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LGBTI in Afganistan
"Auch im Westen trauert niemand um uns, wenn wir sterben"
Die afghanische trans Aktivistin Sadaf Coco war im geheimen Widerstand in Kabul aktiv, jetzt lebt sie sicher in Paris. Was sie auf der Flucht in Pakistan erlebte und warum sie die EU scharf kritisiert, darüber berichtet sie im Interview mit queer.de.

Sicher in Paris: Sadaf Coco (li.) lässt sich mit einer Polizistin vor dem Eiffelturm fotografieren (Bild: privat)
- Von Marcel Malachowski
11. Februar 2024, 08:47h 7 Min.
Die trans Frau und Aktivistin Sadaf Coco lebte bis vor kurzem in Afghanistan, ehe ihr auf abenteuerliche Weise die Flucht nach Pakistan gelang. Seit wenigen Wochen lebt sie in Paris.
In Afghanistan war Sadaf Coco undercover tätig als Development Officer für die queere NGO Roshaniya, für sie nun in Frankreich weiter arbeitet. Die Europäische Union lasse queere Afghan*innen im Stich, kritisiert sie im Interview mit queer.de – und berichtet über ihren schockierenden Alltag in ihrem von den Taliban übernommenen Heimatland und auf der Flucht in Pakistan.
Du bist gerade erst in Paris angekommen. Wie bist du nach Frankreich gekommen?

Coco Sadaf (Bild: privat)
Mein Freund Faizy und ich kamen mit Hilfe von Nemat Sadat und Roshaniya nach Frankreich. Wir beantragten Asyl, nachdem ich im August 2022 an der ersten Protestaktion für LGBTI-Afghan*innen in Pakistan teilgenommen hatte. Im Januar 2023 hatten wir unser erstes Gespräch in der französischen Botschaft, und Anfang dieses Jahres erhielten wir dann unsere Befreiung von der Visumpflicht für Frankreich. Roshaniya kaufte unsere Tickets und wir bestiegen einen Flug von Islamabad nach Paris.
Das ging aber schnell, in der deutschen Botschaft dauert so etwas Jahre, mit Glück … Aber wie war es denn in Pakistan, dem letzten Wohnort Bin Ladens? Auch für Dich als trans Frau?
Als wir zum ersten Mal in Pakistan ankamen, lernten wir pakistanische trans Menschen kennen und lebten unter ihnen. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt mit dem Tanzen bei gesellschaftlichen Veranstaltungen in Pakistan. Mehrere Monate waren vergangen. Ich war zu einem der Hochzeitskreise in Peshawar gegangen.
Als das Tanzen und die Unterhaltung zu Ende waren, wollte ich nach Hause zurückkehren. Unbekannte Männer umstellten die Vorder- und Rückseite unseres Autos und zwangen mich, aus dem Fahrzeug auszusteigen. Sie schlugen mich und nahmen mich mit in die Gegend von Bazhakhel in Peshawar – sie schlugen mich oft, machten ein Video von mir nackt und jeder von ihnen belästigte mich sexuell. Sie haben mich dann gewarnt, dass sie mein Video abspielen und mich beschämen und töten würden, wenn wir eine Anzeige stellen. Nach diesem Vorfall wurde ich in meinem Wohnort oft belästigt, und selbst ich konnte nirgendwo anders hingehen, weder zu den Tanzveranstaltungen noch zu den örtlichen Märkten. Pakistan ist ein sehr schlechter Ort für afghanische trans Menschen.
Die pakistanische Regierung wird nichts tun, um uns zu unterstützen, wenn wir Opfer von Gewalt werden. In den letzten Monaten wurden in Peshawar mehrere afghanische trans Menschen getötet, und niemand hörte auf ihre Bitten um Asylschutz. Die Außenwelt, die westliche Welt, hat es nicht geschafft, alle gefährdeten LGBTI-Personen zu evakuieren, die in Pakistan in der Schwebe sind und keinen Ort haben, den sie aufsuchen können. Alle afghanischen trans Menschen haben diese harten Tage satt. Wir fordern die europäischen Regierungen dringend auf, mit Roshaniya und unserer Schwesterorganisation Behesht Collective zusammenzuarbeiten, um die gefährdeten LGBTI-Afghan*innen, die in Afghanistan und der umliegenden Region zurückgeblieben sind, zu retten.
Und wie war dein Leben in den letzten Jahren davor und nach der Machtübernahme der Taliban?
Ich wurde in Kunduz geboren – einer der unsichersten Provinzen Afghanistans. Kunduz hat laut der Datenbank von Roshaniya auch die höchste Pro-Kopf-Anzahl von queeren Menschen im Land, die Evakuierungsunterstützung beantragen.
Zu Hause war es ein Albtraum, trans zu sein. Als ich aufwuchs, sagten mir mein Vater und mein Onkel, ich solle meine weiblichen Gewohnheiten ändern – sie hielten mich für eine Schande und machten sich Sorgen, was andere Afghan*innen über unsere Familie sagen würden. Die Leute verspotteten mich und andere trans Menschen.
Nachdem ich zu Hause und in der Öffentlichkeit immer wieder gequält wurde, lief ich weg, weil ich Angst hatte, dass meine Verwandten oder jemand anderes mich irgendwann den Taliban ausliefern würde. Schon früher habe ich mein Geld damit verdient, auf Hochzeiten und anderen Veranstaltungen zu tanzen.
