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"Kvir-Besedy"

So gelang trans Frau Lera die Flucht aus der Ukraine über Russland nach Berlin

Die Tatsache, dass Lera es nach Deutschland geschafft hat, ähnelt einem Wunder. Hier erzählt sie ihre Geschichte.


Lera und ihre Mutter kamen im Hochsommer 2023 in Berlin an (Bild: privat)
  • Von Konstantin Kropotkin
    10. Februar 2024, 01:23h 26 Min.

Als russische Truppen im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierten, blieb Lera. Sie wollte ihre Mutter nicht allein lassen. Beide Frauen, Mutter und Tochter, hatten während der schrecklichen anderthalb Jahre der Besatzung zusammengelebt und verließen ihre Heimat erst, als ihnen das Dach über dem Kopf genommen wurde. Im Juni 2023 wurde ihr Haus im Gebiet Cherson, das ein halbes Jahrhundert lang hielt, nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms vom Wasser weggespült. Die Tatsache, dass Lera es nach Deutschland geschafft hat, ähnelt einem Wunder: Sie ist eine trans Frau, und laut Papieren ist sie immer noch ein Mann. Das Risiko, dass sie die russische Grenze nicht überschreitet, war sehr hoch.

Ich traf die 26-jährige Ukrainerin einen Monat nach ihrer Ankunft in Berlin. Leras Erinnerungen an ihre Erlebnisse waren noch sehr frisch, so dass ich mich nach unserem Gespräch, nachdem ich ihr aufmerksam zugehört hatte, fragte, warum sie bereit war, mit mir, einem gebürtigen Russen, zu sprechen, nachdem sie wegen der Russen eine solche Tortur erlitt. Ich hatte den Eindruck, dass sie einen unbeugsamen Willen, eine unverblümte Direktheit, einen unerschöpflichen Optimismus und, was für mich besonders wertvoll ist, den Wunsch hat, keinen dunklen, nichts unterscheidenden Hass in ihr Leben zu lassen. Lera sieht nicht nur die Farben des Lebens, sie hat trotz allem die Fähigkeit bewahrt, Zwischentöne zu unterscheiden.

"Leben mit Preisaufschlag", so deutet sie ihre Wahrnehmung.

***

Lera und ihre Mutter kamen im Hochsommer 2023 in Berlin an. Sie hatten nur zwei kleine Koffer dabei. Das Wertvollste darin, erzählt Lera, waren Tarotkarten. Das Wahrsagen liegt in der Familie, die Karten legte noch die Großmutter meiner Gesprächspartnerin.

Tarotkarten verraten mir nicht, was genau passieren wird, sondern zeigen ein mögliches Szenario, einem fällt eine bestimmte Karte zu, man interpretiert sie im Hinblick auf die gegebene Situation und überlegt, wie man eine Lösung finden kann. Nehmen wir zum Beispiel die Karte des Eremiten. Man kann sich abkapseln, keinen Kontakt zu anderen aufnehmen, also quasi zur Schnecke werden und sich in seinem Schneckenhaus verstecken, bis man die Situation wieder in den Griff bekommt.

Sie reisten auf Umwegen nach Deutschland: vom Gebiet Cherson auf die von russischen Truppen besetzte Krim, von dort nach Woronesch und dann in die lettische Stadt Daugawpils. Lera und ihre Mutter wählten Berlin als Endstation, weil sie dort Bekannte hatten. Lera wurde bei ihrem Umzug von Mitgliedern des Chersoner LGBTI-Vereins "Inscha" unterstützt, die sich ebenfalls nach dem 24 Februar 2022 unfreiwillig in der deutschen Hauptstadt wiederfanden.

Nachdem sie mit dem Bus Berlin erreicht hatten, folgten die Frauen den Anweisungen: am Hauptbahnhof ein Zelt mit einer ukrainischen Flagge aufsuchen und dann das tun, was man ihnen sagt. So landeten sie in einem anderen Zelt mit der Aufschrift "F1" in einem Flüchtlingslager, das auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel eingerichtet wurde. Die anderthalb Wochen, die sie dort verbrachten, nennt Lera unverblümt "der zehnte Kreis der Hölle": so gut wie keine Privatsphäre, Lärm vom frühen Morgen an, geschmackloses Kantinenessen und die typischen Schwierigkeiten einer trans Person in einer unfreundlichen Umgebung.

Fangen wir damit an, dass die dich nicht auf die Herrentoilette lassen. Sie lassen dich aber auch nicht auf die Damentoilette. Ich wachte früh morgens auf, ging zur Wachfrau und fragte mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms, ob ich einen Schlüssel für die Behindertentoilette haben könnte. Sie sagt: "Ich habe keinen." Sie antwortet auf Englisch, aber ich habe es auch ohne Übersetzungsprogramm verstanden: "Wenn du einen Penis hast, gehst du auf die Herrentoilette."

