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Lebensgeschichten
Das große Mitteilungsbedürfnis von trans Menschen
Ein paar Gedanken über das Schreiben von trans Autobiografien anlässlich der Neuerscheinung "Frau mit Nebenwirkungen" von Inès Adler.

Inès Adler hat unter dem Titel "Frau mit Nebenwirkungen" ihre Autobiografie veröffentlicht
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24. Februar 2024, 05:22h 6 Min.
Vielleicht liege ich ja falsch, aber in den queeren Communitys gibt es wohl keine andere Gruppe, die ein so großes Mitteilungsbedürfnis prägt und so gerne über sich schreibt wie die der trans Menschen. Trans Autobiografien sind jedenfalls keine Mangelware. Auffällig auch, wieviel mehr trans Frauen ihr Leben in Buchform verpacken als trans Männer, auch wenn diese in den letzten Jahren aufgeholt haben und sich immer häufiger zu Wort melden. Woran liegt das?
Die Antwort finden wir in den Lebensgeschichten selbst. Denn wer eine Transition startet und sein Leben völlig umkrempelt, der hat am Ende nicht nur zwei Leben zu erzählen, sondern findet sich irgendwann in einem völlig neuen mit einer Identität, die es – wenn wir so wollen – vorher nicht gab. Und weil das oft mit einem mehr oder weniger heftigen Hindernislauf verbunden ist, steckt in den Erzählungen nicht selten eine Leidensgeschichte. Was aber nicht so sein muss. Aber könnte das Darüber-Sprechen nicht eine Art Befreiung, eine Klärung und Selbstvergewisserung bedeuten – sich etwas buchstäblich von der Seele reden?
Am Ende steht eine Erfolgsgeschichte
Der Wunsch, einmal jemand anderes sein zu wollen, kommt gar nicht so selten vor und ist keineswegs ein trans "Privileg". Aber trans Menschen machen diesen Wunsch zu ihrer Lebenswirklichkeit, und das unterscheidet sie von denen, die nur davon träumen. Egal, welche Geschichte sie erzählen, irgendwann wird es zur Erfolgsgeschichte, nämlich zu einer Selbstverwirklichung.
Andererseits ist das Trans-Sein alles andere als ein "Wünsch dir was", denn eigentlich haben wir keine Wahl, trans zu sein. Wir sind es mit der Geburt, und die Wahl besteht allenfalls darin, wie wir es leben. Und wer es nicht lebt, verpasst es schlichtweg. So kann es ebenfalls gehen. Das Dumme ist, dass es bei der Geburt keine Bedienungsanleitung fürs Leben gibt. Weshalb wir trans Menschen immer erst erkennen müssen, was in uns auf Entschlüsselung wartet.
Aber früher oder später wissen wir es und können es mit trans benennen. Inès Adler hätte es im Grunde schon als Kind wissen können, als sie sich heimlich im Kleiderschrank ihrer Schwester und später ihrer Mutter bediente, nur wird ihr dafür viel zu lange der Begriff fehlen, um zu wissen, was in ihr das Verlangen auslöst. Weil ihre Umgebung darauf ablehnend reagierte und eine alles andere als verständnisvolle Mutter es aus ihr herausprügeln wollte, bleibt es für Inès viel zu lange ein Riesenproblem. Das Problem bestand also darin, sich selbst nicht akzeptieren zu können, sich die negative Fremdwahrnehmung der anderen zu eigen zu machen. In der Psychologie nennt man so etwas Internalisierung, nämlich die negative Sicht der anderen in Selbsthass zu verwandeln.
Mit 38 Jahren sich selbst akzeptiert

"Frau mit Nebenwirkungen" ist im Januar 2024 im agenda Verlag erschienen
Auch darüber schreibt Inès Adler ausführlich in ihrer Autobiografie, die jetzt unter dem Titel "Frau mit Nebenwirkungen" (Amazon-Affiliate-Link ) im agenda Verlag erschienen ist. Inès nimmt erzählerisch einen langen Anlauf, um schließlich im letzten Drittel des Buches darüber zu berichten, wie es kam, sich selbst zu akzeptieren. Bis dahin war sie sich eigentlich nur selbst im Weg und hatte sich deshalb in ihrem Trans-Sein verhängnisvollerweise selbst als Gegnerin. Keine gute Ausgangsposition, aber so kann es eben kommen.
Dass es unter solchen Bedingungen am Mut zum Coming-out fehlte, wird wohl niemanden verwundern. Unglaublich, wieviel Überwindung damit verbunden sein kann, bis alle Sackgassen des Lebens als solche erkannt und auch noch als physische Zusammenbrüche erlebt wurden, und Inès sich danach endlich als die Frau, die sie ist und schon immer war, annimmt. Sie spricht dabei gern von dem "Mädchen" in ihr. Geschafft! Ein tiefes Aufatmen – auch für mich als Leserin.