Kabul war für schwule oder bisexuelle Männer besser als Kunduz, aber immer noch kein sicherer Ort für trans Menschen. Ich war eine Woche in Kabul und habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Taliban versuchten, Häuser von Menschen zu überfallen und Regierungsbeamte und trans Menschen zu verhaften. Nachdem ich das miterlebt hatte, floh ich illegal mit meinem Freund aus Afghanistan und ging nach Pakistan.
Instagram / sadafcoco | Sadaf Coco gibt internationalen Medien immer wieder Interviews
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Hast du denn gar keine schönen Erinnerungen an Afghanistan?
Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass ich an Afghanistan keine guten, sondern nur schlechte Erinnerungen habe. Wir haben viel Leid ertragen und viele Probleme in Afghanistan und Pakistan erlebt. Ich fühlte mich meiner Kindheit beraubt, aber als Erwachsene hoffe ich, mein bestes Leben in Frankreich zu führen.
Es gibt viele falsche Vorurteile auch im Westen. Es gibt definitiv eine liberale und großartige trans Tradition in Asien. Wie konnte sich deiner Ansicht nach denn der radikale Islam so weit verbreiten, etwa in Afghanistan?
Nach Jahrzehnten des Krieges – und den Nebenprodukten des Krieges, die Analphabetismus und Armut sowie eine Massenflucht gebildeter und reicher Afghan*innen sind – sind Menschen geblieben, die schwer verwundet wurden und die jemanden brauchen, dem man die Schuld geben kann. Diese Menschen sahen sich als Opfer und griffen auf den radikalen Islam zurück – und alles, was liberal oder queer war, wurde mit dem Westen in Verbindung gebracht, mit den Ungläubigen. Daher lehnten sie es natürlich ab. Sie vergaßen ihre eigene Vergangenheit und wie gemäßigt die Afghan*innen gegenüber Unterschieden im Glauben und in den Menschen waren.
Meinst du, die US-Truppen und die US-Intels hätten dort bleiben sollen?
Natürlich. Der Rückzug der USA führte zum Zusammenbruch der afghanischen Regierung. Die afghanische Republik war nicht bereit, die Taliban zu besiegen. Welchen Sinn hatte es, dass die USA nach Afghanistan gingen, um die Taliban zu stürzen, wenn sie den Taliban doch erlaubten, zusammen mit Terrorgruppen wie Al-Qaida, Haqqani, ISIS-K und Lashkar-e-Taiba zurückzukehren?
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Fühlst du dich denn in Frankreich wohl? Es gibt dort einen sehr extremen Rassismus und Klassismus in der Gesellschaft.
Ja, ich liebe es hier in Frankreich. Ich bin erst seit ein paar Wochen hier. Ich habe noch keinen Rassismus erlebt. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich endlich frei. Und ich fühle mich von allen, die ich getroffen habe, willkommen geheißen – sie haben mich mit größtem Respekt behandelt.
Der Westen schaut jetzt der Barbarei und der Vernichtung durch Armut in Afghanistan einfach ignorant zu. Was kann und muss der Westen jetzt tun, um den weltoffenen und auch den wirtschaftlich armen Menschen in Afghanistan zu helfen?
Das Einzige, was der Westen tun kann, ist, queeren Afghan*innen direkt zu helfen, damit unsere Community-Mitglieder Teil ihrer eigenen Ermächtigung und Emanzipation sein können. LGBTI sind eine der ärmsten und am stärksten gefährdeten Gruppen in Afghanistan. Wenn sie uns unterstützen, werden wir Fortschritte machen und dazu beitragen, unsere eigene funktionierende Wirtschaft aufzubauen. Leider wurden wir als NGOs bei der Finanzierung mehrfach abgelehnt.
Beispielsweise hat unsere Schwesterorganisation Behesht Collective bei ProtectDefenders.EU – finanziert vom EU-Parlament – einen Zuschuss von 60.000 Euro beantragt, der leider abgelehnt wurde. Wir wollten sichere Unterkünfte für obdachlose LGBTI bauen, insbesondere für trans Menschen, die keine Einkommensquelle haben. ProtectDefenders.EU lehnte unseren Vorschlag ab und teilte uns mit, dass sie das Projekt nicht finanzieren könnten, weil es zu riskant sei. Als wir fragten, ob wir den Vorschlag ändern und einen neuen Antrag stellen könnten, teilte uns ProtectDefenders.EU mit, dass ihnen das Geld ausgegangen sei und sie eine andere LGBTI-Gruppe finanziert hätten – aber wir haben alle in unserem Netzwerk von 2.000 queeren Menschen gefragt und niemand sonst habe Unterstützung von ProtectDefenders erhalten.
Sogar die internationale Gemeinschaft hält uns und unsere Leben für entbehrlich. Auch im Westen trauert niemand um uns, wenn wir sterben.
Links zum Thema:
» Coco Sadaf auf Twitter
» Coco Sadaf auf Instagram
Mehr zum Thema:
» Der Fluchthelfer, der an die Ehe für alle in Afghanistan glaubt (16.12.2023)