Lera sagt, dass sie zu diesem Zeitpunkt die einzige trans Person in Tegel war. In der Zeltstadt gab es keine öffentlichen Toiletten, dafür aber jede Menge Vorurteile, so meine Gesprächspartnerin, die sowohl vom Wachpersonal als auch von Flüchtlingen angefeindet wurde – besonders von Migrant*innen aus dem Nahen Osten. Sie hatte wenig Kontakt zu Flüchtlingen aus der Ukraine, und ihre seltenen Begegnungen mit Menschen aus anderen postsowjetischen Ländern hinterließen bei ihr, sagen wir, gemischte Gefühle.

Nehmen wir an, es war ein Kirgise im Raum. Er kam aus Russland und ist irgendwie hierhergekommen. Er begann, den Krieg zu rechtfertigen. Er meinte, dass es in gewisser Hinsicht gut für die Ukrainer wäre, zu Russland zu gehören, dass es gut für uns wäre. Ich sagte: "Wer wird die beiden Häuser, die überflutet wurden, wieder aufbauen? Du bist doch Bauarbeiter, komm mit mir nach dem Krieg, bei mir sind die Bedingungen sogar besser als hier in Tegel, ich habe einen kleinen Stall, in dem Hühner lebten. Dann wirst du mir ein Haus bauen."

***



Der Umzug nach Deutschland war für Lera die erste Gelegenheit, das Leben im Ausland kennenzulernen. Sie hatte ihre ganzen 26 Jahre in der Stadt Oleschki im Süden der Ukraine verbracht. Diese Satellitenstadt von Cherson wurde bereits in den ersten Tagen des Krieges, Ende Februar 2022, von russischen Truppen besetzt. Lera sagt, dass sie an diesem Tag buchstäblich aus dem Bauchgefühl heraus nicht zur Arbeit gegangen ist. Damals nähte sie in einer kleinen Näherei Hygienemasken.

Ich war schon fertig gepackt, angezogen, ich hatte schon Essen für die Nachtschicht vorbereitet. Aber dann stand ich vor der Tür und dachte: Scheiße, ich will nirgendwo hingehen. Ich habe einfach keine Lust zu gehen. Na, dann bleib halt zu Hause, verdammt! Das war der Tag, an dem ich mein Gehalt bekommen sollte. Ich war nicht einmal durch den Zahltag motiviert. Also dachte ich, okay, ich bleibe zu Hause. Und um vier Uhr morgens kommt ein Anruf: "Steh auf, Russland hat angegriffen". Ich sagte: "Das ist doch Blödsinn, was redet ihr hier für einen Scheiß!" Naja, wo sind wir und wo ist Russland! Die müssen es erst irgendwie hierherschaffen. Hab ja vergessen, dass die Krim ganz in der Nähe liegt.

Eine Freundin aus Kiew rief an, in der Hauptstadt knallten bereits die Bomben. Kurz darauf konnte Lera den Krieg nicht nur hören, sondern auch sehen: schwarze Rauchwolken in der Nähe des Chersoner Flughafens, nahe dem Dorf Tschernobajewka. Dann erinnert sie sich an das wilde Hundegebell, die Panik auf den Straßen: die einen gingen weg, die anderen hamsterten in den Geschäften alles Mögliche. Lera holte sich von einem Kollegen ihr Monatsgehalt – 800 Griwna (etwa 20 Euro) – und schaffte es noch, Zigaretten und Brot zu kaufen.

Als ich mich meinem Haus näherte, ging es los: Artillerie, ein- und ausfliegende Bomber, Maschinengewehrsalven. Die Salven waren allzu deutlich zu hören, so als ob draußen vor dem Fenster. Wir rannten zu den Nachbarn in den Keller. Was soll man machen? Man hat Angst, man ist paranoid, man fängt an, sich richtig zu besaufen. Das, was mir an diesem ersten Tag am meisten auf die Nerven ging, war nicht, dass irgendetwas klappert und fliegt. Ich hatte es satt, dass meine bekloppte Nachbarin alle anrief und schrie: "Oje, das ist das Ende, bei uns..." Sie hat Verwandte in Russland oder so. Dann war meine Mutter schon voll. Sie brüllte die Nachbarn an und sagte: "Das ist alles eure Schuld. Ihr steht für Kazapy, das ist alles eure Schuld."

Ich frage nach, die ukrainische Version des Russischen bedarf einer Erklärung: "Kazapy" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Russen. Lera erinnert sich, wie sie auf der Schwelle ihres Einfamilienhauses eine seltsame Aufzeichnung auf dem Boden vor dem Tor bemerkte: "Wir warten auf dich". Wer es hinterlassen hat und was das bedeuten sollte, darüber kann man nur rätseln.
Auf das russische Militär trafen die Einwohner*innen von Oleschki auch nicht gleich darauf. In den ersten fünf Tagen waren die Menschen auf sich allein gestellt.

Niemand hat Licht, niemand hat Gas, niemand hat Wasser. Aber ich hatte eine Pumpe und so etwas wie ein Holzkohlegrill. Unsere Nachbarn und wir brachten unsere Lebensmittel zusammen und bereiteten sie auf dem Grill vor. Dann ging irgendwann das Licht an. Lange Zeit gab es kein Gas. Von Zeit zu Zeit habe ich Brot gebacken und unter Nachbarn verteilt. Ohne Fleiß kein Preis, so soll man das nennen, oder?

