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Was Disco und Stonewall verbindet

Von der Anbetung der Black Disco Diva bis zum homophoben Backlash – die Disco-Bewegung ist ein Teil der queeren Kulturgeschichte, der bis heute unterschätzt wird. Zwei sehenswerte Dokus widmen sich dem Phänomen.


Queeres Cover des 1979 erschienenen Albums "Taana Gardner", Foto Donna Summer aus dem Jahr 1977 (Bild: West End Records / Francesco Scavullo / Casablanca Records / wikipedia)

Wer an die Disco-Kultur der 1970er Jahre denkt, gerät in Versuchung, sie lediglich auf ihre oberflächlichen Merkmale zu reduzieren: glitzernde Spiegelkugeln, wummernde Beats und schlichte Songtexte, die sich um sexuelle Leidenschaft, Tanzen und das persönliche Wohlbefinden drehen. Daran ist nichts auszusetzen, doch sieht man genauer hin, ist Disco so viel mehr als das – ein musikästhetisches wie auch politisches Phänomen, das in der queeren Szene Manhattans unter dem Einfluss und der Beteiligung hispanischer und afroamerikanischer Subkulturen entstand.

Spannend ist das nicht zuletzt deshalb, weil sich Disco nur unter den Bedingungen einer Urbanität entfalten konnte, wie sie in New York während einer begrenzten Zeitspanne vorherrschte: in einer Phase des wirtschaftlichen Niedergangs. Gegen Ende der 1960er Jahre verfielen ganze Straßenzüge im Süden Manhattans, wohlhabende Familien zogen in die Suburbs, die niedrigen Mieten lockten Kreative aus aller Welt an. Viele von den Zugezogenen waren auf der Flucht vor den heteronormativen Zwängen ihrer Heimat und fanden Schutz in der großstädtischen Anonymität. Die Bevölkerung Manhattans war sozial und ethnisch durchmischt wie nie zuvor, und durch den Leerstand alter Industriegebäude ergaben sich ungeahnte Möglichkeiten kultureller Nutzung.

So kam es, dass die Entstehung von Disco nicht weniger als zu einem Meilenstein queerer Kulturgeschichte wurde: zum "Soundtrack einer Revolution", wie Grace Chapmans BBC-Dokuserie nicht nur im Titel behauptet, sondern über alle drei Teile hinweg auch eindrücklich belegt. Sie ist noch bis zum 2. März 2024 in der ARTE-Mediathek auf Deutsch zu sehen.

Dancefloors als ästhetischer Ausdruck für den Kampf um Befreiung

In der Übersetzung wird das Schlagwort "Revolution" im englischen Originaltitel allerdings zu einem "Aufbruch" zurechtgestutzt – völlig zu Unrecht. Denn zu den entscheidenden Impulsen in der Entwicklung der Disco-Kultur gehören die Aufstände rund um Stonewall im Juni 1969. Die kurz darauf entstandenen Dancefloors dienten nicht nur als Orte der individuellen Selbstbespiegelung und der Selbstakzeptanz – sie waren auch ein ästhetischer Ausdruck für den Kampf um Befreiung und für ein neues kollektives Selbstbewusstsein.

Zwar gab es auch schon vor Stonewall Treffpunkte und Szenelokale für ein queeres Publikum, wie sich der LGBTI-Aktivist und Zeitzeuge Steve Ashkinazy in der BBC-Doku erinnert: "Aber die waren illegal. Die meisten wurden von der Mafia betrieben, die wiederum die Polizei bestach." Tanzen war ausdrücklich verboten – das wäre zu weit gegangen. Auch das "Stonewall Inn" galt offiziell nicht als Tanzbar. Es gab keinen DJ, aber immerhin eine Jukebox. "Die Leute waren versessen darauf, das Tanzbein zu schwingen", so Ashkinazy. Und genau daran entzündete sich der Konflikt im Juni 1969. Nicky Siano, einer der ersten DJs der Disco-Ära, ist sich sicher: "Alles, was in jener Nacht geschah, passierte nur, weil die Leute dort tanzten. Stonewall und die gesamte Discobewegung sind für immer miteinander verbunden."


