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Kunstgeschichte
Diese lesbische Künstlerin schuf das erste abstrakte Gemälde
Wer hat die Abstraktion in der Malerei erfunden? Eine große Ausstellung der Kunstsammlung NRW stellt das Œuvre der immer noch unterschätzten lesbischen Künstlerin Hilma af Klint Werken von Wassily Kandinsky gegenüber.

Porträt von Hilma af Klint, ca. 1895 (Bild: The Hilma af Klint Foundation)
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16. März 2024, 09:19h 9 Min.
Organische und geometrische Formen in leuchtenden Farben, kräuselnde Schleifen und suggestive Spiralen: Auf der Leinwand verdichten sie sich zu einer rauschhaften Komposition. Unweigerlich stellen sich Assoziationen an einen Drogentrip oder eine transzendentale Erfahrung ein.
Eine Frau in ihren Vierzigern bannt Anfang des 20. Jahrhunderts ungewöhnliche Motive auf monumentale Altarbilder – so weit von der gegenständlichen Kunst losgelöst, wie man es bis dahin noch nie zu sehen bekam. Hilma af Klint ist der Name der Künstlerin, die an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm ihr Studium absolvierte und über viele Jahre mit ihren naturalistisch-dekorativen Auftragsbildern kaum auffiel. Nun reagiert ihre unmittelbare Umwelt teils begeistert, fast immer verwundert, häufig auch verstört. Letztlich spürt die 1862 in Solna geborene Hilma, dass die Welt noch nicht bereit ist für ihre Malerei, darum verfügt sie, dass ihre Bilder bis zwanzig Jahre nach ihrem Tod nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Als sie 1944 stirbt, wird noch eine halbe Ewigkeit vergehen, bis ein internationales Fachpublikum von ihrem Werk überhaupt erst Notiz nimmt. In den 1980er Jahren fängt man an, es allmählich ernst zu nehmen.
Mehr als ein Jahrhundert nach Vollendung der ersten Bilder – wir schreiben das Jahr 2011 – bereitet das Stockholmer Moderna Museet die erste größere Retrospektive vor. Da verkündet die Wissenschaftshistorikerin Julia Voss in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Kunstgeschichte müsse umgeschrieben werden. In "spätestens zwei Jahren" werde der Nachlass der schwedischen Künstlerin Hilma af Klimt die Forschung "aus dem Ruder bringen" und Wassiliy Kandinsky, die bisherige Schlüsselfigur der abstrakten Kunst, vom imaginären Thron stoßen – so die Prognose der damaligen stellvertretenden Leiterin des FAZ-Feuilletons.
Der kunsthistorische Irrtum
Einen entsprechenden Widerhall fand die Botschaft allerdings nicht, zumindest nicht nach Ablauf des von Voss gemutmaßten Zeitraums. Und auch heute, immerhin dreizehn Jahre nach Erscheinen des FAZ-Artikels, ist der Name Hilma af Klint noch nicht überall durchgedrungen. Befragt man etwa KI-Chatbots wie ChatGTP nach der Urheberschaft des ersten abstrakten Gemäldes, wird stets auf Kandinsky verwiesen. Manchmal werden auch noch Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian erwähnt: allesamt Männer. Kein Wunder, denn der Algorithmus der künstlichen Intelligenz spiegelt lediglich eine von Männern geprägte Kunstgeschichtsschreibung wider. Und dabei werden Frauen, zumal wenn sie lesbisch sind, nach wie vor ignoriert.

