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Schriftsteller

Schwule Geschichtslügen: Wer war Erich Lifka wirklich?

Heute vor 100 Jahren – am 16. März 1924 – wurde Erich Lifka geboren. Ein spannender schwuler Autor vor allem der 1950er Jahre, der seine Widerstandsbiografie jedoch frei erfunden hat.


Erich Lifka als Soldat 1943 und auf dem Cover der Autobiografie "Freundesliebe" (1980) (Bild: Keine Autoreninfo)

Erich Lifka (1924-2007) war ein österreichischer Schriftsteller bzw. Publizist und eine der aktivsten Persönlichkeiten der europäischen homosexuellen Publizistik nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Texte veröffentlichte er in Schwulenzeitschriften wie der Schweizer Zeitschrift "Der Kreis". In den frühen 1960er Jahren schrieb er auch Erzählungen mit pornografischen Schilderungen schwulen Sexes.

Schriftstellerisches Engagement und Verurteilungen

Nach Bernd-Ulrich Hergemöllers Nachschlagewerk "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2010, S. 752-754) begann Lifkas nachweisbares publizistisches Engagement 1949: In der dänischen Homosexuellenzeitschrift "Vennen" (deutsch: "Der Freund") protestierte er gegen die homophobe Atmosphäre in Österreich und gegen die damaligen Prozesse gegen Homosexuelle. 1954 wurde er wegen homosexueller Kontakte zu vier Monaten Haft verurteilt. Es folgten weitere Prozesse und Gefängnisaufenthalte, die ihn insgesamt vier Jahre seines Lebens kosteten. Für seinen im April erschienenen Beitrag "Die Situation der homophilen Minorität in Österreich" ("Der Kreis", Jg. 1955, Nr. 4, S. 2-5) wurde er angeklagt und bis März 1956 seiner Freiheit beraubt. Seine drei Gedichtbände "Rufer in der Nacht" (1956), "Die Flut rückt vor" (1957) und "Ahnung und Zeichen" (1959) "spiegeln die Schwermut seiner damaligen Situation wider" (Hergemöller: "Mann für Mann").


Erich Lifka (r.) in einem Wiener Straßencafé 1961 (aus dem Buch "Freundesliebe", 1980)

Lifkas Beiträge in der Homosexuellenzeitschrift "Der Kreis"

"Der Kreis" war eine Homosexuellenzeitschrift, die von 1943 bis 1967 in der Schweiz erschien. Während des Zweiten Weltkrieges und auch noch einige Jahre danach war der "Kreis" die einzige Homosexuellenzeitschrift weltweit. Von und über Erich Lifka sind im "Kreis" von 1953 bis 1960 viele Beiträge erschienen. Seinen Artikel "Die Situation der homophilen Minorität in Österreich" habe ich schon erwähnt. Weil die Zeitschrift mittlerweile auch online verfügbar ist, ist es leicht, sich ein eigenes Urteil über Lifkas Gedichte und die übrigen Beiträge von ihm und über ihn zu bilden.

In erster Linie sind seine 14 schwermütigen Gedichte zu erwähnen, die im "Kreis" von 1953 bis 1960 erschienen. Die nicht erfüllte Liebe drückt Lifka in ihnen fast ausnahmslos geschlechtsneutral aus, wie in "Michelangelo" (Jg. 1954, Heft 5), "Am Ufer" (Jg. 1957, Heft 6), "Impression" (Jg. 1957, Heft 9), "Liebeslied" (Jg. 1957, Heft 12) und "In modo antico" (Jg. 1960, Heft 4).

Einige dieser Gedichte sind Nachdrucke aus Lifkas Gedichtbänden: So stammen "Nächtlicher Gang" (Jg. 1955, Heft 6) und "Labyrinth" (Jg. 1956, Heft 9) aus "Rufer in der Nacht" und "Huldigung im Regen" (Jg. 1958, Heft 3) aus "Die Flut rückt vor". Das Gedicht "Enigma" (Jg. 1958, Heft 1) stammt aus "Galaxis, einer noch unveröffentlichten, dritten Gedichtsammlung", die auch später nie erschienen ist.