Den Erinnerungen von Lera zufolge herrschte in ihrer Heimatstadt zu dieser Zeit eine Tages- und eine Nachtordnung. Die neu ankommenden Russen, die einige Häuser besetzten, erledigten ihre Angelegenheiten ausschließlich nachts, um nicht von der ukrainischen Armee erwischt zu werden. Tagsüber herrschte ein halbwegs normales Leben: die Einheimischen hatten Arbeit und Haushalt zu erledigen. Bald wurde klarer, was von den Besatzern zu erwarten war.

Ja, sie zeigten sich, griffen aber irgendwie niemanden an. Mir ist aufgefallen, dass sie Aggressionsausbrüche haben, entweder wenn Wahrheit über sie ans Licht kommt oder nachdem sie einen schweren Verlust erlitten haben. Dann schlagen sie zurück.

Meine Freundin hatte eine Schwester, sie war zehn. Sie wurde von elf Männern vergewaltigt. Sie suchten in einem örtlichen Chat nach einem Gynäkologen, der nachsehen sollte, ob sie Scheidenrisse hatte, denn das Mädchen atmete nicht und bewegte sich nicht. Als der Arzt gefunden wurde, war das Mädchen bereits tot, zu spät. Ein anderes Mal haben die Russen jemandem an einem Kontrollposten ein falsches Auto als Ziel angegeben. Aber sie haben sich um eine Ziffer vertan und das Auto zerschossen, in dem zwei Kinder samt Familie saßen. Die Großeltern beerdigten ihre Kinder und Enkelkinder. Sie kamen dann, entschuldigten sich und schenkten ihnen gestohlene Haushaltsgeräte.

Meine Nachbarin wurde gefangen genommen, drei Tage lang fickte man sie durch. Als sie entlassen wurde, hat sie eine Woche lang gesoffen, und einen Monat später wurde sie mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden und daneben ein Zettel, auf dem stand, die Russen seien schuld.

Lera sagt, dass nur das Abschalten ihr geholfen hat, zu überleben und bei Verstand zu bleiben. Bereits in den ersten Tagen des Krieges besorgte sie sich ein Gerät zum Schwarzbrennen und fand im Internet eine Anleitung, wie man es benutzt. Später, im Sommer, half ihr Marihuana, das gleich in den Nutzgärten angebaut wurde, ihre Angstgefühle zu bändigen.

Wenn man so an die sechs Monate dableibt, weiß man sehr wohl, dass man jeden Moment sterben kann. Jeden Moment kann man von einem Schuss getroffen werden. Jeden Moment kann der da auf dich schießen. Das ist einem völlig klar. Man ist sich bewusst, was man da tut. Man gewöhnt sich daran. Ein Mensch kann sich an alles gewöhnen, wenn er es will. Es war mir scheißegal, was vor mir lag. Das Wichtigste war, den Tag zu überstehen, und Hauptsache, man fand was zum Essen. Das war alles. Ich habe keine Pläne gemacht. Ich meine, ich habe mit nichts gerechnet. So ging das bei mir vor sich, von einer Schlafpause zur anderen. Und mal sehen, was danach passiert.

In jenen Tagen, Wochen, Monaten bestand die Hauptaufgabe für Zivilist*innen darin, nicht die Aufmerksamkeit des Militärs auf sich zu ziehen: seltener aus dem Haus zu gehen, und wenn man den Besatzern begegnet, ihnen nicht in die Augen zu schauen, die eigene Ausdrucksweise sorgfältig zu kontrollieren. Für Frauen bestand die erste Priorität darin, so unattraktiv wie möglich auszusehen.

Manchmal muss man sogar so tun, als ob du eine Obdachlose, eine Bettlerin, eine Alkoholkranke oder sogar eine gehörlose Person, also ganz schräg und krumm wärst. Denn je ekelhafter man als Frau aussieht, desto sicherer ist man. Als Frau wäscht man sich einfach nicht die Haare, zieht die schlimmsten Klamotten an. Für den Fall der Fälle hatte ich eine Ausrede – ich bin schwanger.

Aber der Fall von Lera ist etwas Besonderes. "Preisaufschlag", wie sie es nennt. Sie wusste nicht, ob sie als Mann oder als Frau angesehen wird. Lera konnte damals keine Hormonpillen mehr nehmen, und es kam zu dem, was man "Detransition" nennt: die Rückkehr zu ihrem früheren Aussehen, die Vermännlichung. Doch es ging nicht nur um ihr Aussehen: Auch russlandfreundliche Nachbarn konnten den Besatzern von Leras Geschlechtsidentität erzählen. Es gab solche Leute, aber wie viele es genau waren, kann Lera nicht beurteilen.

Ich habe einfach versucht, keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich habe immer ein Fahrrad benutzt, wenn ich irgendwo hin musste. Entweder war ich mit meiner Mutter unterwegs, oder mit Freundinnen, die Kinder hatten. Hab mich an dem Kinderwagen festgehalten, was bleibt dann einem. Das ist ein psychologischer Faktor: niemand macht sich über eine junge Mama Gedanken.