Zwei Werke von Hilma af Klint: Altarbild, 1915, sowie Die Zehn Größten, Nummer vier, Jugend, 1907 (© Stiftung Hilma af Klint / Bilder: Moderna Museet, Stockholm)
Immerhin ist in der Zwischenzeit so einiges passiert – zunächst allerdings ein Backlash: Das New Yorker Museum of Modern Art, Zentrum der kunsthistorischen Deutungshoheit, zeigte im Jahr 2012 eine große Ausstellung zur Geschichte der abstrakten Malerei: "Inventing Abstraction: 1910-1925". Hilma af Klint wurde dabei mit keinem Wort bedacht. Man sei sich nicht sicher, gab die Leitung des Hauses bekannt, ob Hilma af Klints Werke wirklich wie abstrakte Kunst funktionieren. Angeblich störte man sich daran, dass die Künstlerin als Inspirationsquelle für ihre Arbeit spiritistische Erfahrungen in einem Frauenzirkel nannte. In Wirklichkeit ging es dem verunsicherten MoMa wohl auch darum, die eigene Verantwortung des Hauses an dem kunsthistorischen Irrtum abzublocken. Doch die Mühe der Abwehr war umsonst. Sechs Jahre später feierte das konkurrierende Guggenheim Museum die Künstlerin als Pionierin der Abstraktion mit einer großen Schau, die weit über 600.000 Menschen anlockte – und damit einen Rekord in der Geschichte des Ausstellungshauses aufstellte.
Auch ihre Homosexualität wurde lange verschwiegen
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Berliner Filmemacherin Halina Dyrschka für ihre Doku "Jenseits des Sichtbaren" bereits jahrelang zu Hilma af Klint recherchiert, das gesamte Werk der Künstlerin gesichtet, ihre umfangreichen Notizen ausgewertet, mit Verwandten von ihr gesprochen und Kunstexpertinnen aus aller Welt befragt. Ihr Film, der mit etwas Verzögerung 2020 in Deutschland in den Kinos anlief, fand große Beachtung. Ihm gelingt es, die immer wieder vorgebrachte Kritik an der metaphysischen Inspiration von Hilma af Klints Werk zu entkräften. Vor allem der Wissenschaftshistoriker Hans-Peter Fischer wirft sich dafür in die Bresche: "Es war eine Zeit der Entdeckungen und des Staunens angesichts unsichtbarer Kräfte – Gammastrahlen, radioaktive Strahlen, Radiowellen." Die Gesellschaft habe darüber Klarheit gewonnen, so Fischer, wie begrenzt die sinnliche Wahrnehmung des Menschen sei. "Wenn ich jetzt als Künstler die Welt so zeigen will, wie sie ist, darf ich sie nicht mehr so zeigen, wie sie aussieht – denn so ist sie nicht. Also muss ich sie erfinden."
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Die Neigung zur Esoterik war damals in der Kunstszene weit verbreitet, und später waren auch Kandinsky oder Edvard Munch tief darin verstrickt – jedoch ohne, dass ihr späteres Ansehen darunter litt. Hilma war nicht nur in der Illustration des Metaphysischen eine Vorkämpferin. Sie war auch bemerkenswert couragiert, indem sie sich heteronormativen Erwartungshaltungen entzog. Das war ihr wohl durchaus bewusst, und in ihren Notizen bemerkte sie: "Was ich brauchte, war Mut, und ich fand ihn durch den Einfluss der spirituellen Welt, die mir seltene und wunderbare Anweisungen bescherte."
Irritierend an der 2019 abgeschlossenen Dokumentation ist, dass Dyrschka über die gleichgeschlechtliche Orientierung der Protagonistin ungerührt hinweggeht. Stattdessen suggeriert der Film an einer Stelle gar, Hilma sei in einen Arzt von den Malär-Inseln verliebt gewesen. In einer eingeblendeten Interviewszene aus dem Jahr 2001 mit der Witwe ihres Neffen, Ulla af Klint, glaubt sich diese vage an entsprechende Gefühlsregungen von Hilma zu erinnern. Doch bei genauerem Hinhören klingt es eher danach, als wäre es umgekehrt gewesen: Der Arzt schwärmte für Hilma, die ihn wiederum zurückwies. Angeblich nur, um die Kunst über ihr Privatleben zu stellen: "Hilma verzichtete darauf, zu heiraten", so Ulla af Klint. "Sie sagte über sich: In mir strömt so eine Kraft, dass ich vorwärts muss. Ehe und Familienglück sind nicht für mich gemacht."