Einige Gedichte lassen durch Kommentare Lifkas persönliche Bezüge erkennen: "Sonette" (Jg. 1953, Heft 8) und "Einem Freunde" (Jg. 1954, Heft 5) hat er "G. L." gewidmet. Sein Gedicht "Ein Licht, das leuchten will" (Jg. 1955, Heft 3) widmete er Walter Amon, der Weihnachten 1954 "den Freitod wählte". Während seiner Strafhaft 1955/1956 schrieb Lifka sein Gedicht "Landesgericht zwei, Wien" (Jg. 1956, Heft 3) und versah es mit der Widmung: "Für Fr. L., den Gefährten meiner Haft." Dieses und das Gedicht "An die 'Ganz Normalen'" (Jg. 1960, Heft 3) sind die beiden einzigen Gedichte Lifkas, die ansatzweise politisch bzw. kämpferisch sind. Gemeinsam mit dem schon erwähnten Gedicht "Einem Freunde" sind es die einzigen, die nicht geschlechtsneutral formuliert sind, sondern die sich ausdrücklich auf andere Männer beziehen. Auch zwei Erzählungen Lifkas aus dem früheren Wien wurden im "Kreis" abgedruckt: "Gestirn der Gosse" (Jg. 1955, Heft 8) und "Licht in der Nacht" (Jg. 1956, Heft 7, S. 17-20).

Zu den weiteren Beiträgen Lifkas für den "Kreis" gehören drei Übersetzungen, nämlich von Texten von Arne Bruun ("Der Jüngling am Meer", Jg. 1954, Heft 9), Tom A. Cullen ("Homosexualität und öffentliche Meinung in Großbritannien", Jg. 1955, Heft 7) und des antiken griechischen Dichters Kallimachos von Kyrene ("Am nächsten Morgen", Jg. 1959, Heft 8). Außerdem rezensierte Lifka Jack Argos Gedichtbändchen "Ich stammele das Lob unserer Liebe" (Jg. 1958, Heft 3). "Jack Argo" war ein Pseudonym von Johannes Werres, der ebenfalls "Kreis"-Mitarbeiter und damit Lifkas Kollege war. Übersetzungen und Rezensionen können somit nicht nur auf eigene Interessen, sondern auch auf persönliche Kontakte verweisen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Redaktion des "Kreis" ihrerseits wohlwollende Rezensionen von Lifkas Gedichtbänden "Rufer in der Nacht" (Jg. 1956, Heft 9), "Die Flut rückt vor" (Jg. 1957, Heft 12) und "Ahnung und Zeichen" (Jg. 1960, Heft 4) publizierte.

Bei seinen Gedichten im "Kreis" möchte ich noch auf einen Umstand ganz besonders hinweisen: Lifkas Gedichte erschienen unter seinem vollen Klarnamen. Das war damals alles andere als selbstverständlich und die meisten Autoren veröffentlichten unter Pseudonym, anonym oder mit Initialen. Es gehörte großer Mut dazu, in einer solchen Zeitschrift Texte unter seinem richtigen Namen zu veröffentlichen. Dass es sich um schwule Gedichte handelte, war – auch bei geschlechtsneutraler Formulierung – für damalige Leser*innen schon durch den Publikationsort klar genug und wurde durch die beigefügten Fotos noch verstärkt.


Lifkas geschlechtsneutral formuliertes Gedicht "Liebeslied" ("Der Kreis", Jg. 1957, Heft 12), das durch die Fotos zu einem Gedicht über schwule Sehnsucht wird

Erich Lifka und Joachim S. Hohmann

Joachim Stephan Hohmann (1953-1999) war u. a. Schriftsteller, Lyriker und habilitierter Hochschullehrer. Von ihm stammen mehrere Veröffentlichungen zur Homosexualität, wie "Männerfreundschaften" (1979), "Im Pfauengarten. Gedichte" (1980), "Homosexualität und Subkultur" (1984) und "Geschichte der Sexualwissenschaft in Deutschland 1886-1933" (1987). Er gab die Bücher "Der unterdrückte Sexus" (1977), "Der heimliche Sexus" (1979), "Lesebuch. Homosexuelle Texte, Photos und Zeichnungen" (1979) und "Keine Zeit für gute Freunde. Homosexuelle in Deutschland 1933-1969" (1982) heraus.