Einmal kamen sie zu mir nach Hause, richteten ein Maschinengewehr auf mich und sagten: "Gib uns Wasser!" Ich sagte: "Hab keins". Dann meinte der andere: "Wieso greifst du eine Frau an?" Ich trug damals Shorts, meine Beine waren nicht sehr mädchenhaft, worauf der Erste entgegnete: "Das ist doch keine Frau". Er schlug mich mit dem Gewehrgriff. Hat mir einen Zahn abgebrochen, dieser Unmensch, Schweinehund. Ich hoffe, er stirbt. Oder ist bereits tot.

***

Schwuchtel, Schwuler, Transformer, wie auch immer sie mich genannt haben. Ich sagte immer: Danke, danke, deine Worte motivieren mich nur dazu, dir den Mund voll Schwanz zu machen.

Schon vor dem Krieg brauchte Lera fast jeden Tag Überlebenskünste. In der Ukraine gilt der Süden des Landes als LGBTI-freundlicher als zum Beispiel der Westen, der stark von Katholizismus geprägt ist. Doch selbst in den Orten, die näher am Schwarzen Meer liegen und in denen Menschen verschiedener Kulturen und Nationalitäten leben, gibt es keinen Konsens darüber, wie queere Menschen wahrgenommen werden sollen. Zu Sowjetzeiten gab es vermeintlich keine, später wurden ihre Bedürfnisse von den ukrainischen Behörden eher ignoriert, in den 2010er Jahren wirkte sich die homo- und transfeindliche Politik des benachbarten Russlands aus, und die endgültige Hinwendung des Landes zu Europa gab der ukrainischen LGBTI-Community nur Hoffnung auf eine spürbare Verbesserung, aber alles Hoffen wurde durch den Krieg auf Pause gestellt.

Lera hat immer Ambivalenz, Uneindeutigkeit, Unsicherheit ihrer gesellschaftlichen Stellung gespürt, vor allem weil sie von Anfang an offen von ihrer Selbstwahrnehmung gesprochen hat: "Ich bin eine Frau." Im Alter von 18 begann sie, in Frauenkleidern in der Öffentlichkeit aufzutreten. Lera sagt, sie hat in ihrer Stadt eine "echte Revolution" ausgelöst.

Ich habe noch in der Schule geschrien, dass ich mir die unnötigen Glieder abschneiden werde, dass ich eine Frau werde. Niemand hat mir geglaubt. Sie meinten, dass eine echte Frau nur dann eine Frau ist, wenn sie Kinder gebären kann, wenn sie eine Vagina hat.

Mit der Geschlechtsangleichung begann Lera auf dieselbe Weise wie viele trans Menschen, die weit weg von Großstädten leben: Sie fand Informationen im Internet, bestellte dort Hormonpräparate und prüfte deren Dosierung nach Augenmaß.

Die Tatsache, dass es in ihrer Familie keinen Sohn, sondern eine Tochter gibt, machte Leras Mutter anfangs große Angst, aber da sie sich emotional sehr nahe standen, gelang es beiden Frauen, der jungen und der älteren, sich zu verständigen.

Sie wollte sich fast aufhängen. Ich sagte: Sieh mal, erst wirst du dich aufhängen, dann bekomme ich Schuldgefühle und werde mich ebenfalls aufhängen. Oder wir beide können uns verständigen, wenn du mich als Tochter wahrnimmst und mit dem Gedanken klarkommst, dass ich nicht eine Schwiegertochter, sondern einen Schwiegersohn ins Haus bringe, dann wird alles bestens. Willst du einen sorgenfreien Lebensabend haben? Dann leg mir keine Steine in den Weg.

Vielleicht trug das Schuldgefühl der Mutter dazu bei, dass sie ihre trans Tochter akzeptieren konnte, denn sie war nicht in der Lage, ihr Kind vor einer traumatischen Erfahrung zu schützen. Lera kann genau sagen, wann sie anfing, über ihren Körper und dessen (Nicht)übereinstimmung mit eigenen Erwartungen nachzudenken. Sie wurde von ihrem Stiefvater dazu gezwungen.

Was mich auf dem direktesten Weg dazu gebracht hat, mich als Frau zu fühlen, war die Vergewaltigung durch meinen Stiefvater, als ich acht Jahre alt war. Ich kann nicht sagen, dass ich es genossen habe. Aber ich kann auch nicht sagen, dass ich es nicht mochte. Ich war acht Jahre alt. Ich habe es nicht verstanden. Ich habe versucht, meiner Mutter zu erzählen. Aber ich wusste nicht, wie ich es ihr sagen sollte. Was soll ich sagen? Wie soll ich das erklären?

Ihre Mutter trennte sich bald von diesem Mann und erfuhr erst viel später von dem sexuellen Missbrauch, aber der Mann war auch in vielerlei anderer Hinsicht nicht der beste Partner: Er arbeitete als Wachmann und verhielt sich dabei wie Leute, vor denen Wachleute Geschäfte schützen. Ein paar Jahre später starb er, was sie, wie Lera zugibt, nicht sonderlich traurig machte.

In der Schule, so Lera, war bis zur 9. Klasse alles mehr oder weniger in Ordnung, und dann fing es an: Jungs machten sich über den Klassenkameraden lustig, der wie ein Mädchen aussah, gaben ihm beleidigende Spitznamen, zündeten seine Haare an. Auch Lehrer haben nicht wirklich etwas dagegen unternommen.

