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Buchkritik
Die queere Erfahrung der Verwundbarkeit
In zwei Poetik-Vorlesungen sprach Carolin Emcke im vergangenen Jahr über das Erzählen im Angesicht von Gewalt und Klimawandel – nun abgedruckt in ihrem neuen Buch "Was wahr ist".

Carolin Emcke am 3. März 2024 auf der lit.Cologne (Bild: IMAGO / NurPhoto)
- Von
9. März 2024, 07:46h 4 Min.
Kolumbien, Kosovo, Nicaragua, Kurdistan, Afghanistan, Irak – viele Jahre ihres Lebens war die queere Autorin und Publizistin Carolin Emcke unterwegs in den Krisengebieten der Welt und hat über ihre Beobachtungen, Begegnungen und Erfahrungen berichtet und geschrieben. Beschäftigt hat sie dabei nicht die Frage, ob, sondern wie über Gewalt-, Kriegs- und Krisenerfahrungen erzählt werden kann. Über Erlebnisse, die als unaussprechlich gelten und dennoch geteilt, gesammelt, weitergetragen werden wollen und müssen.
Das "Wie" des faktualen Erzählens beschäftigt Emcke seit jeher – nicht zuletzt in ihrem Buch "Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit". Im vergangenen Jahr hat sie schließlich in zwei Poetik-Vorlesungen an der Bergischen Universität Wuppertal über die Bedingungen des Erzählens im Angesicht von Gewalt und Klima gesprochen – im Rahmen der Wuppertaler Poetik-Dozentur für faktuales Erzählen. Darin verband sie nicht nur Klimaschutz und Menschenrechte miteinander, sondern auch Wahrheit und Utopie. Die Manuskripte der Vorlesungen wurden im Folgenden überarbeitet, ergänzt durch ein Interview mit der Autorin, geführt von Christian Klein, Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Uni Wuppertal, und nun publiziert: Unter dem Titel "Was wahr ist. Über Gewalt und Klima" (Amazon-Affiliate-Link ) erschien das Buch am 28. Februar im Wallstein Verlag.
Als queere Person in queerfeindlichen Gesellschaften

"Was wahr ist" ist Ende Februar 2024 im Wallstein Verlag erschienen
In ihren beiden Vorlesungen reflektiert Emcke das eigene Schreiben und was das Erzählen der Wirklichkeit ausmacht, welche Merkmale es kennzeichnet und warum es von Bedeutung ist. Dabei versucht sie nicht nur, die Bedingungen des Erzählens aufzuschlüsseln und zu schildern, sondern auch begreiflich zu machen, was das Besondere am Schreiben über Krieg und Gewalt ist, und wie sich davon (auch in ethisch korrekter Form) berichten lässt. Insbesondere bei der Zeugenschaft von Gewalt und Entrechtung sei eine besondere Form des Erzählens nötig.
Dabei nimmt sie auch immer wieder Bezug auf ihre eigene sexuelle Identität, die sich bei Reisen zwar nicht ausblenden lässt, manchmal aber durchaus hilfreich sein kann. Sie stellt heraus, was es bedeutet, "als homosexuelle, als queere Person in Gesellschaften zu reisen, in denen uns keine eigene Stimme eingeräumt wird, in denen wir kriminalisiert, eingesperrt und vergewaltigt, ausgeschlossen oder hingerichtet werden". Als queere Person könne sie kaum sichtbar werden und müsse mit Bedacht abwägen, in welchen Momenten und Begegnungen sie sich zeigen kann. Und dennoch sei "die queere Erfahrung der Verwundbarkeit, der ewig Gefährdeten" womöglich etwas, das sie mit ihren Gesprächspartner*innen verbindet: "Als queere Person weiß ich, wie kostbar es ist, sich anvertrauen zu können, wie unverzichtbar, freisprechen zu können, ohne Angst, offenlegen zu können, den eigenen Körper, die eigene Lust zeigen zu können, nichts aus Scham oder Schonung verbergen zu müssen. Vielleicht weiß ich daher auch wie volatil die Momente des Aussprechens sind."
Klimaschutz und Menschenrechte zusammendenken
Nach dem Erzählen über Gewalt steht dann die Klimakrise im Mittelpunkt. Die Brücke zwischen beiden Vorlesungen schlägt sie, indem sie sich dafür einsetzt, beides zusammenzudenken: das Ringen um Klimaschutz und das Ringen um Menschen- und Bürgerrechte. Schließlich seien wir alle mit der Klimakrise verwoben. "Ich würde mir wünschen, dass das wechselseitig mehr verstanden würde. Wir können uns die Vereinzelung nicht leisten".
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Emckes Plädoyer dafür, dass das Schreiben nicht nur abbilden, sondern auch gestalten helfen soll, hallt nach. Beim Erzählen komme es eben nicht nur darauf an, sich dem zu widmen, was wahr ist, indem man zurückschaut und Zusammenhänge offenlegt, sondern auch dem, was sein könnte, in dem man nach vorne schaut und aufzeigt, wie wir als Gesellschaft leben wollen und auch können. Dafür brauche es eine solche utopische Erzählung, die "der Apokalypse und der Gewalt absagt und beschreibt und schreibend das begründet, was es herstellen will: Humanität".
Eine Aufgabe, die sich in Zeiten einer erstarkenden Rechte und "weltweit agierender Bewegungen und Regime, die Verachtung für die aufgeklärte Moderne schüren" endlich auch Politik und Gesellschaft stellen müssen. Schließlich werden längst nicht mehr nur Migrant*innen, Feminist*innen, queere Menschen und Klimaaktivist*innen ins Visier genommen.
Carolin Emcke: Was wahr ist. Über Gewalt und Klima, 124 Seiten. Wallstein Verlag. Göttingen 2024. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-8353-5625-2). E-Book: 15,99 €
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