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Kollektivroman

Ein dringend benötigtes Spiegelbild von körperlichen Erfahrungen

In dem neuen Roman "Wir kommen" tauschen sich 18 Autor*innen, darunter Olga Grjasnowa und Kim de l'Horizon, über Sexualität und Lust aus und machen oft unterdrückte Aspekte weiblicher und queerer Sexualität sichtbar.


Symbolbild: Wenn es um die eigene Lust geht, verstummen besonders Frauen und nicht-männlich gelesene Personen sehr schnell (Bild: Tomáš Petrů / wikipedia)

Der Kollektivroman "Wir kommen" (Amazon-Affiliate-Link ) ist ein Experiment: 18 Autor*innen, darunter Olga Grjasnowa, Kim de l'Horizon, Ulrike Draesner und zwei Personen, die anonym bleiben wollen, tauschen sich hier wie in einem Briefwechsel über Themen wie Sex, die Periode, Schwangerschaften, Machtstrukturen oder Körper aus und spannen so über Seiten hinweg Geschichten, in denen sich die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen mit ihren Gefühlen mischen. Herausgegeben von dem feministischen Literaturkollektiv Liquid Center, sollen mit dem Roman feministische Fragestellungen und Facetten weiblicher und queerer Sexualität in der zeitgenössischen Literatur sichtbarer gemacht werden. Dabei wird oft an Traumata gerüttelt, Körpererfahrungen werden miteinander verglichen.

Manche Erzählungen wie das Gespräch mit einer Ärztin, die der Patient*in nach einer Gebärmutterentnahme einfach keine Antworten auf die Folgen für Sex und Orgasmen geben möchte, sind in ihrer Tragik ein Spiegel der Gesellschaft. Hier mischt sich der patriarchische Blick auf die weibliche Sexualität, der Sex ohne Fortpflanzungszweck für Frauen tabuisiert, mit einer möglichen Unwissenheit der Ärztin, deren Ausgangspunkt auf der Vernachlässigung von Frauenkörpern in der Forschung basiert.

Die Schreibenden zeigen sich verletzlich


Der Kollektivroman "Wir kommen" ist am 13. März 2024 bei DuMont erschienen

Obwohl man nie genau weiß, wer in welchem Absatz schreibt, erkennt man einige Stimmen nach den ersten Kapiteln wieder, sei es am Stil oder auch nur an bestimmten Schreibweisen und Erinnerungen, die wieder aufgegriffen werden. In wenigen Hinweisen wird außerdem klar, dass sich unter den Schreibenden auch mindestens eine Person of Colour, eine trans Person und viele "normschöne" Autor*­innen "ohne sichtbare körperliche Beeinträchtigung" befinden. Ob der deutschsprachige Literaturbetrieb und die ausgewählte Gruppe vom "pretty privilege" profitieren oder das Aussehen hier gar Zufall ist, wird anschließend in Absätzen über das eigene Körperbewusstsein reflektiert.

Besonders gut funktioniert der Austausch, wenn die Stimmen aufeinander eingehen. Das tun sie auf den ersten fünfzig Seiten weniger, doch dann wird es vertrauter. Die Scham wird offen zugegeben, sogar daraus resultierende Verdrehungen in der erzählten persönlichen Geschichte werden von eine*r Autor*in revidiert. "Vielleicht wollte ich auch deshalb schreiben, um meine eigene Wahrheit zu (er)finden", gibt die besagte Person zu. Und das macht den Roman aus – die Lesenden werden hier auf eine Art therapeutische Reise mitgenommen, in der sich die Schreibenden so verletzlich zeigen, dass es manchmal wehtut – inklusive Erinnerungen an Missbrauch und die herausfordernden ersten sexuellen Erfahrungen oder schlichtweg Ohnmachtsgefühle bei Übergriffen.

Queere Sexualität als gesellschaftliche Lücke

Die Ehrlichkeit der Autor*innen zeigt dabei symptomatisch die Lücken, die queere Menschen im deutschsprachigen Raum darstellen: In einer Erinnerung beschreibt eine Autorin zum Beispiel, dass sie als Teenagerin der permanenten Frage beim Frauenarzt, ob sie schon Sex hatte, stets mit "nein" beantwortete. Sex unter Frauen wäre damals auch von ihr als Beteiligte als "kein richtiger Sex" empfunden worden. Oder eine andere Geschichte, in der sich eine lesbische Stimme an einen Freund erinnert, der tatsächlich fragte, "ob Lesben auch menstruierten".

Dass man sich beim Lesen der rund 200 Seiten garantiert mit einigen der Geschichten und Erinnerungen identifizieren kann, macht dieses Buch zu einem dringend benötigten Spiegelbild von körperlichen Erfahrungen. Ein*e Autor*in beschreibt es ganz passend: "Ich denke manchmal, ich will dieses oder jenes noch in den Text einbringen, aber dann lese ich es bereits an anderer Stelle, viel besser formuliert, als ich es im Kopf hatte. Das gibt mir Geborgenheit."

Infos zum Buch

Liquid Center (Hg.): Wir kommen. Kollektivroman. Autor*­innen: Lene Albrecht, Ulrike Draesner, Sirka Elspaß, Erica Fischer, Olga Grjasnowa, Simoné Goldschmidt-Lechner (sgl), Verena Güntner, Elisabeth R. Hager, Kim de l'Horizon, I.V. Nuss, Maxi Obexer, Yade Yasemin Önder, Caca Savić, Sabine Scholl, Clara Umbach, Julia Wolf und zwei Personen, die anonym bleiben wollen. 208 Seiten. DuMont Buchverlag. Köln 2024. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-8321-6833-9). E-Book: 19,99 €

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