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Über Zeit, Erinnerung, Liebe & Verlust
Neues Album von Hurray for the Riff Raff
Die queere Band rund um Alynda Segarra hat zwei Jahre nach dem hochgelobten Debüt "Life on Earth" den neuen Longplayer "The Past Is Still Alive" veröffentlicht.

Hurray for the Riff Raff wurde von Alynda Segarra (they/them) gegründet (Bild: Tommy Kha)
- 28. Februar 2024, 06:53h 5 Min.
Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrem hochgelobten Debüt "Life on Earth" hat Hurray for the Riff Raff (alias Alynda Segarra, they/them) vergangenen Freitag ihr neues Album "The Past Is Still Alive" herausgebracht. Seit gut 15 Jahren veröffentlichen die in der New Yorker Bronx geborenen und heute in New Orleans lebenden Hurray for the Riff Raff nun Musik – und nie hatte ein Album für sie eine derartig befreiende Wirkung. "The Past Is Still Alive" fühlt sich für Segarra wie das Tor zu einer Sprache und einer Welt an, in der sie sich endlich komplett zu Hause und angekommen fühlen. Es ist also durchaus nicht übertrieben zu sagen, dass "The Past Is Still Alive" eine Art Neuanfang markiert, was ihre Entwicklung als vielfach gepriesene Storyteller angeht. Zumal sich Hurray for the Riff Raff den Weg zu diesem Album hart erarbeiten mussten.
Schock nach dem Tod des Vaters

"The Past Is Still Alive" ist als CD, LP und digital erschienen
Als Segarra im März 2023 in das Studio des Produzenten Brad Cook (Bon Iver, Kevin Morby, Waxahatchee) in North Carolina zurückkehrten, um mit der Arbeit an einem neuen Album zu beginnen, waren sie sich alles andere als sicher, ob sie überhaupt dazu in der Lage sein würden. Nur einen Monat zuvor war ihr Vater, Jose Enrico (Quico) Segarra, gestorben, selbst ein Musiker und lange Jahre eine tragende Säule ihrer Songs, ein Quell der Inspiration und Ermutigung. Wo sollten Segarra jetzt ansetzen, wie dieses Loch füllen? Zumal es nicht die einzige unbekannte Größe in der neuen Gleichung war: Abgesehen von Cook, der auch "Life on Earth" produziert hatte, und ihrem langjährigen Tour-Schlagzeuger Yan Westerlund, war ein Großteil der Band, die sie für diese Sessions zusammengestellt hatten, neu dabei, namentlich Gitarristin Meg Duffy (Hand Habits), Geigerin Libby Rodenbough, Saxophonist Matt Douglas und Multiinstrumentalist Phil Cook. Würden Segarra in ihrer Verfassung – geschüttelt von Trauer und gefühlt am Rand einer Katastrophe – dazu in der Lage sein, diese zutiefst persönlichen Songs mit Fremden zu teilen?
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"Das Songwriting war mein Antrieb. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich auch nur versuchen sollte, mich auf irgendeine Weise zu verstellen", erinnern sich Segerra. "Es war die ungeschminkte Wahrheit dessen, wo ich in diesem Moment in meinem Leben stand – sehr verletzlich, sehr ehrlich, sehr roh."
Segarra beschlossen, sich einfach von diesen komplexen Gefühlen leiten zu lassen, sich in die Ausgrabungen dessen zu stürzen, was war – und die Blaupausen dessen, was kommt. "'The Past Is Still Alive' ist ein Album, das sich mit Themen wie Zeit, Erinnerung, Liebe und Verlust auseinandersetzt", fassen Allynda Segarra/Hurray for the Riff Raff es zusammen. Seine Inspiration bezieht es aus unterschiedlichsten Quellen – radikale Poesie, die Eisenbahnkultur, Außenseiterkunst, das Werk der Schriftstellerin Eileen Myles und die Geschichte von Aktivistengruppen wie ACT UP und Gran Fury. Segarra entdeckten einen kraftvolleren und einzigartigen Schreibstil, bei dem sie ihre Lyrics wie Erinnerungskisten nutzten, in denen sie ihre Traumata, ihre Identität und ihre Träume für die Zukunft verstauen und somit verarbeiten können. Sie verabschieden und sich von jenen, die sie geliebt und verloren haben, und machen sie zugleich unsterblich. Sie veranschaulichen die vielen unterschiedlichen Arten und Weisen, wie die Zeit vergeht. Und nicht zuletzt geben sie ihren eigenen Gefühlen von Herzschmerz und Hoffnung Raum, während sie aus der Ich-Perspektive über ihr bisheriges Leben erzählen. In diesem Sinne ist "The Past Is Still Alive" gleichermaßen eine Erinnerung an vergangenes Leben wie ein Fahrplan für das Leben, das noch wartet.
