, Ausschnitt aus dem Film "Madame Satā" (2002), in Deutschland als "Sata" vermarktet (Bild: Walter Carvalho)

"Sie war ein Vorbild für seine Performance als Drag Queen", berichtet Karim Aïnouz im Gespräch in der Berliner daadgalerie, wo derzeit eine Ausstellung über die Arbeit des Regisseurs gezeigt wird. Er fügt hinzu, dass sich der reale João Francisco an Josephine Baker aber noch in anderer Hinsicht ein Beispiel genommen habe: "João bewunderte sie dafür, dass sie so viele Kinder mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit adoptierte. Darum gründete er schließlich selbst eine Regenbogenfamilie und adoptiert sieben Kinder."

Der Film fokussiert sich allerdings auf die Zeitspanne davor, daher wird dieser Aspekt im Leben von João Francisco dos Santos in "Madame Satā" nur angedeutet: in Szenen, die den gemeinsamen Haushalt der Dreiecksbeziehung Joãos mit einer weißen Geliebten und einem schwarzen Lebensgefährten zeigen. Und auch das erste Kind ist zu sehen. "Das war jedenfalls etwas, das mich sehr interessierte: eine Gemeinschaft, die auf Zuneigung und Liebe beruht, nicht auf der Verbindung durch Blut."

"Futuro Beach" und das Phänomen der queeren Diaspora

Familienbande und Queerness ist auch ein Thema in Karim Aïnouz' Berlinale-Beitrag "Futuro Beach" von 2014, der in Fortaleza und in Berlin spielt. Er erzählt die Geschichte des brasilianischen Rettungsschwimmers Donato, den die Liebe zu Konrad in die deutsche Hauptstadt verschlägt. Dabei bricht er alle Brücken zu seinem Herkunftsland ab. Er lässt seine Mutter und den zwölfjährigen Bruder im Stich – bis dieser eines Tages als junger Mann wie ein Geist vor der Tür von Donatos Berliner Wohnung steht und ihn als "Schwuchtel" beschimpft und auf ihn losgeht. Ein sehr bewegender, mit vielen symbolischen Bildern erzählter Film. Dass es Aïnouz dabei um ein ureigenes queeres Trauma geht, lässt sich nur erahnen. "Kaum jemand redet darüber", sagt er. Es betrifft das Phänomen der queeren Diaspora: "Viele von uns wachsen in Kleinstädten oder Dörfern auf; wir gehen nach New York, London oder Berlin, weil wir uns in unserem Herkunftsort nicht frei fühlen. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben – an unzähligen Orten auf der Welt werden wir nicht akzeptiert, wir müssen unsere Heimat verlassen und kehren aus Scham nicht mehr zurück."

Aïnouz erinnert sich an den Höhepunkt der Aids-Krise in den frühen 1990er Jahren: "Freunde von mir verließen ihr Zuhause, um nach Europa zu kommen, weil sie in den Großstädten aufgrund der Anonymität in ihrer Sexualität frei sein konnten. Viele von ihnen starben an den Folgen von Aids, und die Familie erfuhr nie, was mit ihnen passiert war. Das war die ursprüngliche Idee von 'Futuro Beach'." Doch bei der Umsetzung bemerkte Aïnouz, dass es für ihn noch zu früh war, sich mit Aids auf eine so intensive Weise auseinanderzusetzen. Es ging ihm zu nah. Also ließ er es weg und fokussierte sich auf den Aspekt des Abschieds von der Heimat. Aber das Thema brennt ihm weiterhin unter den Nägeln. "Eines Tages werde ich diesen Film machen", so Aïnouz.


