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Neues Fassbinder-Buch

RWF, das Gegenstück zur schwulen Körperkultur

Der Kulturjournalist Ian Penman hat ein ganz besonderes Sachbuch über den queeren Regisseur Rainer Werner Fassbinder geschrieben – zwischen persönlichen Erinnerungen, fundierten Einordnungen und ästhetischer Würdigung.


Rainer Werner Fassbinder im Jahr 1980 (Bild: Gorup de Besanez / wikipedia)

Über wenige deutsche Kulturschaffende wurde so viel geschrieben wie über Rainer Werner Fassbinder. Und vor allem: Kaum eine*r wurde so kontrovers diskutiert. Sowohl seine Filme wie auch seine Persönlichkeit, sein Lebensstil, seine Arbeitsweise und -moral wurden bewundert und abgelehnt zugleich. Er wurde zum internationalen Star, eine Karriere, die seinesgleichen sucht. Der queere Regisseur polarisierte – das ist womöglich der Satz, der am häufigsten über ihn geschrieben wurde.

Auch der englische Kulturjournalist Ian Penman schreibt diesen Satz in seinem Buch über den Filmemacher. "Fassbinder. Tausende von Spiegeln" (Amazon-Affiliate-Link ) heißt es, und es ist aus vielen Grünen ein bemerkenswertes Werk geworden.

In zweieinhalb Monaten geschrieben


"Fassbinder. Tausende von Spiegeln" ist im Februar 2024 in der Edition Suhrkamp erschienen

Ian Penman, 1959 und damit 14 Jahre nach Fassbinder geboren, wollte schon nach Fassbinders Tod im Jahr 1982 über den Filmemacher schreiben. Dazu kommt es damals nicht. Er holt es nach, von Anfang März bis zum 10. Juni 2022 schreibt er, bis zum 40. Todestag also. Jetzt ist "Fassbinder. Tausende von Spiegeln" auf Deutsch erschienen.

Es ist schwer zu beschreiben, was genau der Kulturjournalist geschaffen hat. Es ist keine herkömmliche, schon gar keine chronologische Auseinandersetzung mit dem Regisseur. Penman schreibt in durchnummerierten Absätzen, manche nur ein paar Zeilen lang, selten länger als zwei Seiten: 450 Nummern plus zwei Anhänge.

"Hätte es ewig so weitergehen können?"

Es wirkt wie ein Gedankenstrom: Penman beschreibt persönliche Anekdoten und Erinnerungen, wie er die ersten Fassbinder-Filme gesehen hat, wie begeistert er im Programmkino saß ("gefühlt alle zwei Wochen ein aufregender neuer deutscher Film").

Manchmal kommt er von einem zum nächsten, dann schweift er wieder ab (trotzdem interessant!), um dann an einem ganz anderen Punkt anzukommen. Zwischendurch streut er Zitate ein, von Robert Musil oder Bertolt Brecht. Manche Sätze wirken wie Sentenzen, "Ist das Gesicht der Mutter der Anfang von allem?" ist so ein Satz.

Ian Penman beweist sich als ausgewiesener Kenner von Fassbinders Werk, deutet einzelne Filme, Muster und Kontinuitäten, würdigt Fassbinders Ästhetik, seinen Stil, ordnet ihn ein – teilweise in Mutmaßungen, dann stellt er selbst Fragen, auf die er noch keine Antwort gefunden hat. Oder auf die es nie eine Antwort geben wird. "Hätte es ewig so weitergehen können?" etwa, wäre Fassbinder nicht 37-jährig gestorben. Arbeit für die nächsten fünf Jahre war zumindest geplant.

Fassbinder als "Negation des Dandytums"

Ähnlich verfährt er mit Fassbinders – er nennt ihn meist nur RWF – Charakter und Arbeitsweise. Er setzt sich auseinander mit dessen Dringlichkeit, seiner Getriebenheit, aber auch dem "narzisstischen Missbrauch" seines Teams, den er ihm attestiert. Es ist eine subjektive Charakterstudie, noch dazu aus der zeitlichen und räumlichen Ferne, doch Ian Penman ist das bewusst. Ausführungen sind fundiert, ohne uneingeschränkte Gültigkeit zu beanspruchen.

Der Autor analysiert auch die Queerness in Fassbinders Leben und Werk. Den Regisseur – "ungepflegt, übergewichtig, speckig, verschwitzt, verlottert, rotzig" – interpretiert er als Gegenstück zur schwulen Körperkultur, als "Umkehrung des properen, vitamingestählten Fitnessstudio-Häschens wie aus dem Horrorfilm", als "Negation des Dandytums". Ist das fies? Ist das zutreffend?

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Fassbinder wieder- oder weiterentdecken

Ian Penman, der vor allem als Musikkritiker tätig ist, beweist mit "Fassbinder. Tausende von Spiegeln", dass er ein echter Cineast ist, ein kluger Beobachter, ein überzeugender Kulturanalyst. Er schreibt locker, keine Spur von Feuilleton-Floskeln, und ist gleichzeitig unheimlich gut informiert und belesen. Zurecht fragt er sich, wo Fassbinder bleibt, wenn andere Großmeister wie Bergman, Tarkowski oder Antonioni aufgelistet werden.

Mit seinem Fassbinder-Buch reflektiert Ian Penman seine eigene Faszination für die Persona Fassbinder und dessen Werk. Es ist sicher keine Einstiegslektüre, aber er liefert viele Anknüpfungspunkte für alle, die den Regisseur wieder- oder weiterentdecken wollen. Beides hätte Fassbinder verdient, dieser polarisierende Filmemacher.

Infos zum Buch

Ian Penman: Fassbinder. Tausende von Spiegeln. Aus dem Englischen von Robin Detje. 243 Seiten, Edition Suhrkamp. Berlin 2024. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-518-12802-2). E-Book: 19,99 €

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