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Neben Brad Cook und der oben erwähnten Bandbesetzung schauten Gleichgesinnte wie Anjimile, Conor Oberst und S.G. Goodman im Studio vorbei und singen gemeinsam mit Segarra an verschiedenen Stellen des Albums. Ebenfalls Teil der Band war Multi-Instrumentalist Mike Mogis, der das Album auch abgemischt hat, das Mastering übernahm Heba Kadry. "The Past Is Still Alive" (Amazon-Affiliate-Link ) folgt auf das 2022 veröffentlichte Album "Life on Earth" von Hurray for the Riff Raff, das u. a. die New York Times, der Rolling Stone, NPR Music, Mojo und Uncut auf ihren "Best of 2022"-Listen führten.
Der "nature punk" von "Life on Earth" war ein Nachdenken darüber, wie man auf einer krisengeschüttelten Welt überleben und gedeihen kann – inhaltlich eine deutliche Abkehr von der Musik, für die man Hurray for the Riff Raff eigentlich kannte. "The Past Is Still Alive" bringt den Fokus nun zurück nach innen, mit rauen, unpolierten Arrangements, Melodien, die direkt ins Ohr gehen und dort auch bleiben, und Texten, die persönlich sind und zugleich großen Bezug zu Themen wie Familie und Gemeinschaft haben. Es gibt Liebeslieder an real existierende Personen und Orte, ebenso aber auch mythische Figuren wie Sky Red Hawk ("Buffalo"), es geht um die erste trans Frau, die Segarra je getroffen haben ("Hawkmoon"), Queerness und geschützte Räume für Außenseiter*innen und die Verletzlichen (in "Colossus of Roads", das in den Nachwehen der Schießerei im Club Q in Colorado Springs 2022 entstand). Das Verlassen der vertrauten Umgebung und die Selbstfindung am Rande der Welt ("Snake Plant") sind ebenso Thema wie kurzlebige Romanzen und die Weisheit, die man aus Chaos gewinnt ("Vetiver"). Weitere Highlight-Songs wie "Alibi" und "Ogallala" zeichnen eindringliche Selbstporträts, in denen Segarra über das Land nachdenken, das sie bereist haben, die dabei erlebten Entbehrungen, aber auch den Mut, den man für sein weiteres Leben sammelt, wenn man wie sie im Alter von 17 Jahren von allem und jedem wegläuft, was man kannte, auf Güterzüge aufspringt und mit einer Gruppe von Straßenkindern durch das Land trampt.
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In den letzten Monaten brachten Hurray u.a. eine Bühnenadaption von "The Navigator" zur Premiere – ihrem allseits geliebten Album aus dem Jahr 2017, auf dem sie ihre puerto-ricanischen Wurzeln erkunden -, außerdem tourten sie mit Bright Eyes und First Aid Kit, traten in der "Late Show with Stephen Colbert" und beim Jubiläumskonzert zu 15 Jahre NPR Music auf und spielten auf Festivals wie Pitchfork. Im Frühjahr stellen Hurray for the Riff Raff die Musik von "The Past Is Still Alive" auf einer Headline-Tournee durch die USA, Großbritannien und die EU vor. In Deutschland steht am 23. Mai eine Show in Berlin (Privatclub) auf dem Reiseplan. (dd/pm)
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