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Kein lesbisches "Call Me by Your Name"

Das Coming-of-Age-Drama "Rückkehr nach Korsika" erzählt vor traumhafter Kulisse von der Liebe zwischen den beiden Teenagerinnen Jessica und Gaia – doch Regisseurin Catherine Corsini überlädt die queere Romanze mit zu vielen Themen und Figuren.


Im Urlaub auf Korsika verliebt sich Jessica (Suzy Bemba, l.) in die gleichaltrige Gaia (Lomane de Dietrich, r.), die aus vermögendem Hause stammt (Bild: Grandfilm)

Eine Mutter reist mit ihren zwei Teenie-Töchtern nach Korsika. Die Reise löst bei allen drei gewaltige Gefühle aus: Farah wehrt sich gegen Rassismus, ihre ältere Schwester Jessica verliebt sich in eine Gleichaltrige, Khédidja muss eine Lüge rechtfertigen.

Manche Geschwister ähneln sich überhaupt nicht. Jessica und Farah zum Beispiel. Die zwei Schwestern sind ziemlich genau das Gegenteil voneinander. Jessica, 18 und die Ältere, wurde an einer Eliteuniversität in Paris angenommen. Sie ist zurückhaltend, schüchtern.

Und: Sie hat einen französischen Namen. Das wirft ihr die drei Jahre jüngere Farah vor. Kein Wunder, dass sie schlechter in der Schule ist. Ihr arabischer Vorname lasse ihre Lehrkräfte Vorurteile haben, sagt sie. Auch sonst ist sie ganz anders als ihre große Schwester. Farah ist draufgängerisch, aufsässig, lässt sich nichts sagen. Sie ist es, die sich am Strand vor Kinder stellt, die rassistisch beleidigt werden.

Mit Gaia ist alles anders


Poster zum Film: "Rückkehr nach Korsika" startet am 14. März 2024 im Kino

Dazwischen: Mutter Khédidja. Zusammen mit ihren Töchtern reist sie nach Korsika. 15 Jahre ist es her, dass die Familie auf der Insel lebte. Dann ist der Vater bei einem Autounfall gestorben, Khédidja verließ Korsika mit den Töchtern. Mit im Gepäck hat sie einige Geheimnisse, die jetzt ans Licht kommen.

Diese titelgebende Rückkehr löst bei allen drei Frauen heftige Gefühle aus. In diesem Sommer werden sich die Beziehungen zueinander verändern – und nichts bleibt, wie es war: Es ist die klassische Dramaturgie eines Coming-of-Age-Dramas, die "Rückkehr nach Korsika" nutzt.

Jessica lernt die etwa gleichaltrige Gaia kennen. Sie ist charakterlich ein Spiegelbild ihrer Schwester, offen, neugierig, experimentierfreudig – aber weiß und stammt aus vermögendem Hause. Gerade das macht sie so interessant für Jessica, die sich in ihrer Familie fremd fühlt und nicht verstanden. Mit Gaia, tippt sie in ihr Tagebuch, ist das alles anders. Es ist eine alte Filmweisheit, dass Tagebücher immer in die falschen Hände geraten, ob auf Papier oder am Laptop.

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Ein lesbisches CMBYN?

"Rückkehr nach Korsika" hätte das Potenzial, eine französische und lesbische Version von "Call Me by Your Name" zu werden – und wurde vereinzelt auch als solches bezeichnet. (Was, nur nebenbei bemerkt, wirklich mal an der Zeit gewesen wäre. Warum ist noch niemand auf diesen Zug aufgesprungen?) Die korsische Landschaft ist (fast) so traumhaft wie die Lombardei, der Sommer ebenso heiß, Jessica und Gaia genauso gegensätzlich wie Elio und Oliver. Die beiden Figuren harmonieren miteinander, bringen genug Tiefe mit.

Doch die französische Regisseurin Catherine Corsini, die das Drehbuch gemeinsam mit Naïla Guiguet schrieb, hat sich dagegen entschieden. Statt eine leichte und gleichzeitig schmerzhafte Romanze zu schaffen, überlädt sie ihr Drama "Rückkehr nach Korsika" mit Themen und Figuren, beginnt Handlungsstränge, die manchmal nur halbherzig enden.

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Homophobie, Rassismus und Klassismus

Farah klaut einem Typen am Strand Gras und vertickt es, was ihre Schwester irgendwann mitbekommt. Die Mutter Khédidja hat ihre Töchter die ganze Zeit über deren Großmutter angelogen. Jessica hat nicht nur ihr erstes Mal Sex mit Gaia, sondern schlägt auch bei einer Party über die Stränge. Zufällig knutscht Farah auf derselben Party mit dem Typen rum, von dem sie das Gras stahl. Jessica streitet sich mit der Mutter ob der enttarnten Lüge, dazu noch offener und weniger offener Rassismus, Klassismus und Homophobie.

Es scheint, als wolle "Rückkehr nach Korsika" alles verhandeln. Doch dabei tippt das französische Drama nicht nur in so manche Klischee-Falle. Es wird vor allem keiner Figur, keiner Geschichte so wirklich gerecht. Das ist schade, weil das Ensemble aus Aïssatou Diallo Sagna (Khédidja), Esther Gohourou (Farah) und Suzy Bemba (Jessica) solide funktioniert und die einzelnen Herausforderungen und Enttäuschungen, die Sehnsüchte und Hoffnungen im Ansatz spürbar sind. Nur lässt sie das Drehbuch sich nicht entfalten. Auf ein lesbisches "Call Me by Your Name" müssen wir also noch weiter warten.

Infos zum Film

Rückkehr nach Korsika. Drama. Frankreich 2023. Regie: Catherine Corsini. Cast: Aïssatou Diallo Sagna, Esther Gohourou, Suzy Bemba, Lomane de Dietrich, Cédric Appietto, Marie-Ange Géronimi, Harold Orsoni, Virginie Ledoyen, Denis Podalydès. Laufzeit: 106 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Grandfilm. Kinostart: 14. März 2024
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