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Porträt

Der Biologe, der transfeindlichen Kreisen in die Parade fährt

Zum 90. Geburtstag des US-amerikanischen Biologen Milton Diamond, von dem der berühmte Satz stammt: "Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen".


Milton Diamond, geboren am 6. März 1934 in New York, ist emeritierter Professor für Anatomie und reproduktive Biologie an der University of Hawaii (Bild: Molly Romanov / wikipedia)

"Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen." Dieser Satz von Milton Diamond sei ins Stammbuch all jener geschrieben, die so gern vom "biologischen Geschlecht" sprechen, wenn sie trans Menschen in Wahrheit sagen wollen, dass ihre Weiblichkeit beziehungsweise Männlichkeit reine Einbildung und die geschlechtliche Identität, die sie leben, nur Fiktion und "Trans-Ideologie" sei. Diamonds Satz wiederum hält dagegen und sagt, dass die Biologie nicht am Bauchnabel aufhört und keineswegs nur eine Unterleibsangelegenheit bedeutet, auch wenn sich unsere Sexualität dort bevorzugt zu schaffen macht.

Klar, wer nur zwischen die Beine anderer Leute schaut, der weiß vielleicht nicht, dass der Mensch auch ein Gehirn hat, geschweige denn, dass dieses Gehirn auch noch etwas mit Geschlecht zu tun haben könnte. Trans Menschen wird nicht selten vorgeworfen, wir hätten keine Ahnung von der unterscheidbaren Anatomie von Frau und Mann, als hätten wir alle den Biologieunterricht geschwänzt. Wir würden sie leugnen und das "Geschlecht abschaffen" wollen, heißt es.

Es gab in der Menschheitsgeschichte zwar schon größere Irrtümer, aber die Hartnäckigkeit, mit der die hier beschriebene Transfeindlichkeit auftritt, nervt mächtig. Umso erfreulicher, dass es gerade ein Biologe ist, der jenen unterleibsfixierten Binaritäts-Anbetenden in die Parade fährt und eine Biologie beschert, in der alle vorkommen, auch und gerade trans Menschen.

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Trans und Biologie sind kein Widerspruch

Milton Diamond erblickte am 6. März 1934 in New York das Licht der Welt, studierte später Biophysik, Anatomie und Psychologie. 1967 wählte er als Arbeits- und Lebensort Hawaii, wo er an der Universität ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Interessen entfaltete. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt bildete dabei die Inter- und Transgeschlechtlichkeit. Wichtig auch seine Beiträge zur Neurobiologie und seine Beschäftigung mit der Sexualität und dem Einfluss von Hormonen.

Diamond lehrte uns, dass trans Menschen keinen Grund haben, sich in ihrem Trans-Sein von der Biologie ausgeschlossen zu fühlen – im Gegenteil. Das Problem ist nicht die Natur, denn die kannte noch nie etwas anderes als Vielfalt. Das Problem besteht vielmehr in Kulturen und in den dazugehörigen Gesellschaften, die das Gegenteil von inklusiv praktizieren. Weshalb Milton Diamond auch diesen Merksatz zum Besten gab: "Die Natur liebt die Vielfalt, die Gesellschaft hasst sie leider." Gut, wir sind heute ein ganzes Stück weiter, aber der Legitimationsdruck ist für trans Menschen nach wie vor gewaltig.

Für Diamond bedeutet das Vorhandensein von Geschlechtsidentität, die in transfeindlichen Narrativen eine so herausragende Rolle spielt und die stets als Erfindung einer sogenannten Trans-Ideologie diffamiert wird, die einzig denkbare Konsequenz aus seinen neurobiologischen Forschungen: "Die Geschlechtsidentität [ist] weniger eine Frage der Wahl als vielmehr eine natürliche Angelegenheit der Biologie".

Menschliches Verhalten in Bezug auf Geschlecht lässt sich nicht manipulieren

In dem Aufsatz "Transsexualism as an Intersex Condition" lesen wir auch: "Eine strikte Dichotomie zwischen männlich und weiblich findet nicht statt; die Verschiebung zwischen den Geschlechtern kann partiell sein, und die Person fühlt sich in gewisser Weise sowohl männlich als auch weiblich. Dieselbe Person kann sich auch unter anderen Umständen oder zu anderen Zeiten weiblich oder männlich fühlen." So oder so, das Gehirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Frage der geschlechtlichen Zugehörigkeit.

