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Roman

Die bewegende Geschichte von Hussam und Wassim

Im neuen Roman "Nebelhorn-Echos" des syrisch-kanadischen Autors Danny Ramadan geht es um die existenzerschütternde Wucht der gewaltbedingten Traumatisierung und Trennung zweier schwuler Liebender.


Der schwule Schriftsteller und LGBTI-Aktivist Ahmad Danny Ramadan flüchtete 2012 selbst von Syrien nach Kanada (Bild: Amanda Palmer)

Es ist 2003, das Jahr des dritten Irakkriegs, der auch am Nachbarstaat Syrien nicht spurlos vorbeigeht. Hussam und Wassim, beide 15 Jahre alt, leben in Damaskus und lieben einander. Hussams Vater ist ein einfacher Handwerker; Wassims Vater ist begütert und lebt in einem großen Haus. Wenn Hussam Wassim besucht, haben sie einen geheimen Platz ganz oben auf dem Dach des Hauses über den Käfigen der Tauben. Dort kommen die beiden sich in einer für sie ganz selbstverständlichen Weise nah – bis sie eines Tages von Hussams Vater erwischt werden, der schier platzend vor Wut und Empörung beiden den Tod androht, während er zu ihnen hochklettern will. Sich mit Füßen vor dem sie bedrohenden Angreifer wehrend kommt es zu einem Unfall, bei dem Hussams Vater in den Tod stürzt.

Der Halbwaise Hussam, dessen Mutter Damaskus verlässt, darf fortan im Haus bei Wassims Vater leben, der ihn wie einen zweiten Sohn aufnimmt – solange bis Hussam und Wassim erneut entdeckt werden, dieses Mal von Wassims Vater, der Hussam sofort des Hauses verweist, was zur Trennung der beiden Jungen führt und einen Fortgang der Ereignisse ins Rollen bringt, der die Liebenden nach der äußeren Entzweiung auch innerlich immer weiter voneinander trennt.

Hussam flieht nach Kanada, Wassim bleibt in Syrien


Der Roman "Nebelhorn-Echos" ist am 21. Februar 2024 im Orlanda Verlag erschienen

Der nach "Die Wäscheleinenschaukel" zweite und von Michael Ebmeyer ins Deutsche übertragene Roman "Nebelhorn-Echos" (Amazon-Affiliate-Link ) des syrisch-kanadischen Autors und LGBTI-Aktivisten Danny Ramadan beschreibt die Entwicklung von Hussam und Wassim bis zum Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts aus den Perspektiven der beiden Protagonisten in Ich-Form. Die Überschriften der Kapitel wechseln wie die Orte des Geschehens zwischen "Vancouver", wohin Hussam schließlich gelangt, und "Damaskus", wo Wassim zurückbleibt.

Hussam, der nach abenteuerlicher und lebensbedrohlicher Flucht von dem deutlich älteren und wohlhabenden Ray, der sich auf diese Weise einen jungen Lover einkauft, nach Kanada geholt wird, tobt sich dort besinnungslos mit schwulem Sex und Drogen aus. Wassim, der von seinem Vater zwangsverheiratet wird, findet sich, während Hussam noch in Damaskus lebt, unversehens als Ehemann und Vater wieder, was den endgültigen Bruch zu Hussam zu besiegeln scheint.

Ebenso wenig wie Hussam findet aber auch Wassim Ruhe. Er landet schließlich, nachdem er seine Familie verlassen und einen vergeblichen Versuch unternommen hat, Hussam auf seiner Flucht aus Syrien zu finden und wiederzugewinnen, als Wohnsitzloser auf den Straßen von Damaskus, bis er in einem verlassenen Haus Unterschlupf findet. Dort begegnet ihm der Geist von Kalila, der schon vor langer Zeit in noch jungen Jahren verstorbenen Herrin des Hauses. In den zunächst etwas unheimlichen, nach und nach aber immer freundschaftlicher werdenden Begegnungen von Wassim und Kalila erzählen die beiden einander immer mehr von ihren Geschichten. Auch Hussam berichtet Ray und anderen Freunden von ihm in Vancouver zumindest bruchstückhaft, wenn er gerade mal nicht stoned ist, von seiner Geschichte, so dass sich die Teile des Dramas zwischen Wassim und Hussam wie Puzzlesteine nach und nach zusammensetzen.

Eine Geschichte von gesellschaftlich inakzeptabler queerer Liebe

"Nebelhorn-Echos" ist allerdings nicht einfach eine Geschichte von zweien, die sich lieben, doch irgendwie nicht kriegen. Es ist zugleich eine Geschichte, in der die unlösbare Verstrickung der Einzelnen mit den Bedingungen ihres gesellschaftlichen Umfelds aufleuchtet. "Nebelhorn-Echos" ist eine Geschichte von gesellschaftlich inakzeptabler queerer Liebe, von Traumatisierung, Schuld, Ausweglosigkeit und schier ewiger Flucht vor dem, was sich als Trauma in die Seele eingefressen hat.