Geboren wurde sie 1958 in Leverkusen – "äußerlich betrachtet als Junge, denn meine Transidentität bemerkt niemand". Kindheit und Jugend nehmen in ihrem Buch breiten Raum ein. Da ist der ständige Ärger zu Hause, die rabiate Mutter, die auch noch Alkoholikerin ist, der gefühlsarme Vater ("Er verachtet mich, ich liebe ihn."), dann später die Schulprobleme, die Drogen und Tabletten. Trost und Verständnis findet sie nur bei ihrer Tante Uschi, die auch nichts dagegen hat, wenn Inès sich weiblich kleidet. Im Gegenteil, sie unterstützt sie, hilft ihr beim Shoppen. Dennoch liest man auch dies über den Kleiderwunsch: "Er dominiert lebenslang meinen Verstand, trotz ernsthafter, intensiver Versuche mit rund zehn Therapeuten, das Ganze loszuwerden."
Vom Ingenieur-Studium zur Escort-Agentur
Sie erzählt das alles mit einer bemerkenswerten Offenheit, für die die Charakterisierung "lakonisch" fast einer Untertreibung gleicht. Ziemlich bald kommt die Trennung der Eltern hinzu, und mit zunehmendem Alter schafft sie es, sich gegen die Mutter zu verteidigen, die sie später unerwartet "eine mich abgöttisch liebende Erzeugerin" nennt. Inès' Interesse gilt Autos und Motoren, das nach einigen schulischen Umwegen und über ein Ingenieur-Studium zur beruflichen Betätigung wird.
Lange glaubt sie, als hetero Mann leben zu können, geht immer wieder Beziehungen mit cis Frauen ein, doch nach zweihundert Seiten und einem Besuch bei Friedemann Pfäfflin in Ulm, einem vermeintlichen Experten in Sachen trans, den sie als "wunderbaren Professor" beschreibt, als "absolute Koryphäe", führt die Weiche in ihrem Leben nun zur richtigen Spur: "Im Alter von achtunddreißig Jahren nehme ich also erstmals bewusst weibliche Sexualhormone ein. Endlich eine Entscheidung."
Sie verlässt die Firma, für die sie so gerne gearbeitet hat, um nach einem Umweg doch wieder zurückzukehren – doch jetzt als Frau Adler. In der Zwischenzeit lernt sie Sexarbeit kennen, betätigt sich als Domina, führt zeitweise ihre eigene Escort-Agentur und verdient recht gut dabei. Dennoch: Sie will zurück ins Tagleben, was ihr nach der Namensänderung schließlich gelingt. Sie kann sich nun wieder technischen Projekten widmen.
Sinnsuche als Nullsummenspiel
Irritiert hat mich lediglich, dass Inès die Selbstbestimmung in Fragen der geschlechtlichen Identität ablehnt. "Mir scheint das, offengestanden, etwas zu einfach", kommentiert sie und will darum lieber beim Transsexuellengesetz bleiben, weil ihr "die psychologische Intervention vorab zur gründlichen Anamnese sinnvoll" erscheint: "Insofern wäre mein persönliches Votum, den gesetzlichen Rahmen zu belassen, wie er gut funktioniert hat, ich empfand ihn stets als hilfreich."
Was freilich nicht für jene Menschen gilt, die mit ihrem Trans-Sein nie ein Problem hatten und haben – und zu denen ich mich gerne zähle. Irritiert hat mich diese Meinung auch deshalb, weil Inès im Grunde schon immer in ihrem Leben wusste, was sie ist. Ein psychisches Problem war für sie offenkundig nie das Trans-Sein selbst, sondern lediglich, was sie ihren "Kardinalfehler" nennt, nämlich immer "mit den Köpfen anderer Leute zu denken".
Während die meisten Menschen, geschlechtlich betrachtet, von Anfang an bei sich selbst sind, müssen trans Menschen erst bei sich selbst ankommen, weil sie nämlich eine geschlechtliche Identität in sich entdecken, die so gar nicht zu dem passen will, was in ihrer Geburtsurkunde steht. Aber trans zu sein ist, wie schon gesagt, keine Wahl und schon gar keine Krankheit – auch mit breiten Schultern und tiefer Stimme nicht. Natürlich würden wir gerne wissen, warum wir trans sind. Nur gibt es darauf (noch) keine Antwort. Weshalb Inès zu diesem Schluss kommt, dem nichts hinzuzufügen ist: "Das permanente den Kopf über ursächliche Gründe meiner Transidentität zermartern ist Vergangenheit. Vier Jahrzehnte Sinnsuche verbrauchten viele Ressourcen und das Ergebnis ist ein Nullsummenspiel."
Inès Adler: Frau mit Nebenwirkungen. Transgender ohne Wahlfreiheit. Biografie. 342 Seiten. agenda Verlag. Münster 2024. Paperback: 24,90 Euro (ISBN 978-3-89688-814-3). E-Book: 22,99 €
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