Die beiden großen Lieben im Leben von Hilma af Klint

Kuratorin Julia Voss (Bild: Axel Krämer)
Die FAZ-Autorin Julia Voss hat maßgeblich dazu beigetragen, dieses Missverständnis zu klären. Auch nach der Veröffentlichung ihres Artikels 2011 setzte sich Voss unermüdlich für das Vermächtnis von Hilma af Klint ein: Im Jahr 2016 wurde sie Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin mit einem Projekt über "Hilma af Klint und die Evolution der Kunst", und 2020 veröffentlichte sie die Biografie "Die Menschheit in Erstaunen versetzen" (Amazon-Affiliate-Link ). Darin schreibt Voss unmissverständlich: "Ohne Liebe, davon war die Künstlerin überzeugt, war Erkenntnis nicht zu haben." Denn um zur Weisheit zu gelangen, müssten zwei Individuen den Weg dorthin zusammen gehen. Und das lebte sie auch aus: "Es gab zwei große Lieben in ihrem Leben, die Künstlerin Anna Cassel und die Krankenschwester Thomasine Andersson." Ohne diese Frauen wäre die Geschichte von Hilma af Klint nicht denkbar.
Schließlich beschreibt der Regisseur Lasse Hallström in seinem 2023 gedrehten Biopic "Hilma – Alle Farben der Seele" nicht nur die Geschichte einer mutigen Künstlerin, sondern erzählt ihre Biografie als lesbisches Beziehungsdrama. Hilmas Studienkollegin Anna Cassel ist ihre erste große Liebe, sie lernen sich an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm kennen. Im Jahr 1896 gründen sie mit drei weiteren Frauen die intuitiv-spirituelle Frauengruppe "De Fem" ("Die Fünf"), wobei Hilma als Medium in spiritistischen Sitzungen fungiert und überzeugt ist, von höheren Mächten Aufträge für Bildmotive zu erhalten. Davon beeinflusst sind auch ihre Erkenntnisse über die Dualität von Mann und Frau: "Das Geschlecht ist nichts", lässt der Regisseur in einer Szene Hilma zu ihrer Geliebten sagen, "Gott schuf nur eine Seele, dann teilte er sie in zwei. Es ist die duale Kraft, eine kreative Kraft. Der Wunsch, sich zu vereinen. Wir können sie in unseren Bildern verwenden. Ich habe die Kraft und Weisheit des Mannes. Und du hast die Kraft und Wärme der Frau. Wir sind wie Haken und Öse."
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"Seelenverwandte" von Rudolf Steiner
Bei allem Einfühlungsvermögen vermittelt der Film kaum eine Ahnung davon, was für ein Tabubruch die lesbische Beziehung zu dieser Zeit gewesen sein muss. Dennoch ist es merkwürdig, dass der mit internationalen Stars hochkarätig besetzte Film von Hallström nie den Weg in die deutschen Kinos fand – immerhin kann er seit dem 23. Februar 2024 bei Prime Video (Amazon-Affiliate-Link ) gestreamt werden. Eine Schlüsselfigur dabei ist die Figur Rudolf Steiners. In dem Begründer der Anthroposophie glaubt Hilma af Klint einen "Seelenverwandten" zu erkennen. Zweimal begegnen sich die beiden: im Jahr 1908 nach einer Lesung in Stockholm, wo er sie nach anfänglichem Interesse abblitzen lässt, und viele Jahre später im schweizerischen Dornach, wo Steiner ein anthroposophisches Zentrum errichten will. Hilma möchte dafür ihre großformatigen Altarbilder zur Verfügung stellen, doch Steiner kann den Wert ihrer Kunst immer noch nicht erkennen. Enttäuscht skizziert sie einen spiralförmigen Tempel, der eines Tages ihre Bilder beherbergen soll – und der dem New Yorker Guggenheimgebäude, das ihr Werk 2018 ausstellen wird, verblüffend ähnlich sieht.