So wie Hussam überall Gesicht, Hände und Augen seines Vaters, für dessen Tod er sich irrigerweise verantwortlich fühlt, sieht, so glaubt Wassim zutiefst, dass er allen Menschen, mit denen er näher in Berührung kommt, Unglück bringt, sodass er jede nähere Begegnung mit Menschen meidet. Und auch wenn die beiden schließlich durch noch so viele tausend Kilometer, fundamental unterschiedliche Gesellschaftssysteme und Lebensbedingungen extrem voneinander getrennt zu sein scheinen, so eint Wassim und Hussam doch Ihre bis ins Mark gehende Entwurzelung, die ihr Leben in rastloser Bewegung hält.

Auch uns als Leser*innen seines Romans lässt Danny Ramadan kaum zur Ruhe kommen. Die vielen dramatischen Ereignisse und Wendungen lassen uns kaum Zeit, Luft zu holen. Ebenso wie die kaum zu zählenden Sex-Rausch-Episoden, die Hussam genauso schwindelig zwischen erotischer Ekstase und üblem Abkrachen, fassbarer Realität und abgefahrener Halluzination zurücklassen wie uns Leser*innen.

Spannungsaufbau wichtiger als Stimmigkeit

Danny Ramadan bietet viel und tendenziell auch etwas zu viel. Weil die Geschichte immer wieder neue Spannungspunkte und Verflechtungen bringt und weil sie handwerklich versiert geschrieben ist, bleiben wir bei der Lektüre dran. Gleichzeitig leidet dabei die Glaubwürdigkeit: Wichtiger als die innere und äußere Stimmigkeit des Geschehens scheint an nicht wenigen Stellen der ausgeklügelte Spannungsaufbau zu sein, der durchaus funktioniert, aber wenn man innehält, Fragen auslöst, die Form und Substanz betreffen.

Die sprachliche Gestalt und Bildhaftigkeit des Romans bleibt bei näherem Hinsehen insgesamt eher konventionell, selbst da, wo das ohnehin hohe Tempo noch mehr bunte Fahrt aufnimmt:

Nur noch ein Hit. Einer noch, dann wird es mir gut gehen. Noch ein Stoß, und mein Leben wird wieder rosig aussehen. Es wird sich nicht mehr alles drehen, und ich werde den Geist meines Vaters vertreiben. Nur noch einmal high, dann kann ich mit dem Low umgehen. Noch eine Wolke, und ich werde frei in der Sonne stehen. Nur ein Schirm, den ich über mir aufspannen kann. Ein Boot zum Lossegeln. Ein letzter Hit, und es wird mir gut gehen. Nur ein verfickter Hit.

Ich fülle meine Nase mit Pulver. Ich fülle meinen Mund mit einem Schwanz. In mir ist ein freies Feld, und die Droge bepflanzt es mit Rosen. Mir ist nach Lachen zumute. Ich lache. Mir ist nach Schreien zumute. Ich schreie. Mir ist danach zumute, all diese Jungs zu küssen. Ich fühle mich wie ein Gott, der von ihnen verehrt wird. Sie heben mich hoch. Sie lassen mich herunter. Ihre Hände auf meiner Haut sind kalt, wie Meereswogen. Ihre Gesichter sind verschwommen, wie Echos ihrer selbst. Ihr Hunger nach mir macht mich glücklich. Nur ein letzter Hit, und ich werde aufrecht stehen. Ein Hit noch, und der Geist meines Vaters wird sich ganz sicher in Luft auflösen…

Passagen wie diese, die sprachlich durchaus das Beste, was das Buch zu bieten hat, exemplifizieren, können uns gut unterhalten – und ein wenig an dem kratzen, was darunterliegt: die existenzerschütternde Wucht der gewaltbedingten Traumatisierung und Trennung zweier Liebender, um die es im den "Nebelhorn-Echos" eigentlich geht, gehen soll, und die wir spüren können, wenn wir uns von den atemlosen Effekten der Story ein Stück wieder lösen.

So wie sich auch Wassim und Hussam von ihren unablässigen Fluchtbewegungen lösen müssen, um spüren zu können, dass ihre Liebe zueinander die Basis für alles ist: die Heimat, die sie verzweifelt suchen und der sie am Ende vielleicht wieder ein wenig näherkommen.

Infos zum Buch

Danny Ramadan: Nebelhorn-Echos. Roman. Aus dem Englischen von Michael Ebmeyer. 280 Seiten. Orlanda Verlag. Berlin 2024. Taschenbuch: 23 € (ISBN 978-3-949545-51-1). E-Book: 17,99 €

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