Disco wurde in den Loftwohnungen und Kellerbars des New York der 1970er Jahre inmitten der schwulen und schwarzen Communitys geboren (Bild: BBC)

Ein paar Monate danach fand in einem privaten Loft im Stadtteil Greenwich Village eine legendäre Party statt, die zum Ursprungsmythos wurde. Gastgeber David Mancuso gilt heute als Gründer der Disco-Kultur. Am Valentinstag 1970 fand sich erstmals bei ihm unter dem Motto "Love Saves the Day" ein ethnisch bunt gemischtes Publikum zusammen, darunter viele aus der queeren Szene. Da es sich um eine Privatveranstaltung handelte, waren die geladenen Gäste vor dem Zugriff der Polizei geschützt – es konnte also ausgelassen gefeiert werden, wer immer auch mit wem tanzen wollte.

"Der gemeinsame Nenner war die Musik"

"Disco brachte Black Pride, die Frauenbewegung und die LGTBI-Community zusammen", so der Musikjournalist Barry Walters. "Der gemeinsame Nenner war die Musik." Diese wurde damals noch als "tanzbarer Rhythm & Blues" umschrieben, doch der Grundstein für die Discobewegung war gelegt. Der Sound entwickelte sich rasch, findige DJs experimentierten mit zwei Plattenspielern, überblendeten Songs und kombinierten repetitive Synthi-Klangmuster mit orchestralen Arrangements aus der Schwarzen Clubkultur Philadelphias.

Eines der bemerkenswertesten Phänomene, die sich innerhalb der Disco-Kultur herausbildeten, war der Aufstieg der glamourösen Black Disco Diva: Künstlerinnen wie Gloria Gaynor, Donna Summer und Patti LaBelle, die vor allem von schwulen Männern vergöttert wurden. Die Songtexte waren meist simpel, zeugten jedoch nicht selten von Lebenslust und dem Willen zur Selbstbehauptung – in dieser Zeit nicht für alle eine Selbstverständlichkeit und durchaus ein Zeichen von gesellschaftlichem Wandel. "In den Sechzigerjahren sangen wir Songs, in denen wir Männer anflehten, uns nicht zu verlassen", erinnert sich die Sängerin Candi Staton. Im Vergleich dazu empfand sie Disco als Befreiung – und auf die LGBTI-Gefolgschaft war sie stolz. Zudem spiegelten sich in einfachen Botschaft wie in Gaynors "I Will Survive" die äußeren und inneren Konflikte wider, die auch viele queere Fans durchlebten.

Direktlink | Gloria Gaynors queere Hymne "I Will Survive"
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Queerfreundliche Einlasspolitik im "Studio 54"

Der offen schwule Sänger Sylvester, der Gloria Gaynor und Donna Summer bisweilen den Titel der "Disco Queen" streitig machte, hätte in "Soundtrack eines Aufbruchs" etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Sylvester war ein herausragender Pionier der Disco-Kultur – nicht allein seiner unverwechselbaren Falsettstimme wegen, sondern vor allem aufgrund seines schillernden und souveränen Auftretens. Heute würde er sich möglicherweise als trans oder als nichtbinär identifizieren.

Auch dem New Yorker "Studio 54" hätte Chapmans insgesamt 150 Minuten dauernder BBC-Dreiteiler etwas mehr Raum widmen können. Schließlich handelte es sich dabei nicht nur um den berühmtesten Club, in dem sich Disco als musikalisches Phänomen etablierte: Das "Studio 54" zeichnete sich auch als Bastion für die Entwicklung queerer Kultur aus. Fetisch-Mode, ekstatischer Rausch durch den Gebrauch von Poppers auf der Tanzfläche, Sex in halböffentlichen Räumen, all das bleibt weitgehend unerwähnt – wie auch die Einlasspolitik des berüchtigten Türstehers Mark Benecke. Auch wenn das "Studio 54" kein explizit schwuler Club war und von heterosexuellen Prominenten wie Bianca Jagger und selbst Donald Trump besucht wurde – Benecke sorgte dafür, dass Horden von heterosexuellen Männern ausgeschlossen blieben. So kolportiert es jedenfalls das 2023 veröffentlichte Video "The Untold History of Disco" des Podcast-Kanals Polyphonic, das in dieser Hinsicht mit einigen interessanten Infos aufwartet.