In der 11. Klasse war ich nur zwei Monate in der Schule, wenn man alles zusammenzählt. Die restliche Zeit habe ich die Schule geschwänzt. Manchmal kam ich zu einer Stunde, blieb etwa zwanzig Minuten sitzen und ging wieder. Mir war das scheißegal.

Lera hat zwar ihr Abiturzeugnis erhalten, aber erst zwei Jahre nach dem Abschluss fand sie die innere Kraft, es abzuholen. Lange Zeit konnte sie sich nicht dazu zwingen. Für den Schulleiter, einen Philosophielehrer, hat Lera nur wenige Worte übrig: "Ich wünsche mir, er wäre tot". Lera erinnert sich, wie der Schulleiter sie während einer Unterrichtsstunde über Toleranz aufstehen ließ und anfing, sich über ihr Aussehen lustig zu machen.

Meine Stimme war nicht so rau wie die der Männer. Meine Schuhgröße war 39, obwohl die Jungs schon 41 hatten. Dazu enge Hosen und Pullover. Mein Haar war ein bisschen lang. Naja, er war halt ein verrückter Mann. Ehrlich, wenn im Krieg eine Bombe meine Schule trifft, dann bin ich froh.

Ihr Abiturzeugnis hat Lera nichts genutzt. Beruflich trat sie in die Fußstapfen ihrer Mutter. Die war Sekretärin, Näherin und Köchin in einem Kindergarten. Lera verdiente ihren Lebensunterhalt so gut sie konnte. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte sie jedoch keine große Wahl: niemand wollte ein Mädchen einstellen, in dessen Pass der männliche Name "Mikhail" steht.

Ihren Namen, so wie er in den Papieren steht, verrät Lera locker – das so genannte "Deadnaming" stört sie nicht. Eigentlich möchte meine Gesprächspartnerin, wenn es zur Bestellung eines neuen Passes mit einem anderen Geschlechtseintrag kommen wird, an den Namen erinnert werden, den sie bei ihrer Geburt erhalten hat. Sie hat sich den Namen Mileria ausgedacht – sowohl wegen Mikhail als auch weil der Name Lera der erste war, der ihr in den Sinn kam, als sie anfing, sich als Frau zu verstehen.

***

Man könnte sagen, dass Lera und ihre Mutter von einer Flutwelle von zu Hause weggetragen wurden. Sie waren gezwungen, wegzuziehen, als das große Wasser nach Oleschki kam. Eine stinkende, schlammige Masse überflutete ihre Stadt bereits am 7. Juni 2023, am zweiten Tag nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms.

Ich hatte überhaupt keine Angst vor den ankommenden Bombern, ich hatte keine Angst vor den Orks – den russischen Soldaten. Als der Krieg begann, hatte ich immer Angst, dass sie den Damm sprengen werden. Denn dem Wasser kann man nicht entkommen. Wenn ich einen überfluteten Keller habe, wo soll ich mich dann verstecken, wenn der Keller voll Wasser ist?

Die Wissenschaftler*innen müssen die Schäden an der Natur nach der Sprengung des Staudammes noch bewerten. Aber bereits jetzt ist klar, dass es sich um eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte des modernen Europas handelt: Im Juni 2023 waren 600 Quadratkilometer im Gebiet Cherson von der Flut betroffen, und mehr als fünfzig Siedlungen standen unter Wasser.

Es war ein scheißstarker Wasserstrom, als ich ihn überquerte, wurde ich von der Strömung weggetragen, das Laufen fiel mir schwer. Ich weiß, dass es in meiner Straße Menschen mit eingeschränkter Mobilität gab, Bettlägerige. Sie sind also ertrunken. Unser Friedhof wurde weggeschwemmt. Nicht weit von der Stelle, wo das Wasser herkam, gab es einen Bauernhof mit Schweinezucht. Der ganze Dreck kam angeschwemmt.

Zusammen mit ihren Nachbar*innen und deren Haustieren verbrachten sie drei Tage im ersten Stock des Hauses. Sie hatten genug Wasser zum Trinken und ein paar Kleinigkeiten zum Essen. Zudem kam ihnen die Nachbarschaft zu dem Haus, in dem früher die "Russen" wohnten, sehr gelegen – die "Orks", in der Ukraine genannt wie die bösen Mächte aus der Fantasy-Saga "Der Herr der Ringe".

Dort haben Soldaten gewohnt. Sie sind ausgezogen. Wissen Sie, es ist paradox: Die Orks haben uns geplündert, und wir haben sie geplündert. Alles konnten sie nicht mitnehmen, nur die militärischen Sachen, Kugeln und den ganzen Kram da. Sie hatten keine Zeit, das ganze Essen mitzunehmen: Oliven und solche Sachen, Buchweizen war noch verpackt, Dinge, die nicht einmal nass wurden. Wir haben das alles schnell aufgesammelt.

