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Trans Frau unter Tage
Die deutsche Kohleförderung ist Geschichte. Der Dokumentarfilm "Wir waren Kumpel" begleitet fünf Bergleute während ihrer letzten Arbeitstage – und beim Beginn der Zeit danach. Mit dabei ist auch die trans Frau Martina.

Martina isst immer noch Mettbrötchen (Bild: Catpicks / Elemag / Filmperlen)
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29. Februar 2024, 02:03h 4 Min.
Ob sie trotzdem noch Mettbrötchen esse? Das war die erste Frage, die die anderen Kumpel Martina nach ihrem Coming-out als trans Frau gestellt haben. Natürlich isst sie die noch. Na dann ist ja alles gut. Sie ist ja dieselbe. Am Mettbrötchen entscheidet sich also, wer dazugehört.
Martina ist im Bergbau groß geworden, schon der Großvater hat unter Tage geschuftet. Da verdienst du gutes Geld, hieß es damals, also ist auch sie den Weg gegangen, erzählt sie in ihrer tiefen Stimme. Sie trägt Perlenohrhänger, ihre welligen Haare sind blond gefärbt. Viel lieber wäre sie ja Friseurin oder Make-up-Artist geworden. Aber das hätte sie niemandem sagen können.
Kumpel, die sich die dreckigen Körper abschrubben

Poster zum Film: "Wir waren Kumpel" startet am 29. Februar 2024 im Kino
Martina ist die einzige Frau, die je in Deutschland im Steinkohlebergbau gearbeitet hat. Bis sie endlich sie selbst sein konnte, musste sie die Rolle des harten Kumpels spielen, erzählt sie. Sie sei schon immer sehr gut im Verstellen gewesen. "Aber ich war immer eine Frau, ich sah nur aus wie ein Mann", sagt Martina, eine bodenständige, typische Ruhrgebiets-Seele.
So besonders ihre Geschichte ist, so sehr ähnelt sie doch der vieler anderer Kumpel, die in den vergangenen Jahren ihren Job, ihre Berufung, manche damit auch ihr ganzes Sozialleben aufgeben mussten. Das Kohle-Aus lohnte sich nicht mehr, die Entscheidung folgte vielmehr aus Wirtschafts- als aus Umweltschutzgründen.
Fünf Bergleute porträtiert das Regie-Duo Christian Johannes Koch und Jonas Matauschek in ihrem Dokumentarfilm "Wir waren Kumpel". Im ersten Teil sind die Zechen noch nicht geschlossen. Die Kumpel arbeiten unter Tage, die Bilder der riesigen Maschinen sind monumental und gewaltig: Industrie-Ästhetik vom Feinsten. Kohleverschmierte Gesichter gehören da selbstverständlich dazu wie Kumpel, die sich unter der Dusche die Körper abschrubben oder der obligatorische Tittenkalender im Pausenraum.
Der ewige Junggeselle Thomas
Neben Martina mit dabei: Locke und Langer alias Wolfgang und Marco, die unter Tage ein unzertrennliches Kollegen-Duo bilden. Doch sobald die letzte Kohle gefördert ist, steht auch ihre Freundschaft vor einer Herausforderung. Der eine wird Busfahrer, findet darin eine Erfüllung ("hier werde ich gebraucht"), der andere muss sich von seiner Teenie-Tochter anzicken lassen.
Thomas hat sich in der Zeche um die Kleidung der Bergleute und um Besuchsgruppen gekümmert. Er ist der Prototyp des ewigen Junggesellen, der noch bei seiner Mutter wohnt. Jetzt verbringt er noch mehr Zeit zu Hause, und auch seine Mutter muss sich an diese Situation erst gewöhnen.
Schlafstörungen und Sehnsucht
Und schließlich Kiri, Kirishanthan Nadarajah, der in Sri Lanka geboren wurde, aber seit über 20 Jahren in Deutschland lebt. "Mein Deutschland ist die Zeche", sagt er, der vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat geflohen ist. Krieg, das spricht er ganz weich am Ende aus, eher wie Kriech. Die Zeche hat ihn zum Deutschen gemacht, Dialekt inklusive.
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Nach der Schließung der Zechen erzählt "Wir waren Kumpel" das Leben der Protagonist*innen nach der Kohle: Statt großer Bilder eher leiser Alltag, der geplagt ist von Schlafstörungen, von Langeweile, vom Drang etwas zu unternehmen, von der Sehnsucht nach Kollegen, die sie so wahrscheinlich selbst nicht bezeichnen würden. Martina macht Stimmübungen, um höher sprechen zu können.
Vielfalt unter Tage
Die Regisseure verzichten auf einen Off-Kommentar, sondern verlassen sich alleine auf die O-Töne ihrer Figuren. Das ist an vielen Stellen elegant und authentisch. Manche Szenen, vor allem mit Martina, wirken dabei ein bisschen konstruiert: Etwa wenn sie einen alten Arbeitskollegen besucht und die Frau fragt, wann sie sich denn hat "umoperieren" lassen, könnte das in dem Moment eher eine Frage für den Film als aus eigenem Interesse zu sein.
Doch ansonsten geht die Doku sensibel, aber keineswegs übervorsichtig mit Martina um – das würde auch nicht zu ihrem Temperament passen. Was sie über ihre Vergangenheit, über verpasste Zeit erzählt, ist berührend. Wie sie beim Online-Dating über "Schickimicki-Tanten" lästert, macht sie sympathisch.
"Wir waren Kumpel" ist ein dezent politischer Film, der aber vor allem den fünf Bergleuten ein Denkmal setzt. Ob sie stellvertretend für die vielen Tausend Kumpel stehen können, lässt sich bezweifeln, denn dafür sind sie zu typenhaft, zu speziell, zu einzigartig. Und doch zeigen sie, wie vielfältig die Welt unter Tage war – und mit einem Teil von ihnen können sich alle identifizieren.
Wir waren Kumpel. Dokumentarfilm. Deutschland 2024. Regie: Christian Johannes Koch, Jonas Matauschek. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 0. Verleih: Filmperlen. Kinostart: 29. Februar 2024
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