Zwei Veröffentlichungen von Joachim S. Hohmann

Was zu Lifkas Lebzeiten über ihn öffentlich bekannt war, basierte vor allem auf Hohmanns Veröffentlichungen. Er schrieb häufiger über Lifka und nahm Texte von ihm in seine schwulen Anthologien "Der heimliche Sexus" (1979) und "Entstellte Engel" (1983) auf. Bei mindestens drei von Hohmann herausgegebenen Büchern arbeiteten sie auch zusammen: Das Buch "Der Kreis. Erzählungen und Fotos" (1980) entstand unter der Mitarbeit von Erich Lifka und bei den fremdsprachigen homosexuellen Kurzgeschichten in "Die Tigerfalle" (1980, 1982) war Lifka der Übersetzer. Besonderes Interesse verdient das von Hohmann herausgegebene Buch Lifkas "Freundesliebe. Aus dem Leben eines Homophilen" (1980).

"Freundesliebe" (1980) mit dem Aufsatz "Wer ist Erich Lifka?"

Das Buch "Freundesliebe. Aus dem Leben eines Homophilen" (1980) besteht neben Texten von Lifka (S. 5-133) auch aus der biografischen Skizze von Hohmann "Wer ist Erich Lifka? Marginalien zu Leben und Werk des Dichters der Freundesliebe" (S. 135-150). Das Buch ist die ausführlichste Darstellung von Lifkas Leben und Werk und beinhaltet neben dem Nachdruck von Texten Lifkas aus der Zeit von 1955 bis 1972 auch viele vorher ungedruckte Texte und Fotos aus seinem Privatbesitz. Hohmanns biografische Skizze ist flüssig geschrieben, wirkt in weiten Teilen aber heroisierend und wie plumpe Lobhudelei. Offenbar fehlte es Hohmann an kritischer Distanz. Seine besondere Nähe zu Lifka ist nur insofern von Vorteil, als dadurch bisher nur hier veröffentlichte Privatfotos bekannt sind. Über das Verhältnis zwischen Hohmann und Lifka erfährt man in diesem Buch leider nichts, was hilfreich gewesen wäre. Lifka war für Hohmann vielleicht nur eine Art Kollege, mit dem er gerne zusammenarbeitete, vielleicht aber auch ein Freund. Wegen vieler gezielter Falschaussagen, u. a. zu Lifkas angeblicher Tätigkeit im Widerstand gegen das NS-Regime (S. 136-137), steht das Buch seit 2013 in der Kritik. Insofern ist die von Hohmann formulierte Frage "Wer ist Erich Lifka?" noch nicht wahrheitsgemäß beantwortet.

Lifkas Beiträge in zwei Anthologien und seine Phantasie

In den meisten schwulen Anthologien ist Lifka nicht zu finden. Anders in zwei von Hohmann herausgegebenen Anthologien: Das Buch "Der heimliche Sexus. Homosexuelle Belletristik im Deutschland der Jahre 1920-1970" (1979) besteht im ersten Teil aus einer Anthologie (S. 11-240) mit einem Text Lifkas (S. 78-92). Der zweite Teil besteht aus einem Aufsatz von Hohmann zur homosexuellen Literatur (S. 241-330), in dem er auch auf Lifka eingeht (S. 283-286). Er zitiert Lifkas Gedicht "An die 'Ganz Normalen'" (s. a. "Der Kreis", Jg. 1960, Heft 3) und beschreibt es zutreffend als "ein typisches Agitationsgedicht, voller Ironie und Schärfe".

Die Anthologie "Entstellte Engel. Homosexuelle schreiben" (1983) ist Hohmanns legitime Zweitverwertung von "Der heimliche Sexus" (1979) mit einem leicht veränderten Text über Lifka (S. 309-310). In beiden Anthologien bin ich über Hohmanns Formulierung gestolpert, dass Lifkas Erzählungen "durch sein Talent, (…) Sachkenntnis und authentische Informationen phantastisch zu gestalten", gewönnen. Das bringt mich zum nächsten Punkt: Lifkas Lebenslügen.