In Halina Dyrschkas Dokumentation wird geraunt, Rudolf Steiner sei im Besitz kolorierter Fotografien von Hilmas abstrakten Werken gewesen und habe diese – wer weiß, wer weiß – womöglich an Wassily Kandinsky oder andere Mitbewerber Hilmas weitergegeben. Es ist Lasse Hallström hoch anzurechnen, dass er in seiner Verfilmung den Verlockungen des Spekulativen widersteht und darauf verzichtet, unbewiesene Gerüchte zu kolportieren. Schließlich hat Hilma af Klint das gar nicht nötig.
Große Ausstellung in Düsseldorf

Blick in die Ausstellung in der Kunstsammlung Nordhrein-Westfalen (Bild: Axel Krämer)
Eine große Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen stellt nun das Œvre Hilma af Klints einer Reihe von hochkarätigen Werken Kandinskys gegenüber. Dabei geht es einerseits darum, die Gemeinsamkeiten von beiden in den Blick zu nehmen – die Neigung, sich dem Unsichtbaren und dem "Geistigen" zu öffnen, im Kollektiv zu arbeiten und dem jeweiligen Kunstwerk einen Raum zu verleihen. Andererseits sollen dabei auch ihre Unterschiede hervorgehoben werden: So hat af Klint ihre Werke niemals signiert, da sie sich als Medium höherer Kräfte begriff.
Julia Voss, neben dem schwedischen Kunsthistoriker Daniel Birnbaum maßgeblich als Kuratorin an der Ausstellung beteiligt, weist bei einem Rundgang vor Eröffnung der Schau wiederum darauf hin, dass af Klints ihre Liebesbeziehung zu Anna Cassel mittels der Wortschöpfung "vestalasket" verewigt hat. Diese findet sich als Motiv in verschiedenen Gemälden wieder, so auch bei den großformatigen Altargemälden.

Bilddetail: Hilmas Wortschöpfung "vestalasket" als Zeichen ihrer Verbundenheit mit Anna Cassel
"Der Asket war das Alter Ego von Hilma af Klint, und das Alter Ego von Anna Cassel war die Vesta", so Voss. "In der Antike ist der Asket derjenige, der seinen Körper zum Gefäß macht, um das Übersinnliche zu empfangen, während die Vestalin die Hüterin des Tempels der Vesta ist. Zusammen sind sie als 'vestalasket' ein duales Geschöpf." Dennoch kam es zwischen Hilma und Anna nicht zu einem ewigen Bund. Nach dem Bruch der Beziehung wurde Thomasine Andersson zur wichtigsten Lebensgefährtin der Künstlerin – Krankenschwester und Pflegerin von Hilma af Klints Mutter.
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Die Direktorin Susanne Gaensheimer spricht hinsichtlich der Bedeutung der Ausstellung zu Recht von einem "kunsthistorischen Ereignis". Die Schau könnte sogar eine Schlüsselrolle in der Revision der Kunstgeschichte einnehmen. Insgesamt rund 120 Ölgemälde, Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen wurden zusammengestellt, in dieser Konstellation einmalig: Kandinsky einerseits, der bislang als Pionier der abstrakten Kunst gilt, und andererseits die mancherorts immer noch unbekannte Hilma af Klint.
Im Rahmen der Pressekonferenz sickert durch, dass ihre Werke mit dieser Ausstellung vermutlich zum letzten Mal außerhalb von Schweden gezeigt werden. Sie läuft noch bis zum 11. August 2024 – genug Zeit, um bis dahin ein Wochenende in Düsseldorf einzuplanen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
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» Biopic "Hilma" bei Prime Video
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