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Verunglimpfende Sprache
"Spiegel" spricht weiter abwertend vom "Milieu der Homosexuellen"
Seit Jahren appellieren queere Aktivist*innen an die Medien, das diskriminierende Wort "Homosexuellen-Milieu" nicht mehr zu benutzen. Doch der Begriff stirbt nicht aus.

Hier ist das "Spiegel-Milieu" in Hamburg zu sehen (Bild: IMAGO / MAXPPP)
- 16. Februar 2024, 12:25h 3 Min.
- Zu Update springen: "Spiegel" setzt "Milieu der Homosexuellen" in Anführungszeichen (19. Februar 2024)
Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat in einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel erneut einen viel kritisierten Begriff für die schwule Community verwendet. In "Wie der 'Silvestermord' nach 45 Jahren nun doch noch aufgeklärt werden kann" (Bezahlartikel) ist konkret vom "Milieu der Homosexuellen" die Rede. Der Bericht handelt von der Aufklärung eines 45 Jahre alten Mordes an einem schwulen Rentner.

Bild: spiegel.de
Begriffe wie "Homo-Milieu", "Homosexuellen-Milieu" oder "Schwulen-Milieu" waren einst in der deutschen Presse weit verbreitet. Seit Jahren wirbt aber der Bund Lesbischer & Schwuler JournalistInnen (BLSJ) dafür, derartige Umschreibungen nicht mehr zu verwenden. In seinem Ratgeber "Schöner schreiben über Lesben und Schwule" (PDF) schrieb der Verband bereits 2013 über das "Homosexuellen-Milieu": "Dieser Terminus ist sprachlicher Unsinn. Was oder wo soll dieses Milieu denn sein: die Stadt Köln, der Eurovision Song Contest oder gar das Amtszimmer einer lesbischen Politikerin? Solche Phrasen verunglimpfen Homosexuelle kollektiv, ganz so, als wären Lesben und Schwule wie Kriminelle in einer Art Rotlichtviertel organisiert. Kaum jemand würde über eine 'Gewalttat im Lehrermilieu' oder einen 'Doppelmord im Hetero-Milieu' berichten." Statt über einen "Mann aus dem Homosexuellen-Milieu" sollte schlicht über "einen Schwulen" berichtet werden, so die Forderung des BLSJ.
Gern genutzter Begriff aus dem 20. Jahrhundert
Der "Spiegel" hatte bereits in der Vergangenheit oft über das "Milieu der Homosexuellen" geschrieben, etwa in einem Bericht über HIV aus dem Jahr 1991. Schon vor rund zwei Jahrzehnten kritisierte der BLSJ den "Spiegel" für diesen Begriff. In einem Beitrag vom Januar 2005 schrieb der queere Verband: "Doch auch der sich im allgemeinen seriös gebende Spiegel haut kräftig in die Milieukerbe: 'Und weil die Tat womöglich dahin führen könnte, wo Fahnder vor mehr als 14 Jahren schon das blutige Ende des Volksschauspielers Walter Sedlmayr aufklären wollten: ganz unten ins Milieu der Homosexuellen.' Gut, dass die Hierarchien mal geklärt wurden und man nun weiß, wo die Homosexuellen beziehungsweise ihr ominöses Milieu anzusiedeln sind."
Im letzten Jahrhundert war die Berichterstattung des "Spiegel" über queere Menschen und insbesondere über HIV immer wieder kritisiert worden. Allerdings versuchte das Hamburger Magazin in den letzten Jahrzehnten, vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Für seine "menschenbejahende Berichterstattung zu Homosexualität" erhielt das Magazin 2013 die Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW (heute Queeres Netzwerk NRW). Gegen diese Auszeichnung gab es damals auch Proteste aus der LGBTI-Community (queer.de berichtete). (cw)
Update 19.2., 8.25 Uhr: "Spiegel" setzt "Milieu der Homosexuellen" in Anführungszeichen
Der "Spiegel" hat den Text zum "Silvestermord" in seiner Online-Ausgabe geändert. Der Begriff "Milieu der Homosexuellen" steht nun in Anführungszeichen.
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