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TikTok-Hit
Schwule Liebe im sowjetischen Sommerlager
Der Roman "Du und ich und der Sommer" über eine schwule Jugendliebe wurde in Russland zum Kultbuch – und 2021 schließlich verboten. Jetzt ist er auf Deutsch erschienen.

Fan-Fiction zum Roman: In Russland wurde "Ein Sommer im Pionierhalstuch", so der Originaltitel, zum TikTok-Hit (Bild: TikTok)
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28. Februar 2024, 09:22h 4 Min.
Gefühlt fast im Monatsrhythmus werden in Russland Maßnahmen gegen die LGBTI-Community beschlossen, mittlerweile fragen sich Beobachter*innen, was überhaupt noch verschärft werden kann. Dass trotz der Repressionen nicht alles so läuft, wie es sich die Putin-Diktatur wünscht, bewiesen vor drei Jahren das ukrainisch-russische Autorinnen-Duo Katerina Silvanowa und Elena Malisowa. Die beiden Frauen schrieben einen Roman über eine schwule Jugendliebe, der zuerst nur auf einem Blog erschien – und dann in einem kleinen russischen Verlag veröffentlicht wurde. "Ein Sommer im Pionierhalstuch", wie das Buch im Original heißt, ist jetzt auf Deutsch erschienen unter dem etwas nichtssagenden Titel "Du und ich und der Sommer" (Amazon-Affiliate-Link ).
Die Handlung dreht sich um die Beziehung zwischen zwei jungen Männern – dem 16-jährigen Pionier Jura und dem 19-jährigen Gruppenleiter Wolodja. Sie treffen sich 1986 in einem ukrainischen Sommerlager und freunden sich an, schließlich wird eine zarte Teenager-Romanze daraus. Beide Charaktere hadern jedoch mit ihrer Homosexualität. Wolodja leidet an seinem Schwulsein und macht sich Sorgen, dass er den jungen Pionier "verführt", während Jura nicht versteht, was sein Geliebter fühlt und versucht, seine Zuneigung zu verbergen. Der Sommer geht zu Ende und damit ihre Liebe, doch Jahre später sehen sie sich wieder…
Der erste queere Roman für junge Leser*innen

"Du und ich und der Sommer" ist am 28. Februar 2024 im Blanvalet-Verlag erschienen
Die Autorinnen des Romans sprechen Themen an, die in der postsowjetischen Gesellschaft hochaktuell sind: die Stigmatisierung von queeren Menschen, die deswegen oft keine Beziehungen knüpfen können, und das ständige Versteckspiel, die Angst, entdeckt zu werden. Im Buch gibt es eine Episode, in der eine der jungen Pionier*innen, Mascha, versucht, die Beziehung zwischen Jura und Wolodja den Behörden zu melden, was Wolodja den Ausschluss von der Universität einbringen könnte.
Ein Merkmal des Romans ist die einfache, verständliche Sprache. Dadurch haben die Autorinnen einen Text geschaffen, der in der russischsprachigen Literatur einzigartig ist – so beschrieben es Kritiker*innen. Das Thema gleichgeschlechtliche Liebe ist zwar schon mehrmals in der russischen Literatur angesprochen worden – Kritiker*innen haben homoerotische Motive sogar in der Fiktion von Gogol und Tolstoi entdeckt. Aber die Autorinnen sind vielleicht die ersten, denen es gelungen ist, einen wirklich populären russischsprachigen Text für jüngere Leser*innen zu verfassen, der eine romantische Beziehung zwischen Männern plastisch beschreibt – so gut, dass er in Russland verboten wurde. Allerdings, das als Hinweis, das Buch enthält durchaus homophobe Dialoge – gegendert wird auch nicht, schließlich spielt der Roman in der Sowjetunion 1986. Ein Hinweis des Verlags auf der letzten Seite macht darauf aufmerksam.
Über 200.000 verkaufte Exemplare
Mehr als 200.000 Exemplare des Buches wurden verkauft – es war ein Bestseller in Russland. Und das obwohl es mit der Altersfreigabe 18+ erschien, weil es in Russland per Gesetz verboten ist, homosexuelle Beziehungen vor Kindern positiv darzustellen.
Silwanowa und Malisowa erwarteten nicht, dass der Roman so erfolgreich werden würde. Aber: Der Erfolg hatte eine Vorgeschichte. Eine der Leser*innen machte das Buch auf TikTok bekannt, was dann viral ging. "Wir hatten eine Vielzahl von Klicks, Reaktionen – es war richtig surreal", erinnert sich Katerina Silwanowa.
Einen Monat nach seiner Veröffentlichung machten dann Homophobe auf das Buch aufmerksam: Drohungen, die beiden Autorinnen zu töten oder zu verhaften, ergossen sich in den sozialen Netzwerken. Bis zum Ende des Sommers 2021 hatte sich der "Skandal" um das Buch so sehr gesteigert, dass es zu Aufrufen kam, das Buch aus den Läden zu nehmen. Politiker*innen in weit von Moskau und St. Petersburg entfernten Regionen gingen so weit, Exemplare zu verbrennen. Der Verlag, der das Buch herausbrachte, Popcorn Books, wurde geschlossen. Silwanowa flüchtete in ihre seit zwei Jahren von Russland angegriffene ukrainische Heimatstadt Charkiw, Malisowa begann ein neues Leben in Rostock.
Anlass für Verschärfung des "Homopropaganda"-Gesetzes
"Am Ende diente unser Buch wohl auch als ein Anlass, das Gesetz zum Verbot sogenannter Homopropaganda weiter zu verschärfen und auch auf Erwachsene zu beziehen", sagt Silwanowa. "Wir haben jede Stunde verfolgt, was in den Nachrichten erschien. Der Auslöser für das Gesetz war aber nicht unser Buch, sondern die plötzliche Erkenntnis der Machthaber, dass solche Literatur gelesen wurde, dass sie populär war. Sie kommen eben nicht in alle Köpfe hinein. Es sind nicht wir, die für das neue Gesetz verantwortlich sind, sondern die Menschen, die es beschlossen haben", argumentiert Katerina Silwanowa in einem Interview des Online-Magazins "The Russian Reader".
"Unser Buch ist zum Lackmustest geworden", ergänzt Elena Milasowa. "Es hat deutlich gemacht, dass die Behörden mit ihrer Denkweise über LGBTI falsch lagen. Lange Zeit wurde allen in den Kopf gehämmert, dass die gesamte russische Gesellschaft fest gegen LGBTI-Menschen sei. Aber unser Buch hat gezeigt, dass dem nicht so ist, dass es viel mehr Humanist*innen und Sympathisant*innen gibt, als sie dachten."
Eine Fortsetzung der Geschichte ist bereits auf Russisch erschienen, in Planung ist sogar ein dritter Roman.
Elena Malisowa, Katerina Silwanowa: Du und ich und der Sommer. Roman. Aus dem Russischen von Olga Tomyuk. 512 Seiten. Blanvalet-Verlag. München 2024. Taschenbuch: 17 € (ISBN: 978-3-7645-0869-2). E-Book: 9,99 €
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