Lifkas Lebenslügen

Manuela Bauer und Hannes Sulzenbacher haben durch Recherchen auf der Grundlage von Lifkas Teilnachlass im QWien-Archiv nachgewiesen, dass seine Widerstandsbiografie erlogen ist, und dies in ihrem Aufsatz "'Mein Name ist Erich Lifka. In Moskau kennt man mich.' Eine erfundene Biographie zwischen Abenteuer, Widerstand, Spionage und Pornographie" (in: "Invertito", Jg. 2013, S. 169-196) dokumentiert. Lifka befand sich nicht im Widerstand bei der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und eine von ihm behauptete Sabotageaktion in der Wiener Dependance der "Volksdeutschen Mittelstelle", einer NS-Behörde, hat niemals stattgefunden. Es gab auch keine Ehrung für Lifka in Yad Vashem, der staatlichen israelischen Holocaust-Gedenkstätte, als "Gerechter unter den Völkern". Die weiteren von Lifka berichteten Widerstandsaktionen an der Ostfront sind genauso erlogen wie eine angebliche Auszeichnung durch den sowjetischen Botschafter in Wien im Jahre 1946. Für seine in den 1950er Jahren erschienenen und angeblich von der Stadt Wien mit einem Literaturpreis ausgezeichneten Lyrikbände erhielt Lifka lediglich Druckkostenbeiträge, aber eben keinen Preis. Eine Kurzfassung dieses "Invertito"-Aufsatzes kann man in den österreichischen "Lambda-Nachrichten" (Jg. 2014, Heft 3, S. 47) online nachlesen.


Lifka im Jahr 1958 (l.). Welche Angaben aus seiner Biografie stimmen und welche nicht? Lebte Erich Lifka mit dem 20-jährigen Rainer (M.) tatsächlich ein Jahr lang zusammen? War der Wiener Schauspieler Harald Fritzer (r.) tatsächlich Lifkas enger Vertrauter?

Die bisherigen falschen Darstellungen über Erich Lifka

Autoren wie Lutz van Dijk schenkten Lifkas Lebenserinnerungen ohne weitere Recherchen und Überprüfungen uneingeschränkt Vertrauen. Lifkas Lügen wurden deshalb leider auch in Lutz van Dijks Sammlung von Biografien homosexueller Männer "Ein erfülltes Leben – trotzdem …" (1992, S. 114-125) reproduziert, die ab 2003 in mehreren Neuauflagen unter dem Titel "Einsam war ich nie" unter Mitarbeit des renommierten Sexualwissenschaftlers und Historikers Günter Grau erschien. Das Kapitel über Lifka ist leider bis zur letzten Auflage dieses Buches (2017) mit allen Falschinformationen immer wieder abgedruckt worden. Gerade aufgrund der großen Verdienste von Lutz van Dijk und Günter Grau ist das ein ärgerlicher Fehler.

Auch das bereits genannte Lexikon "Mann für Mann" (2010, S. 752-754) enthält viele falsche Informationen über Lifka. Der Artikel über ihn in diesem Lexikon wird mit dem Hinweis eingeleitet, dass er auf Lifkas autobiografischen Angaben beruht, "die nicht mehr überprüft werden können". Das hört sich nach erheblichen Zweifeln an Lifkas Angaben an, die aber trotzdem abgedruckt wurden. Das, was 2010 angeblich nicht überprüft werden konnte, wurde dann 2013 endlich überprüft.

Seit mehr als zehn Jahren sind auch die Angaben in Wikipedia noch nicht korrigiert worden.

Was darf schwule Geschichtsschreibung?

Ich finde es richtig und wichtig, dass in dem "Invertito"-Aufsatz darauf hingewiesen wird, dass der Umgang mit Lifkas Lügen weit über den Fall Lifka hinausreicht: "Die Frage wird aufgeworfen, inwieweit schwule Geschichtsschreibung mit den politischen Zielen der Emanzipationsbewegung verwoben ist, wenn sie subjektive heldische Erinnerungen Einzelner ohne Überprüfung übernimmt und dadurch beispielsweise schwulen Widerstand gegen den Nationalsozialismus kolportiert, wo keiner war" (S. 169). Es ist "nachzufragen, ob schwule Geschichtsschreibung unwissenschaftlichen Heroisierungstendenzen nachgegeben hat und -gibt" (S. 171). Mit "einer Schönfärbung homosexueller Biographik (ist jedoch) niemandem geholfen".

Der Aufsatz lässt aber die gestellte wichtige Frage leider unbeantwortet: Soll die schwule Geschichtsforschung engagiert sein, Position beziehen und auch bei der Bewertung von Quellen emanzipatorische Ziele verfolgen? Oder sollte sie distanziert und möglichst objektiv sein? Bereichert die Geschichtsforschung von Schwulen die schwule Emanzipationsarbeit oder die wissenschaftliche Geschichtsforschung? Schließt sich beides gegenseitig aus? Dass sich dieser Interessenkonflikt meistens nicht stellt, liegt auch daran, dass es sich die meisten Autor*innen aussuchen können, zu welchen Personen oder Themen sie überhaupt forschen.