Drei Tage später waren von Leras Haus, das fünf Jahrzehnte lang hielt, nur noch die Wände übrig. Als endlich die Rettungskräfte kamen, um die Menschen abzuholen, stand das Haus immer noch unter Wasser. Es war bereits klar, dass das Grundstück lange nicht mehr bewohnbar sein wird. Lera erinnert sich an das Gespräch mit ihrer Mutter:

Als das Land überflutet wurde, als das Wasser hochkam, sagte ich: "Na? Wie gefällt dir das Haus? Wie geht es den Kätzchen? Wie läuft's im Haushalt? Wie gefallen dir die Rosen?" Nun, damit Sie es verstehen: Nach diesem Wasser wird das Land nie wieder fruchtbar. Die Pflanzen sind schwarz. Es ist nicht so, wie wenn man eine Blume mit schmutzigem Wasser gießt, das Wasser läuft ab und die Blume bleibt Blume. Es ist jetzt eine tote Pflanze.

Sie wurden nach Radensk gebracht, dem nächstgelegenen Dorf, das ebenfalls vom russischen Militär besetzt war, zunächst mit einem Boot, dann mit einem Fahrzeug des Katastrophenschutzministeriums. Lera meint, sie hatten Glück. Es gab einige, die im Wasser wateten und dann mehrere Stunden lang im eisigen Wind auf den Transport warteten (es war ein ungewöhnlich kalter Tag). Cherson, das bereits von der ukrainischen Armee zurückerobert worden war, lag geografisch näher, aber die Flutopfer wurden von russischen Lebensrettern auf Umwegen auf die Krim gebracht, die 2014 von Russland annektiert wurde.

Bevor meine Gesprächspartnerin sich auf den Weg machte, machte sie sich Gedanken über ihr Aussehen: sie zog sich in Männerkleidung um und kaute sich buchstäblich die Nägel mit den Zähnen ab (eine Schere war nicht zu finden). Lera wies ihre Mutter strikt an, sie bei ihrem früheren Namen "Mikhail" zu nennen.

An dieser Stelle muss man noch einmal betonen, dass Lera laut Papieren immer noch als Mann galt. Dazu noch im wehrpflichtigen Alter; eine Kategorie ukrainischer Bürger, zu der die Grenzwache in der Regel viele Fragen hat. Lebenswichtig waren auch die Tipps von Freiwilligen. Unterwegs nahm Lera über den Messenger Telegram Kontakt zu Menschen aus Russland auf, die anonym ukrainischen Flüchtlingen bei der Ausreise nach Europa helfen.

Überraschend gute Russen. Verzeih mir, meine Regierung/Staat, gute Russen existieren! Ich habe meinen Betreuer gewarnt, dass ich eine trans Frau bin, ich hab mich beraten lassen, was ich tun und wie ich mich verhalten soll, was ich an den Grenzposten sagen soll.

Besonders gefährliche Orte für queere Menschen waren bereits bekannt. Anonyme Helfer hielten Lera zum Beispiel von einem Heim mit Sonderkontrolle fern, in dem die russischen Sicherheitsdienste besonders grausam sein sollen: Eine trans Frau sei dort, so sprach es sich herum, eine Woche lang gefoltert worden. Von ihrem Schicksal weiß meine Gesprächspartnerin nichts. In Absprache mit den Betreuern gelang es Lera und ihrer Mutter, schrittweise auf die Krim zu gelangen, ab dem Kontrollpunkt Armjansk wurden sie kostenlos mit einem PKW weiter transportiert.

Ich habe mein Handy komplett geräumt, alle Daten gelöscht. Habe in Radensk eine russische Sim-Karte gekauft. Habe gesagt, dass mein Telefon einen Wasserschaden erlitten hatte. Also hat man mir eins gegeben, mit dem ich erreichbar bleiben kann. Man hat mich also nicht viel befragt. An der Grenze warteten wir sieben Stunden lang. Es machte uns Angst, auf eine Art gute Laune bei den Grenzwächtern warten zu müssen. Man weiß nie, was in ihren Köpfen vorgeht, wie sie auf einen reagieren werden. Einer kommt auf uns zu und fragt: "Nachname?" Ich sage meinen Nachnamen. "Du! Komm später zu mir rüber". Ich verstehe nicht, warum. Warum zum Teufel sollte ich kommen, wieso sollte ich kommen? Vielleicht hat mich jemand von den Einheimischen erkannt, hat ihnen gesagt, dass ich trans bin. Das heißt, die Paranoia, der Verfolgungswahnsinn hat schon begonnen. Ich habe zwei Monate unter Besatzung in einem solchen paranoiden Zustand verbracht, ich dachte, ich zerfleische mich mit Selbstvorwürfen.

Doch die Grenzkontrolle, so erinnert sich Lera, war eher formell: Es gab viele Flutopfer und die Grenzwächter waren überfordert. Ihr Name wurde in Datenbanken abgefragt, um herauszufinden, ob sie Militärdienst leistete und der ukrainischen Armee angehörte. Lera selbst waren ihre Papiere schon immer ziemlich gleichgültig, sie war nur einmal in ihrem Leben bei der Militärbehörde gewesen.