Eine andere Sache sind jedoch die sozial konstruierten Geschlechterrollen, also das, was wir mit Gender bezeichnen. Diamond wandte sich entschieden gegen die Vorstellung, dass Geschlechtsidentität gleichermaßen soziokulturell geprägt sei. In diesem Punkt wurde er zu einem erbitterten Kontrahenten von John Money, den er, wissenschaftlich betrachtet, als Scharlatan überführte. Money hatte es tatsächlich fertiggebracht, einen Jungen zwangsweise in ein Mädchen chirurgisch und hormonell zu "verwandeln". Die tragische Geschichte ist als "Fall Reimer" bekannt.

Es war Diamond, der den Skandal aufdeckte. Allerdings hatte sich Money nie dazu geäußert. In einem späteren Interview bekräftigte Diamond seine Kritik, indem er Moneys Auffassung widersprach, man könne menschliches Verhalten in Bezug auf Geschlecht manipulieren, "indem man ein Kind entweder in einen blauen Raum steckt, dann wird es ein Junge, oder in einen rosa Raum, dann wird es ein Mädchen".

Gegen chirurgische Eingriffe bei inter Kindern

Nicht vergessen werden darf seine Kritik an chirurgischen Eingriffen bei intergeschlechtlichen Kindern. Ein viel zu durchlässiges OP-Verbot trat bei uns erst 2022 in Kraft. Bis dahin waren sogenannte "normalisierende" Operationen an Kindern mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen an der Tagesordnung. Diamond verwies hier auf die Bedeutung der Geschlechtsrollenidentität, die einem Kind nicht anerzogen werden kann. Diamond kritisierte eine Medizin, die glaubte, das Geschlecht eines Kindes neu festlegen zu können.

Diamond hatte sich auch nicht gescheut, klare Worte an die vermeintliche Feministin Germaine Greer zu richten, die sich gerne verächtlich über trans Frauen äußert, die bei ihr als verkleidete Männer gelten. Im konkreten Fall machte sie abfällige Bemerkungen über AIS-Personen und auch darüber, dass es andere Frauen gebe, die diese als Frauen akzeptierten. Mit AIS (Androgeninsensitivität) werden Menschen bezeichnet, deren Chromosomen und Keimdrüsen männlich, ihre Körper aber weiblich sind.

Sicherlich hätte Diamond sich die Erläuterungen sparen können, was ihm wahrscheinlich bewusst war: "Es ist schade, dass Sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, wenn Sie nur die Chromosomen und Keimdrüsen eines Individuums betrachten und den zentralsten Teil einer Person, der sie zum Menschen macht, nämlich ihr Gehirn und ihren Geist ignorieren."

Ein echter Verbündeter der trans Community

In Teilen der trans Community gibt es immer wieder auch Vorbehalte gegen eine biologische Fundierung von Transidentität. Natürlich müssen wir nicht wissen, warum wir trans sind, um es leben zu können. Aber so, wie das Totschlagargument "biologisches Geschlecht" gegen uns benutzt wird, würde ich gerne all denen, die es gegen mich richten, eine inklusive Biologie, wie sie Diamond vertritt, dagegenhalten, bei der die Menschen auch ein Gehirn haben.

Trans als ein soziokulturelles Konzept und als Alternative zur Biologie würde letzten Endes nur der Behauptung Nahrung geben, Transgeschlechtlichkeit sei ein "Trend", eine "Modeerscheinung". Aber niemand ist wohl trans, weil das gerade angesagt ist oder aus Gründen der Nachahmung. Das Wissen, trans geboren zu sein, hat für mich jedenfalls etwas Beruhigendes – und auch das ist etwas, was wir bei Milton Diamond finden: "Der entscheidende und auch heute noch gültige Grundgedanke lautet, dass das Verhalten pränatal organisiert wird, aber erst postnatal aktiviert." So "funktioniert" auch trans.

Die Frage ist wohl nicht unberechtigt, warum beim Thema trans die Neurobiologie so gut wie nie eingeladen wurde, mit an den Tisch zu kommen. Mit den Erkenntnissen eines Milton Diamond können wir nur gewinnen. Ich jedenfalls wünsche ihm heute zu seinem 90. Geburtstag alles Gute und freue mich, dass wir Gender-Troublemaker bei ihm nicht nur gut angesehen sind, sondern dass wir in ihm einen echten Verbündeten haben, der von sich aus wusste, dass trans Rechte Menschenrechte sind und dass Respekt das mindeste ist, was wir fordern können.

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