Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?48679

Interview

Was würde Pasolini über Ihre Porno-Kunst sagen, Bruce LaBruce?

Es geht heiß her im Film "The Visitor", den Bruce LaBruce auf der Berlinale präsentierte: Ein angespülter Schwarzer Migrant verführt sämtliche Mitglieder einer reichen Familie, dargestellt in sehr expliziten Sex-Szenen.


Szene aus "The Visitor" (Bild: Salzgeber)

Bruce LaBruce, Jahrgang 1964, dreht gerne queere Filme der provokanten Art. Darunter Titel wie "The Raspberry Reich", "No Skin Off My Ass" oder "Hustler White". Auf der Berlinale feierte im vergangenen Monat sein jüngster Streich "The Visitor" Premiere. In dem Film wird ein Schwarzer Migrant in einem Koffer am Themse-Ufer in London anspült. In einem vornehmen Haus verführt er danach jedes einzelne Familienmitglied, dargestellt in sehr expliziten Sex-Szenen.

Der Berliner Filmverleih Salzgeber wird "The Visitor" in die deutschen Kinos bringen, ein genauer Starttermin steht allerdings noch nicht fest. Wir hatten auf der Berlinale Gelegenheit, uns mit Bruce LaBruce über den Film zu unterhalten.


Regisseur Bruce LaBruce (Bild: a/political)

Mister LaBruce, von John Waters stammt der Satz, er wäre erst zufrieden, wenn das Publikum im Kino sich übergibt – teilen Sie diese Haltung?

Waters hat ein Buch mit dem Titel "Shock Value" geschrieben, das war ein Ratgeber für mich während meiner gesamten Karriere. Schock ist gut. Schock im Kino erschüttert die Menschen, bringt sie dazu, ihre Vorstellungen, ihre Vorurteile, ihr konventionelles Denken in Frage zu stellen.

Ist das Schockieren in TikTok-Zeiten schwieriger als früher?

Schockieren ist ein alter Hut. Die Rockband Jane's Addiction hatte Ende der 1980er Jahre ein Album mit dem Titel "Nothing's Shocking" veröffentlicht. Bei mir war es so, dass die Zuschauer schockiert waren, weil ich 2012 mit "Geron" einen Film präsentierte, der gerade keine Pornografie enthielt. Früher stand in den Kritiken immer, meine Filme wären unzugänglich, das würde keinen interessieren. Dann machte ich diese romantische Komödie, fast schon Mainstream. Und es hieß: Bruce LaBruce wird schlaff. Dabei ging es um einen 18-jährigen Jungen, der einen Fetisch für ältere Menschen hatte. Für mich ist es entscheidend, auf intelligente Weise zu schockieren. Als Selbstzweck wäre es zu billig.

Aktuell wird "Saltburn" gerne als der große Sex-Schocker gehandelt. Wie sehen Sie den Hype?

Ich finde "Saltburn" zutiefst zynisch. Da passieren diese schockierenden Dinge, und danach ist alles so, als wäre nichts geschehen. Der Held hat Sex mit einigen Familienmitgliedern und am nächsten Tag ist das alles wie vergessen. Alle werden wieder so, wie sie vorher waren.

In "The Visitor" spielt das Thema Migration eine wichtige Rolle. Wie wichtig ist dieser politische Aspekt für Sie?

Ich besaß die Kühnheit, ein Remake von "Teorema" von Pasolini zu versuchen, der einer der größten Filmmeister aller Zeiten ist. Seine Filme sind zutiefst politisch. Pasolini war Marxist, zugleich ein überzeugter Katholik. Ich habe versucht, seinem Geist so treu zu bleiben, wie ich konnte. Der Film entstand eher zufällig in London, wo das Thema Migration für große Kontroversen und für einen Aufstieg der extremen Rechten sorgt. Ganz ähnlich, wie ja auch in Deutschland. Ich wollte eine queere Aktualisierung des Originals vornehmen, sowohl ästhetisch als auch politisch.

Was würde Pasolini Ihrer Meinung nach von Ihrem Film halten?

Das lässt sich nie vorhersagen. Bei den Begegnungen mit Vorbildern machte ich die Erfahrung, dass mich einige lieben und andere meine Filme total schlecht finden. Ich wünschte mir natürlich, dass Pasolini der Film gefallen würde.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Pornografie und Kunst?

Ich kenne bekannte Regisseure, die sagen, das Einzige, was sie wirklich tun wollen, ist Pornos auszuprobieren. Paul Verhoeven wäre so ein Beispiel.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "The Visitor"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Was halten Sie vom Job der Intimitäts-Coaches, die jetzt so angesagt sind?

Das habe ich früher normalerweise selbst gemacht. Es ist schließlich keine Raketenwissenschaft. Man redet mit den Schauspielern, man sorgt dafür, dass sie sich wohl fühlen, man stellt sicher, dass die Chemie zwischen ihnen und den anderen Darstellern stimmt. Man stellt sicher, dass die Atmosphäre am Set entspannt und positiv ist. Mit einem Intimitätskoordinator läuft alles etwas formalisierter ab. Es gibt eigens einen kleinen Konferenzraum, in dem alles genau vorher besprochen wird.

Was hat es mit den Anarcho-Sprüchen auf sich, die im Film immer wieder wie Graffiti eingeblendet werden. Sprüche wie "Anal Liberation now", "Let Jesus fuck you", "Open Borders. Open legs" oder "Incest is best"?

Agitprop habe ich ziemlich oft in meinen Filmen verwendet. Diesmal verwende ich Slogans der britischen Labour Party aus den letzten 20 Jahren. "Offene Grenzen" war einer ihrer Slogans. Den habe ich eben ergänzt um "Offene Beine".

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, künstliche Intelligenz für Ihre Films zu nutzen?

Könnte sich KI etwas Verrückteres einfallen lassen als das, was ich in diesem Film habe? Ich glaube, ich bin ein gutes Argument dafür, dass KI nicht wirklich alles ersetzen kann! (lacht)

Was würden Sie sich wünschen, dass das Publikum mitnimmt, nachdem es Ihren Film gesehen hat?

Es wäre großartig, wenn sich Menschen nach meinem Film ermutigt fühlen, das Werk von Pasolini für sich zu entdecken.

Wie groß sind Ihre Hoffnungen, einen Teddy zu bekommen?

Ich bin nicht der großer Preisträger-Typ. Man verlieh mir 2014 den besonderen Jury-Teddy. Den habe ich nicht einmal abgeholt, was ich heute irgendwie bedauere. Ich hatte damals jemand anderen geschickt, der vorgab, ich zu sein. Ich bin einfach nicht so der Preisträger…

Bei der Teddy-Verleihung am 23. Februar 2024 ging Bruce LaBruce leer aus (queer.de berichtete). Das Interview wurde vorher geführt.

Galerie:
Bruce LaBruce: The Visitor
8 Bilder
-w-