Der Niedergang der Disko-Kultur

Detailliert erörtert das rund halbstündige Video auch den Niedergang der Disko-Kultur. Kommerzialisierung und Verflachung des Genres spielten dabei zwar eine entscheidende Rolle – das wurde spätestens in dem Moment deutlich, als selbst Schlagerstars wie Udo Jürgens und Marianne Rosenberg Songs im Discobeat veröffentlichten. Doch ein anderer Aspekt, den "The Untold Story of Disco" genauestens unter die Lupe nimmt, ist die Anti-Disco-Bewegung des gefeuerten Radiomoderators Steve Dahl. Diese fand mit der "Disco Demolition Night" am 12. Juli 1979 ihren Höhepunkt, als rund 50.000 von Dahls Followern ins Chicagoer Comiskey-Stadion strömten und unter lautem Gejohle Hunderte von Disco-Vinylscheiben zertrümmerten.


Szene von der "Disco Demolition Night" (Bild: BBC)

Chapmans BBC-Doku lässt einen damaligen Aktivisten der Gegenbewegung zu Wort kommen, der sich im Zusammenhang mit diesem Vorfall weder an rassistische noch homophobe Motive erinnern will. Für ihn war das Event lediglich ein kollektiver Ausdruck des Überdrusses, nachdem die kommerziellen Auswüchsen von Disco-Musik in manchen Radiostationen sämtliche anderen Genres verdrängt hatten.

Im Polyphonic-Podcast hingegen ist von rassistischen und homophoben Parolen während der Veranstaltung die Rede. Der Musikjournalist Dave Marsh wird mit den Worten zitiert, dass die Disco-Kultur von Leuten wie Steve Dahls weißen, heterosexuellen Followern "als eine Bedrohung ihrer Vormachtstellung" wahrgenommen wurde. Die "Disco Demolition Night" war demnach ein Akt der Gewalt und eine Form der Rache gegen eine Musik, die es gewagt habe, rassistische und sexuelle Normen in Frage zu stellen.

Disco ist nicht völlig verschwunden

Auch wenn das Aufkommen von Aids in den 1980er Jahren der Bewegung scheinbar den letzten Rest gegeben hat, ist Disco dennoch nicht völlig verschwunden – darin sind sich beide Dokumentationen einig. Sowohl Musik als auch ein Teil der Kultur gingen in anderen Genres auf und entwickelten sich weiter, wie etwa im Chicago House, in der Rap Music sowie im Hip-Hop. Auch die New Yorker Ballroom-Szene, die in den marginalisierten Vierteln von New York entstand, übernahm einen Teil des Disco-Vermächtnisses.

Ein Aspekt der Disco-Bewegung bleibt sowohl in der BBC-Doku als auch bei Polyphonic unerwähnt: die Entstehung eines Tanzstils, der männlich und weiblich kodierte Bewegungen vereinte – und damit eine Art von queerer Körperperformance zum Ausdruck brachte. Aufnahmen aus der Zeit bezeugen, dass vor allem schwule Männer auf den Disco-Dancefloors keine Hemmungen zeigten, ihre Hüften ekstatisch zu schwingen und sich dabei sexy zu fühlen – etwas, das man bis dahin noch nie gesehen hatte. In dem Film "Saturday Night Fever" wurde das Phänomen von John Travolta für ein heterosexuelles Narrativ angeeignet. Merkwürdig, dass sich bislang noch niemand darüber beschwert hat.

-w-