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Didier Eribon
Vermisst der schlechte schwule Sohn seine tote Mutter?
Der Philosoph und "Rückkehr nach Reims"-Autor Didier Eribon thematisiert in seinem neuen Buch "Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" den Tod seiner Mutter – fundiert, zugänglich und mit vielen Impulsen.

Didier Eribon stellte sein Buch am Freitag auf der lit.Cologne vor (Bild: IMAGO / Future Image / Kai Schulz)
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10. März 2024, 02:27h 5 Min.
"Aber es ist vernünftiger!" ist ein Satz, der in den meisten Diskussionen wahrscheinlich wenig bringt. Er impliziert, dass die andere Person oder Position unvernünftig ist. Dass ein vernünftiges Argument mehr wert ist als ein emotionales. Es ist ein Satz, der Diskussionen beenden kann, ohne Ergebnis. Wie soll man gegen die Vernunft ankommen?
So lief es auch in der Frage, ob die Mutter des französischen Philosophen, Soziologen und Autors Didier Eribon ins Altersheim umziehen soll. Es ist vernünftiger, argumentierten er und seine Geschwister. Die Mutter wollte lange nicht. Irgendwann beugte sie sich der Vernunft, es war ein unausweichlicher Schritt geworden. Im Alter von 87 Jahren kam sie ins Altersheim.
Nur sieben Wochen im Altersheim
Dieser Umzug und alles, was darauf folgte, ist der Ausgangspunkt für das neueste Buch des 70-jährigen Eribons, das jetzt auf Deutsch erscheint. Thematisch bleibt er sich seinen anderen Werken treu. Wie in "Rückkehr nach Reims", "Betrachtungen zur Schwulenfrage" oder "Gesellschaft als Urteil" verbindet er seine persönliche Geschichte mit einer umfassenden Gesellschaftsanalyse und -kritik und konkreten politischen Forderungen.
Es sind traurige Szenen, die Eribon schildert: Wie seine Mutter nach dem Umzug ins Altersheim so schnell abbaut, dass es gar nicht zu seinem zweiten Besuch kommt. Sieben Wochen später stirbt sie. Was er im Altersheim erlebt, hebt er auf eine allgemeingültigere Ebene, schreibt in Anlehnung an den US-Soziologen Erving Goffman von dem immer kleiner werdenden Territorium im Alter, "bis es auf ein Minimum zusammengeschrumpft ist".
Er war ein schlechter Sohn, gibt er zu

"Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" erscheint am 11. März 2024 im Suhrkamp Verlag
Und, wenig überraschend, klagt er über das immer schlechter ausgestattete französische Gesundheitswesen. Er kritisiert institutionelle Gewalt und entmenschlichende Zustände. Seine Mutter hat schließlich, so schlussfolgert er, den Lebenswillen verloren.
Sie, die ihr Leben lang unglücklich war, so Eribons Befund. Was für ein Urteil – und eine Parallele zum Werk seines Freundes Edouard Louis über dessen Mutter. Er sei ein schlechter Sohn gewesen, gibt Eribon zu, er ist nicht zur Beisetzung seiner Mutter gegangen. Er habe sie nicht vermisst, als sie noch lebte, warum solle er dann "jetzt geneigt sein zu sagen, dass ich sie vermisse?".
Dieser erste Teil von "Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" (Amazon-Affiliate-Link ) überzeugt vor allem durch die für Eribon so typische Offenheit, erhält sein Fundament durch die Verbindung von Einzelfall und großem Ganzen und gewinnt durch seinen nicht-dramatisierenden Stil, der dennoch weit weg von Nüchternheit liegt.
Rassismus und Homophobie in der Familie
In seinen darauf folgenden Reflexionen befasst sich Didier Eribon mit seinen Lebensthemen: Er beschreibt das Aufwachsen als schwuler Jugendlicher und die (auch daraus resultierende) bewusste Distanz zu seiner Herkunftsfamilie genau wie die Klassenflucht, die er als Arbeiter*innenkind aus prekären Verhältnisse durch seine Bildung durchlebte. Damit einher ging eine Entfremdung von seiner Familie aus dem Nordosten, die eine andere Sprache spricht als er, der Pariser Intellektuelle.
Es geht um Rassismus und Homophobie in seiner Familie, die stellvertretend steht für weite Teile der Arbeiter*innenklasse, und setzt sich mit dem Erfolg des rechtsextremen Rassemblement National (ehemals Front National) von Marine Le Pen auseinander.
Alte Menschen werden unsichtbar gemacht
Das alles ist für Kenner*innen seines bisherigen Werks weder neu noch von einem großen weiteren Erkenntnisgewinn, auch wenn Eribon die Themen nun in Bezug zum Alter und insbesondere zum Tod seiner Mutter setzt: Durch den Verlust sei die Verbindung zwischen seiner Vergangenheit seiner Gegenwart, die sie aufrechterhalten hatte, abgerissen. Durch das Altern habe sich die Macht familiärer Verpflichtungen wieder in sein Leben gedrängt, wo er sie zuvor lange und auch mühevoll verdrängt hatte.
Deutlich stärker wird Didier Eribons "Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" im letzten Teil. Darin diskutiert er die Werke "Das Alter" von Simone de Beauvoir und "Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" des deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias.
Er stellt fest, dass das Alter eine seltene Perspektive ist. Alte Menschen sind fast unsichtbar im Fernsehen, in Büchern und Filmen, sie haben keine Lobby – und wenn, dann wird meist für sie gesprochen statt dass sie selbst sprechen. Das Alter werde "gesellschaftlich marginalisiert und konzeptuell unsichtbar" gemacht. Soweit, so offensichtlich.
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Auch die Philosophie blendet Alte aus
Doch viel wichtiger: Auch die Philosophie und Theorie blendet diese Perspektive aus. Ganz konkret diskutiert er Sartres Vokabular ("Sein", "Immanenz", "Transzendenz", "Freiheit" etc.), die allesamt mit der Zeitlichkeit und der Zukunft verbunden sind. "Doch welche Zukunftsmöglichkeiten bleiben einem, wenn man in Altersheim lebt und bettlägerig ist?", fragt Eribon. Eine Ausblendung, wenn auch unbewusst, doch nicht weniger wirkmächtig.
Hier beweist Eribon nicht nur seine fundierte philosophische Kenntnis, sondern auch seine Fähigkeit zur überzeugenden und zugänglichen Analyse, die viele Impulse setzt. Doch was folgt daraus? Es kann fast zwangsläufig nur eine unbefriedigende Antwort auf das Dilemma geben, dass die Betroffenen kaum bis gar nicht für sich selbst sprechen können.
Alter ist nicht beständig
Das gesellschaftliche Interesse fehle, was Eribon unter anderem daran festmacht, dass Simone de Beauvoirs Werk "Das andere Geschlecht" bis heute nachgedruckt wird, "Das Alter" aber kaum rezipiert werde und dessen performative Wirkung fehle. Anders als andere Kategorien – Geschlecht, Sexualität, Herkunft, Klasse – ist das Alter nicht beständig.
Didier Eribon sieht die Aufgabe deshalb bei Kulturschaffenden und Intellektuellen, "über sie und für sie zu sprechen, sie sichtbar zu machen". Nur weil es bei Simone de Beauvoir nicht klappte, heißt es ja nicht, dass es nicht in Zukunft zu stärkeren Wirkungen kommen kann. "Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" ist bereits ein Teil davon.
Didier Eribon: Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben. Aus dem Französischen von Sonja Finck. 272 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-518-43175-7). E-Book: 21,99 €
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