Szene aus dem 2014 veröffentlichten Film "Futuro Beach" (Bild: Pro-Fun Media)

Die Aidskrise und der Beginn des "New Queer Cinema"

Er selbst, der 1966 in Fortaleza geboren wurde und zunächst Architektur studierte, hat in den 1990er Jahren seine Heimat Brasilien verlassen. Seine erste Station war New York City, die damalige Hauptstadt der Aidskrise. "Es war eine schreckliche Zeit, es starben so viele Freunde um mich herum. Aber es gab auch eine unglaubliche Energie, eine politische Wut, die sich gegen Gleichgültigkeit und Diskriminierung richtete. Daraus sind Gruppen wie Act Up entstanden." Dabei entstand eine kreative Community aus Leuten, die Experimentalfilme oder Kurzfilme drehten. "Damals nannte man das zwar noch nicht 'queer'", so Aïnouz, "aber es war der Beginn einer queeren Bewegung und des 'New Queer Cinema'. Es gab ein Gemeinschaftsgefühl, ein echtes Gefühl von: Wir sterben, aber wir sind zusammen, wir können offen darüber sprechen, was wir durchmachen. So lernte ich den Filmemacher Todd Haynes kennen, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben spielte."

Karim Aïnouz dachte zunächst gar nicht daran, selbst Filme zu machen. "Ich war der Ansicht, das sei etwas für reiche Leute. Aber als Architekt hatte ich ein Gefühl für Raum, ich habe immer gerne fotografiert, und die Mitarbeit bei queeren Filmprojekten in New York inspirierte mich damals zu meinem ersten eigenen Spielfilm: 'Madame Satā' – über diese unglaubliche Figur aus Brasilien, von der die Leute unbedingt erfahren sollten."

Als Fotokünstler ging Aïnouz bislang noch nicht an die Öffentlichkeit. "Ich mache gerne Filme. Aber Fotografieren hilft mir dabei, Filme zu entwickeln. Es gibt viele Ideen, die ich dadurch ausloten kann. Es nährt meine Arbeit als Filmemacher."

Asustellung der Berliner daadgalerie

Die Ausstellung "Blast!" in der Galerie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), die noch bis zum 24. März gezeigt wird, widmet sich vor allem dem Teil seiner Kreativität, die das fotografische Momentum betrifft. Hunderte von meist privaten Aufnahmen werden als Diashow in den dezent gedimmten Räumen an der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg gezeigt, ergänzt von persönlichen Gegenständen, die auf Archivregalen exponiert sind, und die alle eine für das Publikum unbekannte Geschichte haben: ein Notizbuch, ein Taschenrechner, ein Hotelschlüssel. Wer möchte, lässt seinen Assoziationen für eine eigene Story freien Lauf – so hat sich das Aïnouz jedenfalls vorgestellt.


Blick in die Ausstellung in der daadgalerie (Bild: Axel Krämer)

Ein anderer Raum zeigt Ausschnitte seines Experimentalfilms "Sonnenallee" aus dem Jahr 2011, der einen ungewohnt poetischen Blick auf die Neuköllner Magistrale offenbart, sowie Rohmaterial seines Films "Zentralflughafen THF" von 2018 – ein Film, der auf der Berlinale lief. "Dieser Teil der Ausstellung ist eine Liebeserklärung an Berlin", erklärt Aïnouz. Von der deutschen Hauptstadt war er erstmals bei einem Besuch in den 1980er-Jahren angetan. Nach einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes entschied er, sich in Berlin dauerhaft niederzulassen. Bis heute hat er es nicht bereut.

Selbstredend finden sich in der Ausstellung auch viele queere Motive unter den Bildern. Doch Aïnouz' Blick ist vor allem kosmopolitisch. "Queer zu sein, schwul oder lesbisch zu sein, vom Patriarchat unterdrückt werden – das erleben queere Männer, queere Frauen und auch heterosexuelle Frauen. Wir sind alle Opfer des Patriarchats. Ich bin der Meinung, dass wir uns stärker aufeinander abstimmen müssen. Für mich ist es sehr wichtig, dass wir gemeinsam kämpfen. Denn der Feind ist woanders, besonders jetzt. Ich mache mir große Sorgen, was derzeit mit der AfD passiert. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht gegeneinander kämpfen."

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