In der Oberstufe, als wir uns bei der Behörde anmelden mussten, hatte ich einen kurzen Haarschnitt. Ich kam mit meinen Papieren und sie sagten zu mir: "Mädchen, was machst du hier?" Ich sagte: "Ja? Okay." Zündete mir eine Zigarette an und steckte den Ordner mit Papieren in Brand. Ich warf ihn in den Mülleimer und ging. Ich habe keinen Militärausweis, ich habe nichts mit den Kriegsbehörden zu tun.

Lera gibt zu, dass sie bei der Einreise auf die Krim auf ethische Schwierigkeiten stieß. Nachdem sie anderthalb Jahre lang unter Besatzung gelebt hatte, nahm sie nicht einmal die als humanitäre Hilfe ausgehändigten Vorräte von den Orks an, aber die Grenzbeamten musste sie anlügen. In den Papieren gab Lera an, dass sie die so genannte SMO, die "spezielle Militäroperation", wie der Krieg in Russland gemeinhin genannt wird, unterstützt. Sie gab jedoch Europa als Endziel ihrer Reise an, was für den Erhalt einer Migrationskarte für den Transit durch Russland wichtig war.

Lera erinnert sich, wie überrascht ein russischer Grenzwächter war:

Er sagte halt: "Man wird dich dort anlügen, es ist schlimm dort in Europa." Meiner Mutter wurde gesagt: "Du wirst dort belogen, du wirst gezwungen, zur Arbeit zu gehen", und so weiter. Aber wir haben sehr wohl verstanden, dass das böse Gewissen sich selbst verrät. Wer klaut, der lügt. Ich sagte: "Wir haben nichts zu verlieren, wir wollen nur dorthin, wo es keinen Krieg gibt." – "Nun, das ist euer Recht." Sie stempelten die Migrationskarte ab, gaben uns die andere Hälfte, und wir fuhren nach Simferopol. In Simferopol mieteten wir uns ein Zimmer in einem Hostel. Dort blieben wir ebenfalls für zwei Tage. Von dort aus fuhren wir nach Woronesch.

Lera beschreibt die Reise zur litauischen Grenze als ein lustiges Abenteuer: In Woronesch wohnten sie dank der Hilfe von Freiwilligen in einem Haus zusammen mit anderen ukrainischen Flüchtlingen. Lera brauchte ihre Transidentität nicht mehr zu verheimlichen, was seine Vorteile hatte: Sie verstand die Männer gut, sagt sie, aber war immer auf der Seite der Frauen.

Wir blieben etwa fünf oder sechs Tage dort. Haben dort Essen für uns gekocht. Sie kauften uns Lebensmittel, wir bereiteten die Mahlzeiten selber zu. Wir haben auch denen da geholfen. Nehmen wir an, wir waren selbst in einer schwierigen Situation, waren ihr kaum entkommen, dazu kamen jeden Tag neue Leute an. Ich habe sozusagen auf eigene Faust angefangen, ihnen zu helfen. Ich sagte: "Mädels, wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid." Sie kannten mich als trans Frau, ihnen gegenüber habe ich mich geoutet. Sie sagten: "Lera, du bist unser Glücksbringer." Weil ich die Männer dort zum Helfen aufgefordert habe: "Lasst uns was tun."

Die Ausreise aus Russland, die formell möglich war, stand dann plötzlich in Frage, schon wieder mischte sich sozusagen die große Politik in private Pläne ein: Am 23. Juni begann Jewgenij Prigoschin, der berüchtigte Gründer einer privaten paramilitärischen Gruppierung, der Gruppe "Wagner", seinen berühmten Aufstand. Sein Feldzug gegen Moskau dauerte nicht lange, aber er kostete Lera eine Menge Nerven:

Wir fuhren auf total verstopften Straßen! Anderthalb Tage brauchten wir von Woronesch nach Smolensk, an die lettische Grenze. Dort wurden wir zehn Stunden lang an der Grenze gehalten. Die Scheißkerle baten mich, meine Klamotten auszuziehen, denn ich habe eine Tätowierung auf meinem Arm. Es ist ein ganz normales Tattoo, der Name eines Nightwish-Songs, es gibt so eine Band. "Was haben Sie für eine Tätowierung? Zieht Euch aus!" Ich habe Tittchen, und ich musste meinen Bauch aufblasen, damit ich… Tja, damit man nicht sieht, dass ich Tittchen habe.

Er sieht sich den Pass an: "Das ist nicht Ihrer." Ich habe schwarze Augenbrauen auf dem Passbild, aber damals waren sie blond. Ich sagte: "Nun, das liegt an der Qualität des Fotos, was kann ich tun? Die echte Farbe hat so stark nachgelassen." "Nein, das ist nicht dein Foto." Ich sagte: "Lassen Sie mich einfach gehen." Sie hielten uns weitere zwei Stunden auf, prüften unsere Papiere und stempelten sie ab. Alle anderen haben ihre Papiere schon zurückbekommen. Aber ich wartete immer noch. Wir standen weitere 15 bis 20 Minuten und warteten. Sie brachten mir meinen Pass mit dem Stempel, abgestempelt an diesem verdammten Grenzposten.