Wo gibt es weitere schwule Geschichtslügen? Wie geht man mit ihnen um?

Ich finde es schade, dass der "Invertito"-Aufsatz außer Lifka keine weiteren konkreten Beispiele nennt, um zu verdeutlichen, warum Angaben manchmal nicht überprüft werden. Es liegt nicht nur daran, dass eine Überprüfung nicht oder nur mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand möglich ist. Wer kritisiert schon gerne andere Autor*innen, die ja so etwas wie Kolleg*innen sind? Wer ist gerne ein "Nestbeschmutzer"?

Manchmal liegt es auch daran, dass man Angaben gar nicht überprüfen möchte. Gerade mit Bezug auf den Nationalsozialismus möchte man opferorientiert arbeiten. In diesen Zusammenhang gehört der Umstand, dass früher die Anzahl der schwulen NS-Opfer von manchen Autor*innen viel zu hoch eingeschätzt wurde – aus dem Interesse heraus, den Opferstatus hervorzuheben. Lange hat niemand der hohen Zahl widersprochen, weil sich, auch angesichts der schlechten Quellenlage, niemand der Relativierung von NS-Unrecht verdächtig machen wollte. In Wikipedia wird das Problem so benannt: "Die Schätzungen hinsichtlich der Zahl homosexueller Männer, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslagern ihr Leben lassen mussten, variieren erheblich." Obwohl es keinen schwulen Zusammenhang gibt, möchte ich an dieser Stelle auch auf den Musiker Gil Ofarim verweisen, der 2021 einen Fall von Antisemitismus öffentlich machte und erst zwei Jahre später öffentlich zugab, dass die von ihm erhobenen Vorwürfe frei erfunden waren. Er hat damit eine breite Diskussion darüber ausgelöst, ob man Opfern von Gewalt und Diskriminierung grundsätzlich Glauben schenken sollte. In diesem Fall bedeutete das Vertrauen in die Darstellung Ofarims gleichzeitig die (ungerechtfertigte) Beschuldigung eines Hotelmitarbeiters.

Ich bin selbstkritisch genug, um auch meine eigene manchmal mangelnde Recherche kritisch zu hinterfragen – wenn auch in wesentlich weniger dramatischen Fällen. Bei einem Interview mit dem Schauspieler Gunter Ziegler für einen queer.de-Artikel im September 2020 hatte ich gemerkt, dass dieser mit seinen sozialen Kontakten ein wenig angeben wollte. Ich habe ihn trotzdem mit seinen Worten zitiert: "Mit Ulli Lommel (Regisseur des Films "Die Zärtlichkeit der Wölfe", 1973) habe ich immer noch Kontakt." Private Kontakte lassen sich zwar schlecht belegen, aber ich hätte durch einen Blick in Wikipedia wissen können, dass Ulli Lommel bereits seit 2017 tot ist. Mein kritischer Blick hätte hier stärker ausgeprägt sein müssen. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist immer noch besser. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf Lifka, sondern auch auf Hohmann.

Auch Joachim S. Hohmann ist nur eine bedingt zuverlässige Quelle

Auf die Verbindung von Erich Lifka zu Joachim S. Hohmann bin ich oben auch deshalb etwas ausführlicher eingegangen, weil nicht unerwähnt bleiben sollte, dass für mich auch Hohmann nur eine bedingt zuverlässige Quelle ist. In "Freundesliebe. Aus dem Leben eines Homophilen" (1980, S. 5) zitiert er Lifkas Erzählung "Gestirn der Gosse" ("Der Kreis", s. o.). Aus Lifkas Formulierung "Einer wahren Begebenheit nacherzählt" wird bei Hohmann "Eine wahre Begebenheit". Ein kleiner Fehler, der aber schon aufzeigt, dass er es mit Zitaten nicht so genau nimmt. In "Der heimliche Sexus" (1979, S. 282-283) geht er mit Bezug auf Lifka auch auf die angeblich erste homosexuelle pornografische Zeitschrift der Welt, die "Gelbe Rose", ein, die von 1934 bis 1938 erschienen sein soll. Nach eigenen ergebnislosen Recherchen und weil außer Hohmann niemand diese Zeitschrift kennt, zweifele ich daran, dass es sie jemals gab. Hohmanns Buch "Der heimliche Sexus" (1979) war mir schon vor einigen Jahren durch falsches Zitieren von Granands "Das erotische Komödien-Gärtlein" negativ aufgefallen (S. 25-34, s. meinen Artikel auf queer.de).

