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München
Schwuler Ex-Seminarist beklagt Doppelmoral seines Priester-Ausbilders
Henry Frömmichen durfte nach einem Selfie mit Prince Charming nicht Priester werden – nun gibt sich der Seminarleiter in einem Interview tolerant.
- 13. Februar 2024, 15:46h 4 Min.
Mit einem an einige Medien verschickten und in einer Instagram-Story veröffentlichten Offenen Brief an seinen früheren Priester-Ausbilder hat der heute 24-jährige Ex-Seminarist Henry Frömmichen eine Entschuldigung für seinen Rauswurf vor drei Jahren gefordert.
Anlass für den Offenen Brief sind aktuelle Äußerungen jenes Leiters des Priesterseminars im Erzbistum München und Freising in der "Münchner Kirchenzeitung", die letzte Woche auch von weiteren Medien, darunter queer.de, verbeitet wurden. Wolfgang Lehner halte demnach nichts davon, homosexuelle Bewerber von vornherein auszuschließen: "Das Positiv-Kriterium für mich ist: Kann jemand gesunde und gute Beziehungen zu Männern und Frauen aufbauen, haben wir die begründete Vermutung, dass dies auch ein Leben lang hält?" Wichtiger als die sexuelle Neigung seien für den Regens der Umgang mit dem Thema Sexualität insgesamt und ein Blick auf die Gesamtpersönlichkeit. Wer Priester werden wolle, müsse über eine "altersgemäße menschliche Reife" verfügen sowie gesprächs- und dialogfähig sein.
Auf diese Äußerungen habe er "mit großer Verwunderung und auch Fassungslosigkeit" reagiert, so Frömmichen in seinem Offenen Brief. Er selbst sei damals mehr als gesprächs- und dialogbereit gewesen, der Seminarleiter habe ihn aber "wie eine heiße Kartoffel fallengelassen". Beim Lesen des Artikels habe er gespürt, "wie tief dieser Schmerz immer noch in mir steckt, den Sie mir vor drei Jahren zugefügt haben".
Rausschmiss nach Instagram-Selfie
Der von Frömmichen damals selbst öffentlich gemachte Rausschmiss hatte im April 2021 für Schlagzeilen gesorgt: Er erfolgte, nachdem der Seminarist auf Instagram ein Selfie von einem Zufallstreffen mit Alexander Schäfer veröffentlichte, der zu dieser Zeit gerade im RTL-Streamingportal TVNOW als zweiter Prince Charming in der gleichnamigen schwulen Datingshow zu sehen war (queer.de berichtete). Lehner habe ihm deshalb vorgeworfen, sich mit Homosexuellen zu solidarisieren und "Propaganda" für Homosexualität zu betreiben. Das sei als Outing anzusehen und der Seminarist nicht mehr tragbar.
"Ihnen konnte es nicht schnell genug gehen, mich aus dem Priesterseminar hinauszuwerfen", klagt Frömmichen nun an. Dabei habe er nie ein Geheimnis aus seiner sexuellen Orientierung gemacht und der Ausbilder habe davon von Anfang an gewusst. "Ich bin kein Einzelfall, vielen jungen Männern ist gleiches, ähnliches oder gar viel schlimmeres durch Sie bzw. andere Amtskollegen in verschiedensten Bistümern widerfahren." Er habe allerdings den Mut gemacht, das öffentlich zu machen: "Stellvertretend für viele andere, die durch die Institution Kirche mundtot gemacht wurden. Für jeden einzelnen Priesteranwärter, der aufgrund seiner Homosexualität wegen Denunziantentums oder anderer Vorkommnisse aus einem Priesterseminar entlassen und dessen Lebens-, ja Berufungstraum zerstört wurde, ist dieser Artikel wieder einmal ein Schlag ins Gesicht, ja viel mehr ein Stich ins Herz."
Lehner sei "für unzähliges psychisches und seelisches Leid verantwortlich, das Priesteramtsanwärtern aufgrund ihrer sexuellen Orientierung angetan wurde. Viele befinden sich seither in psychologischer Behandlung. Es macht mich traurig und fassungslos von wie viel Leid und von wie vielen Einzelschicksalen ich in den vergangenen Jahren erfahren habe und wie Sie sich schuldig gemacht haben."
Frömmichen war 2022 aus der Kirche ausgetreten (queer.de berichtete). Für ihn sei es nach dem Rausschmiss glimpflich ausgegangen: Über Freunde habe er etwa ein Dach über den Kopf bekommen ("Nicht jedem, der in der gleichen oder einer ähnlichen Situation stand, wurde so ein Glück am absoluten Tiefpunkt des eigenen Lebens zuteil"). Er lernte einen Mann an seiner Seite kennen, arbeitet heute als Bestatter und freier Redner.
Priesterseminare noch immer "toxische Haifischbecken"
Während der Vatikan an einem Verbot von homosexuellen Priesterschülern festhält (queer.de berichtete), war in Deutschland im Rahmen des Synodalen Weges und einer Reform des kirchlichen Arbeitsrechts Bewegung in die Frage gekommen (queer.de berichtete).
Außenstehende müssten die neuen Aussagen seines Ex-Ausbilders "wohl positiv stimmen im Hinblick auf Veränderung in der Katholischen Kirche", so Frömmichen in dem Brief, aber: "Für jemanden, der persönlich in die Abgründe und hinter die Fassaden dieser Institution geblickt hat, den Angst- und Machtapparat Katholische Kirche am eigenen Leib gespürt und unter ihm gelitten hat, der kann über diese Falschheit, diese Lügen und diese Doppelmoral, die Sie immer noch an den Tag legen, nur noch hilflos mit dem Kopf schütteln und jeden, der die Berufung in sich verspürt, Priester zu werden, jedoch homosexuell veranlagt ist, ausdrücklich vor diesem Vorhaben warnen."
Ein Priesterseminar bleibe "ein toxisches Haifischbecken, in dem keiner dem anderen über den Weg trauen kann, [in dem] der eine dem anderen nichts gönnt, Neid und Missgunst herrscht und emotionale Erpressung an der Tagesordnung steht", so Frömmichen. Er hätte sich von Lehner "gewünscht, dass Sie mich und alle anderen, die sie möglichweise ähnlich behandelt haben, öffentlich um Verzeihung bitten" – bevor sich dieser mit Äußerungen in die Öffentlichkeit begebe, die früheren Handlungen "komplett widersprechen". (cw)
