An der lettischen Grenze, mein Gott, Himmel und Erde. Eine Grenzwächterin kommt zu uns und fragt: "Haben Sie Zigaretten dabei? Wie geht es Ihnen?" Das war wirklich wie zwei verschiedene Welten. Man spürt kein Philistertum in der Luft, wissen Sie… Man spürt nicht so viel Negatives.

***



Anderthalb Wochen nach ihrer Ankunft in Berlin wurden Lera und ihre Mutter in einem speziellen Wohnheim für queere Menschen untergebracht. Meine Gesprächspartnerin erinnert sich mit Dankbarkeit an Claudia, eine Sozialarbeiterin in einem Flüchtlingslager für Zwangsmigranten in Tegel. Vielleicht war sie es, die ihr geholfen hat, einen Platz in dem speziellen "Regenbogenheim" zu finden, in dem die Bedürfnisse von LGBTI-Menschen berücksichtigt werden.

Man hat mir ganz spontan ein Zimmer angeboten. Ich hatte nicht einmal Zeit, meine Gedanken darüber zu sortieren, was sie von mir wollten. Gegen vier Uhr nachmittags haben wir erfahren: ihr könnt gleich heute los. Da ich in Berlin immer noch absolut keinen Orientierungssinn habe, fällt es mir schwer, mich zurechtzufinden. Also beschlossen wir, am nächsten Morgen loszufahren. Nicht einmal, bevor die ersten Hähne krähten, kamen sie, um mich zu wecken, um fünf Uhr morgens: ihr müsst heute weg, ihr müsst heute weg.

Jetzt haben Lera und ihre Mutter ein eigenes Zimmer, die Küche wird mit einer Familie aus dem Nahen Osten geteilt, die Beziehungen zu den Nachbar*innen sind eher neutral. Die Sozialhilfe beträgt 410 Euro pro Monat pro Person. Das ist nicht viel, aber Lera und ihre Mutter tragen keine Kosten für die Unterkunft und können endlich wieder für sich kochen. Die Atmosphäre, sagt Lera, ist ausgezeichnet.

Ach ja, sie sind alle so süß! Süß, süß! Es gibt dort einen Sozialarbeiter, ich habe mich gleich verliebt! Ein wirklich netter junger Kerl. Das Sicherheitspersonal ist sehr entgegenkommend, nett.

Die Euphorie, mit der Lera ihre derzeitige Situation beschreibt, wird wohl bald verpuffen. Denn sowohl bürokratische Schwierigkeiten als auch Sprachbarrieren sind immer noch präsent. Leras Englischkenntnisse sind gering, und ihr Deutsch, das sie in der Schule gelernt hat, ist noch schlechter. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hatte Lera noch viele ungelöste Probleme: Sie hatte noch keinen deutschen Aufenthaltstitel, keine Krankenversicherung, war noch nicht in einer Praxis, um ihre geschlechtsangleichende Therapie unter ärztlicher Aufsicht fortzusetzen.

Lera zuckt immer noch zusammen, wenn sie plötzlich laute Geräusche hört, manchmal wird sie vom Rattern einer Straßenbahn oder dem Lärm eines Flugzeugs erschreckt, die Erinnerungen sind noch zu frisch. Aber die Erfahrung mit der Besatzung, glaubt sie, hat ihr auch eine neue Kraft gegeben. Es kann nicht mehr schlimmer werden, das heißt, es kann von nun an nur noch besser werden.

Der Krieg hat etwas genommen und etwas gegeben. Hätte es den Krieg nicht gegeben, wäre ich nicht in Berlin gewesen. Ich war noch nie im Ausland, das ist mein erster Ausflug nach Europa, mein erster Auftritt, sagen wir. Hätte es den Krieg nicht gegeben, hätte ich nicht erkannt, wer ein Freund ist und wer ein Feind. Hätte es den Krieg nicht gegeben, hätte ich keine neuen Bekanntschaften geschlossen und so weiter. Ich versuche einfach, an allem etwas Positives zu finden. Alle um mich herum, meine Bekannten, sagen immer: oje, Krieg, Krieg, Krieg. Ich sage: Scheiß drauf, seht es anders. Wir gehen doch alle nach Polen arbeiten, und jetzt haben wir die Gelegenheit, dorthin zu gehen, ohne einen einzigen Cent von unserem eigenen Geld zu investieren, und dort ein Leben aufzubauen. Warum zum Teufel nicht? Meine Mutter sagt: Du mit deinem Deutschland! Ich sag: Schau, das Gehalt ist in Euro. Dann die Sprache. Sie geben dir die Möglichkeit, die Sprache zu lernen. Warum nicht?

Lera hat sich unter anderem die Tarotkarten nach ihrer Zukunft gefragt, aber, die Schwierigkeit ist, wie sie sagt, dass die Karten nicht alles genau beschreiben, sondern nur Möglichkeiten andeuten. Jetzt hat sie aber viel mehr Möglichkeiten als beispielweise noch im Frühjahr 2023.

Der Text ist im Rahmen des Projekts "Kvir-Besedy" (Queere Gespräche") entstanden, das queeren Geflüchteten aus dem postsowjetischen Raum eine Stimme gibt. Hinter dem Projekt stehen der Berliner Verein Quarteera und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.

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