Welche Kreise es ziehen kann, wenn Forschende einen (falschen) Hinweis zitieren, lässt sich gut am folgenden Beispiel aufzeigen: In meiner queer.de-Serie über das schwule Leben vor 100 Jahren hätte ich gerne etwas über einen UFA-Film von 1924 geschrieben, eine angebliche Verfilmung der Novelle "Der Geiger des Herzogs von Aosta" von Eugen Ludwig Gattermann (1924). Mehrere Forschende berichteten: Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte", 1997, S. 133) zitiert James Steakley ("Capri", Jg. 1996, Heft 21, S. 24), der wiederum Hans-Georg Stümke zitiert ("Homosexuelle in Deutschland", 1989, S. 55-56), der wiederum (offenbar) Joachim S. Hohmann ("Der heimliche Sexus", 1979, S. 260) zitiert. Wolf Borchers ("Männliche Homosexualität in der Dramatik der Weimarer Republik", 2001, S. 117), René Kallinger ("Freundesliebe – Liebesfreuden?!", 2011, S. 50) und das Lexikon "Mann für Mann" (2011, S. 382) zitieren ebenfalls Hohmann, um auf diesen UFA-Film hinzuweisen. In keinem dieser Texte wird der Titel des – angeblich recht erfolgreichen – Films genannt und offenbar hat auch niemand selber recherchiert. Nach eigenen ergebnislosen Recherchen gehe ich davon aus, dass es diesen Film nie gegeben hat und dass mehrere Autoren und eine Autorin Hohmanns Hinweis leider ohne Weiteres vertraut und auf diese Weise falsche Informationen verbreitet haben.

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Die Forschung ist noch nicht am Ende

Was bleibt, ist der irgendwie schillernde homosexuelle Autor Erich Lifka, der sich schon in den 1950er Jahren zu Wort meldete und viele Jahre zu Unrecht im Gefängnis saß. Mit seinen Lebenslügen hat er jedoch nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch anderen geschadet und es bleibt schwierig, einem solchen Autor zu seinem 100. Geburtstag mit einem Artikel gerecht zu werden. In dem "Invertito"-Aufsatz werden gute Erklärungen für sein Verhalten geliefert, die nicht als Rechtfertigungen zu verstehen sind. Lifkas Aktivismus vor allem in den 1950er Jahren und sein persönlicher Leidensweg durch die österreichische Justiz wurden von der jungen Homosexuellenbewegung ab den 1960er Jahren kaum gewürdigt. Aus dem Kriegsheimkehrer wurde ein mittelloser Schriftsteller; aus dem stolzen Homosexuellen ein Dauerhäftling. Der Aufsatz schließt mit den Worten: "Vielleicht ist das der Hintergrund für die Fiktionalisierung und Heroisierung der eigenen Biographie."

Nicht nur die Glaubwürdigkeit Lifkas, sondern auch diejenige Hohmanns sollte kritisch hinterfragt werden, und zwar ausführlicher, als ich es im Rahmen dieses Artikels konnte. Hat Lifka nicht nur Lutz van Dijk, sondern mit Hohmann auch einen Freund angelogen? Sind Lifka und Hohmann vielleicht Freunde gewesen, die es beide mit der Wahrheit nicht so genau nahmen? Ist es unfair, einen solchen Artikel über zwei Männer zu publizieren, die sich posthum nicht mehr wehren können? Letztendlich kann auch mein Artikel, ähnlich wie der "Invertito"-Aufsatz, zwar viele Fragen aufwerfen, aber nur wenige von ihnen beantworten. Erst recht nicht die Frage, wer Erich Lifka wirklich war. Nur eines ist für mich ganz sicher: Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig kritischer Journalismus und queere Archive sind.


Die Forschung über Erich Lifka ist noch nicht am Ende: ein Teil von Lifkas Gefängnistagebuch aus dem Bestand des Archivs QWien

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